04.06.1952

FILM / SYBIL WERDENEndlich ein neues Gesicht

(s. Titel)
Von den elf Angeboten, die seit der Premiere ihres ersten Films "Das letzte Rezept" an Sybil Werden ergangen sein sollen, hat die Filmnovizin erst aus den Zeitungen erfahren. Wochenlang war ihre Managerin Ilse Alexander bemüht gewesen, alle verlockenden Telegramme, Briefe und Drehbücher von ihrem jüngsten, aber kostbarsten Schützling fernzuhalten.
Managerin Alexander wollte der Werden auf diese Weise eine künstlerische Karenzzeit schaffen, dem gutgemeinten Rat von Regisseur Rolf Hansen ("Dr. Holl", "Das letzte Rezept") folgend: "Auf den zweiten Film kommt es an."
Ihr zweiter Film, auf den es laut Regisseur Hansen ankommt, soll nun "Die Spur führt nach Berlin" werden, ein Projekt des Berliner CCC - Filmproduzenten Arthur Brauner. Seit Eric Pommer diese Sechs-Nationen-Schmuggelaffäre als deutschamerikanische Koproduktion geplant hatte, läßt der Stoff dem CCC-Produzenten, der schon damals, vor drei Jahren, daran interessiert war, keine Ruhe mehr. Die Protektoren der Werden, Managerin Alexander und Regisseur Hansen, haben diesem Angebot nach gründlicher Drehbuchprüfung zugestimmt. Die anderen zehn Offerten wurden abgewiesen.
Sybil Werden, 26, bereitet sich schon auf ihre neue "entscheidende" Rolle vor: Jeden Vormittag arbeitet sie drei Stunden daran, das Handikap zu beseitigen, das ihre Filmkarriere zu gefährden droht - die mangelhafte Sprechtechnik.
Ihr erster Film "Das letzte Rezept", in dem ihr der Spagatsprung von der Tanzbühne zur Hauptrolle auf der Leinwand glückte, fand geteilte Kritiken, aber es gab fast keine Besprechung, die nicht auf das fremdländisch-aparte Gesicht der Werden hinwies und daran einige für den deutschen Film im allgemeinen unvorteilhafte, aber für sie schmeichelhafte Betrachtungen knüpfte. Der Standardtenor: "Endlich ein neues Gesicht."
Das war den Filmleuten aber schon vorher klar gewesen. Als Regisseur Rolf Hansen und Produzent-Verleiher F. A. Mainz vor etwa zwei Jahren die grazile, schwarzhaarige Tänzerin in den Münchener Kammerspielen bei Harald Kreutzbergs Pantomime "Der Student von Prag" sahen, waren sie sich einig: ein Filmgesicht.
Und als Rolf Hansen das Drehbuch zu "Das letzte Rezept" bekam, ließ er die Rolle der morphiumsüchtigen Sängerin, die eine solide Salzburger Apotheker-Ehe natürlich nur beinahe zum Kollaps bringt, auf die Werden zuschreiben. Aus der Sängerin wurde mit ein paar Strichen eine Tänzerin. Mitproduzent Dr. Jonen war davon zunächst wenig begeistert und kühlte noch mehr ab, als er das unscheinbare Persönchen zum erstenmal zu Gesicht bekam.
Knapp 1,55 cm groß, mit olivfarbenem Teint, blau-grauen, leuchtenden Augen unter starken schwarz-blauen Brauen, schwarzem glattanliegendem Haar, einer eigentümlichen Knotenfrisur, hinterläßt die Werden auf den ersten Blick nur einen fremdartigen, aber keinen außergewöhnlichen Eindruck. Sie besitzt jedoch neben einem photogenen Gesicht jenes "Leuchten in den Augen", das mehr als die barockste Busenform oder die sinnlichsten Lippen eine conditio sine qua non des Star-Erfolges ist.
