25.03.2002

AFGHANISTANDie Friedensware Lehm

Kabuls Chefplaner hat in Karlsruhe studiert und dort den Bürgerkrieg überdauert. Nun will er Exil-Kollegen zur Rückkehr in die Heimat ermutigen - und geht mit gutem Beispiel voran.
Ein alter Mann steht auf einem Ruinenhügel mitten in Kabuls Altstadt. Er trägt nicht den einheimischen Shalwar, sondern ausgesuchtes europäisches Tuch: eine feine olivgrüne Cordhose, darüber ein braunes Jackett und einen eleganten beigefarbenen "Gilberto"-Wildledermantel. Ein Afghane, zweifellos, sagen sich die Leute, die vorübergehen. Aber keiner von hier.
Abdullah Breshna stöbert in seiner Vergangenheit. "Hier irgendwo", sagt er unsicher, "muss der Chahr-Chatta gewesen sein, der berühmte Vier-Dächer-Basar." Den hätten zwar schon die rachsüchtigen Briten 1842 nach ihrer Niederlage im ersten Krieg gegen die Afghanen niedergebrannt, aber Breshna hat immerhin noch die Reste gekannt. Jetzt liegt zu seinen Füßen eine lehmbraune Wüstenei, hundertmal von Granaten und Raketen durchwühlt.
Auch von seinem Geburtshaus unterhalb des Forts Bala Hissar findet sich keine Spur. Nur die große Ruine neben einem Bombentrichter voller Wasser kommt Breshna bekannt vor. Es sind Überbleibsel des Behzad-Kinos, benannt nach jenem Miniaturen-Maler, durch den im 15. Jahrhundert Herat berühmt wurde. Als Kind ist der alte Mann jeden Freitag ins Behzad gegangen.
Das war Anfang der vierziger Jahre, damals versank das ferne Europa im Krieg. Afghanistan aber blühte unter König Zahir Schah gerade erst auf. Die Kinder, die hier im Kriegsmüll spielen, würden sich ausschütten vor Lachen, würde er ihnen vom bunten, brodelnden Kabul der vierziger Jahre vorschwärmen.
Die Reise in die Vergangenheit fällt schwer, kaum eines der alten Bilder lässt sich wiederbeleben. Breshna hat es schon während der Annäherung an Kabul gemerkt: Auf der aus Jalalabad kommenden Straße gibt es kein Fitzelchen Asphalt mehr, auf einem riesigen Blechfriedhof am Stadtrand ruhen die alten Oberleitungsbusse, wilde Notbauten ziehen sich die Hügel hinauf, die Straßen aber sind mit den schmutzstarrenden Wägelchen der Kleinhändler zugestellt.
Breshna hielt sich für vorbereitet, in Europa hat er Bilder aus dem zerbombten Kabul studiert. Aber dass diese einst farbenprächtige asiatische Metropole so barbarisch heimgesucht worden ist - "nein", sagt er, "das habe ich nicht gedacht. Und sie ist so dreckig, dass man Tausende Afghanen monatelang mit dem Aufräumen beschäftigen muss".
Diplomingenieur Abdullah Breshna, 69, ist ein Mann vom Fach. Acht Jahre lang hat er im deutschen Karlsruhe Architektur und Städtebau studiert, unter seinem berühmten Lehrer Egon Eiermann an der Berliner Gedächtniskirche mitgebaut, nach seiner Rückkehr 1961 im Ministerium für öffentliche Arbeiten einen Job als Hochbau-Spezialist bekommen und dann - als Erster überhaupt - Kabuls Zukunft geplant.
Das Villenviertel für die Reichen in Wasir Akbar Khan - in dem Ex-König Zahir Schah nun wieder Einzug hält - ist auf seinen Reißbrettern entstanden. Außerdem das Riesenquartier für 25 000 arme Familien im Norden, die Kabuler Markthallen, öffentliche Bauten in Herat und Jalalabad.
Als die Russen Babrak Karmal als Staatschef installierten, war Breshna der wichtigste Baufachmann in ganz Afghanistan. Damals, als die sowjetische Invasion begann, flüchtete er wie ein Nomade - mit Frau, Kindern und zwei Säcken - nach Deutschland, zurück nach Karlsruhe.
Dort hat ihn im Februar der Hilferuf des neuen Städtebauministers erreicht: Er wisse nicht, wo anfangen beim Wiederaufbau, Breshna möge kommen und helfen. "Noch am Telefon habe ich zugestimmt", sagt der Architekt, der zuletzt Gastprofessor in Stuttgart und Karlsruhe war. Er hat seine Medikamente geschnappt, das Hörgerät, ein paar Lebensmittel und die fürs heutige Kabul viel zu guten Sachen.
