06.08.1952

ARGENTINIENEvitas Legende

Dieses Jahrhundert wird nicht als das Zeitalter der Atomenergie in die Geschichte eingehen, sondern als das Jahrhundert des triumphierenden Feminismus.
(Eva Perón)
Der triumphierende Feminismus erlebte in der letzten Woche in Argentinien, dem Land der traditionell kurzgehaltenen Hausfrauen, den spektakulärsten Triumph. La Presidenta, die mächtigste Frau in der Geschichte Süd-Amerikas, die glühendste Verfechterin der gleichen Rechte für die Armen, die Schwachen und die Frauen, war tot. Aber die überschwenglichen Argentinier trauerten um die verstorbene Gattin des Präsidenten Perón mit einer Inbrunst, die sonst nur Heiligen zuteil wird. Evita wird weiterleben, gelobten sie, und ihr Geist wird herrschen, mächtiger denn je zuvor. Kaum vom Tode bezwungen, wurde Evita zur legendären Heiligen.
In endlosen Strömen wallfahrten Delegationen der Gewerkschaften (deren Chefin sie war) und der mächtigen Perónisten-Partei nach dem Goldenen Salon des Bonarenser Arbeitsministeriums (das ihr unterstand), wo der tote "Kamerad Evita" in einem mit schwarzem Krepp ausgeschlagenen Sarg aufgebahrt lag. Echte Trauer bewegte die Massen und ihre Treue-Demonstrationen waren gewaltiger als die (oft inszenierten) zu Evas Lebzeiten.
Während in den Kirchen Messen gelesen wurden, beschlossen die verwaisten Gewerkschaftler, ihre Treue zu Evita nicht nur in Gebeten zu beweisen. Sie verpflichteten sich, für alle Zukunft bei Sonnenuntergang einen Kranz an Evas Grab niederzulegen. Weniger spontan freiwillig werden auf Anordnung der Gewerkschaften die sechs Millionen Gewerkschaftler einen Tageslohn in den Fonds für das von Eva für Eva entworfene Mausoleum*) fließen lassen.
Im Kongreß hielten sich die Nachrufe der Abgeordneten auf pathetischen Höhen. Sagte ein Senator: "Evita vereinigte nicht nur die besten Tugenden einer Katharina der Großen von Rußland, einer Elizabeth I. von England, einer Jungfrau von Orléans und einer Isabella von Kastilien in sich, sie hat diese Tugenden bis ins Unendliche gesteigert."
Eva Perón gab in ihrem autobiographischen Selbstzeugnis "Der Sinn meines Lebens" eine andere Einschätzung von sich selbst. Da schrieb sie: "Ich war und bin nicht mehr als ein Sperling ... und er (Perón) war und ist der gewaltige Adler, der hoch und sicher in der Nähe Gottes fliegt." Zwischen den gutgemeinten Übertreibungen des Senators und den unbescheidenen Untertreibungen Evitas liegt die echte Bedeutung Eva Peróns. Die Rolle, die sie im politischen Leben Argentiniens spielte (und als mythische Heilige weiterspielen wird), gibt wesentliche Einblicke in den Mechanismus der Perónschen Staatsmaschine und die Kräfte, die sie treiben.
Zwei dynamische Motive drängten die mäßig erfolgreiche Schauspielerin und Rundfunksprecherin Maria Eva Duarte in ihre Lebensrolle: der fanatische Wunsch der Tochter eines verelendeten Landarbeiters um Respektabilität und Aufstieg
in die bessere Welt und das tragische Ringen der kinderlosen Eva um Anerkennung als Frau und Mutter.
Beide Motive wirkten zusammen und fanden ihre Erfüllung in "Eva Perón, der Gattin des Präsidenten, deren Aufgabe es ist, Feste zu feiern, Ehrungen entgegenzunehmen und zu repräsentieren" und in "Evita, der Mutter aller Armen und Schwachen". (Das schrieb sie im "Sinn meines Lebens".)
Die Armen und die Schwachen waren die organisierten und unorganisierten Elendsgenossen eines großen, ausgebeuteten Land- und Stadt-Proletariats. (Evita gab ihnen den Ehrennamen "los descamisados", die Hemdlosen.) Von einer feudalen (auf den fruchtbaren Weiten des Landes) und kapitalistischen (in den aufstrebenden Großstädten) Gesellschaftsordnung unterdrückt, suchten sie nach einem befreienden Führer.
