16.04.1952

DREHBÜCHERLibbe, Erijotik und Zoff

Man sagt mit Recht, daß die neuen deutschen Fabrikanten das Rezept verloren haben, wie man einen erfolgreichen Publikumsfilm macht." Dieser ketzerische Satz erschien in den "Filmblättern", einer Fachzeitschrift, der man im allgemeinen nicht vorwerfen kann, daß sie ihre Anzeigen-Kunden aus der deutschen Film-Industrie mißachte.
Aber der Schreiber dieses Satzes nimmt heute eine Sonderstellung ein. Obwohl er in der wirtschaftlich schwächsten Abteilung der Flimmerfabrik tätig ist, kann der 60jährige Drehbuchautor Robert Erwin Konrad Lüthge, genannt "Bobby", sich derartige Ketzereien erlauben. Denn "Bobby" E. Lüthge, Hauptmann d. R., mit
rund 200 verkauften und verfilmten Drehbüchern der erfolgreichste deutsche Drehbuchfabrikant, liefert genau jenes Rezept des "erfolgreichen" Publikumsfilms, das den anderen Fabrikanten verlorenging.
Dieses Rezept heißt im Fachjargon auf gut englisch: "Remaking" - zu deutsch: "Aus alt mach neu", oder filmphilosophisch ausgedrückt: "Klamotte geht immer." Die Wirksamkeit seines Rezepts hat Lüthge in den mageren Nachkriegsjahren des deutschen Films immer wieder und überzeugend demonstriert.
Von den neuen Filmen aus Bobby Lüthges Drehbuch-Konfektion, die seit 1945 über die Kinoleinwände gingen, sind drei direkte "Remakes", Lüthge-Neufassungen alter Lüthge-Filme. Und von diesen dreien dürften am Ende der diesjährigen Saison zwei zu den Kassenerfolgen des Jahres gehören: "Die Czardasfürstin" und "Grün ist die Heide". Bei der "Czardasfürstin" kassierte B. E. Lüthge das erste Drehbuchhonorar im Jahre 1934, bei "Grün ist die Heide" schon zwei Jahre früher.
Bei der Neufassung der "Czardasfürstin" ging der Autor von folgender Situation aus (original Lüthge-Deutsch): "Da es sich herausgestellt hat, daß Filme, auch wenn sie noch so gut gemacht werden, wenn sie im Kostüm von etwa 1912 spielen, vom Publikum abgelehnt werden, schlug ich vor, die Neufassung ganz modern und als zeitgemäßen Film, im Jahre 1951 spielend, zu machen. Anstatt der gräflichen Nichtstuer und liebenswürdigen Bummler mußten moderne Typen geschaffen werden."
Das klingt für den Kenner der "Czardasfürstin" wie sublime Selbst-Ironie. Es ist jedoch ganz ernsthaft gemeint: Drehbuch-Autor Lüthge hält den Militär-Attaché Johannes Heesters, der in einem Hubschrauber vom Manöver in die Arme seiner Geliebten Marika Rökk fliegt, eben für einen modernen Typ. Und das Publikum gab ihm, wie meistens, recht.
Dem "Diktat des Publikums" hat sich Lüthge von der Minute an unterworfen, in der Asta Nielsens Gatte, Urban Gad, ihn 1921 aus der Redaktion des "Filmkurier"
herausholte. Und als der "Berliner Lokal-Anzeiger" 1928 Lüthge zusammen mit Ralph Benatzky und Franz Molnar und Lehar als die "Viel-Aufgeführten" zu Wort kommen ließ, gestand er: "Wer hat recht? Jeder? Letzten Endes nur das Publikum, das hineingeht oder nicht. Und lacht oder nicht."
In diesem aufschlußreichen Bekenntnis erläuterte Bobby Lüthge sein faustisches Ringen im leicht imitierten expressionistischen Asphalt-Stil: "Immer aufs neue mit der Materie ringen. Fast überwunden werden. Und doch siegen. Sie hinter sich bringen. Leicht sein. Sie vergessen. Aber sofort aufs neue rangehen. Wieder ringen. Wieder siegen. Wieder vergessen. Unverzüglich. Das heißt: Viel aufgeführter Film-Autor sein."
Dann schreibt er über die Premiere: "Jetzt das Publikum belauern, ergründen. Wie reagiert es? Habe ich recht gehabt? Ist es gekommen? Nanu! Warum hat man da nicht gelacht? Das war doch todsicher. Was haben wir da falsch gemacht? Aha, da schneuzt sich eine Frau! Gekommen! Recht gehabt!"
