30.03.2002

„Der Zickenkrieg ist nützlich“

Die viermalige Olympiasiegerin Isabell Werth über das mystische Verhältnis zwischen Reiter und Pferd, ihr Leben nach Gigolo und Defizite in der Präsentation des Dressursports
SPIEGEL: Frau Werth, welche reiterlichen Hilfen sind Ihre Stärke - quälen Sie das Pferd wirkungsvoller mit der Hand, mit dem Schenkel oder mit dem Rücken?
Werth: Ich quäle keine Tiere - und Menschen nur, wenn sie mich quälen. Reitend wirke ich am besten mit dem Kreuz auf das Pferd ein.
SPIEGEL: Sie sind also, was hier eine spezielle Bedeutung bekommt, ein Sitzriese.
Werth: Von eher kleiner Statur. Aber ohne Schenkeldruck und Handeinwirkung geht es auch nicht.
SPIEGEL: Von dem Ausnahmepferd Gigolo haben Sie sich - auf mehreren Turnieren - mit öffentlich vergossenen Tränen eindrucksvoll verabschiedet. Die Trennung vom Trainer und Stallchef Uwe Schulten-Baumer geschah fast lautlos: Sie kommentierten sie mit dem Satz, Sie beide blieben "weiter Freunde" - das sagen auch Eheleute nach kräftigem Scheidungskrach.
Werth: Diesen lächerlichen Wir-bleiben-Freunde-Satz habe ich so nicht formuliert, das tat eine Münchner Boulevardzeitung. Die Trennung wurde nicht durch einen akuten Streit verursacht, sie war das natürliche Ergebnis eines inneren Reifeprozesses. Schulten-Baumer und ich haben 15 Jahre lang fast täglich zusammen gearbeitet, beim Training wie auf Turnieren. Unter seiner Anleitung bin ich Tag für Tag geritten, nicht selten acht bis zehn Pferde.
SPIEGEL: Uff! Oder besser: armer Hintern!
Werth: Ja, ich kann Ihnen alle einschlägigen Wundsalben und Wunderheilmittel besorgen. Also diese Zusammenarbeit hat mich so tief geprägt wie sonst nur mein Elternhaus in Rheinberg, auch emotional. Ich verdanke Schulten-Baumer unendlich viel, eigentlich alles. Trotzdem verbraucht sich so eine intensive Nähe im Lauf der Jahre, das ist doch klar. Ich bin schwieriger, kritischer geworden.
SPIEGEL: Es gab häufiger als früher Auseinandersetzungen - worum ging es dabei?
Werth: Um das alltägliche Leben, weil man ja ständig miteinander zu tun hatte. Irgendwann konnte ich beim Abendessen nicht mehr den Rat hören, was denn nun noch alles verbessert werden müsse. Man zieht sich eben an Lappalien hoch.
SPIEGEL: An Ihrem Reitstil?
Werth: Es wurde ständig am Pferd und an der Lektion gefeilt. Und wenn auf einem Turnier irgendetwas schief geht, ist sowieso der Reiter schuld.
SPIEGEL: Der Sieger ...
Werth: ... ist immer das Pferd, verlieren darf der Reiter.
SPIEGEL: So sehen es die Besitzer, nicht die Richter. Haben Sie sich nicht auch in letzter Zeit mit der Dressurreiterin Ellen Schulten-Baumer, der 22-jährigen Tochter des Gigolo-Besitzers, um Pferde gestritten?
Werth: Welche Pferde ich von Rheinberg nach Mellendorf mitnehmen konnte, wurde zwischen Uwe Schulten-Baumer und meinen heutigen Mäzenen klar ausgehandelt, da gab es keine Probleme. Über menschliche Differenzen möchte ich mich nicht äußern - die kommen überall vor.
SPIEGEL: Ellen Schulten-Baumer ist mittlerweile - sie hat gute Pferde und Ihren langjährigen Trainer - eine ernste Konkurrenz für Sie.
