02.07.1952

AGENTENFalsch wie die Taube

Die schwarze Citroen-Limousine mit dem saarländischen Nummernschild, der in Bonn vor einem Jahr noch ab und zu ein großes, schlaksiges Mädchen mit rotbraunen Locken entstieg, hat nun schon eine geraume Zeit nicht mehr in der Bundeshauptstadt geparkt.
Aber wenn man dem rotbraunen Mädchen glauben darf, wird es nun bald wieder in Bonn zu Besuch kommen. Mit einem neuen Citroen zwar, aber mit dem alten Fahrer: dem einstigen Capitaine und jetzigem Commandant Robert Laurent.
"Keine große Leuchte. Verbrauchte französische Agentin, die sich an ihrem einstigen Mitarbeiter rächen wollte." So pflegen die Beamten in Jakob Kaisers gesamtdeutschem Bundesministerium das lange Ende aus Ludwigshafen-Mundenheim, Stifterstraße 17, heute zu charakterisieren. Dabei deutet vieles darauf hin, daß das Auto-Mädchen Hella Bockstedte, geborene Hubaleck, noch gar nicht so verbraucht ist, wie es manchmal scheinen mag, daß es sie vielmehr nach neuer Nachrichten-Arbeit gelüstet.
Französische Agenten stehen ebenso wie die anderer westlicher Geheimdienste in Westdeutschland unter gesetzlichem Naturschutz. Im Fall Hella Hubaleck gibt es Nuancen. Was Hella in den letzten Jahren aus Westdeutschland anschleppte, geriet zum großen Teil in die Hände der Saar-Regierung Johannes Hoffmanns, deren Innenminister Edgar Hector selbst französischer Nachrichten-Veteran ist.
Und es ist recht fraglich, ob für die deutschen Stellen auch solche Agenten tabu sein können, deren Nachrichtenbeute zu einem guten Teil der Regierung eines Landes zugetragen wird, das, wie das Saarland, rechtens deutsches Gebiet ist. Das zumindest solange deutsches Gebiet ist, bis ein überstaatliches Europa alle nationalen Grenzen niedergerissen hat.
Das alles aber kümmerte Hella Hubaleck nicht.
Spaß an der Nachrichten-Arbeit bekam sie schon, als sie während des Krieges als Blitzmädchen bei einem Nachtjägergeschwader in Eindhoven fungierte. Da konnte sie später nicht nein sagen, als ein französischer Werber sie im Herbst 1949 im Ludwigshafener Nachtkabarett "Libelle" auflas und ihr Beschäftigung als moderne Nachrichtenhelferin beim französischen Geheimdienst anbot. Hella blieb ihrem Nachrichtenfach treu, wenn auch auf andere Art als bei Hermann Görings Nachtjägern.
Die Männer, denen Hella Hubaleck jetzt zu Nachrichten aus Westdeutschland verhalf, saßen bei der Brigade de la Surveillance du Territoire (BST) in Saarbrückens Heinestraße 7, der obersten französischen politischen Abwehrstelle an der Saar. Es waren der Amtschef Commissaire Fontaine, heute Leiter der Deutschland-Abteilung der dem französischen Innenministerium unterstehenden politischen Abwehr-Zentrale (DST) in Paris, und sein Stellvertreter Commissaire Haiblet, derzeit Chef der Amerika-Abteilung in der Pariser DST-Zentrale.
Hier bei Fontaine und Haiblet wurden die meisten Aufträge für Hella Hubaleck ausgebrütet. Als erstes mußte sie gleich im Herbst 1949 Verbindung zur protestantischen Kirchenleitung und zum bischöflichen Stuhl in Speyer aufnehmen, um dort die Ansichten der kirchlichen Würdenträger über Fragen der Saar, der Pfalz und des Südweststaates herauszufinden. Als Korrespondentin der "Saarbrücker Zeitung" getarnt, kam Hella dort schnell zum Zuge.
Dann hatten zahlreiche ahnungslose Funktionäre der großen Parteien im süddeutschen Raum das Vergnügen ihres Besuches. Besonders interessierte sich Hella auch für die politischen Rechts-Gruppen. Mit Feitenhansl (Vaterländische Union) und Waldemar Wadsack (Strasser-Kreis) unterhielt Frankreich-Agentin Hella bald eine blühende Korrespondenz. Nur August Hausleiter von der Deutschen Gemeinschaft traute ihr nicht und erstattete gegen sie Anzeige wegen Akten-Kleptomanie.
Nicht dumm, schrieb Hella damals an Hausleiter zurück, französische Agenten in München hätten ihm den Bären mit dem Aktendiebstahl aufgebunden. Und vaterlandslieb setzte sie noch hinzu: "Offenbar ist Ihnen die Zusammenarbeit mit Agenten fremder Mächte lieber als der Wille zum gemeinsamen Aufbau."
