02.07.1952

LAIEN-FORSCHUNGOb die Sonne bewohnbar ist

Je tiefer sich der 70jährige Diplom-Ingenieur und Patentanwalt Godfried Bueren auf dem flachen Dach seines Landhäuschens bei Osnabrück in seine Sonne versenkt, desto weniger fühlt er sich moralisch verpflichtet, die 25 000 DM zu zahlen, die er vor zweieinhalb Jahren, im Dezember 1949, ausgesetzt hat: "Der Schulwissenschaft ist es nicht gelungen, meine These zu widerlegen, daß die Sonne bewohnbar sein muß."
Den Gegenbeweis aber trotz Buerens anderslautender Auffassung erbracht und damit einen berechtigten Anspruch auf die von Bueren ausgesetzten 25 000 DM zu haben, behauptet die Astronomische Gesellschaft e. V. in Hamburg-Bergedorf, deren Rendant, Professor Dr. Johannes Larink, am 21. April 1952 an Bueren schrieb: "... fordere ich Sie hiermit auf, den von Ihnen im Dezember 1949 ausgelobten Preis in Höhe von 25 000 DM bis zum 7. Mai 1952 an mich zu zahlen... Es gilt allgemein als unanständig, durch Auslobung begründete Verbindlichkeiten nicht zu erfüllen."
Der im gleichen Schreiben Larinks enthaltenen Drohung, daß im Weigerungsfalle der Rechtsweg beschritten würde, war der Patentanwalt Godfried Bueren bereits dadurch zuvorgekommen, daß er seinerseits am 4. April 1952 bei der V. Zivilkammer des Landgerichts Osnabrück Klage gegen die Astronomische Gesellschaft erhoben hatte, um gerichtlich festzustellen, "daß die Beklagte zur Zeit gegen den Kläger keinen Anspruch auf Zahlung von 25 000 DM hat".
Und das alles wegen der Frage, ob die Sonne bewohnbar ist oder nicht. Wenn die Rede auf dieses diffizile Thema kommt, zupft Godfried Bueren erregt an seiner dunkelblauen, mit einer dezenten Perle geschmückten Krawatte, schreitet mit der Elastizität seines Alters im behaglichen Arbeitsraum seines "Junggesellenheimes" unruhig hin und her und eilt schließlich zum Bücherschrank, dem er ein zerlesenes Buch entnimmt: Zsolt von Harsanyis Roman "Und sie bewegt sich doch."
Aus diesem Buch zitiert Godfried Bueren mit bebender Stimme die Stelle, wo Galilei der Schulwissenschaft die Anklage entgegenschleudert: "Denn es gibt Gelehrte, welche die greifbare Wirklichkeit nicht gebrauchen können, weil sie ihren Lehrsätzen widerspricht. Sie passen ihr Wissen nicht der Wirklichkeit an, die ihnen fast die Augen aussticht, sondern bekritteln die Wirklichkeit nach ihren Lehrsätzen. Und wenn ihnen etwas nicht in den Kram paßt, verkünden sie ganz einfach, daß der Mond gar nicht am Himmel stehen könne oder ähnliche Ungereimtheit. Umsonst fleht der Laie sie an, sie möchten doch hinauf zum Himmel blicken, da könnten sie den Mond ja deutlich sehen..."
Von der Tragik Galileis fühlt sich auch Godfried Bueren umwittert, seit er vor rund 25 Jahren begann, die Sonne mit geschärftem Forscherauge zu betrachten. Damals lernte Bueren auf einer Dienstreise nach Berlin den Oberregierungsrat im Reichspatentamt, Dr. Hermann Fricke, kennen, der bereits ein vertrautes Verhältnis zur Sonne gewonnen hatte und seine exklusive Sonnen-Theorie nun dem aufhorchenden Bueren explizierte.
Fricke stand auf den Schultern des englischen Wissenschaftlers Wilson, der im Jahre 1769 (Siebzehnhundertneunundsechzig) zusammen mit seinem wissenschaftlichen
Kollegen und ehemaligen Regimentsmusiker Herschel die sogenannte Herschel-Wilsonsche Theorie begründet hatte. Nach dieser Theorie ist die Sonne ein fester, dunkler Körper, umgeben von einer leuchtenden, glühenden Hülle, durch deren gelegentlich sich bildende Löcher ("Sonnenflecken" genannt) man den dunklen Körper erblicken könne. Herschel wollte sogar durch ein solches Loch grüne Flächen auf dem Körper oder Kern der Sonne beobachtet haben.
