04.03.2002

Ein kleines FlowTex?

Nach der Kündigung des Vertrags mit Comroad gerät die Prüfgesellschaft KPMG unter Druck.
In der Münchner Zentrale von Comroad scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, im Frühjahr 2000. Damals war der Aktienkurs des Telematikherstellers am Neuen Markt auf 60 Euro geklettert, und Comroad-Chef Bodo Schnabel hatte sich das Firmenlogo auf seine Hemden drucken lassen - jede Minute konnte schließlich das Fernsehen kommen.
Schnabel, 51, trägt diese Hemden noch heute, und er wirkt wie jemand, der nicht mitbekommen hat, dass die Party zu Ende ist. Gerade hat die hessische Börsenaufsicht eine Strafanzeige wegen des Verdachts der Kursmanipulation gegen den Comroad-Vorstand auf den Weg gebracht.
Hintergrund dafür war die Kündigung des Prüfungsauftrags durch die Wirtschaftsprüfer der KPMG am 19. Februar - eine in der Branche bisher völlig unübliche Reaktion. Die Prüfer hatten eine chinesische Firma, die für Comroad angeblich Bordcomputer für Autos herstellt, nicht finden können.
Nun wundert sich Schnabel und erklärt gespreizt: "Es gibt einen Vermittler, der zwischengeschaltet ist, und den suchen wir im Zusammenhang mit dem Produzenten." Doch auch die Prüfer von KPMG hätten sich wundern können - diesen "Phantomhersteller" testierten sie noch im Februar 2001, ohne zu murren.
Erinnerungen an Scheingeschäfte werden wach: Im Frühjahr 1999 hatten sich KPMG-Prüfer von der Firma FlowTex hinters Licht führen lassen und Geschäfte mit Erdbohrmaschinen testiert, die es gar nicht gab. Am Ende zahlte KPMG (Branchenspott: "Keiner prüft mehr genau") den Gläubigern 100 Millionen Mark Schadensersatz - eine in Deutschland noch nie erreichte Summe. Man habe "korrekt geprüft", sagte KPMG-Chef Harald Wiedmann damals, zu Comroad wollte er nicht Stellung nehmen.
KPMG hat Comroad offenbar auch beraten. "Die haben die Quartalsabschlüsse geprüft und die Cashflow-Rechnung gemacht", sagt Unternehmenssprecher Stefan Mehler - die Rechnung, die sie anschließend selbst prüften. "Dafür", so Schnabel, "hatte ich keine Zeit."
Bei den Zahlen half Schnabel ein alter Freund, ein Steuerberater, der auch die Jahresabschlüsse überprüfte - und im Aufsichtsrat von Comroad sitzt. Weitere Mitglieder dieses Family-and-Friends-Gremiums: Schnabels Frau und ein Unternehmensberater, der Schnabel schon beim Börsengang beriet. "In so einem Fall müsste ein Unternehmen sofort auf die 'Watchlist'", sagt Claus-Peter Weber, früherer Geschäftsführer von Arthur Andersen Deutschland.
Dass Comroad einer der wenigen Telematikanbieter war, der in dem langsam wachsenden Markt schnell Gewinne machte, irritierte die Prüfer nicht. Die Aktie stieg zwischenzeitlich um fast 800 Prozent, das schien jede Skepsis zu betäuben.
Dabei gab es eine Reihe von Merkwürdigkeiten, die KPMG hätte stutzig machen müssen. 31 Partner hatte Comroad im Jahr 2000 weltweit - die meisten brachten aber keine nennenswerten Umsätze. Eine Redakteurin von "Börse Online" recherchierte mehrmals in Asien und kam zu dem Schluss, dass sechs der acht dortigen Partner keine Geschäfte mit Comroad machten. Die vermeintlichen Partner sollten offenbar den Anschein eines boomenden, weltumspannenden Marktes erzeugen, in dem Comroad ganz vorn mitspielt.
Im Januar 2001 seien erste Gerüchte aufgekommen, sagt der für Comroad zuständige Analyst der Dresdner Bank - also vor dem Abschluss der Prüfung durch KPMG im Februar. "Es gab in Spanien und England erhebliche Abweichungen zwischen den Comroad-Zahlen und den tatsächlich verkauften Geräten."
Beispiel Scoobi: Mit dem spanischen Computerunternehmen besteht seit September 2000 ein Partnerschaftsabkommen, "obwohl die damals noch gar nicht am Markt waren". 2001 sollte Scoobi 27 000 Geräte vertreiben. Bisher wurden höchstens einige hundert Bordcomputer verkauft. Eine aktuelle Büroadresse ist nicht zu ermitteln.
Rund 77 000 Bordcomputer will Comroad im Jahr 2000 verkauft haben, vor allem über die beiden chinesischen Partnerfirmen. Die Prüfer hakten das ab.
"Ich kann nicht beschwören, dass es alle Geräte gibt", sagt Schnabel jetzt, "aber wir haben Anzahlungen geleistet." VTech in Hongkong, einer der drei Hersteller, habe "rund die Hälfte" der Geräte verkauft, also fast 40 000. Kenneth Lam, Marketing-Chef von VTech, kann für 2000 und 2001 nur "einige hundert Geräte" bestätigen.
Außer den etwa 4000 Geräten des einzigen deutschen Produzenten blieben rund 72 000 Computer für den "Phantomhersteller". Lässt sich deren Existenz nicht nachweisen, würde der Comroad-Umsatz von 85,8 Millionen Mark im Jahr 2000 auf einen Bruchteil schmelzen.
Die Prüfer von KPMG jedoch waren noch im Januar 2002 fest von Comroad überzeugt. Einer habe die Manager des Unternehmens sogar zu einem Treffen mit Analysten begleitet, sagt Mehler, und dabei erklärt, Comroad sei "alles andere als eine virtuelle Firma". Kurz darauf pfiff die KPMG-Abteilung "Risk Management" ihre Münchner Kollegen zurück.
Bodo Schnabel zeigt zum Abschied ein satellitengestütztes Programm, mit dem man gestohlene Autos orten kann. Über eine Computerstimme könne er dem Dieb sogar sagen: "Geben Sie auf!" NILS KLAWITTER
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 10/2002
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