Nun stapft er über die Schlachtfelder des 23-jährigen Bürgerkriegs und überlegt, wie die alten Bilder von der heilen Stadt mit den Bedürfnissen der Überlebenden zusammenzubringen sind.
Der Schlüssel liege in Deutschland, glaubt Breshna. Bei den Exil-Afghanen, die wie er die letzten Jahrzehnte im Westen verbracht haben und dort mit privaten Firmen erfolgreich geworden sind. Er will sie nach Hause locken, "zumindest für eine Übergangszeit", sagt er. Aufbauhilfe als Mix aus abendländischem Know-how und genuiner orientalischer Landeskenntnis.
Die Deutschen selbst sind seit Wochen schon in Kabul. Von einem Haus im Viertel Wasir Akbar Khan aus kurbelt die Kreditanstalt für Wiederaufbau Hilfsprojekte an. Gerade erst brachte ein Flieger für 128 000 Euro Medikamente in die Stadt. Die Kinderchirurgen im Indira-Gandhi-Krankenhaus profitieren davon, zwei Tuberkulose-Hospitäler, eine Augenklinik.
Mit deutschem Geld wurden marode Mädchenschulen repariert und Schulmaterialien ins Land verschickt, damit am 23. März das neue Schuljahr beginnen konnte. Aus Pakistan kommen für 90 Kilometer Straßenlampen, um das nachts stockfinstere Kabul auszuleuchten. Und mit sieben Millionen Euro werden Trinkwasserpumpen wieder flottgemacht, die vor 30 Jahren mit deutscher Hilfe gebaut wurden.
Kurzatmige humanitäre Unterstützung, die aus dem Gröbsten heraushilft - mehr ist das nicht. Die Interimsregierung hofft eher auf große Wiederaufbauprojekte, die die Deutschen aus dem Topf der in Tokio versprochenen Hilfsgelder finanzieren.
Immerhin waren Vertreter wichtiger Firmen schon da, um die Wunschlisten der Afghanen zu studieren. Siemens, das in den sechziger Jahren am Hindukusch das Telefonnetz installierte, soll die gekappte Kommunikation zwischen Kabul und den Provinzen wiederherstellen und die einst in eigener Regie gebauten Wasserkraftwerke von Mahipar und Sarobi retten.
Fachleute der Baufirma Hochtief haben den Zustand der Piste zwischen der Hauptstadt und Jalalabad dokumentiert, des völlig zerstörten Highways ins benachbarte Pakistan. Das Projekt zum Neubau liegt bereits vor, das Konsortium aus Hochtief, Züblin und Papenburg wartet nur auf die Entscheidung von Premier Hamid Karzai.
DaimlerChrysler schließlich will eine Mechaniker-Werkstatt nach Kabul bringen, um 50 afghanische Fachleute auszubilden. "Was nutzt es, wenn der Betrieb neuer Anlagen nicht für längere Zeit sichergestellt wird", bemängelt Projektmanager Martin Jenner von der Kreditanstalt für Wiederaufbau ziellose Geberlaunen. Zwar flicke man nun das Wassernetz, doch in Kabul werde Trinkwasser noch immer kostenlos verteilt. "Die Wasserwerke aber können ihren Mitarbeitern nicht mal Gehalt zahlen. Ändert sich das nicht, liegt in fünf Jahren alles wieder am Boden."
Das eben ist die Sorge des heimgekehrten Städtebauers Abdullah Breshna. Ihn schmerzen nicht so sehr die Wunden, die der Krieg seiner Vaterstadt geschlagen hat, ihn schmerzen die seelischen Schäden seiner Landsleute.
Gleich nach der Ankunft ist er in sein früheres Architekturbüro geeilt. Die Freude war groß: Er hat viele seiner ehemaligen Mitarbeiter angetroffen. "Aber die Leute haben kein Geld, kein Ziel. Sie haben nicht mal mehr Lust, den Tisch abzuwischen", sagt Breshna kopfschüttelnd: "Die haben sich völlig aufgegeben."
Trotzdem erzählt ihnen der Bauprofessor, dass es in seinem Büro im Württembergischen längst keine Reißschienen mehr gibt und keine Bleistifte wie in Kabul, dass nur noch am Bildschirm gezeichnet wird. "Afghanistan muss jetzt mitten in die Computerzeit springen, so wie es einst das Zeitalter der Eisenbahn übersprungen hat", sagt Breshna.
