03.09.1952

ROBOTERIch hab' kein Herz

Braven Zürcher Bürgern blieb ihr Schwyzerdütsch im Halse stecken. Am hellichten Tage marschierte ein männlicher Nackedei von 2,50 Meter Marsmenschengröße ganz ungeniert durch die Bahnhofstraße und tätigte Einkäufe, mit metallisch klapperndem Gebiß.
Das war 1945. Inzwischen haben sich die Eidgenossen wieder beruhigt und langsam an das Bastler-Hobby des einundvierzigjährigen St. Gallener Weberei - Besitzers August Huber gewöhnt. Huber ließ seinen "Sabor", den "ersten ferngesteuerten künstlichen Menschen", häufig auch in St. Gallen mit einem Netz am Arm und dem nötigen Kleingeld in der Metallpranke Brot und Aufschnitt holen. Es hatte oft genug geklappt, um Sabor endlich der Öffentlichkeit präsentieren zu können.
Vorerst aber blieb der Webersche Roboter den interessierten Wissenschaftlern vorbehalten. Jetzt war Sabor einige Tage in Deutschland eingesetzt. Er sollte Geld verdienen.
Als Hauptattraktion wurde er der eigens um ihn herum aufgebauten Metropolis-Schau, Hamburg, einverleibt. Doch erwies sich Sabors Publikumsmagnetismus auf wissenschaftlich unvorbelastete Zuschauer als zu schwach. Nach dem Start in Hamburgs Ernst - Merck - Halle und einem Abend - Abstecher nach Kiel waren die Metropolis - Schau - Kassen bereits so leer, daß Sabor sein Geld jetzt vor dem Arbeitsrichter in Hamburg einklagen muß. Am 4. September wird sein artistischer Fall mit der Metropolis-Schau dort verhandelt werden.
Sabor gehorchte dem Willen seines Herrn ohnehin mit einigen Klagen, die er allabendlich von der Bühne her mit scheppernden Metall - Lippen von sich gab. Seine Hauptklagen:
* "Ich bin von einem Menschen erschaffen und muß dem Menschen auch gehorchen."
* "Mein wunder Punkt: Ich hab' kein Herz."
Äußerlich gleicht der Roboter Sabor einem Weltraum-Geschöpf, wie man es sich in den zwanziger Jahren vorstellte: Ein Koloß aus silberbronziertem Metall mit einem relativ kleinen Kopf, an dessen beiden Seiten etwa 30 Zentimeter lange Antennen waagerecht wie Weltraumfühler abstehen.
Antennen und Hörmuscheln sind die einzigen "Gefühlsorgane" des Roboters. Über die Antennen empfängt er die Befehle seines Herrn, mit den Hörmuscheln nimmt er wahr, was um ihn vorgeht. Über Mikrophone und einen im Kopf untergebrachten Kurzwellensender übermittelt Sabor seine Hör-Wahrnehmungen sofort an seinen im "Befehlsstand" sitzenden Meister.
Sabors Innenleben spielt sich ferngelenkt in den Windungen von 2500 Meter Kabeldraht ab. Daran hängen als menschenähnliche Ersatz-Organe:
* 8 Elektro-Motoren,
* 68 Relais,
* 92 Kontroll-Lampen,
* einige hundert Kontakte und Federn,
* 4 Batterien zu je 4 Volt.
Wo bei den Menschen der Magen sitzt, hat Sabor die Wählscheibe eines Telefons, ein Kontrollgerät. Vor einer zweiten, wichtigeren
Wählscheibe sitzt der Ingenieur Paul Watensperger, 29, aus Basel. Er ist der von dem Erfinder August Huber beauftragte Kommandant des Maschinenmenschen.
Paul Watensperger kommandiert Sabor von einem kaum handkoffergroßen Sender aus. Nach dem System des Fernsprech-Selbstwählbetriebs werden mittels einer von 1 bis 0 gehenden Wählscheibe Stromstöße erzeugt, die über Kurzwelle an Sabor übermittelt, von ihm in einer Haustelefonzentrale - untergebracht im Brustkorb - aufgenommen werden und über ein Relais-System die derart befohlenen Reaktionen des Roboters auslösen.
Dabei lassen sich theoretisch 24 Bewegungsmöglichkeiten miteinander kompinieren. Praktisch sind meist nur Kombinationen von drei oder vier Grundbewegungen notwendig. Sabors Grundbewegungen kommen den Elementarbewegungen des Menschen recht nahe. Er kann
* vor und zurück gehen,
* seitwärts gehen,
