16.07.1952

STABHOCHSPRUNGDieses erhebende Gefühl

Auch im Stadion von Helsinki wird einer der Sportler, die am dritten Tag der Olympischen Spiele zur Entscheidung im Stabhochsprung antreten werden, so wie er es gewohnt ist, ein inbrünstiges Gebet zu Gott schicken: erst nach einem Gebet läuft der gläubige Olympionike Bob Richards
zum Sprung an. Überzeugt, daß er im Vertrauen zu Gott die Stabhochsprung-Latte nicht unter dem Weltrekord von 4,77 Metern abwirft und daß er die Goldmedaille zu Ehren Gottes, der Vereinigten Staaten und für sich selbst gewinnt.
Kein Pfarrer ist dem Himmel jemals mit direktem Muskelantrieb näher gekommen als Reverend Bob Richards, gegenwärtig der beste Stabhochspringer Amerikas und der Welt. Bob Richards ist Prediger der "Church of Brethren" - Sekte, die Anfang des 18. Jahrhunderts von deutschen Baptisten in Pennsylvanien gegründet wurde, liest als Dozent für Religionsphilosophie am Seminar von La Verne (Kalifornien) und veranstaltet "Revival-Meetings" mit effektgeladener religiöser Erneuerungstendenz. Auch in seine sportlichen Rekordleistungen bezieht er seinen Herrn unmittelbar ein.
Als Pfarrer Richards Anfang 1951 nach zweijährigen, oft nur um Millimeterbreite gescheiterten Versuchen erstmals die 4,50-Meter-Marke bezwang, dankte er feierlich "dem Herrn für seine Hilfeleistung heute abend".
Bob Richards glaubt aber nicht an direkte Interventionen der Vorsehung zu seinen Gunsten. Als er Anfang 1952 in den USA die begehrte Sullivan-Gedenktrophäe und den Titel "Amateursportler des Jahres" gewann, präzisierte er: "In meinen Augen ist Gott kein metaphysischer Dämon, der sich hinter der nächsten Wolkenbank verbirgt, um mir mit einem virtuosen Schubs über die Latte zu helfen ... Ich denke nur an das psychologische Fluidum, das jeder in der eigenen Seele finden kann und das uns Kraft zum Vollbringen wunderbarer Dinge verleiht."
Bob Richards war nicht immer so fest in seinem Glauben Er, der vor 26 Jahren in zerrütteten, ärmlichen Familienverhältnissen geboren wurde, gehörte in seinen Schuljahren einer verfemten Rowdybande an, wollte Berufsboxer werden und schien der Straferziehungsanstalt zuzusteuern.
Der rettende Einfluß kam in Gestalt einer Schülerliebe, die einen christlichen boyfriend haben wollte und Bob zum ersten Kirchenbesuch bewegte. Das Mädchen starb bald, doch der religiöse Funke wurde von Bobs neuem Mentor, Pastor Garber, weiter genährt.
Bobs sozialer Minderwertigkeitskomplex wurde jetzt zum mächtigen Motor konstruktiver Leistungen. Die aggressiven Boxkämpfe machten leichtathletischen Übungen Platz, und bald begann Bob, mittels einer zwischen einem Baum und einer Telegraphenstange aufgehängten Holzlatte, sich im Stabhochsprung zu trainieren. Er war physisch zu klein für diese anspruchsvolle Sportart, in der jeder Zentimeter Körperlänge zählt. Aber das komplizierte technische Ritual und das erhebende Gefühl des Himmelsstürmens hatten es ihm angetan. Er machte sein physisches Handicap durch sein außerordentliches Sprintvermögen und seine akrobatische Koordinationsfähigkeit wett und entwickelte sich in zäher Arbeit zu einem erstklassigen Stabhochspringer, der Wettbewerb nach Wettbewerb gewann.
Auch in der intellektuellen Arena zeichnete Bob sich aus. Er erhielt ein Universitätsstipendium
