02.07.1952

BLUFFDie PAG ist eine Macht

Vergeblich fahndete die Fremdenpolizei in Kaire am 7. April nach "Mr. Kurt", den plötzlich in Ungnade gefallenen Hof-Raketen - Konstrukteur König Faruks, nach Kurt Hermann Füllner, Flüchtling und Mechanikermeister aus Danzig.
Jetzt sitzt Füllner, 43, der sich in Ägypten "President of the United Laboratories of Physics" nannte, wie Abu Telfan in Wilhelm Raabes gleichnamigem Roman nach seiner Rückkehr aus dem afrikanischen Wunderland, sonnengebräunt und sehr enttäuscht in einem flachen Zementhäuschen bei Dannenberg an der Elbe.
Er droht mit Regreßklagen und verlangt von der ägyptischen Regierung, die in ihm vor einem Jahr noch eine Leuchte der Wissenschaft sah, "mindestens 150 000 DM Schadenersatz" für den verloren gegangenen Astronauten-Job. Sein Hamburger Rechtsanwalt rief deswegen sogar die UNO - Kommission zur Wahrung der Menschenrechte an.
Außerdem schickte "Präsident" Füllner Warnbriefe an Hochschulen und Institute mit der Aufforderung, alle deutschen Wissenschaftler vor einer Verpflichtung nach Ägypten zu warnen, "damit es ihnen nicht auch so ergeht, wie mir."
Füllners Astronauten-Sage, in die der ehemalige Mechanikermeister aus Danzig die heute über die verschiedensten Länder verstreuten Astronauten der ehemaligen V-Waffen-Versuchsanstalten hineinzog, begann im Sommer 1949. Just um die Zeit, als Madame Nahas, die 38jährige Gattin
des damaligen ägyptischen Ministerpräsidenten Nahas Pascha (76), von heftigen Rheumaschmerzen geschüttelt wurde.
Der Leibarzt der First Lady des Nils, Dr. Anwar el Gindi, hatte schon die verschiedensten Heilmittel verordnet. Sie schlugen bei der molligen Patientin nicht an. Da versuchte Dr. el Gindi es mit einer neuen Therapie. Er ließ sich ein Ultraschallgerät für medizinische Zwecke aus Westdeutschland kommen. Lieferant: Physikalische Arbeitsgemeinschaft (PAG), Dangenstorf über Lüchow.
Dangenstorf ist ein kleines niedersächsisches Dorf an der Zonengrenze, wo die aus Danzig vertriebene Familie Füllner nach 1945 bei Bauer August Schmöker Unterkunft gefunden hatte. Der ehemalige Gefreite des 2. Ln. RV. Vers. Regt. (mot.) Köthen, Kurt Hermann Füllner, der in Danzig ein gutgehendes Schreibmaschinen-Reparaturgeschäft besaß, fühlte sich erst wieder einigermaßen heimisch, als er eines Tages nach Hamburg fuhr, um dort mit einem Danziger Landsmann Fühlung aufzunehmen.
Dieser Danziger Bekannte, ein angesehener Physiker und Hochfrequenz-Ingenieur, hatte ein Ultraschallgerät für medizinische Zwecke entwickelt, das jetzt fabrikmäßig gebaut werden sollte. Füllner wurde Mitgesellschafter der schnell gegründeten "Physikalischen Arbeitsgemeinschaft (PAG), Ultrafon-Ultraschall-Therapie-Geräte".
Das Ultraschallgerät ließ sich gut an. "Füllner ist ein glänzendes Reklamegenie. Er verfügt meines Erachtens über suggestive Kräfte", anerkennt der erfindungsreiche Physiker und ehemalige Kompagnon noch heute.
Aber bald zerkrachte die Firmenehe. Der Physiker zog es nach einigen "unliebsamen Vorfällen" vor, sich von seinem Reklamesozius Füllner zu trennen. Er überließ ihm sogar die im Handelsregister eingetragene Firmenbezeichnung.
Seitdem ging Füllner allein dem Ultraschall nach. Er beauftragte andere Ingenieur-Büros und Baufirmen und brachte mit biedermännischer Beredsamkeit die drei Firmeninitialen PAG besonders im Ausland zu magischem Leuchten. Die PAG war - nach Füllners Reklametrommel - eine Weltmacht: "Überall sitzen PAG-Leute."
PAG-Mann für die Schweiz wird der körperbehinderte technische Kaufmann Karl Ehrensperger. Er opferte dem PAG-Füllner seine finanziellen Reserven, nachdem dieser ihm erzählt hat: die PAG umfasse 134 Mitglieder, darunter die prominentesten Weltraumforscher und Raketenspezialisten wie den Erfinder der Flüssigkeitsrakete, Dr. Wernher v. Braun und Professor Hahn. Es ist für Ehrensperger also eine große Ehre, PAG-Mitglied Nr. 135 zu werden.
Ehrensperger aus der Schweiz: "Die Ultraschallgeräte, die nun zuerst geliefert wurden, waren zwar einigermaßen brauchbar, aber nicht fertig. Sie mußten erst in der Schweiz für eine moderne Arztpraxis um- und ausgebaut werden. Für die Zukunft versprach Füllner, bessere Geräte zu liefern.