* die Arme heben,
* die Arme beugen,
* den Kopf drehen,
* mit dem Kopf nicken,
* die Lippen bewegen.
Nur Stufen machen Sabor noch ernstlich Sorgen: er hat keine Knie. Und statt Schuhsohlen hat er unter den offenen Füßen je drei kleine Räder, eines in der Fußspitze und zwei in den Hacken, obwohl Sabor nicht rollt, sondern läuft. Die Räder gleichen das Fehlen der Kniegelenke aus.
Die Metropolis-Schau-Reklame kündigte Sabor als "ersten Roboter. der sich ... ohne unmittelbare menschliche Begleitung fortbewegen kann", an. Seine Marschgeschwindigkeit
liegt bei 2,5 Kilometer in der Stunde.
Wenn Sabor spricht, bewegt sich zwar sein Mund im Sprachrhythmus, doch Sabors Stimme ist die Stimme seines Herrn, die aus einem Kurzwellen-Lautsprecher im Leib-Innern des Roboters kommt. Der Lautsprecher ist über Relais mit dem Bewegungsmechanismus der Lippen gekoppelt Auf die Stromstöße der Konsonanten reagiert das Klappsystem der Lippen.
Solche Effekte sind für Schaustellungszwecke nötig. Sabor kann zum Beispiel auch
* mit den Augenlidern blinzeln,
* einen Revolver abfeuern,
* Feuer anbieten und schließlich
* rauchen.
Der Roboter raucht allerdings auf seltsame Art. Er führt zwar mit der Hand die Zigarette zum Mund und bläst den Rauch wie ein Genießer aus der Nase, doch saugt er in Wirklichkeit den Rauch - was jedoch niemand sieht - aus der Hand durch den Arm in die Nase und bläst ihn so wieder aus.
Für das Publikum arbeitet auch Sabors zweiter Reisebegleiter, der Magier und Conférencier Bobby Lugano, 34, aus Wien. Er hat - wie er selbst sagt - "Sabor auf mystisch zu servieren". Er benutzt ihn - mit Paul Watensperger hinter den Kulissen - als Medium für telepathische Experimente.
All das soll helfen, Sabors zweite Hälfte zu finanzieren. Auf dem Papier ist sie fertig: Sabine, die künstliche Seiltänzerin.
Weberei-Chef August Huber, Finanzier und Besitzer Sabors und zukünftiger Vater auch der Sabine, ist von Haus aus Ingenieur und Besitzer eines gut florierenden Textil-Betriebes. Huber hat schon vor dem zweiten Weltkrieg künstliche Menschen gebastelt.
Sabine soll einen weiteren Fortschritt darstellen. Schwebt Sabor noch ständig in Gefahr, auf die Seite zu kippen, so wird Sabine den Menschen auch noch im Gleichgewichtssinn ähneln. Sie soll schließlich auf einem Einrad über ein Drahtseil fahren.
Dieses Gleichgewichtsproblem wird nach dem Kreiselprinzip gelöst werden. Das macht Sabine zum teuren Wesen. Schon Sabor kostete 30 000 DM.
Sabor-Begleiter Lugano gibt zu: "Einen wirklich praktischen Wert hat dieser Roboter nicht." Immerhin entwickelt der Roboter eine Kraft von 70 kg/m Hebe- und 150 kg/m Schiebeleistung.
Um Unfällen vorzubeugen, bekam Sabor an den Seiten drei Druckknöpfe verpaßt. "Falls mal die Fernsteuerung irgendwie aussetzt. Ein Druck auf die Knöpfe bringt Sabor zum Stehen."
Fragt sich nur: Wer drückt auf die Knöpfe? Denn Sabor kann auf 15 Kilometer von seinem Befehlsstand entfernt noch ferngesteuert werden.
"Damit gehört Sabor in die Gruppe jener Roboter", will Paul Watensperger wissen, "die in Amerika in Atomwerken eingesetzt sind. Dort, wo in Atomwerken die Gesundheit von Menschen gefährdet ist, werden seit kurzem ferngelenkte Roboter eingesetzt."
Was Sabor und Sabine anbetrifft, so glaubt Lugano: "In fünfzig Jahren wird ein Roboter anders aussehen."
Sabor ist sich seines Embryonal-Zustandes offenbar bewußt, da er auf der Bühne mit der von Watensperger über Kurzwelle ausgeliehenen Stimme und vokalem Blechlippengeklapper deklamiert: "Bin für mein Alter sehr gescheit, will aber fleißig weiterstreben."

DER SPIEGEL 36/1952
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