Zwar wurde die Herschel-Wilsonsche Theorie im Jahre 1861 durch den deutschen Physiker Kirchhoff mit der Behauptung umgestürzt, daß das Innere der Sonne durch ihre heiße Hülle längst bis zum Glühen aufgeheizt worden sein müsse und die Sonne demnach nichts anderes sei als eine feurig-flüssige, von einer glühenden Atmosphäre umgebene Kugel. (Entsprechend seien die Sonnenflecken erkaltete,
auf der flüssigen Kugel schwimmende Schlacken.) Aber der Oberregierungsrat im Reichspatentamt, Hermann Fricke, hielt Herschel-Wilson eisern die Stange.
Nicht nur das. Er bereicherte Herschel-Wilsons Theorie um eine neue Erkenntnis, indem er zwischen der glühenden Sonnen-Hülle und dem festen Sonnen-Kern, gleichsam zur Abkühlung, Meerwasser schäumen ließ, in dem Wasserpflanzen sprießen und Fische sich tummeln müßten. (Bueren: "Warum sollte das auf einem anderen Himmelskörper nicht einmal anders sein als bei uns?")
Zu seiner Meerwasser - Theorie war Fricke durch die Spektral-Analyse der Sonnen-Substanz gekommen, die unter anderen die gleichen Eigenschaften wie Meerwasser besitzt. Überhaupt sind, nach neuesten Erkenntnissen, nahezu alle auf der Erde vorkommenden Elemente auch auf der Sonne feststellbar.
Fricke-Jünger Godfried Bueren hatte anfangs, wie er selbst eingesteht, "nur ganz naive Vorstellungen" von der Sonne. Auch war er keineswegs von Frickes Meeresrauschen begeistert. Aber er entschloß sich dennoch im Jahre 1943, kurz bevor Fricke starb, auf dessen Spuren weiter zu wandeln, nachdem ihn Fricke in Erinnerung an frühere Gespräche darum gebeten hatte.
Der nunmehrige Fricke-Epigone Bueren ließ zwar bald das Frickesche Meerwasser fallen, aber den festen, kühlen Sonnenkern im Gegensatz zu Kirchhoffs feurigflüssiger Kugel behielt er bei. Als er jedoch den Leiter der Potsdamer Sternwarte, Professor Kienle, gleichfalls zu seiner Kern-Theorie bekehren wollte, mußte es Bueren erleben, daß er, wie schon Fricke (obgleich dieser mit Einstein korrespondiert hatte), abgewimmelt und nicht für voll genommen wurde. (Bueren: "Ich wurde von dem Stellvertreter Kienles, einem Professor Grotian empfangen, der das 't' seines Namens besser in ein 'b' umgewandelt hätte.")
Mehr Verständnis fand der private Sonnenforscher Bueren, der sich inzwischen mit autodidaktischem Fanatismus in die einschlägige Sonnen-Literatur vergraben hatte, nach dem letzten Krieg bei dem Physiker Professor Dehlinger in Stuttgart. Bei Dehlinger studierte Buerens ältester Sohn Physik.
Der Laien-Wissenschaftler Bueren hatte Deblinger auf den Widerspruch aufmerksam gemacht, der darin bestehe, daß die moderne Astro-Physik zwar einen heißen, gasförmigen Sonnenkern mit einer Temperatur von (nach Eddington) rund 20 Millionen Grad annehme, gleichzeitig aber glauben machen wolle, dieser heiße Kloß drehe sich um eine magnetische Achse. In Wirklichkeit aber sei - nach den Erfahrungen, die Bueren als Diplom-Ingenieur gesammelt hatte - bereits bei 1800 Grad Temperatur kein Magnetismus mehr möglich.
Dehlinger habe, wie Bueren erzählt, daraufhin verdutzt ausgerufen: "Donnerwetter ja, entweder es ist heiß, dann ist keine magnetische Achse da oder ..." Die sich zwangsläufig aufdrängende Folgerung "... es ist kalt" habe der Schulwissenschaftler Dehlinger dann nicht auszusprechen gewagt. Aber Bueren akzeptierte sie auch unausgesprochen als einen weiteren Beweis für die Sattelfestigkeit seiner Theorie.
Diese Buerensche Theorie geht von Buerens Grundanschauung aus: Es ist unfaßbar, daß es Himmelskörper vom Range der Sonne gibt, auf denen organisches Leben möglich sein müßte, ohne daß sie aber, nach Auffassung der Schulwissenschaft, belebt sein sollen.
