18.03.2002

NACHRUFHans-Georg Gadamer

Einfach klangen seine Sätze, so einfach, dass viele denken konnten: Das würde ich auch sagen. "Leben besteht darin, dass Zukunft zunächst ein riesiger offener Horizont ist, der langsam dahinschmilzt", lautete so ein Satz. Oder: "Erziehung ist sich erziehen, Bildung ist sich bilden." Oder: "Wenn ein Mensch glücklich ist, dann ist er für alles da."
Langsam und deutlich erklangen solche Sätze, und Vorträge hielt er am liebsten ganz ohne Manuskript. Das sei gewiss lebendiger, versprach der Philosoph seinen Zuhörern.
Er musste es ja wissen: Ein Leben lang hatte er sich immer wieder mit Platon und seinen Dialogen beschäftigt, in denen auch über die schwierigsten Fragen mit heiterem Scharfsinn nachgedacht wird. Schon als Student in Breslau und Marburg war der Großbürgersohn fasziniert gewesen von der souveränen Menschlichkeit dieses Denkens, das verstehen will und Wahrheit sucht, ohne dabei zu vergessen, dass Begriffe etwas Offenes behalten müssen, wenn sie lebensnah bleiben sollen.
Selbst als er in Marburg 1923 den jungen Martin Heidegger traf, war ihm bei aller Begeisterung schnell klar: Die Gesprächskunst Platons lag diesem philosophischen Feuerkopf ferner, als er wohl selbst wusste.
"Es gab Leute, die mit Heidegger gut reden konnten, ich gehörte nicht zu ihnen, ich konnte nur von ihm lernen", resümierte Gadamer Jahrzehnte später. Viel lernte er von dem Mann, der die - damals noch lebendige - Erkenntniskritik in der Nachfolge Kants zugleich beherrschte und überwand. "Alles andere war langweilig. Punkt." Doch das Buch, mit dem er selbst zur Professur aufrückte, hieß "Platos dialektische Ethik" (1931), und je länger er lebte, desto mehr hat Gadamer aus diesen Stichwörtern sein Programm gemacht.
Während Heidegger "Sein und Zeit", die Bedingungen des Daseins, ganz neu, frei von aller Patina des deutschen Idealismus, ergründen wollte, war seinem Meisterschüler klar, dass auch ein Revolutionär nie der Geschichte entrinnen kann. Warum sollte man dann nicht lieber produktiv in sie eintauchen, wie es die Partner in einem guten Gespräch tun?
"Hermeneutik" (wörtlich: Auslegungskunst) nannte Gadamer im Anschluss an Theologen und Philologen diese Haltung, mit der er nicht nur die Schriften großer Denker, sondern auch Gedichte und Kunstwerke deutete. Sich sorgfältig auf einen Wortlaut einlassen, ohne ihn vorschnell kritisch auseinander zu nehmen, Verständnis über alle Schubladen-Wissenschaft hinaus - darum ging es ihm.
Es machte den unbeirrbar höflichen Gentleman über alle Parteiungen und Zeitbrüche hinweg zur Vertrauensperson: Seit 1939 Professor in Leipzig, setzte er sich für Regimegegner wie den genialen Romanisten Werner Krauss ein; nach Kriegsende wurde er als Nicht-Parteimitglied sogar Universitätsrektor, bevor er nach einer Zwischenstation in Frankfurt am Main 1949 Nachfolger von Karl Jaspers in Heidelberg wurde.
Die erste Nacht dort musste er zwar auf einer Parkbank verbringen - alle Hotels waren ausgebucht. Doch rasch wurde ihm der Ort, dessen akademische Devise "Dem lebendigen Geist" lautet, zur intellektuellen Heimat.
In dem abgeklärten, grundgelehrten Buch "Wahrheit und Methode" fasste er 1960 seine Lehre zusammen: "Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache." Eine allein selig machende Methode, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, könne es gar nicht geben. Hermeneutik, ergänzte er gern, sei stets auch "die Kunst, Unrecht haben zu können", indem man von der Überlieferung oder von seinen Mitmenschen lernt.
Genau das lebte er vor: Im unbefangenen Gespräch mit Kollegen und Studenten, am Katheder - mehr noch im kleinen Kreis, beim Mokka daheim oder beim Weißwein in der Gastwirtschaft.
Selbst in den USA, wohin er als Doyen der europäischen Philosophie gern zu Gastvorträgen eingeladen wurde, wirkten sein pädagogischer Eros, seine nachdenkliche Neugier überwältigend. Richard Rorty, linksliberaler Gadamer-Schüler aus Überzeugung, erlebte den Emeritus in fröhlicher Runde nach einem Vortrag in Princeton:
"Obwohl der Wein, den ich damals kredenzte, nicht sonderlich gut war, leerte er ein Glas nach dem anderen, womit er die Studenten anregte, desgleichen zu tun. Um halb elf musste ich hinauseilen, um noch eine Kiste zu kaufen. Um zwei Uhr redete Gadamer immer noch fröhlich, als sich der letzte Student torkelnd auf den Heimweg machte. Der Vergleich mit Sokrates am Ende des Platonischen ,Symposions' ist zwar abgeschmackt, aber unvermeidlich nahe liegend."
Bis zuletzt hat Gadamer, ein deutscher Philosoph ohne Krise, die sokratische Zuversicht verkörpert, dass einer, der seinem Urvertrauen in die Welt mit Besonnenheit folgt, nicht irregehen kann. Ein Weltbild zu predigen wäre ihm beschränkt erschienen. Als Weiser blickte er eben über sich hinaus. Auch das hat er ganz einfach gesagt: "Denken heißt immer Weiterdenken."

DER SPIEGEL 12/2002
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