Die Hoffnungen der "descamisados" konzentrierten sich nach dem Ende des zweiten Weltkrieges auf den damaligen Obersten Juan Perón, Vizepräsidenten, Kriegs- und Arbeitsminister im Kabinett des Militärputschers Farrell. Perón träumte von Macht in einem Staat, in dem die soziale Gerechtigkeit verwirklicht ist (seine gänzlich undoktrinäre Sozialphilosophie nannte er später Justizialismus). Sein Lieblingsschlagwort: "Die für den Staat wichtigsten Dinge sind soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Unabhängigkeit und politische Souveränität." Gewerkschaftsfreundliche Maßnahmen hatten ihm den Namen der "sozialistische Oberst" eingebracht.
Die ehrgeizige Eva und der nicht minder ehrgeizige Juan Perón schwenkten 1945 frisch vermählt auf den gemeinsamen Weg zur Macht ein. Sie verkuppelten ihren Ehrgeiz und ihre Ideale mit der potentiellen Kraft der aufbegehrenden Massen. Ein Jahr später von den descamisados und den Frauen, denen Evita später das Wahlrecht
und die Gleichberechtigung erkämpfte, gewählt, machten sie die ehemals Entrechteten zur Stütze ihres Staates.
Das Hauptproblem der Peróns war fortan, wie man das landesübliche Schicksal der vor ihnen en gros gestürzten Potentaten umgehen und die Massen bei der Stange halten könne. Der wenig entschlußfreudige, kompromißlerische Juan, der es durch eine zu gewerkschaftsfreundliche Politik nicht mit den Militärs und den Industriellen verderben wollte, hätte das Problem wahrscheinlich nicht gelöst, wenn seine Gattin nicht die Begeisterung der descamisados mit Erfolg am Glühen gehalten hätte. Als Chefin der Gewerkschaften (C. G. T., Confederación del Trabajo) und des weiblichen Flügels der Perónisten-Partei wurde sie die wahre Führerin der Massen.
Viel stärker als Perón prägte sie das Gesicht des neuen Argentinien. Es war, wie fast immer in der Geschichte Argentiniens ein Regime des "starken Mannes", mit dem einzigen Unterschied, daß der "starke Mann" eine Frau war. Das Regime der Peróns unterscheidet sich wesentlich von den freizügigen Demokratien, etwa der Nordamerikas (das jetzt auch einen starken Mann sucht), aber es ist auch nicht vergleichbar mit den modernen Diktaturen Eurasiens. Es kennt keine Ideologien und Massenverfolgungen. Es ist eine sanftere, "feminine" Diktatur, in der bis jetzt Evitas Liebe und Haß die entscheidenden Faktoren waren.
Das von Eva zwar nicht erfundene, aber mit erschütterndem Erfolg angewandte Rezept, die Massen "treu" zu halten: sie zwang den Arbeitgebern Lohnerhöhungen auf, die die Wirtschaftsstruktur des Landes erschüttern mußten. Bei den Gewerkschaftlern wurde es bald zur Binsenweisheit, daß man nur "einmal bei Evita vorbeischauen müsse", um irgendwelche Forderungen durchzudrücken.
Die heutige wirtschaftliche Misere Argentiniens ist die Folge von Evas "mütterlich" großzügiger Sozialpolitik und Peróns überdimensionierten Experimenten, das Agrarland Argentinien über Nacht in eine Industrie-Nation zu verwandeln.
Schon in den Jahren 1949 bis 1951 ging der Fleisch-Export Argentiniens von 497 000 Tonnen auf 278 000 Tonnen zurück. Heute müssen die Einwohner der einstigen "Fleischkammer der Welt" nach einem Pfund Fleisch Schlange stehen. Drei fleischlose Tage in der Woche wurden offiziell eingeführt. Dieselbe Kalamität zeigt sich in der Weizenproduktion des Landes. Früher gehörte Argentinien zu den bedeutendsten Weizen-Exporteuren der Welt. In diesem Jahr wird (auch durch die lange Dürre bedingt) Argentinien höchstwahrscheinlich zum ersten Male seit Jahrzehnten keinen Weizen exportieren können.
Dazu kommt, daß die Preise für viele andere lebenswichtige Konsumgüter unwahrscheinlich in die Höhe geschnellt sind. Kleine Kramladen-Besitzer holen abends aus ihrer Kasse 1000-Peso-Scheine, die sie früher nie in die Hand bekommen haben. Die Regierung selbst hat eine Erhöhung der Lebenshaltungskosten um 455 Prozent zugegeben.