Werth: In gewisser Weise hat sie es schwerer als ich seinerzeit. Ich bin damals als das unbekannte Mädchen vom Lande gestartet und 1991 Europameisterin geworden. An Ellen werden von Anfang an andere Erwartungen herangetragen - jeder weiß, sie kommt aus einem Stall, in dem schon einige Goldmedaillen produziert wurden. Sie kann nicht so unbekümmert auftreten und die Richter überraschen, wie ich es konnte.
SPIEGEL: Aber Sie selbst haben auch die Naivität des Anfangs verloren. Sie werden bei jedem Auftritt an Ihren Goldmedaillen gemessen, außerdem brauchen Sie schon aus beruflichen Gründen Turniersiege - die Firma Karstadt, für deren Textilmarke Yorn Sie Marketing-Aufgaben übernommen haben, will Isabell Werth regelmäßig auf dem TV-Bildschirm sehen.
Werth: Ja, ich bin nicht mehr so unbekümmert wie früher, habe dafür aber Erfahrung gewonnen, das gleicht sich aus. In heiklen Turniersituationen Nervenstärke entwickeln, das Pferd geduldig, einfühlsam, entsprechend seinem Charakter und seiner Reifephase auf jede Pirouette, auch noch auf das fünfte Championat hintereinander vorbereiten - dazu braucht man Erfahrung. "Der Doktor" und ich haben auch nach vielen Jahren heftiger Zusammenarbeit noch wichtige Dinge dazugelernt, das holt ein junger Hüpfer so rasch nicht auf.
SPIEGEL: Ein Jahrzehnt lang waren Sie und Gigolo eine Einheit, das Traum-Team, die Firma, die jeder kannte. Das brachte Ihnen auch bei den Turnierrichtern Vorteile. Jetzt reiten Sie vier Pferde, die unterschiedlich eingeschätzt werden und sich zum Teil noch entwickeln müssen - die Wallache Antony, Apache, Richard Kimble und Satchmo. In der Dressurspitze sind vier Pferde weniger als eines, das richtig passt. Müssen Sie da nicht ganz neu denken, planen, üben?
Werth: Nein, in all den Gigolo-Jahren gab es auch andere Pferde, zum Beispiel Amaretto - er war der Kronprinz und ist leider 1999 gestorben -, aber auch Antony und andere.
SPIEGEL: Wer ist jetzt der Kronprinz?
Werth: Wohl Apache. Aber er ist erst neun Jahre alt - für die großen Dressurprüfungen noch etwas grün. Sobald ich anfange, ein Pferd aus meiner Gruppe zu glorifizieren, schubse ich die anderen automatisch in die Zweitklassigkeit. Und im Ernst denke ich nicht daran, dies zu tun - ich habe noch nie drei Pferde gehabt, die zu solchen Hoffnungen berechtigen.
SPIEGEL: Drei? Wir haben vier gezählt.
Werth: Antony ist schon 16 Jahre alt. Ich rede von der Zukunft. Die gehört den Jüngeren.
SPIEGEL: Berühmte Mitbewerberinnen von Ihnen sind, wie Sie mit Gigolo, mit einem einzigen Ausnahmepferd nach oben geritten - Anky van Grunsven mit Bonfire, Nicole Uphoff mit Rembrandt, Karin Rehbein mit Donnerhall - und dann, als die Pferde zu alt waren, fast aus der Arena verschwunden. Woran liegt das? Und fürchten Sie nicht das gleiche Schicksal?
Werth: Das harmonische Zusammenspiel von Ross und Reiter setzt eine jahrelange intime, fast mystische Vertrautheit zwischen Mensch und Tier voraus, ein inneres Zusammenwachsen - der einzelne Reiter schafft dies in der Regel nur mit jeweils einem Tier. Und der Aufbau einer solchen Beziehung zu einem neuen Pferd dauert wiederum Jahre. Wir hatten eigentlich einen idealen Aufbau. Wäre Amaretto nicht an einer Magen-Darm-Krankheit gestorben, hätte er die Nachfolge Gigolos antreten können. Aber es hat nicht sollen sein.