Dieses schöpferische Ringen und Siegen praktizierte Bobby Lüthge an Filmen wie "Das Mädel von der Operette", "Das verpfändete Mädchen", "Die Bräutigamswitwe", "Die Nacht ohne Pause", "Die Frau im Schrank". Heute, 24 Jahre und 100 Filme später, erläutert Lüthge seinen Erfolg nüchterner und überzeugender: "Routine ist mein größtes Aktivum. Ich bin so eine Art Eugéne Sue (fleißigster Romanautor des 19. Jahrhunderts). Und ich vergesse morgen, was ich heute gemacht habe."
Immer noch hält er es für das wichtigste, nicht am Stoff kleben zu bleiben. Das sei der Hauptfehler seiner jungen Konkurrenten. "Sie verspielen einen Stoff, überhochmetzen ihn, und so wird es schließlich Kabarett."
Dieser Gefahr des Sichverlierens in die Geistreichelei ist Bobby E. Lüthge nie ausgesetzt. Wenn er sich dazu aufgelegt fühlt, schreibt er sich "ein hübsches amouröses Feuilleton" vom Herzen - nur für den Hausgebrauch. "Aber ich kann doch nicht mit meinen Spielereien im Film Geld verdienen wollen."
Geld verdient er mit Kalauern. Eine jahrzehntelange Ueberwachung des Massengeschmacks hat ihn zu der festen Ueberzeugung geführt: "Der Witz eines Witzes liegt für das breite Publikum in der Wiederholung."
Neben dieser fundamentalen, desillusionierenden Erkenntnis von dem, was den Massen im Kino frommt, hat Lüthge den jüngeren Drehbuch-Autoren dreierlei voraus:
* eine der umfangreichsten Fachbibliotheken und eins der umfangreichsten Zeitungsarchive in privater Hand,
* die Fähigkeit, auf den Filmmeter und auf das Datum genau Drehbücher zu liefern, und schließlich
* dreißig Jahre Film.
Ein von ihm selbst vor zwei Jahren verfaßter Uebersichtsbericht über sein eigenes Schaffen, in dem er sich als "Autor von zirka 100 Stumm- und zirka 90 Tonfilmen, davon über die Hälfte nach selbstverfaßter Story" einführt, liest sich wie ein Kompendium des Films. Von Siegfried Arno bis Grete Weiser, von "Fridericus Rex" bis zur "Saxophon-Susi" (mit Anny Ondra) fehlt kein Star und keine Gattung. Als Militärklamotten gefragt waren, schrieb Lüthge "Drei Tage Mittelarrest", "Der Schrecken der Garnison", "Reserve hat Ruh", "In der Heimat gibt's ein Wiedersehn", "Dienst ist Dienst" und "Kaczmarek".
Mit Vergnügen notiert er, daß "Reserve hat Ruh" 1951 wieder sechsstellige Summen einspielt. Und mit tiefer Befriedigung erfüllt ihn, daß Peter Lorres "Der Verlorene", den er als "Zumutung ans Publikum" empfindet, sehr viel schlechter dasteht. In der Tat sind die Bilanzen des deutschen Films seit 1945 dazu angetan, Lüthge in seinem Glauben an die Film-Klamotte zu bestärken.
Das einzige Werk, mit dem er Aussicht hätte, im Film-Walhalla zu landen, fiel den Russen zum Opfer. Es waren drei Kisten mit systematisch geordneten Notizen über Aussprüche und Erfahrungsweisheiten von Regisseuren und Produzenten, von Schauspielern und Dramaturgen, aus denen der Systematiker Lüthge in den Fußtapfen Lessings eine "Babelsbergische Dramaturgie" zusammenstellen wollte.
Fachleute sind noch heute überzeugt, daß mit diesen drei Riesen-Zettelkästen, die zusammen mit der kostbaren Madonnen-, Miniaturkanonen-, Handschreine-Sammlung des Kunstkenners Lüthge im Evakuierungsversteck von den Russen geplündert wurden, Wertvolles verlorenging.
Die Zettelkästen enthielten filmklassische Aussprüche von den Altvätern des Zelluloids, von Robert Liebmann bis Willy Haas, dem Basil Zaharoff des deutschsprachigen Films, dem der einmalige Ruf vorausgeht, nie an einem Film Geld verloren zu haben. So etwa von Manfred Noah: "Eine Leiche im ersten Akt stinkt durch den ganzen Film." Oder das Fünf-Punkte-Muß-Programm des Altmeisters Rabinowitsch, der von jedem Manuskript verlangte:
* Libbe,
* Erijotik,
* gute Zorres (Not, Bedrängnis),
* Zoff (gutes Ende),
* Jumor.