Typisch für die "femininen" Züge des Perón-Regimes sind auch die grotesken Wohlfahrtsexperimente. Im Rahmen dieser Programme werden Kinder aus elenden Baracken und Hütten für zwei Wochen in den besten Hotels des bekannten Badeortes Mar del Plata untergebracht. Nach dem Ausflug ins Schlaraffenland müssen die Kinder wieder zurück in die Elendsquartiere.
Der Siegeslauf der mächtigen Evita geriet zum erstenmal ins Stocken, als sie 1951 ihrem Ehrgeiz eine letzte Chance geben und sich von den nun schon legendären Hemdlosen zum Vizepräsidenten wählen lassen wollte. Die Militärs, die sich mit der politischen Frau nie ganz aussöhnen konnten, traten in Aktion. Sie schreckten vor dem Gedanken zurück, daß Evita im Falle eines Ablebens Peróns zum Präsidenten und damit zum Obersten Befehlshaber der Streitkräfte aufrücken werde.
Nach dieser ersten Niederlage des sieghaften Feminismus am Widerstand soldatischer Männlichkeit begann auch die in mörderischer Tag- und Nachtarbeit überstrapazierte Natur gegen die politische Aktivität Evitas zu revoltieren. Sie leide unter "akuter Anämie" und "Schwächeanfällen" verlauteten die ersten offiziellen Bulletins. Als sie im November von einem nordamerikanischen Krebsspezialisten operiert wurde, gingen Gerüchte von ihrem Krebsleiden um.
Evita schien zu erkennen, daß ihr irdischer Triumphzug seinem Ende entgegenlaufe, und sie begann für den Nachruhm zu sorgen. Tagelang brütete sie über Konstruktionen für ihr eigenes Mausoleum. Vor dem argentinischen Volk schluchzte sie: "Ich habe meine Gesundheit für Euch geopfert." Aber: "Lange nach meinem leiblichen Hinscheiden werde ich durch dieses Monument als eine beherrschende Macht in Argentinien fortleben."
Auf einer Welle echter nationaler Erschütterung wuchsen die Fundamente für die Evita-Legende. Selbst ihre größten Feinde beteten für ihre Genesung. "Eine lebende Evita wird durch ihren fanatischen Ehrgeiz sich und Perón selbst zu Fall bringen", kalkulierten sie.
Die ersten Produkte des Evita-Kultes:
* in feierlicher Sitzung beschloß das Parlament, Evita mit dem Ehrentitel "Geistige Führerin der Nation" auszuzeichnen und ihr Buch "Der Sinn meines Lebens" als Pflichtlesebuch in den Schulen des Landes einzuführen.
* Städte, Dörfer, Straßen, Schulen, Bibliotheken und ein neuentdeckter Planet wurden auf den Namen "Evita" getauft.
* Die in Argentinien ansässigen Libanesen eröffneten eine Sammlung für ein in Beirut zu errichtendes Denkmal, das Evita in Gestalt eines segnenden Engels darstellen soll.
* In den Urwaldbergen von Missiones wird ihr Profil in Stein gemeißelt, und Mittelpunkt einer Ausstellung argentinischer Künstler in Buenos Aires ist ein Evita-Madonnenbild mit Heiligenschein.
* Kurz vor ihrem Tod wurde ihr der höchste Orden, "der Orden des Befreiers General San Martin" verliehen*).
Die tote Eva hatte letzte Woche Argentinien in ihrer Gewalt. Sie wird als National-Heilige die Massen, die in den vergangenen Monaten der Austerity von Perón abzubröckeln schienen, fester denn je an das Regime ihres Gatten binden. Trotzdem wird Perón den Triumph des sieghaften Feminismus übertrumpfen müssen. Denn Heilige werden in Argentinien nicht sehr alt.
*) Eva Perón wird vorläufig in dem Gewerkschaftspalast in Buenos Aires beigesetzt werden. In zwei Jahren hofft man, das Evita-Mausoleum fertiggestellt zu haben Für seinen Bau werden mehr als 1 250 000 Dollar veranschlagt.
*) Der Orden wurde seit seiner Stiftung im Jahre 1946 nur dreimal, an zwei Präsidenten und eine Königin verliehen.

DER SPIEGEL 32/1952
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