SPIEGEL: Es könnte theoretisch durchaus passieren, dass Sie nie wieder ein Pferd finden, mit dem Sie so weit vorn reiten können wie mit Gigolo?
Werth: Ja, ja. Deswegen war ich ja auch so glücklich, dass er sogar noch mit 17 Jahren bei Olympia mitgehen konnte. So lange wie Gigolo hat nach 1945 noch kein Pferd im großen Sport durchgehalten. Ich hoffe allerdings, an diese Erfolge wieder anknüpfen zu können.
SPIEGEL: Das Wundertier gehörte Uwe Schulten-Baumer. Ihre verbliebenen Pferde gehören dem Ehepaar Winter-Schulze. Ist diese extreme Abhängigkeit von Sponsoren oder Mäzenen, die sich solche vierbeinigen Millionenwerte und die zugehörigen Ställe leisten können, für Dressurreiter normal?
Werth: Ja.
SPIEGEL: Aber stört diese Abhängigkeit nicht die emotionale Bindung an das Pferd, ohne die ganz große Dressurerfolge kaum möglich sind?
Werth: Nur dann, wenn ein Sponsor sein Pferd bloß als laufende Geldanlage betrachtet und droht, es bei der nächstbesten Gelegenheit gewinnbringend zu verkaufen. Ich hatte bisher nur großzügige Mäzene, keine ungeduldigen Sponsoren, mir wurde die Identifikation mit meinem Pferd relativ leicht gemacht. Bessere Besitzer und Mäzene als sie kann man nicht haben, wenn es sie nicht schon gäbe, müsste man sie erfinden! Gigolo gehörte mir nie, aber er war - und ist immer noch - mein Pferd.
SPIEGEL: Wenn sehr viel Geld auf dem Spiel steht, ist die Versuchung groß, einem womöglich müden Gaul medizinisch Beine zu machen, also ihn zu dopen.
Werth: Doping ist leider auch im Reitsport ein Thema. Wir sind nicht besser als der Rest der Gesellschaft.
SPIEGEL: Auch ein lahmendes Dressurpferd kann mit einem Schmerzmittel kurzfristig fit gemacht werden.
Werth: Ja, aber generell gilt für Sportpferde fast eine Art Null-Lösung - würden wir den Tieren all die Medikamente geben, die den Menschen regelmäßig verabreicht werden, würden wir jahrelang gesperrt. Dabei braucht ein Pferd genauso medizinische Betreuung wie ein Mensch, es kann sich zum Beispiel erkälten, und wenn dann so ein Hustenmittel, das zwei Wochen vorher eingenommen wurde, auf dem Turnier im Körper des Tieres nachgewiesen wird, ist das Spiel gelaufen. Dahinter steht durchaus nicht immer vorsätzliches Dopen.
SPIEGEL: Die Liste der erlaubten Medikamente mag unangemessen kürzer sein als in der Humanmedizin, aber wird das auch ordentlich kontrolliert?
Werth: Wir haben auf jedem Turnier regelmäßig Kontrollen, zumindest genügend Stichproben und Verdachtskontrollen. Diese Kontrollen sind in letzter Zeit schärfer geworden.
SPIEGEL: Die Rivalität zwischen Ihnen und der Niederländerin van Grunsven hat über Jahre die Dressurwettbewerbe besonders spannend gemacht. Diesen reizvollen Zickenkrieg ...
Werth: O je, und wann kommt die Ludernummer?
SPIEGEL: ... vermissen wir zurzeit. Schaukämpfe dieser Art braucht das Dressurreiten, um auch für das Fernsehen attraktiver zu werden.
Werth: Für die Show ist der Zickenkrieg nützlich, aber wir brauchen auch mehr Transparenz in der Notengebung und fernsehgerechtere Aufgaben, dazu Kommentatoren, die dem Publikum die Kriterien etwa für perfekte fliegende Wechsel besser erklären, natürlich auch Stars und Mythen, wie sie schon lange um Wettbewerbe wie die Formel 1 oder die Tour de France herum gepflegt und gesponnen werden - diese Sportarten sind ja keineswegs von Natur aus interessanter als das Reiten.
