18.06.1952

UFABald wieder da

Mit einem Seufzer ließ sich der beleibte, immer gut gelaunte Bundestagsabgeordnete Artur Stegner (FDP) in einen Stahlrohrsessel des Bundeshausrestaurants fallen: "Das Ufa-Gesetz kommt mir vor wie ein Kaugummi. Je mehr man es in die Länge zieht, desto schlechter schmeckt es."
Seit anderthalb Jahren ringt Bonn um gesetzmäßige Klärung, was aus der früheren Ufa werden soll. Dabei hatte es der Ufi-Ausschuß *) im Bundestag längst nicht so eilig wie das Film Reorganisation Committee (FRC) der Alliierten auf dem Petersberg, das ungeduldig darauf drängte, den mächtigen staatsmonopolisierten Filmkonzern des dritten Reiches nach dem Muster der Alliierten "Lex Ufi" aufzulösen und in private Hände zu überführen.
Wenn die Ausschußmitglieder hinter den verschlossenen Türen des Ufi-Sitzungszimmers nach der Devise "Die Zeit arbeitet für uns" jedoch darauf spekuliert hatten, durch den Generalvertrag freiere Hand zu bekommen, so wurden sie enttäuscht. Trotz aller neuen Souveränität des Bundes haben die Amerikaner beharrlich an ihrer Ufa-Klausel festgehalten: Die Ufa untersteht noch so lange dem Gesetz Nr. 32 ("Lex Ufi") der Alliierten, bis der Bund ein Gesetz präsentiert, das der Hohen Kommission gefällt.
Was die Amerikaner vor allem verhindern wollen, ist die Wiedergeburt eines Ufa-ähnlichen Konzerns. Ein solches Machtgebilde könnte den Produzenten Hollywoods die schlaflosen Nächte der Konkurrenzangst bereiten, die ihnen die schwindsüchtige deutsche Filmindustrie von heute erspart.
Das Mißtrauen der Amerikaner, daß die Deutschen in ihrer hemmungslosen Aufbaufreude
heimlich wieder eine prächtige neue Ufa organisieren könnten, ist selbst in sieben Nachkriegsjahren nicht ganz erloschen. Schreibt die amerikanische Zeitschrift "Variety":
"Einige alliierte Beamte haben den Eindruck, daß die Ufa - falls sie nicht liquidiert wird - mit Unterstützung der Regierung oder durch Ruhrindustrielle und frühere leitende Angestellte der Ufa wieder zum Leben erwachen könnte und möglicherweise eine neue riesige Propagandamaschine mit eventuell anti-alliierter Tendenz entstünde."
Um solches zu verhüten, unterstellten die alliierten Besatzer das Ufi-Vermögen gleich nach dem Kriege den Verordnungen der zonalen Militärregierungen, die am 6. August 1950 durch das einheitliche Gesetz Nr. 32 der Alliierten Hohen Kommission abgelöst wurden.
Die Ufi Westdeutschlands wurde nach den alliierten Gesetzen als Reichsvermögen von den Besatzungsmächten beschlagnahmt, durch Zonengrenzen aufgeteilt und von Treuhändern verwaltet, die die Erlöse aus Ufa-Filmtheatern und Wiederaufführungen alter Filme auf Sperrkonten abführten. Die Produktionsstätten und Verleihbetriebe der Ufi durften ihre Arbeit nicht wieder aufnehmen. Selbst der Name "Ufa" wurde verboten.
Das sieben Seiten umfassende Gesetz Nr. 32 ("Lex Ufi") legt in der Hauptsache die Voraussetzungen fest, unter denen das ehemalige reichseigene Filmvermögen in private Hände überführt werden soll. Bevor es jedoch angewendet wurde, ließ die Hicog ihre Bereitschaft bekanntgeben, der Bundesregierung die Reprivatisierung der Ufi zu übertragen, sobald sie ein annehmbares Gesetz dafür vorlege.
Aber der erste Entwurf, den Ludwig Erhards Bundes-Wirtschaftsministerium bereits am 11. Oktober 1950 vorlegte, fiel durch. Also schien es ratsam, das deutsche Gesetz dem alliierten ziemlich genau anzugleichen. Der zweite Entwurf wurde dann auch im Herbst 1951 vom Petersberg gebilligt.