"Das wichtigste aber waren die Vorschüsse. Nachdem auf Grund dieser Zusagen den interessierten Kunden entsprechende Geräte versprochen worden waren, lieferte Füllner trotzdem wieder unfertige Fabrikate oder veraltete Geräte als ''Allerneuestes und Modernstes!''"
Immerhin: Für den Leibarzt der Gattin des ägyptischen Ministerpräsidenten Nahas Pascha, Dr. Anwar el Gindi, ist das PAG-Ultrafongerät, das er nach einem Deutschland-Besuch bestellt, "le dernier cri médicinal". Als er jedoch damit die rheumakranken
Knie der ägyptischen Ministerpräsidenten-Gattin beschallen will, kommt er nicht ganz damit zurecht.
Füllner muß selbst nach. Kairo kommen, um das Gerät wirksamer einzusetzen. Er ultrafoniert mit durchgreifendem Erfolg. Daraufhin lassen sich auch andere hohe Patienten gern von ihm beschallen.
Das von der dreischwänzigen Katze Armut, Krankheit und Unwissenheit heimgesuchte Land der Pyramiden befindet sich in gespannten Beziehungen mit Israel. Es liegt also nahe, daß sich Füllner von Leibarzt el Gindi erzählen läßt, weshalb die Lage so ungünstig für Ägypten ist:
Die über Italien importierte ausländische Munition entpuppte sich beim scharfen Einsatz zum großen Teil als Blindgänger oder Manöver-Donner. Die ägyptische Artillerie machte sich lächerlich mit den von dunklen Firmen gelieferten Granaten, die nur mit Sand oder Sägespänen gefüllt waren*).
Leibarzt Dr. el Gindi stellt PAG-Füllner hohen und höchsten Persönlichkeiten Ägyptens vor und nennt ihn achtungsvoll wegen seiner Ultraschall-Künste auch später noch "Dr. Füllner". El Gindi ist Schwiegersohn des höchsten Richters und einflußreichsten Mannes der Wafd-Partei, Mohammed Machmud Pascha. Er vermittelt Unterredungen mit den Spitzen der Wafd-Regierung, die nach den trüben Erfahrungen der letzten Auslandslieferungen Waffen, Munition, vor allem moderne Kampfmittel, im Lande selbst herstellen möchten.
Man spricht von panzerbrechenden Raketenwaffen, Todesstrahlen und den phantastischen Plänen des verflossenen NS-Brain-Trusts, die nicht mehr realisiert wurden. Kurzum: ein Hohelied auf den deutschen Erfindergeist, von dem sich das unentwickelte Ägypten gerne befruchten lassen möchte.
Der ehemalige Danziger Mechanikermeister und Gefreite a. D. Kurt Hermann Füllner läßt sich nicht lange nötigen. Aber erst muß er - wie er später erzählt - noch einige Reisen nach Vorderasien und Süd- und Nordamerika erledigen. In USA studiert er angeblich die Raketenflugplätze.
Im August 1950 plätschert er wieder am Nil. Die Wafd-Regierung hat ihn nach Alexandria zu einer Geheimkonferenz eingeladen. Von ägyptischer Regierungsseite nehmen daran teil: Die Minister des damaligen Wafd-Kabinetts
* Kriegsminister Mustafa Nosrat Pascha,
* Innenminister Mohammed Fuad Sirag el Din Pascha,
* Gesundheitsminister Adbul Latif Mahmud Bey.
Füllners Vortrag über moderne Raketenwaffen glitzert wie Danziger Goldwasser. Über die sich anschließenden Verhandlungen liegt ein authentischer Augenzeugenbericht vor: Die ägyptische Regierung hatte nämlich, außer Füllner, noch einen wirklichen deutschen Raketenexperten, Dipl.-Ing. Herbert Elger, heute Stockholm 6, Surbrunnsgatan 64, zur Geheim-Konferenz eingeladen.
Elger: "Ich bin Fachmann für Funkmeßgeräte (Radar) und gewisse Gebiete der Fernsteuerung von Großraketen. Während des Krieges war ich zeitweise bei den sogenannten Elektromechanischen Werken Karlshagen A.-G., der Raketen-Forschungsanstalt Peenemünde."
Elger war überrascht, als Füllner erklärte, daß er sämtliche Unterlagen für "ein bestimmtes Geschoß" besitze: "Es stellte sich aber heraus, daß dieses Geschoß ein Museumsstück war - deutscher Versuchstyp FX 7 - eine der ältesten deutschen Raketenentwicklungen.
"Die Rakete mußte vom Raketenschützen durch Ziehen einer Schnur während des Fluges gesteuert werden. Füllner besaß von diesem Versuchstyp nicht einmal die Original-Konstruktionszeichnung, sondern nur eine Fotokopie."
Trotzdem: die Aegypter waren beeindruckt und beschlossen:
* Füllner soll mit seiner PAG nach Aegypten kommen.
"Ich selber", so erklärt Elger aus Stockholm, "sollte unter Füllners Regie Chefingenieur werden. Das aber lehnte ich ab."