Was ist dringend, was ist wünschenswert, was ist machbar? Der alte Herr aus Karlsruhe diskutiert es jeden Abend auf den Pritschen im provisorischen Nachtquartier mit zwei Architektenkollegen, die er aus Bonn und London mitgebracht hat.
Sie sind sich einig, dass zuallererst der Andrang der Menschen auf Kabul abgefangen werden muss. 350 000 Einwohner hatte die Stadt, als Breshna vom Studium in Deutschland kam. Als er flüchtete, war die Zahl auf 900 000 angewachsen. Jetzt sollen zwei Millionen die Metropole bevölkern - hungernde, frierende und verängstigte Menschen, die der Krieg ins vermeintlich sichere Kabul schwemmte.
Breshnas Schlüsselwort heißt Lehm, ordinärer Lehm. Mit ihm will er ganze Häuser-Quartiere bauen und dort die Entwurzelten unterbringen. Lehm sei kein Armeleutewerkstoff, sondern der beste Baustoff überhaupt: "Ökologisch und klimatisch sind die Häuser ideal und billig obendrein. In ganz Europa wird dazu geforscht."
Afghanen bauen schon seit Jahrhunderten kunstvoll mit Lehm. Im trockenen Süden und Westen stehen Häuser mit bis zu vier Meter breiten Kuppeln und Tonnengewölben, ohne jegliche Schalung errichtet. Ihr einziger Nachteil: Lehm ist empfindlich gegen Nässe.
Breshna will noch im Frühjahr eine internationale Lehmbau-Werkstatt in Kabul veranstalten. Afghanische Baumeister sollen mit ausländischen Forschern debattieren, wie sich Dächer und Böden der Häuser verbessern lassen und wie man selbst die Inneneinrichtung aus Lehm formen kann: Regale, Schränke und Sofas. Das ideale, preiswerte Nachkriegs-Wohnungsbauprogramm. Ein afghanisches Ikea.
Der eigentlich längst zum Europäer mutierte Breshna hat aber noch einen anderen großen Traum: Er will die Kabuler Altstadt wiedererrichten, dieses unverwechselbar islamisch geprägte Quartier. Das große Viertel hinter dem Kabulfluß, wo Dichter, Maler, Musiker und Zünfte ihre eigenen Quartiere hatten, die Buchverkäufer und Parfümhersteller, wo es überall kleine Konzerthäuser und überdachte Basare gab und dazwischen blühende Gärten.
Die Altstadt existierte noch, als die Mudschahidin in ihrer politischen Eifersucht 1992 begannen, Teile von Kabul dem Erdboden gleichzumachen. Breshna hat zwei alte Vermesser gefunden. Die sollen noch vorhandene Fundamente aufspüren und die alten Gassen und Wege rekonstruieren. Jedenfalls erst mal auf dem Papier.
Ist dieser Gedanke, nur wenige Atemzüge nach dem Krieg, nicht purer Luxus? "Nein, wieso", erregt sich der sonst ruhige alte Herr, "Kabul wird nur durch diese Altstadt irgendwann wieder zur Touristenattraktion. Schon früher war es so." Aber das würden die Kabuler nicht alleine schaffen. Dazu brauche man den Blick von außen, Leute mit westlicher Erfahrung. Exilanten, die wie er in Deutschland leben. Die dort Geld gemacht haben, das sie in Kabul investieren könnten.
"Bisher warten alle noch ab, sie sind sich unsicher, ob Engagement wirklich schon lohnt", sagt Breshna. Viele Afghanen hätten florierende Firmen in Deutschland und brauchten Garantien: "Könnten die Deutschen nicht an dieser Stelle sinnvoll Geld einsetzen - indem sie afghanischen Unternehmern die Rückkehr erleichtern?"
Er hat Visionen, der fast 70 Jahre alte Mann. Er selbst wird sie kaum noch verwirklichen können. Aber seine vier Kinder könnten es tun. Zahra, 37, die älteste Tochter, betreibt ein Architektenbüro in Berlin - sie will über die Kabuler Altstadt promovieren. Auch Habib, den ältesten der drei Söhne, einen studierten Bauingenieur, zieht es an den Hindukusch - er könnte den Afghanen Lehrgänge über computergestütztes Zeichnen anbieten.
Ein weiterer Sohn ist Betriebswirt, und der vierte studiert gerade in Hamburg Architektur. "Wir allein wären schon fünf", sagt Breshna und schlurft weiter durch die Ruinen der Altstadt. CHRISTIAN NEEF
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 13/2002
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