Hella Hubalecks besondere Liebe aber galt der Saar. So wurde auch ihre rentabelste und langlebigste Geschäftsverbindung die zu dem Gesandten Dr. Gustav Strohm, der im vergangenen März seines Postens als Saar-Referent im Bonner Auswärtigen Amt enthoben wurde. Als Hella und Strohm sich kennenlernten, saß dieser allerdings noch als Saar-Sachbearbeiter im Stuttgart-Kornwestheimer Friedensbüro, dem ursprünglich von den süddeutschen Ministerpräsidenten und später von allen Bundesländern getragenen Vorläufer des heutigen Hallstein-Blankenhornschen AA's.
Ende 1949 machte Hella dort ihren Antrittsbesuch. Sie klagte Dr. Strohm ihr Leid, wieviel Kummer sie als deutschgesinnte Journalistin mit ihren Redakteuren auf der "Saarbrücker Zeitung" habe, die ihre Artikel stets im französischen Sinne umschrieben.
Genau das zu erzählen, hatten ihre Chefs ihr aufgetragen. In Wirklichkeit wußte Hella zu dieser Zeit gerade noch, daß die Saar irgendwo hinter der Pfalz lag.
Strohm konnte Hellas wehem Blick nicht widerstehen und versprach ihr Unterstützung. Sie solle ruhig bei der "Saarbrücker Zeitung" bleiben, riet er ihr, vielleicht
könne sie dort auch dies und das für ihn in Erfahrung bringen.
In Saarbrücken waren Fontaine und Haiblet über die neue Freundschaft begeistert. Um sie zu festigen, schickten sie ihrer Hella leichtfrisiertes "Geheim"-Material (terminus technicus: Spielmaterial) nach Ludwigshafen, das Hella wiederum Strohm als Zuckerbrot überreichen sollte. Es waren Arbeitsunterlagen der Saar-Regierung für die Verhandlungen mit Frankreich über die wirtschaftlichen und politischen Saar-Konventionen.
Hella nahm die Papiere, fuhr nach Stuttgart, rief Strohm vom Bahnhof aus an und traf sich dann mit ihm in einer Konditorei am Bahnhof. Sie habe das Material von einem Bekannten bekommen, der bei der Militärregierung in Neustadt arbeite und Geld brauche, erzählte sie. Von nun ab ruhte die Verbindung Hubaleck-Strohm auf einem festen Fundament.
Doch Hella mißbrauchte das Vertrauen bald, das sie nun in Stuttgart genoß. Bei einem ihrer nächsten Besuche im Friedensbüro fand sie des Gesandten Strohm Zimmer leer und unverschlossen. Da konnte sie nicht widerstehen.
Ohne daß es jemand bemerkte, nahm sie ein Dokument von Strohms Schreibtisch. "Mensch, das ham wer wieder hinjekriegt, das kostet die Leute noch was!", rief sie, als sie das Schriftstück abends zu Hause in Ludwigshafen anbrachte und eine dramatische Schilderung ihrer Tat gab. Es war der Teil I eines Geheimmemorandums über die Saar, das das Friedensbüro für die Bundesregierung angefertigt hatte.
Anfang 1950 machte Saar-Fachmann Strohm Stellungswechsel nach Bonn in Adenauers Verbindungsstelle zu den Hohen Kommissaren. Treu folgte ihm Hella nach, um einen neuen Coup zu landen.
Sie ließ ihre Auftraggeber wissen, daß sie von Strohm nur dann weiterhin Neuigkeiten erfahren könne, wenn sie auch ihrerseits in Bonn mit etwas aufwarte. Das
verstanden ihre französischen Chefs und gaben ihr einen Briefumschlag mit dem französischen Text der vor ihrer Unterzeichnung stehenden wirtschaftlichen Saar-Konventionen. Der Text war zwar echt, aber was dem französischen Geheimdienst wichtig erschienen war, hatte er vorher herausgenommen.
Jetzt erzählte Hella in Bonn bei Strohm, sie habe das Material von einem Vertrauensmann in Hectors saarländischem Innenministerium. Dankend kassierte sie 300 DM, während Strohm in sie drang und sie aufforderte, ihm über ihren Hector-Kanal doch auch noch die geheimen saarländisch-französischen Zusatzabkommen zu den Saar-Konventionen zu besorgen, die den französischen Einfluß auf Saar-Polizei und Saar-Parlament so fest unterbauten, daß das Saarland praktisch den Status einer Kolonie erhielt.
Aber da grinsten Fontaine und Haiblet in Saarbrücken nur. Sie rückten nur solche Köder heraus, die ihrer Sache nicht weh tun konnten. Und höchstens noch solche, die in Bonn Verwirrung zu schaffen geeignet waren.
Auch am 26. April 1950 war Hella wieder bei Strohm zu Besuch. Hinterher berichtete sie nach Saarbrücken: "Bei unserem letzten Treffen glaubte ich, daß Strohm mich beim nächstenmal für den Bundesnachrichtendienst anwerben wolle. Man scheint aber damit noch warten zu wollen."
Schriftlich verkehrte Strohm mit Hella indessen über postlagernd Mannheim. Wenn bei Hella in Ludwigshafen eine harmlose Ansichtskarte mit einem neutralen Grußwort eintraf, war dies ein Zeichen, daß in Mannheim etwas bereit lag.
