30.07.1952

KOHLE-CHEMIESiegeszug der Erdölmänner

Die Entflechter an Rhein und Ruhr sind jetzt dabei, den Montanbesitz des alten Friedrich Flick, der zurückgezogen in Meererbusch am Niederrhein zwischen Krefeld und Düsseldorf lebt, auszuschlachten. Friedrich Flick hat nichts Gutes zu erwarten, seit sieben Jahren steht er auf der A-Liste des Entflechter-Gesetzes Nr. 27.
Flick wird sich von seinem Kohlenbesitz trennen müssen. Das ist kein Pappenstiel, denn die Flick-Gruppe besitzt 60 Prozent der Anteile an der Harpener Bergbau AG (70 Mill. RM Aktienkapital), und Harpen wiederum besitzt das gesamte Aktienkapital der Essener Steinkohlenbergwerke AG (72 Mill. RM Aktienkapital.)
Dieser tiefe Einschnitt in die Ruhrkohle wirft die Frage nach den Aussichten der Steinkohle auf. Und die sind in letzter Zeit düster geworden. Denn die alte Steinkohle muß sich für einen weltweiten Waffengang mit dem jungen Erdöl bereit machen. Jetzt erst offenbart sich eine Folge der alliierten Entflechtung in letzter
Klarheit. In lose Haufen aufgesplittert, muß die Steinkohle gegen die Weltmacht Öl antreten.
Westdeutschlands Steinkohle ist ein teurer Schatz: die mittlere Teufe des Ruhrgebiets beträgt 756 m. In etwa einem Menschenalter wird die Steinkohle aus einer mittleren Teufe von 1000 m heraufgeholt werden müssen. Damit steigen die Gestehungskosten ständig.
Das große Handicap der Ruhrkohle liegt in dem hohen Anteil, den die Arbeitskosten ausmachen. Sie betragen im
* Steinkohlenbergbau 61 Prozent, bei den
* Eisenhütten 31 Prozent und in den
* Kokereien aber nur 5 Prozent.
So sucht der Bergbau von alters her einen Ausgleich seiner hohen Arbeitskosten über den Verbund mit einer Kokerei, also über die Kohleveredelung. Das ist leichter gesagt als getan.
Denn es tauchen jetzt zwei Marktschranken auf: wenn unter herkömmlicher Kohleveredelung die Nebenproduktenverwertung aus der Teerdestillation verstanden wird, dann steht das Teeraufkommen im engsten Zusammenhang mit der Kokserzeugung. Denn Teer fällt bei der Kokserzeugung an. Koks ist aber kein Ding an sich: sein Absatz steht und fällt mit dem Bedarf seines Hauptverbrauchers, der Eisenhütten.
Noch eine andere Überlegung kommt hinzu: nach dem Weltkrieg I hat Deutschland die Acetylen-Chemie entwickelt. Als zu den Kunststoffen noch die Buna-Synthese kam, erreichte die jährliche Karbiderzeugung in Deutschland 1 500 000 t. Aber zur Herstellung von einer Tonne Karbid gehören 3200 kWh Energie. Mit steigenden Preisen für Elektro-Energie aus Steinkohle wird Karbid also ein zu teurer Baustein der Kohlechemie.
Die nüchternen Planer an der Ruhr - nicht die Veitstänzer aus den Börsensälen - sind sich völlig darüber im klaren, daß die alte Acetylen-Chemie der Kohle der kommenden Erdölchemie wird weichen müssen.
Denn kostenmäßig ist zwischen dem Erdöl und der Steinkohle ein Unterschied wie Tag und Nacht. Je mehr der Ruhrbergbau nach Norden hin zur Lippe wandert, desto tiefer lagert die Kohle. In Mittelost jedoch strömt das Rohöl eruptiv aus der Erde. Das ist billiger. Das wird die große Konkurrenz für die Veredelung der Ruhrkohle.
Bei der Treibstoff-Synthese aus Kohle fällt ein Nebenprodukt an, das sogenannte Paraffingatsch, das für die chemische Weiterverarbeitung außerordentlich interessant ist. Denn es war schon vor dem Weltkrieg II gelungen, aus diesem Gatsch synthetische Fettsäuren herzustellen. Jahrelang haben die Deutschen Fettsäure-Werke in Witten/Ruhr großtechnisch daraus synthetische Fettsäuren erzeugt. Schließlich gelang es Arthur und Karl-Heinz Imhausen in einem großartigen Wurf, das erste synthetische Nahrungsmittel der Welt herzustellen: Fett aus Kohle.
Dieses streichfertige, butterähnliche Fett, das unbegrenzt lagerfähig ist, wurde nach jahrelangen Versuchen vom damaligen Reichsgesundheitsamt freigegeben: das Afrika-Korps und die deutschen U-Boot-Besatzungen haben es gegessen.
Heute aber erlebt die Handelswelt das Ende des Fett-Booms. Da man sich in Deutschland nicht zu einer gediegenen Marktforschung aufschwingen kann, wurde man vom Überangebot an Naturfetten auf dem Weltmarkt überrascht, und angesichts dieses katastrophalen Preisverfalls für Naturfette hat die deutsche Fettsynthese allenfalls noch ein theoretisch wissenschaftliches Interesse. Der verheerende Preiskampf der Naturfette unter sich auf dem Margarine-Sektor zeigt, daß für Fett aus Kohle wenig Chancen bleiben.