Inzwischen wartete der mit dem Decknamen "Pageris" ausgestattete Schweizer PAG-Generalvertreter Ehrensperger darauf, daß Füllner Ultrafongeräte heranschaffe. Da erscheint Chef Füllner eines Tages mit einer prallen Aktentasche bei "Pageris"-Ehrensperger in der Züricher Hegibachstraße.
Er tut so geheimnisvoll, als berge diese Tasche die neuesten Forschungsergebnisse aus Oak Ridge. Aber es handelt sich nicht um Atombomben, sondern um Raketen.
Füllner erklärt, daß er die Aufstellungen eines Geheimarchives besitze. Dieses Archiv enthalte die Konstruktionszeichnungen und ballistischen Berechnungen von rund 150 Raketen-Modellen. "Pageris" solle die Schweizer Regierungsstellen dafür interessieren.
Darauf veranlaßt der Schweizer Generalvertreter angesehene Schweizer Anwälte (die heute noch auf ihr Honorar warten), den Füllner samt Aktentasche an Berner Regierungsstellen zu empfehlen. Vielleicht ist dieser Füllner, der sich nun bei den
Unterredungen mit dem Schweizer Oberstleutnant Schaufelberger und Nationalrat Dr. Gadient als "führender Raketeningenieur" vorstellt, eine der wenigen noch freien deutschen Kapazitäten aus der ehemaligen V-Waffen-Versuchsstation Peenemünde. Vielleicht kann Füllner sogar die Pläne des "Rheinboten", des unvollendeten V-Waffentyps Nr. 4, aus dem von ihm erwähnten Geheim-Archiv herbeischaffen.
Schließlich wird Füllner, der Mann mit dem energischen Boxergesicht, dem sicheren Auftreten eines Oberfeldwebels und dem suggestiven Blick, zu dem Schweizer Kanonenkönig Buehrle geschickt. Buehrle läßt Füllner durch seinen technischen Berater prüfen. Das Examen verläuft negativ.
Was Füllner dann bei einem ähnlichen Test dem Leiter eines anderen großen Schweizer Industrieunternehmens (Spezialität Raketen- und Sprengstoff-Forschung) über seine Wunderwaffen-Pläne erzählt, trägt ebenfalls nicht dazu bei, seine Kreditwürdigkeit zu heben. Füllner verlangt nämlich erst einmal:
* 10 000 Schweizer Franken Vorschuß.
Angeblich um "die Kameraden, die das Raketenarchiv gerettet haben, zu belohnen" und ferner zum Kauf einer erstklassigen Kamera, um die Pläne, von denen Füllner nur vage Angaben in der Aktentasche hat, zu photographieren.
Da werden die Schweizer Interessenten stutzig und fragen den Füllner, ob er die Konstruktionsgeheimnisse erst bei Nacht und Nebel stehlen müsse.
Verärgert verläßt Füllner den eidgenössischen Boden.
Er fährt mehrmals nach Paris und von dort aus weiter nach Brunoy, einem kleinen französischen Landstädtchen. Dort lebt, zurückgezogen in einem stillen Landhaus, ein wirklich führender Raketenspezialist: Diplom-Ingenieur Rolf Engel, früher Leiter der östlichsten deutschen Raketen-Versuchsstation bei Zoppot, heute führendes Mitglied der Gesellschaft für Weltraumforschung.
Als das V-Waffen-Zentrum Peenemünde von den Russen besetzt wurde und die schon vorher in Ausweich-Versuchsstationen dezentralisierten V-Waffen-Spezialisten in alle Himmelsrichtungen flüchteten, fiel Raketeningenieur Engel den Amerikanern in die Hände. Sie wollten wissen, wo er die technischen Unterlagen seiner Station gelassen habe.
Engel biß die Zähne zusammen. Er gab das Geheimnis nicht preis, das wohlverwahrt einen Meter unter der steinigen Erdoberfläche, irgendwo im Allgäu, in einer festen Kiste schlummerte.
Diese Kiste kam erst wieder zum Vorschein, als der "Rocket-man" Engel, 1948 aus dem amerikanischen Internierungscamp entlassen, in einer dunklen Nacht auf einem französischen Lastkraftwagen gen Westen rollte. Er sitzt aber auf der Kiste und läßt sich während der ganzen heimlichen Ausreise nach Frankreich nicht von ihr trennen.
Einige Wochen später wunderten sich seine Freunde, daß sie plötzlich Briefe aus Paris - von einem ihnen unbekannten Absender namens Zimmermann - bekamen.
"Die Handschrift kenne ich doch", errät der Physiker Dr. Früngel in Hamburg den wahren Zusammenhang. Während einer Geschäftsreise nach Frankreich besucht er den "Zimmermann" Rolf. Er findet ihn in bester Laune, zusammen mit seiner früheren Sekretärin, einer ehemaligen Hiwi-Russin, in Brunoy.
Dr. Früngel: "Engel sitzt heute noch auf seiner Kiste mit dem Raketenarchiv. Er hat den Franzosen nicht die letzten Geheimnisse enthüllt. Heute arbeitet Engel speziell als Mathematiker."
Wie aber kam ausgerechnet Füllner, der Lotsensohn und Mechanikermeister aus
Danzig, der sich mit Fug und Recht "Ingenieur" nennen darf, denn kein Gesetz schützt diese Berufsbezeichnung*), in Fühlung mit dem prominenten Raketen-Mann Rolf Engel im französischen Brunoy?