Die Hauptschwierigkeit für Godfried Buerens These, daß auch die Sonne bewohnbar
sei, bestand darin, zu beweisen, daß die Sonne einen kalten Kern haben müsse und nicht einen flüssig-heißen, wie das Kirchhoff behauptet hatte, auf dessen Auffassung sich die astronomische Wissenschaft im wesentlichen bis heute noch stützt. "Deshalb habe ich mir einmal die Sonnenflecken genau angeschaut", sagt Godfried Bueren.
Er sammelte Sonnenflecken-Photos soviel er nur kriegen konnte. Teils fand er sie in wissenschaftlichen Wälzern, teils im Brockhaus, teils aber auch in der Illustrierten "Quick". In seinen Mußestunden vertiefte sich Godfried Bueren sodann in den merkwürdigen Anblick dieser "größten Rätsel, welche die Sonne der wissenschaftlichen Forschung bis heute aufgibt".
Daß die Sonnenflecken wie Löcher aus - sehen, fand Bueren ebenso sonnenklar wie Herschel und Wilson bereits vor mehr als hundert Jahren. Auch die heutige Wissenschaft kann sich dieser Tatsache nicht verschließen, wenn sie auch von der Möglichkeit eines visuellen Trugschlusses spricht. Eine andere Beobachtung aber interessierte den Herschel-Wilson-Anhänger Bueren mehr: Nach der Mitte der Sonnenflecken zu - so hat die Wissenschaft ermittelt - wird es kühl. Also sagte sich Bueren: die Außentemperatur der Sonne nimmt nach innen ab.
In fliegender Hast zog Godfried Bueren, nachdem er dies erkannt zu haben glaubte, alles heran, was über Sonnen- und speziell Sonnenflecken - Forschung geschrieben wurde. Was er sich zurechtlegte, sah so aus:
Die Korona, der vor allem bei Sonnenfinsternissen besonders gut sichtbare bläulich - silberne Strahlenrand der Sonne,
besitzt noch 1 Million und mehr Hitzegrade.
Aber schon zur Chromosphäre hin, einer Schicht aus heißem Wasserstoff und Metalldämplen unterhalb der Korona, vermindert sich die Temperatur rapid auf etwa rund 10 000 Grad.
Ein weiterer Temperaturabfall ist bis zur Photosphäre, der eigentlichen, hell leuchtenden Sonnenoberfläche, festzustellen. Die Temperatur beträgt auf der Photosphäre jetzt nur noch rund 5500 Grad.
In der Mitte der Sonnenflecken schließlich werden, nach Buerens Feststellungen, nur noch 4000 Grad und darunter gemessen.
"Wenn dem aber wirklich so ist", schloß Bueren messerscharf, "so muß es im Innern der Sonne noch kühler werden. Deshalb ist nicht einzusehen, weshalb Kirchhoff recht haben soll."
Bei der weiteren Betrachtung der Sonnenflecken stellte Bueren fest: Sie haben einen Rand, die sogenannten Penumbra (im Gegensatz zur Umbra, der Tiefe des Sonnenflecks). Der Rand sieht, optisch betrachtet, aus wie eine Art Grabenbruch. Grund genug also für Bueren, anzunehmen, daß dieser Rand, wenn der Sonnenfleck ein Loch ist, nichts anderes sein könne als die an dieser Stelle aufgerissene Sonnenhülle.
Auf Grund der Breite der Penumbra, die sich bei verschiedenen Sonnenflecken auch häufig auffallenderweise gleicht, läßt sich daher, meint Bueren, auf die Dicke der Hülle schließen. Sie beträgt entsprechend der Breite der Penumbra zwischen 3000 und 4000 Kilometer, was vergleichsweise einer Entfernung von Osnabrück bis zum Ural entspricht. "Und auf dieser gewaltigen Strecke soll sich die heiße Außentemperatur der Sonne nicht noch weiter abkühlen können?" fragt Bueren.
Mit der Kühnheit Galileis nimmt er deshalb an, daß die Temperatur auf der Innenfläche der Sonnenhülle (Substanz der Hülle: 97 Prozent Wasserstoff, 3 Prozent Helium) auf der Strecke von Osnabrück bis zum Ural durchaus bis auf etwa 1500 Grad abgesunken sein könne, wenn nicht auf mehr. Aber wo kommt der Rest der Wärme hin?
Und da hatte Godfried Bueren nun nach einem Vortrag vor den Schülern der Oberschule zu Osnabrück eine Erleuchtung.
