20.08.1952

TURFOtto soll's gewesen sein

Wenn in der letzten August-Woche Baden-Badens "Große Woche" beginnt, wird Otto Schmidt, mit über 2200 Siegen Deutschlands erfolgreichster Rennreiter, sein Demissionsschreiben vom Gestüt Erlenhof erhalten.
"Dort in Baden-Baden wird ja schon seit Jahrzehnten auf- oder abgesessen", begründen Turfexperten den Zeitpunkt und denken an die auf Baden-Iffezheims schattigem Sattelplatz zwischen Rennstallbesitzern, deren Trainern und Jockeis tradition-gewordenen Engagements - Wechselgespräche.
Für Otto Schmidts Abtreten vom Turfrasen gibt es zwei Versionen:
* Er hört zu reiten auf, weil er wieder ein reicher Mann geworden ist.
* Er geht, weil er mit Trainer Adrian von Borcke nicht mehr länger arbeiten kann
Denn seit das derzeitige Paradestück der deutschen Vollblutzucht, Gestüt Erlenhofs fünfjähriger Hengst und Derby-Sieger "Niederländer", von seinem England-Trip aus den berühmten "King George VI. and Queen Elizabeths Stakes" in Ascot nicht als ruhmbekränzter Sieger, sondern als Schmuckstück der Rubrik "Ferner liefen" via airway in die heimischen Gefilde zurück kam, ist zwischen Erlenhof-Trainer Adrian von Borcke und Stalljockey Otto Schmidt ein kalter Krieg ausgebrochen.
Aufschluß über das leidige Verhältnis zwischen Trainer und Jockey gab eine in der Fachzeitung "Sport-Welt" erschienene Leserzuschrift. Ihr 48jähriger Autor Adrian von Borcke hatte sich für den aufklärenden Einspalter über die Niederlage seines Pferdes "Niederländer" in Englands wertvollstem Rennen den sinnvollen Titel "Eine sachliche Darstellung" erdacht.
Danach verdankte Multimillionär Aga Khan am 19. Juli 1952 den Sieg seines Pferdes "Tulyar" im 23 501-Pfund-Sterling-Rennen (300 000 DM) auf Ascots königlichem Rasen dieser Borcke - Beobachtung: "... Otto Schmidt nahm "Niederländer" vom dritten, vierten Platz nicht zurück, sondern zog ihn zurück ... vollkommen verpullend, wie man ein schwer niedergebrochenes Pferd versucht, durchs ganze Feld anzuhalten ... Warum Otto Schmidt im entscheidenden Moment, trotzdem er außen lag, so restlos die Nerven verlor, wird mir unverständlich bleiben ..."
Solch heftige Redensarten waren seit langem nicht durch die hippologischen Monopolrotationen von Kurt Stoofs Deutschem Sportverlag in Köln gelaufen. Noch nie hatte ein Trainer öffentlich seinen Jockey - ob berechtigt oder unberechtigt - derart grober Fahrlässigkeit bezichtigt.
Otto Schmidts Jockey-Kollegen waren empört, weil Otto die ganze Schuld an "Niederländers" Niederlage zugeschoben wurde: "Der Borcke weiß gar nicht, wer "Tulyar" eigentlich ist. Der bürstet seinen "Niederländer" noch nach zehn Deckperioden ab. Jetzt soll Otto es gewesen sein!".
Sehr zu ihrer Genugtuung war dann jedoch schon in der nächsten Ausgabe der "Sport-Welt" in derselben Leserbriefspalte von einem Dr. Paul Koch zu lesen: "Es dürfte wohl kaum jemand in Deutschland zu finden gewesen sein (außer Herrn von Borcke), der dem Pferd "Niederländer" vor seinem Start in England eine ernsthafte Siegchance gegeben hatte ...