Diplom-Ingenieur Engel in Brunoy stellt das so dar: "Der Bruder des Herrn Kurt Füllner war während des Krieges in meinem Betrieb als Leiter der Verwaltungsabteilung tätig. Kurt Füllner selbst war (von der Wehrmacht zeitweise dafür freigestellt) in einer Danziger Firma beschäftigt und hatte dienstlich sehr oft mit mir zu tun.
"In dieser Danziger Firma hat er die Werkstatt geleitet und sich vorwiegend mit dem Bau von elektrischen Meßgeräten beschäftigt. Mit Raketen hatte er ganz und gar nichts zu tun.
"Nach dem Kriege erhielt ich einmal aus Deutschland einen Brief von Füllner, der seinen Besuch hier bei mir in Paris ansagte. Bei seinem Hiersein erzählte er in recht amüsanter Weise von seiner neuen Position in Ägypten und forderte mich auf, doch ebenfalls nach dort zu kommen.
"Ich muß bemerken, daß seine Erzählungen sowohl von meinen Mitarbeitern wie auch von mir von vornherein als stark übertrieben gewertet wurden; weil er aber in so netter und amüsanter Weise übertrieb, hatten wir recht herzlichen Spaß an der ganzen Unterhaltung.
"Lange Zeit hörten wir nichts von ihm, bis er dann bei einem erneuten Besuch ein Angebot mitbrachte, über das wir nochmals unsere reine Freude hatten..."
Füllner macht den verschiedensten Wissenschaftlern, Ingenieuren und Chemikern in der Tat die lockendsten Angebote. Die Männer der ägyptischen Wafd-Regierung, die in ihm den großen Organisator sehen, drängen darauf, möglichst bald den von Füllner offerierten Stab von Experten am Nil zu sehen.
Es lassen sich aber vorerst nur ein Diplom-Chemiker aus dem ehemaligen Nobel-Werk bei Hamburg, der sich nach dem Krieg mit der Herstellung von Insekten - Vertilgungsmitteln notdürftig durchs Leben schlägt, und der stellungslose Ingenieur Alfred Schleu, früherer Fertigungs - Ingenieur aus Albert Speers Rüstungsstab, für diesen PAG - Auftrag anwerben.
Weitere Expertennamen stehen noch auf dem Verhandlungspapier. Aber es scheint fast so, als habe Füllner ganz andere Pläne.
Er hat zwei Kraftwagenunfälle erlitten. Die PAG-Kasse leidet an Ebbe. PAG-Generalvertreter Ehrensperger in Zürich wird wieder eingespannt, um der Schweizer Rüstungsindustrie eine neue sensationelle Offerte zu unterbreiten.
Vier lange Briefe mit ausführlichen Expertisen elektrisieren den biederen Schweizer: vielleicht ist dieser Füllner doch ein verkanntes Genie?
Füllner bietet einen Brisanzstoff an, der sowohl als Treibstoff wie auch als Sprengstoff in Raketen gefüllt werden kann. Dazu der Kommentar: "Bis heute ist es vielen Staaten nicht möglich, einer Flüssigkeits-Rakete das Phlegma zu geben, das die Voraussetzung für den Transport und den Abschuß bildet. Mit unserem Stabilisator ist dieses Problem restlos gelöst. Abgesehen davon hat unser Mittel die drei- bis vierfache Wirkung aller bis heute bekannten Pulverarten."
Eine Schweizer Rüstungsfirma zeigt sich dann auch wirklich für diesen Supersprengstoff interessiert. Füllner bietet Beweisführung in einem Prüflabor an. Aber:
* Erst 6000 Franken Vorkasse.
Füllner: "Ich fahre auch am Heiligen Abend, wenn es sein muß. Iwan wird auch nicht auf irgendwelche Feste Rücksicht nehmen, wenn es einmal so weit sein sollte." Als die Schweizer merken, wie eilig es Füllner hat, zu Geld zu kommen, werden sie vorsichtig.
Sie bieten Füllner 600 Fränkli als dreitägigen Spesenersatz, freie Fahrt, Logis und Verpflegung und einen großzügigen Auswertungsvertrag mit vollem Erfinderschutz bei Beweisführung im Meßlabor.
Darauf läßt Füllner sich aber nicht ein: "Da kann kein Gott mehr helfen." Dann muß er eben nach Kairo, wo Dr. Anwar el Gindi, der Leibarzt des ägyptischen Ministerpräsidenten Nahas Pascha, schon das Bett für das große PAG-Raketen-Geschäft gemacht hat.
Am 27. Dezember fliegt Füllner nach Kairo zur Schlußbesprechung. Er fliegt in charmanter Begleitung.
Eben erst von seinen Autounfällen genesen, braucht er dringend eine Stütze. Die aufgeschlossene, sprachbegabte Sprechstundenhilfe eines Dannenberger Arztes, Renate Wiegels, 32 - früher Angestellte in Ribbentrops Auswärtigem Amt - ist Pflegerin, Sekretärin und Dolmetscherin in einer Person.