Auch in der bundesdeutschen Seifenindustrie kämpfen heute 500 Fabriken einen verzweifelten Existenzkampf untereinander. Über diese kapazitätsmäßig völlig überdimensionierte Branche ist das Ende des Fett-Booms wie ein Strafgericht hereingebrochen. Und dazu kommt verschärfend jetzt noch der innere Manngegen-Mann-Kampf
der Seifenpulver gegen die synthetischen Waschpulver.
Auch die Textilflaute hat zu erschreckenden Einbrüchen in die Kohle-Großchemie geführt. Allein der Preissturz für Rohwolle auf dem Weltmarkt war so stark, daß er bis in die Nähe des Zellwollpreises sank. Es kam zu einem Preiskampf zwischen der Schafwolle und der Zellwolle, wobei die deutschen Chemiefaserwerke ihre Preise bis auf die reinen Gestehungskosten senken mußten.
Läuft nun ein Chemiefaserbetrieb im Verbund mit einem Großchemiewerk, dann können in Krisenzeiten starke Abteilungen - wie die für Arzneimittel - die unrentable Kunstseide oder Zellwolle mit durchziehen. Wer aber nur auf einem Bein steht wie der Hamburger Phrix-Konzern, der schwankt im Krisensturm, und die Großbanken müssen ihn schließlich stützen.
Als Deutschland noch das Weltmonopol für Teerfarben auf der Kohlebasis besaß, konnte es im Windschatten seiner Farbengewinne mühelos seine Chemiefasern, die Farbphotographie oder die Treibstoff-Synthese entwickeln. Heute ist die Farbe selbst notleidend geworden, weil die übersetzte Textilindustrie nur noch einen Bruchteil an Farben abnimmt*).
Wer aber die Traktate von Kohlechemikern liest, muß immer noch glauben, ihnen gehöre morgen die ganze Welt. In den Glanztagen der IG haben sie nie die rauhe Luft umkämpfter Märkte kennen gelernt. Aber allein die Gummipflanzer haben die Buna-Männer schnell in ihre Schranken verwiesen. Auf dem Kautschuk-Sektor wurde die Überproduktion an Naturgummi bisher doch nur durch die Vorrats-Käufe der Amerikaner verdeckt. Jetzt ist der Absatz für Buna schon schwieriger geworden.
Natürlich hat die Kohlechemie auch heitere Seiten: Benzol, Phenol, Napthalin oder gar Schwefel werden heute noch per
Telefon über den Schreibtisch verkauft. Entscheidend bleibt aber die Auseinandersetzung mit der Erdölchemie. Nur dem Ungeschick Persiens verdankt es die Ruhrkohle, wenn der Einbruch des Erdöls ins Revier bis heute nicht tiefer war.
Es galt lange als ein tiefes Geheimnis. warum die nach dem Bergius-Verfahren arbeitenden Hydrier-Werke Westdeutschlands plötzlich von den Alliierten ein Produktions-Permit bekamen. Es läßt sich heute denken: weil die Hydrier-Werke der Ruhr jetzt für die Aufbereitung von ausländischem Rohöl eingesetzt werden. In einer instruktiven Monographie über das Erdöl als flüssige Energie, die Dr. Sven von Müller von der Esso mit einem Nachwort versehen hat, steht es ganz deutlich.
"Auch nach der Aufhebung der Industriebeschränkungen wird man diese Werke wegen der hohen, einen rentablen Betrieb ausschließenden Kohlenpreise und wegen der Kohlenknappheit nicht wieder auf die Kohleverflüssigung umstellen:"
Der Einbruch des Erdöls ins Ruhrrevier war deswegen bisher noch nicht heftiger zu spüren, weil der Weltölmarkt erst einmal 30 Millionen t Ölausfall in Persien verkraften mußte.
Solche kleinen Rückschläge hemmen aber nicht den Siegeszug der Erdölmänner:
* 50 Prozent des amerikanischen Waschmittelmarktes beherrschen bereits die synthetischen Waschmittel aus der Erdölreihe,
* 70 Prozent der amerikanischen Spriterzeugung (500 000 t p. a.) stammen bereits aus der Erdölchemie,
* 1962 wird die Hälfte aller US-Chemikalien aus der Erdölchemie stammen,
* England hat sich voll der Erdölchemie angenommen: 1938 = 100 steht der Produktionsindex der britischen chemischen Industrie jetzt auf 245. In Westdeutschland nur bei 156.
Das wird auch in der Bundesrepublik einen harten Kampf geben: die Genesungskompanie der entflochtenen Kohlechemie-Invaliden gegen die Weltmacht Öl.
*) Um welche Größenordnungen es sich dabei handelt, ist daran zu erkennen, daß 1951 die in die Textilindustrie fließenden Chemieprodukte 1,8 Milliarden DM ausmachten.

DER SPIEGEL 31/1952
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KOHLE-CHEMIE:
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