Schon der erste Satz der Präambel ist dazu angetan, die Alliierten im Hinblick auf eine mögliche zentralisierte deutsche Filmindustrie zu beruhigen: "Um eine übermäßige Zusammenballung wirtschaftlicher Macht in der Filmindustrie zu vermeiden...", heißt es da, "sind Gesellschaften der Filmwirtschaft, an denen das Reich unmittelbar oder mittelbar beteiligt war, innerhalb eines Jahres in private Hände zu überführen."
Grundsätzlich soll das Ufi-Vermögen in öffentlichen Versteigerungen an den Meistbietenden veräußert werden. Als Käufer sind ausgeschlossen: Bund, Länder, Parteien und politisch unlautere Personen. Um eine Ueberfremdung in der deutschen Filmindustrie zu vermeiden, dürfen sich Ausländer nur zu 25 Prozent am Kauf der Filmateliers beteiligen.
Was den Bonnern bei dem Gesetz am schwersten im Magen lag, war die Ueberführung der Ufi in Privateigentum. Ergab sich die Frage: Wer kann das bezahlen? Welcher Privatmann ist so zahlungskräftig,
daß er die Millionenobjekte des einstmals staatlichen Filmkonzerns erwerben könnte?
In der Filmwirtschaft selbst sucht man vergeblich nach potentiellen Käufern. Bis jetzt fand sich noch kein Produzent, dem der deutsche Nachkriegsfilm derartige Reichtümer beschert hätte. Es geht ihm vielmehr so wie dem Mann, der sich von seinem reichen Nachbarn ein Haus kaufen will und ihn gleichzeitig um das Geld für diesen Kauf anpumpt.
Nach dem Entflechtungsgesetz fällt das Vermögen der Ufi denjenigen zu, die am meisten dafür bieten. Ob sie künstlerisch und kommerziell befähigt sein müssen, steht nicht im Gesetz.
Hierin liegt eine Gefahr, die Ufi-Ausschußmitglied Dr. Schöne (SPD) andeutete: "Man spricht immer nur von Entflechtung und Abwicklung, aber kaum davon, wie ein Zerstückeln und Verschleudern des Volksvermögens zu verhindern sei." Ufi-Ausschußmitglied Dr. Mende (FDP) bringt die Bedenken auf den einfachsten Nenner: "Reprivatisierung kann leicht Atomisierung werden."
Daß es mit der deutschen Filmindustrie langsam aber sicher zu Ende geht, wenn man fortfährt, einigen Dutzend Handwerksbetrieben gerade soviel Geld zu
leihen, daß sie nicht Pleite gehen, hat sich im letzten halben Jahr deutlich gezeigt. Zwei der bedeutendsten norddeutschen Firmen, die Junge Film-Union in Bendestorf und Walter Koppels Realfilm in Hamburg-Wandsbek, mußten kürzlich ihre Produktion auf unbestimmte Zeit einstellen. Auch in Bayern blieb die Filmwirtschaft nicht ohne Not. In Geiselgasteig, das eine Jahreskapazität von 30 bis 40 Spielfilmen hat, wurden 1951 nur 14 Filme gedreht.
Ohne eine gewisse Machtzusammenballung, die laut Präambel zum Entflechtungsgesetz gerade vermieden werden soll, geht es einfach nicht mehr. Der ohne wirtschaftlichen Hintergrund alleinstehende Produzent, der dreiviertel seiner Zeit darauf verwenden muß, finanztechnisch auszuknobeln, wie er sich bis zum nächsten Projekt durchlaviert - der alleinstehende Produzent, den oft schon ein einziger Mißerfolg an den Rand der Pleite bringt, kann den deutschen Film nicht mehr stützen.
Das sah auf dem Petersberg auch das alliierte Film Reorganisation Comittee, das sich durch die Dauerkrise im deutschen Film vor die delikate Frage gestellt sah: entweder Lockerung der im Gesetz angestrebten Bindungen oder endgültiger Zusammenbruch der Filmindustrie in Germany.
Das aber ist den amerikanischen Produzenten auch nicht recht; sie brauchen den deutschen Film als "Lokomotive", an die sie ihre eigenen Filme in Deutschland hängen können: Die Motion Picture Association of America (Vereinigung der großen amerikanischen Filmproduzenten) hat in jahrelangen statistischen Umfragen festgestellt, daß der Absatz amerikanischer Filme in denjenigen Ländern rapide zurückgeht, die keine nennenswerte nationale Filmindustrie haben. Wenn die Kinogänger immer nur Filme zu sehen bekommen, die ihrer Mentalität nicht entsprechen, lassen sie im Kinobesuch allgemein nach und erlahmen mit der Zeit völlig in ihrer Bereitschaft, sich Hollywood-Produkte anzusehen.