und verdiente einen Teil seines Lebensunterhaltes indem er Pfarrer Garbers Kirche ausfegte und rein hielt. Als Hauptfach wählte er Philosophie, den "Stabhochsprung des Geistes".
Als er gelegentlich eines Universitätskampfes beim Anwärmen für den Stabhochsprung die Speerwerfer bei ihren Trainingswürfen beobachtete, äußerte er: "Ich habe zw r noch nie einen Speer in der Hand gehalten. aber was diese Kerls können, das kann ich auch."
Der Mannschaftstrainer schrieb ihn für die Speerkonkurrenz ein und Bob Richards gewann. Auf ähnlich spielerisch zufällige Weise entdeckte er seine Virtuosität im Zehnkampf: Während eines Zehnkampf-Turniers an dem kalifornischen Muir College wurde der zufällig anwesende springende Vikar zu einigen Schausprüngen mit der Bambusstange eingeladen. "Zum Spaß" forderte ihn der Veranstalter auf, doch am Zehnkampf selbst teilzunehmen - und zum Spaß gewann Richards die Konkurrenz mit dem hervorragenden Total von 7413 Punkten.
Einige Monate später holte er sich die amerikanische Zehnkampfmeisterschaft mit 7834 Punkten - ein Total, das bisher nur von zwei Athleten, den Olympiasiegern Glenn Morris (1936) und Bob Mathias (1948), übertroffen worden ist. So ist ihm in Helsinki nicht nur die Goldmedaille im Stabhochsprung, sondern auch die silberne im Zehnkampf so gut wie sicher.
Auf dem grünen Rasen und auf der Predigerkanzel - Richards predigt wie die anderen Geistlichen seiner Baptistensekte im Straßenanzug - ist Richards eine ziemlich extravertierte Gestalt, die ihre Gemütsbewegungen nicht hinter der steinernen Gesichtsmaske des Pokerspielers versteckt.
Seine heftigen Gefühlsbewegungen machen sich noch heute zuweilen koboldhaft in Fehlleistungen bemerkbar. Als Bob Richards beim 100-Meter-Lauf eines Zehnkampfwettbewerbs nervös den zweiten Fehlstart verursachte, rief ihm ein Zuschauer übermütig von der Tribüne zu: "He, Pfarrer, kennst du nicht das siebte Gebot - Du sollst nicht stehlen!?"
Bob Richards' Ziel ist es, den seit 1942 stehenden Weltrekord (4,77 Meter) seines Vorbilds und Lehrers Warmerdam zu brechen. Warmerdam ist ihm bei diesem Bemühen ohne Konkurrenzneid behilflich und sucht ständig durch kleine Variationen Bobs Sprungtechnik zu verbessern. Dessen Hauptproblem ist es, einen möglichst hohen Griffpunkt an der Sprungstange zu finden, da die Sprunghöhe hauptsächlich von der Fähigkeit des Hochgreifens abhängt.
Bobs relativ kurze Körperstatur ist dabei ein ernsthaftes Handicap: wenn er die Stange zu hoch greift, kann er sie beim Ansatz nicht senkrecht in das Standloch stoßen, und der "Aufstieg" mißlingt. Bob und sein Lehrmeister sind zufrieden, wenn ein Jahr harter Arbeit ihn seinem Ziel um fünf bis acht Zentimeter näher bringt. Nach Bobs Berechnungen müßte er spätestens 1953 den Weltrekord seines Vorgängers turnusgemäß schlagen.
Bob Richards arbeitet mit einer speziellen Stahlrohrstange, die in seinen Augen den üblichen Bambus-, Aluminium- oder Glasstangen überlegen ist. Diese überdimensionierte Stange verursacht ihm häufig Ungelegenheiten. Manche Fluglinien wollen ihn nicht befördern, und die meisten Taxichauffeure haben eine begreifliche Antipathie gegen die "unterernährte Telegraphenstange".
"Was Amerika braucht", meint der springende Vikar, "ist eine moralische Renaissance und eine auf Schirmgröße zusammenklappbare Stabsprungstange".

DER SPIEGEL 29/1952
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