"Mir ging eine Tranlampe auf: Vegetation! Auf dem Kern muß ja Vegetation sein! Denn nur wenn es da Vegetation gibt, kann es ja kühl bleiben. Im anderen Fall ist es ja heiß."
Auf der Suche nach einem plausiblen Vergleich für diese weltumstürzende Erkenntnis fand Godfried Bueren dann den Vergleich mit dem Treibhaus. Er lautet so: Ein leeres Treibhaus, auf das die Sonne brennt, wird heiß. Sind in dem Treibhaus aber genügend Pflanzen, so bleibt es, mag die Sonne noch so herunterbrennen, im Innern des Treibhauses kühl.
Also, folgerte Bueren, hat die Sonne eine nur außen heiße Hülle. Auf der Innenseite der Hülle aber ist es bereits kühler und bis zur Oberfläche des Kerns ist die Temperatur bereits derart abgesackt, daß der letzte Wärmerest von Vegetation auf genommen, also quasi in pflanzliche Wachstumsenergie umgesetzt wird.
Diese letzte Erkenntnis, die seine Beweiskette schloß, besaß Godfried Bueren
indessen noch nicht, als er auf einem Vortrag in der Osnabrücker Oberschule seinen Entschluß bekanntgab, demjenigen 25 000 D-Mark zu zahlen, der seine Sonnen-Theorie wissenschaftlich hieb- und stichfest widerlegen könne. Nach der Treibhaus-Idee setzte Bueren den Preis dann auch tatsächlich aus, (Letzter Einsendetermin der Gegenschrift sollte der 31. Dezember 1950 sein.)
In diesem Zusammenhang redet Bueren gelegentlich gegenüber Besuchern in seinem Landhäuschen von einer "List", die er gebraucht habe, um die Schulwissenschaft zu zwingen, endlich einmal Farbe zu bekennen, nachdem sie seine Theorie jahrelang totgeschwiegen oder versucht habe, ihn lächerlich zu machen.
Vor allem war der Sonnen-Enthusiast Godfried Bueren darüber aufgebracht, daß er jahrelang vergeblich versucht hatte, mehrere europäische Sternwarten, wie die des Vatikans, von Venedig und von Hamburg-Bergedorf dazu zu bringen, die Sonnenflecken für ihn zu "messen".
Die geringe Freude, die Godfried Bueren bis dahin also im Umgang mit der Schulwissenschaft erlebt hatte, schlug jedoch, von Bueren nicht unerwartet, ins Gegenteil um, als er ihr, nachdem er nach dem Kriege zu Geld gekommen war, auf einmal die 25 000 DM unter die Nase schob.
Sogar die Astronomische Gesellschaft, in der alle deutschen Sternforscher zusammengeschlossen sind, und selbst der Leiter der Sternwarte Hamburg-Bergedorf, Professor Heckmann, zeigten sich interessiert. Es wurde beschlossen, daß sich eine dreiköpfige Kommission im Auftrag der Astronomischen Gesellschaft an Buerens Auslobung beteiligen solle, damit der Preis, falls er gewonnen werde, der Astronemischen Gesellschaft und nicht einem einzelnen zugute komme.
Die Bewerber-Kommission, die dann auch zusammentrat, bestand aus den Professoren Heckmann, Hamburg-Bergedorf, Biermann, Göttingen, und Siedentopf, Tübingen. Die drei Herren sollten die Widerlegung der Buerenschen Sonnentheorie gemeinsam ausklamüsern und unter dem Namen des Professors Heckmann dem Preisgericht einreichen.
Zu diesem Preisgericht das nach Absprache mit Godfried Bueren gleichfalls dreiköpfig gebildet wurde, gehörten Koryphäen wie Nobelpreisträger Professor Werner Heisenberg und der Ordinarius für Astrophysik an der Universität Köln, Professor Clemens Schaefer. Der dritte Preisrichter war ein international geachteter Jurist, der Professor für gewerblichen Rechtsschutz Fischer aus Hamburg.
Falls das Preisgericht nicht einstimmig zu einer Entscheidung kam, sollte das Urteil des Niedersächsischen Kultusministeriums in Hannover als ausschlaggebender Faktor gelten.
Die niedersächsischen Kultusbeamten brauchten jedoch nicht angerufen zu werden, nachdem das Preisgericht am 4. Oktober 1951 unter Vorsitz Professor Heisenbergs einstimmig zu der Auffassung kam, "daß die von Herrn Professor Heckmann im Auftrage der Astronomischen Gesellschaft vorgelegte Preisbewerbung den Beweis liefere, daß die von Herrn Bueren vertretene Auffassung falsch sei, nach welcher im Innern einer nur außen heißen Sonnenhülle ein fester Kern vorhanden sei, welcher nach menschlichem Ermessen in Vegetation bestehe ..."