An Hand dieses Zettelkasten-Wissens ist Lüthge zu der von ihm in 197 Filmen bestätigten Ueberzeugung gekommen, daß man "ein brauchbares Drehbuch mixen kann wie einen Cocktail". Die Gefahr der ewigen Wiederholung schätzt er dabei gering ein. "Der Mai ist im Grunde in jedem Jahr gleich", ist seine klassische Erklärung, wenn man ihn auf die Monotonie seiner Hasch-mich-Szenen hinweist.
Für das Wiederkäuen alter Filmstoffe ist Bobby Lüthge, der heute als leicht ergrauter Sechziger mit diskret verborgenem Monokel, breitem goldenem Kettenarmband, sorgfältig abgestimmten Anzügen und Krawatten und einem großen amerikanischen Wagen einer anderen Branche anzugehören scheint, bestens prädestiniert. Das, was er "Reiterstückchen" nennt, das Um-, Zusammen- und Auseinanderschreiben von Drehbüchern und sogar halbfertigen Filmen, ist seine Spezialität.
Er erzählt: "Da kam - es war noch Stummfilmzeit - ein Verleiher zu mir, der acht amerikanische Cowboy-Filme gekauft hatte. Er konnte aber damit nichts anfangen, weil diese Filme nur je 1400 Meter lang waren, er aber abendfüllende 2400-Meter-Filme liefern mußte. Ich sah mir die acht Filme an und bemerkte, daß außer demselben Hauptdarsteller in allen Filmen in den Filmen Nr. 3 und Nr. 7 dieselbe Darstellerin zu sehen war. Nun nahm ich mir die beiden Filme vor und schnitt sie, mit zu den Bildern neu erfundener Handlung, listig durcheinander und half mit kräftigen Titeln nach. Niemand hat die genähten Wunden bemerkt."
Ein anderer Fall: "Aehnlich geschah es mit 'Die Stimme aus dem Aether', einem total mißglückten Werk, auf dessen Fertigstellung Goebbels damals persönlich bestand. Wir verfaßten nach den schon gedrehten
Aufnahmen mit den nachzudrehenden Szenen ein neues Manuskript. Alles, was man überhaupt nur mogeln konnte, wurde da gemogelt. Wenn eine Person in der Aufnahme sagte 'Ich hasse dich', bekam sie 'Ich liebe dich' unterlegt. Keiner hat was gemerkt. Der Film lief mit großem Erfolg im Capitol an."
Gegen alle Voraussagen und trotz herber Kritiken gewann er sogar bei dem anspruchsvolleren Berliner Publikum mit seinem "Grün ist die Heide", einem typischen Lüthge-Produkt, mächtig an Boden. Bei diesem "Remake" dichtete er, mit seinen eigenen Worten, "das aktuell - moderne Motiv der Vertriebenen, denen die Lüneburger Heide zur zweiten Heimat geworden ist", zu der alten Story. Dazu kamen ein paar Löns-Lieder.
Sie und der naheliegende, primitive Flüchtlingseinfall brachten einen Kassen-Erfolg. "Unser täglich Kaviar", wie Bobby in leichter Untertreibung, aber mit einem bei ihm seltenen Anflug von Zynismus, seine dicken Honorare zu umschreiben pflegt, war wieder neu gesichert und gerechtfertigt.
Die ersten trüben, filmlosen Nachkriegsjahre verbrachte Lüthge mit der Herausgabe einiger Jahrgänge eines "Boxbreviers", das in Fachkreisen noch heute als zuverlässiges Nachschlagewerk gerühmt wird. Mit seinem Zettelkasten-Wissen spürte er die obskursten Anfänge der Boxerkarrieren auf. Wie aus allem, machte er aus seinem Boxwissen ein Geschäft. Sein Freund Conny Rux inspirierte ihn zu einem Drehbuch und zu einem Roman mit dem Titel "An Conny kommt niemand vorbei".
Lüthges Boxleidenschaft ist heute platonisch, seine amourösen Junggesellen - Leidenschaften spiegeln sich wider in den Titeln und Widmungen seiner Theaterstücke und Romane wie etwa "Chanel Nr. 5", oder "Du schuldest mir eine Nacht", den er "den Frauen, die mir zu diesem Buch Modell gestanden haben oder es noch tun werden" zueignete. Aber seine Arbeitsleidenschaft ist echt.