Zwischen Weihnachten und Neujahr 1950 wird Fräulein Renate als erste Frau auf dem ägyptischen Kriegsministerium vereidigt, "um den Vertrags-Abschlüssen mit Füllner als Dolmetscherin beizuwohnen."
Danach verpflichtet Füllner sich:
* seine "Raketengruppe", so wie sie ist, sofort nach Kairo zu bringen
* "Feldraketen zu entwickeln und zum Fliegen zu bringen."
Die für die Entwicklung notwendigen Materialien und Instrumente will die ägyptische Regierung kostenlos zur Verfügung stellen. Auch die Gehälter für Füllners Angestellte will sie übernehmen.
Füllner bekommt die "Overheads" (overhead-expenses = Regiekosten) und nach Erledigung
des Auftrags 10 000 ägyptische Pfund (das sind ca. 120 000 DM) als Gewinnprämie.
Nach den Besprechungen dürfen Füllner und Renate Wiegels auf König Faruks eigenem Gut Silvester feiern. Es wird eine rauschende Silvesternacht im Orangenhain, im Kreise hochmögender Minister, freundlicher Paschas und lustig quiekender Damen.
Dann müssen Füllner und Sekretärin schnell noch mal nach Brunoy zu Frankreichs Raketen-Engel, um - nach Füllner - "aus unserem Archiv einige Unterlagen zu holen". (In Wirklichkeit wohl, um den echten Raketenspezialisten mit neuen Angeboten zu ködern. Später versuchte sogar der ägyptische Kriegsminister persönlich, den Engel von Frankreich als Experten für Ägypten zu gewinnen).
Dann weiter nach Westberlin, um dem auf den Kairo-Einsatz wartenden ehemaligen Speer-Ingenieur Alfred Schleu den aus Kairo mitgebrachten ägyptischen Paß und die Flugkarte in die Hand zu drücken. Auch der in Hamburg wartende Sprengstoff-Chemiker Dr. Toepfer bekommt ägyptische Papiere.
Am 14. Januar 1951 trifft das Quartett Füllner, Schleu, Toepfer und Renate Wiegels in Kairo ein.
Der alte Speer-Ingenieur Schleu, den Füllner großzügig zum Chefingenieur ernennt, verzieht sein Gesicht, als er das Werk, in dem er Raketen entwickeln soll, die "Misr Engeneering & Car Company" in Kairo-Choubra, besichtigt. (Schleu: "In Deutschland hatte Füllner so getan, als gehöre ihm dieser Betrieb Jetzt stellte ich fest, daß er dem Ägypter Salem Salem gehört").
Daß er Raketen bauen soll, hat Schleu auch erst während des Ueberfluges erfahren. Er hat in seinem Leben noch nie Raketen gebaut, aber er kniet sich mit Feuereifer in den Auftrag. "Es begann eine längere Zeit planloser Arbeiten, die alle den Zweck hatten, dem Kriegsministerium Arbeit vorzutäuschen."
Da Chefingenieur Schleu trotz Füllners Archivbesuchen in Frankreich keine brauchbaren Konstruktionszeichnungen in den Händen hat, muß er selbständig basteln und nacherfinden. Füllners Angaben lauten: "Flüssigkeitsraketen", wie sie von ihm bereits in der Schweiz gebaut worden seien, wo sie nun von der Firma Oerlikon hergestellt würden. Er renommiert wieder mit dem geheimnisvollen Super-Brisanzstoff, dessen Analysen zwei angeblich noch zu erwartende Chemiker mitbringen würden.
Aber die angekündigten Chemiker treffen nie ein. Chefingenieur Schleu: "Es mußte also wieder umkonstruiert werden." Neues Projekt: Gaskammer-Rakete. Da aber auch für diese Raketenart kein Treibstoff vorhanden war, wurde noch einmal umkonstruiert. Drittes Projekt: Einfache Brennkammer-Rakete.
Am 2. März 1951 will Kriegsminister Nosret Pascha die ersten fertigen Raketen sehen. Er wird mit dei schnell zusammengebauten Attrappe einer 12-cm-Rakete und einigen Zeichnungen vertröstet. Für das inzwischen um einen Zünder - Fachmann erweiterte technische Dreimänner-Kollegium wird die Bastelei langsam unangenehm.
Füllner, der sich jetzt "Präsident" nennt und anspruchsvolle Visitenkarten abgibt mit dem Aufdruck:
Dir. Eng. K. H. Fuellner
President
P. A. G. - Near East
United Laboratories of Physics
bemüht sich vergeblich, die notwendigen Rohstoffe und Instrumente heranzuschaffen. Die Weltmacht PAG soll helfen. In
Stockholm wundert sich der echte Raketen-Ingenieur Elger (der im Sommer 1949 an der Ministerratssitzung, zusammen mit Füllner, in Kairo teilnahm, aber keineswegs PAG-Vertreter ist) über die vielen Anrufe aus Kairo.
Elger aus Stockholm: "Füllner beauftragte mich (wie auch andere Kollegen), Meßausrüstungen und Material zu bestellen, was ich zunächst ernst nahm und daher umfangreiche Verhandlungen mit verschiedenen Firmen (Siemens, Philips, Schwedische Aluminium-Kompagnie, Rohde u. Schwarz, München, und mehreren finnischen Firmen) führte.