SPIEGEL: Gewiss nicht. Aber zurück zum Zickenkrieg: Wer ist denn heute Ihre Lieblingsgegnerin?
Werth: Immer der jeweils beste Reiter mit dem besten Pferd. Doch zurzeit bin ich in Deutschland ja nur die Nummer vier. Um Platz eins in Europa kämpfen andere, zumindest bis jetzt!
SPIEGEL: Zum Beispiel Ulla Salzgeber mit Rusty oder Nadine Capellmann mit Farbenfroh.
Werth: Rusty und Farbenfroh sind gegenwärtig die echten Dressur-Genies in Deutschland, aber sie werden gejagt, junge Pferde rücken nach.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt: Meine Pferde sind wie meine Kinder. Sind die Tiere Ihre Ersatzkinder? Und werden sie es bleiben?
Werth: Ich kann durchaus noch zwischen Zwei- und Vierbeinern unterscheiden. Der Kindervergleich meinte die langwierige Erziehung, die ein junges Pferd auf dem Weg zur Turnierreife nötig hat, da gibt es alle Stadien, die auch junge Menschen durchlaufen, vom Kindergarten bis zur Hochschulreife. Was die zweite Frage betrifft: Langfristig denke ich schon daran, von den Ersatzkindern auf echte Kinder umzusteigen.
SPIEGEL: Wie wäre es vorher mit dem ersten wirklich eigenen Pferd? Irgendwann ein eigenes Fohlen großzuziehen und zum Erfolg zu führen, reizt doch jeden Reiter.
Werth: Mit Herrn Schulten-Baumer gab es eine Abmachung, dass ich außer seinen Pferden kein anderes reiten sollte, auch kein eigenes. Ich durfte mich nicht verzetteln. Das ist nun anders. Jetzt lache ich mir bestimmt irgendwann auch mal ein eigenes Pferd an.
SPIEGEL: Da sind wir gespannt, wo die Liebe hinfällt. Bei Ihrer Tätigkeit als Model wie beim Dressurwettbewerb gewinnt immer auch die gute Ausstrahlung, eine schwer fassbare ästhetische Wirkung. Ist das einem Menschen nicht unheimlich, der Jura studiert hat, der sich auf juristische Wortklauberei und Vertragslinguistik versteht?
Werth: Auch im Streit um Recht und Gesetz ist nicht alles entweder schwarz oder weiß, da gibt es viele Unwägbarkeiten und Grauzonen - denken Sie daran, wie wichtig manchmal vor Gericht die persönliche Auftrittsaura eines brillanten Anwalts ist. Da geht es oft kaum weniger künstlerisch zu als im Dressurviereck oder auf dem Modelaufsteg.
SPIEGEL: Frau Werth, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Isabell Werth ist die erfolgreichste deutsche Dressurreiterin aller Zeiten. Sie gewann bei drei Olympischen Spielen - 1992, 1996 und 2000 - vier Gold- und zwei Silbermedaillen, außerdem holte sie sich vier Weltmeistertitel. Zusammen mit ihrem Ausnahmepferd Gigolo und ihrem Trainer Uwe Schulten-Baumer, genannt "der Doktor", bildete sie das pferdesportliche Traumtrio der neunziger Jahre. Inzwischen ist Gigolo Rentner am Niederrhein, Werth, 32, hat sich im vergangenen Herbst nach 15 Jahren von Schulten-Baumer getrennt und reitet jetzt, statt im rheinischen Rheinberg, in Mellendorf bei Hannover auf dem Hof ihrer neuen Mäzene Madeleine Winter-Schulze und Dieter Schulze. Ihnen gehören die vier Pferde, mit denen Isabell Werth auf den Turnieren der kommenden Sommersaison startet.
* Mathias Schreiber und Stefan Aust in Mellendorf.
Von Stefan Aust und Michael Schreiber

DER SPIEGEL 14/2002
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