Strohm traute ihr immerhin noch allerhand zu, als er ihr schrieb: "Seien Sie ohne Falsch wie die Taube, aber klug wie die Schlange (Matthäus im zehnten). Und bleiben Sie um Gottes willen drin!"
Mit dem "drin" meinte der Gesandte Strohm damals den in seinen Geburtswehen liegenden "Europäischen Nachrichtendienst" in Ludwigshafen, als dessen Vertreterin Hella Hubaleck sich seinerzeit unter anderem ausgegeben hatte und den derselbe Dr. Strohm als "rein saarländisches Propaganda-Unternehmen" bezeichnete.
Strohm, der so mit Hella ein verlängertes Ohr in diesem von saar-französischen Stellen aufgezogenen Pressedienst haben wollte, ahnte nicht, daß seine falsche Taube just um diese Zeit von der französischen geheimen Abwehr zum aktiven französischen Spionagedienst hinüberwechselte.
Hellas neuer Chef wurde der Capitaine Robert Laurent vom Renseignements Genereaux in der französischen Hohen Kommission in Saarbrücken. Von jetzt ab erhielt Hella feste Bezüge und noch Reisespesen und Besatzungsfahrscheine 2. Klasse dazu. Die konnte sie sich direkt im Gebäude der Hohen Kommission in Saarbrücken abholen, wenn sie dort ihre Neuigkeiten zu Protokoll gab.
Oft brauchte Hella von nun ab aber noch nicht einmal mehr mit dem Zug fahren, um sich ihre deutschen Verbindungen warm zu halten. Von Fall zu Fall setzte sie Capitaine Laurent mit seinem Wagen direkt vor den westdeutschen Haustüren ab.
Mit Strohm'schen Empfehlungen versorgt, wurde Hella unter Laurent in französischem Auftrag schließlich auch auf die oppositionellen deutschen Kreise an der Saar angesetzt. "Am besten, sie wird Kurier zwischen Strohm in Bonn und den Führern der DPS in Saarbrücken", heckte Laurent den Plan aus. So machte sich Hella programmgemäß an den Vorstand der damals
noch nicht verbotenen Demokratischen Partei Saar heran.
Bald darauf berichtete Hella Saarbrücker Bekannten voller Stolz, daß sie in Bonn ein Exemplar der zu jener Zeit noch nicht veröffentlichten Dokumentensammlung des DPS-Vorsitzenden Richard Bekker über die Saar zur Weitergabe an den DPS-Vorstand erhalten, aber an das Hohe Kommissariat weitergegeben habe.
Kurz darauf wurde die DPS - unter dem Vorwand, sie unterhalte Verbindungen zu Remers westdeutscher SRP (SPIEGEL 22/52) - von der Saar-Regierung verboten.
In Bonn wurde Hella Hubaleck indessen von Strohm ans Kaiser-Ministerium, Abteilung West, weitergereicht, wo sich Abteilungschef Dr. Knoop und vor allem dessen Kultur-Referent Bodens, ein Fachmann mit Abwehr-Erfahrung, ihrer liebevoll annahmen. Zu Hellas Aufgaben gehörte nun auch, je nach Belieben falsche oder halbfalsche Nachrichten nach Bonn zu lancieren.
Eine solche Ente war zum Beispiel die Geschichte über DPS-Chef Richard Becker, der auf Umwegen über Bekannte angeblich selbst die Interna über seine Partei an das Hohe Kommissariat weitergebe. Vergeblich hatten sich Hellas französische Auftraggeber davon erhofft, daß dadurch Zwietracht in den Reihen der DPS gesät werde.
Inzwischen hatte man in Bonn nämlich Lunte gerochen. Aber weil Hella sich schön patriotisch gab, und weil sie schließlich, als Laurent sie im vergangenen Januar plötzlich im Stich ließ, sogar des Agenten-Daseins überdrüssig zu sein schien, setzte sie Bodens nicht gleich vor die Tür seines Ministeriums.
"Ich glaube allen Frauen alles", sagt es Saar-Experte Bodens heute in Bonn charmant. "Die Hella Hubaleck ist ein weiches Geschöpf, das von einem Arm in den anderen
fällt. Jetzt will sie zu Hause erst einmal die brave Hausfrau spielen."
Das wäre gewiß das beste für Strohms kluge Schlange, wenn alte Freunde Hellas in Frankfurt nun nur den Mund gehalten hätten. Denen erzählte Hella nämlich Ende Mai: "Laurent war wieder bei mir. Er sagte, er bekomme wieder einen Wagen und neue Geldmittel. In drei Wochen gehe es wieder los wie früher."
Jakob Kaisers skeptisch gewordene Bonner Beamte trauen dieser Neuigkeit nur noch nicht recht. Sie glauben vielmehr an ein neues Manöver, durch das andere französische Agenten in Westdeutschland gedeckt werden sollen, während man die Hella Hubaleck in Wirklichkeit fallen lassen wolle.

DER SPIEGEL 27/1952
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