Diese preisrichterliche Entscheidung ging zunächst mit der psychologischen Wirkung eines Granatvolltreffers auf Godfried Buerens Landhaus-Idyll nieder. Aber dann rappelte sich der durch die gesammelte Wucht der in sechs namhaften Persönlichkeiten
verkörperten deutschen Wissenschaft niedergeschmetterte Sonnen - Theoretiker Bueren wieder hoch und trat, mit Galileis vernichtendem Werturteil über die Wissenschaft als Rapier, zum Gegenstoß an.
Nach Godfried Buerens Ansicht war nämlich die Astronomische Gesellschaft bei ihrer, mit zahlreichen Formeln und Berechnungen (Bueren: "Ich habe das gleich gar nicht nachgerechnet") gespickten Widerlegung von der eigenen anstatt von Godfried Buerens theoretischen Voraussetzungen ausgegangen. Bueren schließt das daraus, daß es im entscheidenden Teil der Gegenschrift heißt. "Wenn man annimmt, daß die Photosphärenhülle auf ihrer Innenseite etwa die gleiche Temperatur hat wie außen ..."
Bueren war aber gerade, um einen kühlen Sonnenkern zu erhalten, von der konsequenten Annahme vorwärtsgeschritten, daß auf der Innenseite der Hülle nicht die gleiche, sondern eine niedrigere Temperatur als auf der Außenseite herrschen müsse analog seiner zwingenden Vermutung, daß sich die Sonnenwärme nach innen zu weiter abkühlt.
Unter dieser "falschen" Voraussetzung aber sei es, so beklagt sich Bueren bitter, für die Astronomische Gesellschaft ein leichtes gewesen, seinen vegetativ bewachsenen Sonnenkern am Boden zu zerstören. Denn im Falle einer zum Sonnenkern hin nicht abnehmenden Temperatur muß ja die Sonnenhitze auf Buerens angenommene bedauernswerte Sonnenkern - Bewohner 100 000mal so intensiv herunterbrennen wie auf die Erdoberfläche. Auch Buerens "merkwürdige Vegetation", wie es in der Gegenschrift heißt, wäre nicht imstande, eine derart bullige Strahlung abzufangen.
Zu allem Unglück müßte schließlich die über Buerens kalten Kern frei schwebende heiße Wasserstoff - Helium - Hülle aus Gleichgewichtsgründen nach unten sacken, womit die Katastrophe vollkommen wäre.
Um die damit gleichzeitig für seine gesamte Theorie drohende Katastrophe, so
gut es noch geht, abzuwenden, klammert sich Godfried Bueren heute, unter Berufung auf die "falschen Voraussetzungen" bei der Lösung seiner Preisaufgabe, an den bevorstehenden Entscheid der V. Zivilkammer des Landgerichts Osnabrück.
Bueren fordert vor allem eine schriftlich begründete Stellungnahme der Preisrichter, auf Grund welcher Tatsachen ihr "falsches" Urteil entstanden sei (Bueren: "Auch die Preisrichter Heisenberg und Schaefer gehörten zu meinen Gegnern").
Daß er aber tatsächlich widerlegt sein könnte (denn auch bei angenommenen "nur" 1500 Grad Wärme auf der Innenseite der Sonnenhülle ist es noch immer einigermaßen heiß) wird Godfried Bueren bei seiner Animosität gegen die Wissenschaft wahrscheinlich nie eingestehen.
Es bleibt ihm aber noch eine Chance, seine ausgelobten 25 000 DM zu retten. Er kann sich darauf berufen, daß seine Auslobung nicht (wie in Paragraph 657 BGB. gefordert) "öffentlich" bekannt gemacht war und deswegen ungültig ist.
[Grafiktext]
GODFRIED BUERENS KALTE SONNE
SONNENKORONA
TEMPERATUR 1 Mill.° u. mehr
CHROMOSPHÄRE
TEMPERATUR ca. 10 000°
PHOTOSPHÄRE
TEMPERATUR
ca. 5 500°
SONNENFLECKEN
TEMPERATUR
4000° u. weniger
SONNENHÜLLE
3000-4000 km dick
TEMPERATUR AN DER
INNENSEITE DER HÜLLE
etwa 1500° (geschäfzf)
KÜHLER SONNENKERN
MIT VEGETATION
ABSTAND
250 000 km
HAUPTFLECKENZONE
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 27/1952
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