"Füllner erklärte, daß hierfür in meinem Bereich 125 000 DM in Dollar zur sofortigen Auszahlung bereitständen, außerdem Reisegeld und Visum bei der ägyptischen Gesandtschaft, die bis heute noch nie davon gehört hat und bis heute weder Füllner noch die PAG kennt."
Langsam wundert sich auch das Kriegsministerium in Kairo darüber, daß keine weiteren PAG-Raketen-Spezialisten aus Deutschland nachkommen (Man hatte - nach den Vorverhandlungen in Alexandrien - mit mindestens sieben gerechnet). Da kommt ein Zufall zu Hilfe.
Ende Februar treffen vier deutsche Touristen - ein Textilkaufmann, ein Drogist, ein Autohändler und eine Schönheitstänzerin aus München - , mit einem Volkswagen und einem Mercedes 170 S in Kairo ein. Sie wollen nach Südafrika, aber Füllner überredet sie, PAG-Leute zu werden.
Der von Füllner zum Chef-Ingenieur ernannte Alfred Schleu: "Der Textilkaufmann sollte gleich am nächsten Tag nach Deutschland zurückfliegen, um eine Million Eisenbahnschwellen und eine Million Meter Schienen einzukaufen.
"Der Autohändler, der mir als Dr.-Ing. und früherer Chefkonstrukteur bei Daimler-Benz vorgestellt wurde, soll einen wüstengängigen Jeep mit Dieselmotor konstruieren. Leibarzt Dr. el Gindi, der auch zum Direktor der Near East befördert worden war, hatte auf dem Kriegsministerium durchgesetzt, daß erst einmal drei Wüsten-Jeeps zur Erprobung gebaut werden sollten.
"Der neue Auto-Chefkonstrukteur quälte sich mehrere Wochen lang mit primitiven Entwürfen. Er hatte wohl Autoschlosser gelernt, aber von Konstruktionszeichnungen nicht die geringste Ahnung."
Der Personalzuwachs war ein Reinfall. Nur die Schönheitstänzerin "Manuela" machte Furore. Chefingenieur Schleu widersteht, wie der heilige Antonius, der Versuchung, die ihm von Füllner offerierte "Manuela" (mit Praxis in Augsburgs Nachtlokal "Oase") als Sekretärin zu engagieren. "Manuela" - mit bürgerlichem Namen Emmi Biberger - wippt geschmeidig auf Motorrollern durch Kairo.
Hier braucht sie nicht brustfrei zu tanzen. Die Ägypter machen schon Kulleraugen, wenn sie in kurzen Hosen im Sattel sitzt, und braunen Interessenten individuell, im Auftrag des ägyptischen Generalvertreters der Firma Alfa Romeo, das Schalten und Steuern von Motorrollern beibringt.
Von den vier Touristen blieb schließlich nur der Drogist, Hauptmann a. D. Willi Sieberger, im chemischen Labor der PAG hängen, um die Schwarzpulvermühle zu bedienen und die Pulverkörner für die Versuchs-Raketen pressen zu helfen.
Die Experimentier-Rockets erweisen sich aber größtenteils als Versager. Chefingenieur Schleu fahndet alle paar Tage mit seinem braunhäutigen ägyptischen Schlosser bei den Alttrödlern nach ausgebauten Kanalisationsrohren, die er dann auf Raketenlänge zurecht schneidet.
Am schlimmsten ist der Mangel an Treibstoff. Es bleibt nichts anderes übrig, als für das nun nicht mehr länger aufschiebbare Probeschießen, das laut Anordnung des Kriegsministeriums am 18. Juni 1951 stattfinden muß, die noch vorhandene Restmenge Cordit (40 Prozent Nitroglyzerin) und im übrigen Schwarzpulver zu verwenden.
Chefingenieur Schleu: "Die gesamte ägyptische Generalität, einschließlich Oberbefehlshaber Haidar Pascha, mehrere Minister und auch der deutsche militärische Berater General Fahrmbacher wurden zu diesem Schauspiel aufgeboten.
"Es konnte auch eine 6 cm-Rakete glücklich abgeschossen werden. Für die geforderte 12 cm-Rakete fehlte der Treibstoff. Eine (nachgebaute) Bazooka (eine Art Panzerfaust) überschlug sich gleich beim Abschuß und zerriß durch ihren Luftdruck dem Laborassistenten das Trommelfell."
Trotzdem: die hohen ägyptischen Herren waren beeindruckt. Oberbefehlshaber Haidar Pascha befahl: Weitermachen, bis auch die 12-cm-Rakete startklar sei.
Doch Chefingenieur Schleu hatte wenig Lust:
"Da das Geschäftsgebaren des PAG-Präsidenten Füllner zu weiterem Zusammenarbeiten keine Möglichkeit gab und sonst auch Dinge verlangt wurden, die ein weites Gewissen verlangen und mit dem ägyptischen Diplomatenpaß des Herrn Füllner zusammenhängen, blieb nur noch die Trennung von diesem ''Präsidenten'', der häufig über Kopfschmerzen klagte, Nervenzusammenbrüche erlitt und das alles darauf zurückführte, daß er seit seiner letzten Gehirnerschütterung ''Zucker und Wasser im Gehirn'' habe."