"Herr von Borcke vergißt, daß seinem Pferde in England die Elite Europas entgegengetreten ist. Es ist sehr einfach, nach verlorenem Rennen dem Reiter die Schuld zu geben, aber es ist nicht gerade fair,
dies bei einem verdienten Jockey wie es Otto Schmidt ist, in der Form des Herrn von Borcke zu tun ...".
Selbst alte Freunde des einstigen Karlshorster Herrenreiters waren sich einig, daß dem alten "Otto-Otto" hier zu nahe getreten worden war.
Rund vier Jahrzehnte hat "Otto" in der Statistik immer an erster Stelle oder zumindest in der Spitzengruppe gestanden, allein sieben Derby-Siege geritten (worin er nur von dem Blau-Band Spezialisten Gerhard Streit übertroffen wird) und stets als Musterknabe und Präsentierstück für Fleiß, Sauberkeit und Pflichtgefühl gegolten.
In seiner Glanzzeit konnte er "selbst für ein lumpiges fünftes Platzgeld" Finish reiten, als ob ein Goldpokal zu gewinnen sei, was nicht nur den um das kommerzielle Wohlergehen ihres Rennstalles besorgten Besitzern, sondern mehr noch den begeisterungsfähigen Berlinern gefiel.
In Berlin war "Otto" glänzendes Idol aller Turfleute und eine der populärsten Figuren im Sportbctrieb der Vorkriegsjahre. Wenn er in Grunewald oder später in Hoppegarten oder Karlshorst in den Endkampf kam, blieben auch die dicksten Rückgratenden auf den Tribünensitzen nicht ruhig, das "Otto-Otto"-Gebrüll war obligatorisch, nicht wegzudenken und meilenweit zu hören.
Daß er 1949 den Platz seiner größten Triumphe verließ und dem allgemeinen Westwandertrieb der Berliner Jockeys folgte, haben ihm viele allerdings übelgenommen. Damals hatte er ein Engagement an das in Dortmund etablierte Gestüt Erlenhof angenommen.
Schon einmal bestand die Verbindung zwischen Erlenhof-Besitzer Baron Thyssen, dessen Trainer Adrian von Borcke
und Otto Schmidt. 1942 hatte Otto das Glück gehabt, statt des erkrankten "Effendi" seines eigenen Stalles den Erlenhofer "Ticino" zum Derby-Sieg zu reiten, und als er zwei Jahre später auf dem inzwischen in Amerika aufgetauchten "Nordlicht" ein weiteres Blaues Band für den Erlenhof herausholte, waren die Thyssenschen Sympathien für den "big old man" Otto Schmidt und für Trainer von Borcke weiter gestiegen.
So war es vor 1945. Heute aber drückt auf Trainer Adrian von Borckes Brust die Last des neuen "Sparkommissars" der August Thyssen Bank, Rotterdam, deren Aktionäre sich zusammen mit Baron Hans Heinrich von Thyssen heute in den über 40köpfigen Pferdebesitz des Erlenhof-Gestütes teilen. 1952 wurden sie durch keinen Derbysieg überrascht, statt dessen aber durch den teuren Flug des Cracks "Niederländer" nach England, über dessen Start die Fachleute schon vorher den Kopf geschüttelt hatten. Und es sind immerhin mindestens 200 000 DM, die Rennstall und Gestüt Erlenhof jährlich an Kosten verursachen und noch keine 100 000 DM, die die Rennpferde 1952 bisher auf dem grünen Rasen zusammengaloppiert haben.
Möglich auch, daß der konservativ-elegant gekleidete Adrian von Borcke seinem Jockey, den er vor drei Jahren nach langem Zureden wieder für Erlenhof zu reiten, von Berlin-Hoppegarten nach Dortmund gelotst hatte, ein Wort nicht vergessen kann, das dem Trainer schon von anderer Seite einmal unter die Nase gehalten wurde: "Herr von Borcke! Sie wissen gar nicht, was Sie in Ihrem Leben für ein Glück gehabt haben!"