"Ich bin ein Faulpelz geworden", klagt er, weil in den letzten drei Jahren nur
neun Lüthge-Filme herauskamen. "Das war früher ein Jahrespensum." Fließbandarbeit lag ihm immer schon. Als er frisch nach dem Weltkrieg nach Gleiwitz und von dort nach Berlin in die Redaktion der ersten Filmtageszeitung, des "Film-Kurier" kam, schrieb er die sechs bis acht Seiten der Zeitung unter sechs Pseudonymen zweihundert Nummern lang fast alleine voll.
Heute hat er auch seiner Sammlerleidenschaft entsagt. Die "Babelsbergische Dramaturgie" wird nie erscheinen, ihre besten Pointen und die nicht druckfähigen Herrenwitze verplaudert er auf Gesellschaften, wo er sich gern mit einem Flor junger und hübscher Mädchen umgibt. Aber, unermüdlich wie eine Maschine, produziert er Drehbücher. Vier neue, die alle auf alten Schwänken, Operetten oder Filmen basieren, liegen schon drehbereit. Sie werden auch im kommenden Jahr Bobbys "täglichen Kaviar" sichern. Es sind:
* "Der keusche Lebemann" - frei nach Arnold und Bach;
* "Pension Schöller" - frei nach Laufs und Jacoby;
* "Der Fürst von Pappenheim" - frei nach Hugo Hirsch;
* "Wer wird denn weinen" - das "Remake" eines Curt-Bois-Stummfilms für Viktor de Kowa.
"Es gibt nun einmal vielleicht zwei Dutzend Schwank-Lösungen, und die sind alle schon durchexerziert", meint Lüthge. "Ich rühme mich zwar, eine Story erfinden zu können, aber es gibt kaum mehr etwas zu erfinden. Also baue ich um."
In seinen Romanen läßt er seiner in den Drehbüchern gezügelten erotischen Strumpfband - Phantasie freien Lauf. Mit einer Saloppheit, aus der kleine Leute große Kennerschaft herauslesen, schildert er das monotone Milieu der Hotelbars und der Schlafzimmergeplänkel, in dem kleine Leute die verruchte, große Welt wittern. Charakteristischer Absatz aus einem Roman Bobby E. Lüthges: "So lag er auf der Couch und gab sich seinen Illusionen hin, der Zuflucht derer, die in der Wirklichkeit zu gut Bescheid wissen. Mit langsamen Schlucken trank er den eiskalten Sekt ... Typischer Fall von Lustschmerz, murmelte er, sich selbst ironisierend ..."
Oder: "Jetzt beugte sich die Gestalt über sein Gesicht und küßte ihn, heiß und brennend. Wie betäubt lag er da. Nun öffnete sich auch der Bademantel einen Schlitz. Die Frau hatte nichts weiter an. Er tastete nach ihr ... sie wehrte sich ... immer weniger, immer schwächer ... Er war wie von Sinnen, wie berauscht." (Aus "Chanel Nr. 5.)
Jeden Morgen frißt Lüthge sich durch alle verfügbaren Gazetten und Magazine, vervollständigt sein nach den verschiedensten Gesichtspunkten geordnetes Witz- und Gag-Archiv, schlägt Sprichwörter nach, ordnet, diktiert. Aber poetische Nachtarbeit und aufputschende Drogen sind ihm zuwider. Pünktlich wie ein Gerichtsschreiber schaltet er nachmittags auf Privatleben um.
Auf diese Weise ist ihm bisher geglückt, jenes Debakel zu vermeiden, wovor er sich fürchtet wie ein Muselmann vor einem Kasseler Rippenspeer: einen Film zu schreiben, der sein Geld nicht einspielt, einen Film, der "nur in der Blindenanstalt läuft".
Bei dem augenblicklichen Publikumsgeschmack, der sich kaum grundlegend wandeln dürfte, braucht Bobby Lüthge sich aber keine Sorgen zu machen. Im "Filmrennen", der Erfolgsstatistik der "Filmblätter" vom Februar zum Beispiel, rangieren seine beiden letzten "Remakes" ("Grün ist die Heide" und "Die Czardasfürstin") an erster und an dritter Stelle. Dazwischen hält sich nur noch Curt Götz mit dem "Haus in Montevideo".

DER SPIEGEL 16/1952
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