Amerika braucht die deutsche Filmindustrie auch noch aus einem anderen Grunde. Die amerikanischen Firmen haben seit Kriegsende durch Vorführung ihrer Filme in Deutschland ein beachtliches DM-Vermögen angesammelt, das nicht transferiert werden kann. Sie können die eingefrorenen Guthaben aber flüssig machen und arbeiten lassen, indem sie in Deutschland produzieren.
Deutsch - amerikanische Gemeinschafts-Produktionen würden nicht nur frisches Blut in die Hollywood-Projekte bringen, sondern hätten noch den Vorteil, daß ihnen zwei Absatzmärkte sicher sind. Im übrigen zeigen sich die Amerikaner nicht abgeneigt, den deutschen Film zu unterstützen, wenn sie dadurch verhindern können, daß die Bundesregierung oder die Gewerkschaften oder die Industrie sich hinter eine neue deutsche Filmindustrie stellen.
Wäre das Ufi-Gesetz vor einem Jahr verabschiedet worden, so hätte es für die Deutschen ungünstiger ausgesehen. Damals
pochten die Alliierten noch auf den Paragraphen 7, der bestimmte: Niemand darf bei der Veräußerung auf Grund dieses Gesetzes mehr als ein Filmatelier oder drei Lichtspieltheater erwerben.
Dieser Passus ist nun durch den Generalvertrag weggefallen, der die alliierten Monopolbestimmungen für die Filmindustrie außer Kraft setzt. Die bisher scharf bekämpfte "vertikale Gliederung" im deutschen Film (Produktion, Verleih und Theater in einer Hand) ist also erlaubt. Damit ist der deutsche Film einen wesentlichen Schritt weiter.
Aber die Bonner wissen, daß die Alliierten von ihrer Forderung, die Ufa nur an Privateigentümer zu verkaufen, nicht abgehen werden. Eine Patentlösung, die Ufa ohne die Einschaltung von staats- oder parteipolitischen Machtgruppen vor der Zersplitterung zu bewahren, ist jedoch noch nicht gefunden.
Zur Diskussion steht außer den beiden Plänen, die Filmfinanzexperte Max Winkler und Dr. Liebig von der Revisions- und Treuhandgesellschaft ausarbeiteten (SPIEGEL 23/1952), ein dritter Plan des Ufi-Treuhänders für die britische Zone, Dr. Walter Haupt, den er vor drei Wochen bekanntgab. Wenn man Haupt von Reprivatisierung sprach, wurde er unwillig: "Man kann ja auch keine Automobil-Industrie aufbauen, indem man einzelne Klempnerwerkstätten finanziert."
Treuhänder Haupt, in der letzten Woche verstorben, schlug vor, das gesamte Vermögen der ehemaligen reichseigenen Filmindustrie einer Treuhandgesellschaft zu unterstellen.
Alle Aktiven sollen aus der Ufi-Liquidationsmasse ausgegliedert und auf drei neue Kerngesellschaften übertragen werden. Diese drei Kerngesellschaften sollen wieder altbekannte Namen tragen:
* "Bavaria-Filmkunst A.G." für eine Gesellschaft in Süddeutschland (München),
* "Tobis-Terra Filmkunst A.G." für eine Gesellschaft in Nordwestdeutschland (Düsseldorf),
* "Afifa" für eine Gesellschaft in Westberlin.
Jetzt sind Westdeutschlands Filmindustrielle auf die Reaktion der Alliierten gespannt. "Sollten sie die Namen Bavaria, Terra und Tobis hinnehmen, so ist eines Tages auch der Name Ufa wieder da."
*) Ufi: Bezeichnung für die Dachgesellschaft Ufa Film GmbH., die u. a. aus neun Produktionsfirmen der Filmindustrie bestand: Ufa, Tobis, Terra, Bavaria, Wien-Film, Prag-Film, Mars-Synchronfilm, Deutsche Zeichenfilm.

DER SPIEGEL 25/1952
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