Des "schönen Adrian" großes Glück begann 1933, als Moritz James "Mio" Oppenheimers "Mitteldeutsche Papierwerke" in Konkurs gerieten und damit zugleich auch die über 60 im Gestüt Erlenhof bei Bad Homburg vor der Höhe und in den Hoppegartener Stallungen stehenden Vollblüter listenmäßig in der Konkursmasse auftauchten.
Für nur einige hunderttausend Mark gelangten nahezu 400 Morgen Gestütsbesitz, Deckhengst "Laland", die von "Mio" Oppenheimer auf den Tip des Oppenheimer-Beraters, Pferde-Experte Dr. h. c. Gustav Rau, hin ausgesuchten edlen italienischen Mutterstuten und alles lebende und tote Inventar in den Besitz des nach Weltkrieg II verstorbenen Baron Dr. Heinrich von Thyssen-Bornemisza.
Trainer Fritz Fösten mußte dem jungen Adrian von Borcke weichen, in dessen Stall eines Tages mit einer zweijährigen Tochter der "Nella da Gubbio" ein Pferd trottete, das als spätere Derbysiegerin in Rekordzeit und ungeschlagene "Nereide" in Deutschlands Turfgeschichte eingegangen ist.
Seitdem ist die Erfolgsserie der Erlenhofer nur wenig unterbrochen worden. Es kam "Ticino", ein weiterer Derbysieger, von Otto Schmidt zu umjubelten Erfolgen geritten. Für mehr als 3000 DM pro Stute darf dieser Klassehengst und Vater von "Niederländer" und "Neckar" jedem zahlungsfähigen Züchter seine Vererbungsfähigkeiten beweisen.
Nie hat "Mio" Oppenheimer ihn laufen sehen, wie auch die von ihm gezogene "Nereide" nicht. M. J. Oppenheimer lebte damals, wie alle Rennstallbesitzer, die durch die Nürnberger Gesetze entrechtet worden waren, völlig zurückgezogen, und wurde eines Tages in einem Wiesbadener Hotelzimmer nach einem Gestapo-Besuch als "Selbstmörder" aufgefunden.
Er war dem Schicksal entgangen, das Otto Schmidt's Chef, der Geheime Regierungsrat Dr. Arthur von Weinberg, im Konzentrationslager Theresienstadt hatte erleiden müssen. Frankfurts Ehrenbürger
und Begründer des ruhmreichen Gestüts A. u. C. von Weinberg, das heute als Gestüt Waldfried von Adoptivtochter Mary Gräfin von Spreti weitergeführt wird, ist in einem Kellerloch des Lagers halbverhungert zum letztenmal von Leidensgenossen gesehen worden.
Manches, was über diesen millionenschweren und ob seiner Güte und Freundlichkeit weithin bekannten Turfmann zu sagen ist, liegt in bezug auf Otto Schmidt's bevorstehendem Abtreten als Rennreiter in der Version: "Otto ist wieder ein reicher Mann!"
Es ist nämlich auf Deutschlands Rennplätzen längst kein Geheimnis mehr: Seit die IG-Farben-Aktien wieder gehandelt werden, sind die Aktien-Bündel in Otto Schmidts Schreibtisch wieder sechsstellige DM-Beträge wert.
Für seinen Protegé Otto Schmidt ließ Arthur von Weinberg in Berlin-Neuenhagen eine Villa bauen und das Sonderkonto einrichten, auf dem allmonatlich das etwa 500-Mark-Gehalt nebst Sieggeldern und sonstigen Prämien in guten IG-Aktien verschwand. Was Otto für sich brauchte, zahlten ihm gern die anderen Besitzer, für die der damals umworbene Jockey ritt, wenn kein Weinberger Pferd in Berlin am Start war.
Otto's Nachkriegs-Start im Westen entbehrte der großen Beifallskundgebungen á la Berlin. Die alteingesessenen Lokalpatrioten in Düsseldorf, Köln, Krefeld oder Mühlheim klatschten Applaus, wenn ihre eigenen Leute wie Max Schmidt, Alfred Lommatzsch oder Jupp van der Vlugt die Zugewanderten aus Berlin im Finish "abbürsteten". Der alte "Otto-Otto"- Schlachtruf war im Tone merklich leiser geworden.