Ende Juli fliegt Schleu nach Deutschland zurück. Er gibt seinen Chefingenieursjob freiwilig auf. Auch Füllner fliegt nach
Europa, zusammen mit dem ägyptischen Colonel Affifi, angeblich um Meßgeräte zu holen, aber auch Zeichnungen und "andere Dinge, die nur im Diplomatenpostsack herausgeholt werden können".
Zunächst Zwischenlandung in der Schweiz, wo PAG-Generalvertreter Ehrensperger darauf wartet, endlich die vorgeschossenen 9000 DM von Füllner zurückzubekommen. (Er wartet heute noch darauf.)
Füllner nennt sich jetzt Emil Hanna, reist mit ägyptischem Diplomatenpaß und freut sich diebisch, daß man im Gespräch aus einem Emil leicht einen Emir machen kann. Ihm, als Bevollmächtigten des Königs, unterstehe die gesamte ägyptische Industrie.
Als ein Bekannter sich einen Witz über Seine Majestät, den König Faruk, erlaubt, empört sich Emir Emil: "Vergessen Sie nicht, daß Sie von meinem König sprechen."
In Bern gibt Emil Hanna bei Oberstleutnant Schaufelberger eine einstündige Gastrolle als "erfolgreicher Großindustrieller" und Chef einer bedeutenden, mit allen wissenschaftlichen Risiken arbeitenden Raketenforschungs- und Produktionsgesellschaft ("bisher 32 Tote"), um diesem Skeptiker, der ihn seinerzeit durchschaut hatte, beizubringen, daß er Füllner der Seriöse sei.
Er legt einzelne Plankopien der neuesten Schöpfungen vor, nebst vielen Fotos, die nichts besagen, und offeriert wieder einmal Pläne.
Befragt, ob er über diese Pläne überhaupt verfügen dürfe, erklärt er: "Selbstverständlich, laut Vertrag mit dem Kriegsministerium."
Im gleichen Anlauf versucht er, einen Weg zu finden, über den Schweizer diplomatischen Dienst Plankopien aus Aegypten herauszuschmuggeln. Auch offeriert er Glimmer "aus eigenem Bergwerk", ägyptische Oelkuchen, Reis und Ledertaschen, und interessiert Schweizer Firmen für einen phantastischen Export-Boom nach Aegypten.
Unter Hinweis darauf, daß ihm, je nach Bedarf, 100 000 bis 600 000 ägyptische Goldpfunde zur Verfügung ständen, versucht er die 20 Prozent Provision für diese Exportgeschäfte schon vorab zu kassieren.
Ende August 1951 erscheint er plötzlich wieder auf dem Züricher Flugplatz Kloten mit neuen Opfern - deutschen Wissenschaftlern - , die er inzwischen in Deutschland geworben hat. Seinen finanziellen Verpflichtungen in der Schweiz entgeht er durch Weiterflug nach Kairo. Er hat vorher schon in Hamburg, wo er neue technische Fremdenlegionäre suchte, üble Erfahrungen mit Pfändungsbeamten gemacht.
Bis Ende September lotst er vier Raketen-Spezialisten nach Kairo, darunter Dipl.-Ing. Hermann Pitzken, der Anfang des Krieges zusammen mit Dr. Wernher von Braun in der V-Waffenstation Peenemünde zusammenarbeitete. Er ist der gefundene Mann, der Füllners Regierungsauftrag, 12-cm-Raketen zu bauen, wirklich durchführen kann.
Am 31. Oktober 1951 werden vier Pitzkensche 12-cm-Feldraketen - die geeignete schwere Waffe für den Wüstenkrieg - mit unterschiedlicher Wirkung in einer großen Schauvorführung vor dem versammelten ägyptischen Generalstab und einigen Ministern abgeschossen.
Damit glaubt Füllner nun seines Auftrags ledig zu sein und die bei Auftragserfüllung
("12-cm-Raketen zu bauen und fliegen zu lassen") fälligen 10 000 ägyptischen Pfunde (120 000 DM) beanspruchen zu können.
Die ägyptische Regierung will aber nach soviel Unkosten, Reise-Spesen und Anschaffungen (es wurden nach Füllners zweifelhafter Angabe rund 600 000 DM verraketet) - wenigstens eine 500er Serie von 12-cm-Raketen sehen. Das lehnt Füllner brüsk ab.
Er will Geld sehen. Die Regierung sei mit den Zahlungen im Rückstand. Dazu gibt Raketenbauer Hermann Pitzken, der kürzlich während eines Deutschland-Aufenthaltes Füllners Klagen gegen die ägyptische Regierung richtig stellte, folgende Erklärung:
"Ich war einmal Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen Füllner und dem Beauftragten der ägyptischen Regierung Mustafa Kamal Mortagi. Dabei erfuhr ich zum erstenmal genau, daß die ägyptische Regierung für jeden der deutschen PAG-Fachleute monatlich 150 ägyptische Pfunde zahle.
"Füllner hatte sich von jedem der Mitarbeiter eine Vollmacht geben lassen, um - angeblich der Einfachheit halber - die uns von der Regierung zugedachten Monatsgehälter durch seine Sekretärin Fräulein Wiegels abholen zu lassen. Die meisten Kollegen wußten gar nicht, was ihnen zustand.