Regisseur Hansen bestand auf Probeaufnahmen. Er behielt recht: Nachdem Dr. Jonen den Probestreifen gesehen hatte, unterschrieb er ohne weitere Diskussionen den Film-Vertrag. Der Werden erging es im Film genau so wie beim Ballett: sie startete in einer Hauptrolle. Sie hat selbst keine andere Erklärung dafür als "ungeheures Glück". Wundert sie sich: "Ich bin nie dazu gekommen, klein anzufangen."
Ihr Debut auf der Tanzbühne war gleich ein Doppelerfolg. Im Februar 1946 wirkte sie im noch ungeteilten Berlin bei den ersten Nachkriegspremieren in der Städtischen Oper Charlottenburg ("Karneval") und in der Staatsoper im Admiralspalast ("Daphnis und Chloe") als Solistin. Zwischen den beiden Premieren lagen genau fünf Tage.
In jenem Trümmer- und Hungerwinter hetzte Sybil im noch chaotischen Berliner S- und U-Bahn-Verkehr zwischen der elterlichen Wohnung in Zehlendorf. Charlottenburg und der Friedrichstraße hin und her. Zehn Stunden Probe und sechs Stunden Fahrt waren ihr tägliches Pensum. "Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, wie man das überhaupt durchgestanden
hat. Aber es war für mich die schönste Zeit."
Die nächsten Jahre arbeitete sie unter der gestrengen und genialen Tatjana Gsovsky an der Staatsoper, bis Ost-West-Spaltung und Blockade das Tanz-Ensemble zersprengten. Die Gsovsky ging auf Gastspieltournee nach Südamerika, die Werden nach München, wo Kölling mit ihr "Orpheus" und "Scheherazade" einstudierte. Das wiederum trug ihr ein Engagement bei Kreutzberg im "Student von Prag" ein, in dem die Filmleute sie dann "entdeckten".
Aus ihrem fast backfischhaften Schwärmen für Kreutzberg macht sie heute noch kein Hehl. Von der Gsovsky und ihm lernte sie auch die drei Eigenschaften, die ihr selber den Sprung zum Film wie ein Kinderspiel erscheinen ließen:
* körperliche Gelöstheit,
* Millimeter-Präzision,
* Mimik.
Wie Maria Litto, deren Karriere vom Tanz zum Film mit ihrer weitgehend parallel läuft, will sie sich unter keinen Umständen ganz dem Film verkaufen. Für den Herbst hat sie schon eine Solistenrolle in Tatjana Gsovskys Tanz-Inszenierung von Dostojewskijs "Idiot" zu den West-Berliner Festspielen angenommen. Gerade in diesen Tagen erhielt sie von der Gsovsky das klassisch-kurze Telegramm "Idiot perfekt".
Vom Film spricht die Werden einstweilen noch mit dem Enthusiasmus der Novizin und wundert sich nur, daß fast alle Filmleute ihrer eigenen Arbeit kritiklos gegenüberstehen. Sie hat für dieses Phänomen eine naive Erklärung: "Vermutlich steckt zuviel Geld drin. Die müßten sich ja aufhängen, wenn sie etwas schlecht fänden." Aber sie stirbt "ein Dutzend Tode", wenn sie sich selber im Film sieht: "Da läuft das Unglück auf der Leinwand ab, und man kann gar nichts mehr machen."
Alle, die "ihren südländischen Typ", ihre "aparte Schönheit" loben und ihre Herkunft irgendwo zwischen Südfrankreich und Rumänien vermuten, tun ihr bitter Unrecht. Sybil Werden ist, zum Leidwesen ihrer Reklameleute, Ur-Berlinerin.
In dem neuen Brauner-Projekt mit dem für sie ironischen Titel "Die Spur führt nach Berlin" kommt die Werden in dem Fach zum Zuge, für das sie prädestiniert scheint - als Salondame mit exotischem Einschlag. "Wie die Dagover", vergleichen Filmleute, die seit 1945 vergeblich nach einem damenhaften Typ unter dem weiblichen Filmnachwuchs Ausschau hielten.

DER SPIEGEL 23/1952
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