"Wenn sie sich darüber beklagten, daß ihnen Füllner in Deutschland mehr versprochen habe als sie jetzt bekämen, schob er das immer auf die ägyptische Regierung.
"Nun kam heraus, daß er nicht nur das Geld für einen zunächst noch gar nicht eingetroffenen Ingenieur kassierte, sondern von den meisten Monatsgehältern einen Teil bis zu einem Drittel einfach für sich behalten hatte.
"Das war wahrscheinlich mit ein Grund, weshalb die ägyptische Regierung Füllner auch in geschäftlicher Beziehung mißtraute. Wir holten uns später unsere Gehälter
im vollen Umfang direkt von der zuständigen Regierungsstelle."
PAG-Füllner hatte in Ägypten ausgespielt. Die von Füllner nach Kairo gelotsten Ingenieure und Chemiker, die zum Teil schon ihre Familien nachgezogen hatten, versuchten krampfhaft, ihre Existenz zu retten und neuen Anschluß beim regierungsamtlichen "Department for Research and Development", Kairo. Abbacia Barracks, zu finden, in dem schon mehrere deutsche Fachleute, an der Spitze der frühere Generaldirektor der Reichswerke und Präsident der Skoda-Werke, Dr. Wilhelm Voß, tätig sind.
Füllner stellt diese Auflösung seines Teams so dar, als seien "seine" Chemiker und Techniker durch Druck und Drohung zum Dienst beim "Department for Research" gepreßt worden.
Er pocht auf eine Order des persönlichen Sekretärs von König Faruk, Hussein Hosny Pascha, "daß die Endabwicklung mit der PAG freundschaftlich erfolgen" solle. Füllner soll und will nach Deutschland zurück.
Am 21. Januar 1951 besetzen ägyptische Soldaten sein PAG-Labor in Shoubra. Die resolute Sekretärin Renate Wiegels kommt in handgreifliche Berührung mit dem Besetzungskommando.
Die Liquidierung der PAG Near East zieht sich bis Anfang April hin. Die Ägypter verlangen die Herausgabe von Hilfsgeräten und Aufzeichnungen. Füllner sträubt sich und wird - nach Pitzken - "sehr massiv". Auch seine ehemaligen Freunde der nunmehr entthronten Wafd-Partei ziehen sich von ihm zurück.
Am 8. April landet Füllner plötzlich auf dem Züricher Flugplatz Kloten. Er hat den Kairoer Hexenkessel ungehindert verlassen und verlangt nun, auf Grund eines ägyptischen Ausländer-Passes, ein Visum für die Schweiz. Erst auf Intervention seiner früheren Anwälte wird ihm ein 48stündiger Aufenthalt in Zürich zugestanden.
Sie glauben nämlich, er wolle endlich seine Schulden bezahlen. Statt dessen versucht er ein letztesmal einen Weg zu finden, um Konstruktionspläne aus Ägypten nach der Schweiz zu schmuggeln.
Als er merkt, daß er auch hier nicht mehr den geringsten Kredit hat, will er sofort weiterfliegen. Da erwirken seine früheren Anwälte einen Arrest gegen ihn. Füllner wird vor dem Weiterflug vom Gemeinde-Ammann in Kloten einer eingehenden Leibesvisitation unterzogen. Doch im Gepäck befinden sich nur alte Bekleidungsstücke, die man ihm läßt.
Zehn Tage später - nach peinlicher Haft im Ausländergefängnis - werden Sekretärin Renate Wiegels und der letzte Füllner-treue Chemiker aus Kairo abgeschoben. Die britisch beeinflußte Auslandspresse bringt hämische Sensationsberichte über das Glück und Ende deutscher Raketenforscher. Schließlich bleibt von der ganzen Astronauten-Sage nichts anderes übrig als ein unangenehmer Nachgeschmack, den Raketen-Spezialist Dipl.-Ing. Rolf Engel in Frankreich so analysiert:
"Die ganze Angelegenheit wäre lächerlich, wenn nicht eine politische Prestigefrage mit ihr verbunden wäre - der Einfluß und das Ansehen der deutschen Ingenieure in der arabischen Welt."
Denn zur Zeit läuft gerade der Plan, deutsche Ingenieure für den Aufbau einer modernen ägyptischen Stahlindustrie nach Kairo zu holen.
*) Die für diese zweifelhaften Munitionseinfuhren verantwortlichen ägyptischen Regierungsbeamten wurden wegen Korruptionsverdacht vor ein Staatstribunal gestellt. Nach langwierigen Voruntersuchungen, die hohe Würdenträger belasteten, wurde der Prozeß eingestellt.
*) Der Verband Deutscher Ingenieure (VDI) hat der Bundesregierung den Entwurf eines Gesetzes eingereicht, das die Berufsbezeichnung "Ingenieur" nur den auf einer Technischen Hochschule vorgebildeten Ingenieuren mit ordentlichen Abschlußexamen zuerkennen soll. Zur Zeit können sich auch Techniker ohne Hochschulbildung als Ingenieure bezeichnen.

DER SPIEGEL 27/1952
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