Otto Schmidt hatte graue Schläfen bekommen, aber, so fügten die Fachjournalisten optimistisch hinzu, er "ist weiterhin fit and well". 1950 und 1951 ritt er auf "Niederländer" und "Neckar" zwei weitere Derby-Siege für Erlenhof, aber schon im Frühjahr 1952 machte Trainer Adrian von Borcke Bemerkungen, daß "Otto alt geworden sei". Der erste größere Schock kam, als der große Crack "Niederländer" nach zwei überlegenen Siegen in Köln und Düsseldorf dann in Hamburg als heißer Favorit geschlagen wurde.
In dieser Zeit wurde die Expedition nach Ascot vorbereitet. "Niederländer" sollte in Englands reichdotiertem Rennen, in den "King George VI. und Queen Elizabeth Stakes", an den Start gehen. Während die englische Fachzeitung "Sporting Life" mehr aus Höflichkeit und der Vollständigkeit halber als aus Furcht vor dem deutschen Gegner Bilder und Beschreibungen von "Niederländer" brachte, erschien in den deutschen Zeitungen die Meldung, daß "Niederländer" in Ascot von Oskar Langner geritten würde. Auch in der offiziellen englischen Starterliste war "Lagner" - Druckfehler sind international - als Jockey angegeben.
Schon in Hamburg hatte Trainer Adrian von Borcke seine als diskret zu behandelnde Meinung durchsickern lassen, daß er "keinen alten Mann mit herübernehmen" wolle. Otto, dem diese Erklärung zugetragen wurde, reagierte entsprechend. Wenig später telegrafierte jedoch Erlenhof-Chef Baron Thyssen nach Dortmund, daß er als Reiter von "Niederländer" in England Otto Schmidt wünsche.
Also reiste Otto per Flugzeug vom Flughafen Düsseldorf-Lohausen aus. Außer "Niederländer" und dessen Begleitpferd "Fuchstanz" flogen Adrian von Borcke, Otto Schmidt und als Dolmetscher der Neußer Vereinssekretär Harald von Gustedt mit. Die Zeitungen schrieben über die Expedition sehr zurückhaltend, weil niemand sich gegen die ausländische
Spitzenklasse eine Chance ausrechnete. Die "Sport-Welt" orakelte recht delphisch, daß der Erlenhofer in Bestform "ehrenvoll abschneiden müßte".
Die interessierten Leute hörten sich das Rennen in der Übertragung von BBC-Light an. Aus dem Rennverlauf konnte man aber bezüglich "Niederländer" wenig entnehmen. Der Erlenhofer war im Ziel Zehnter. Das Rennen gewann Aga Khans englischer Derby-Sieger "Tulyar".
Am nächsten Tag waren die Englandfahrer zum Rennen in Düsseldorf wieder zurück. Reisebegleiter von Gustedt beschränkte sich hauptsächlich auf die Schilderung von Reiseeindrücken. Otto schimpfte auf die Reitweise seiner englischen Kollegen und ließ durchblicken, daß er beim Rennen in England behindert war: "Die Schweine reiten einen um."
In Deutschland dagegen konnte Otto Schmidt jetzt noch einmal einen Triumph feiern, bevor er als erfolgreichster Rennreiter Deutschlands abtritt: Am Sonntag, dem 10. August 1952, siegte er in Köln-Merheim auf "Niederländer" im 20 000-DM-Rennen um den Gerling-Preis mit zweieinhalb Längen Vorsprung. Als Sieger und Reiter nach dem Rennen zur Waage geführt wurden und sich voller Stolz Trainer Adrian von Borcke dazu gesellte, ertönten Pfiffe und Pfui-Rufe. Otto Schmidt aber erntete soviel Beifall, daß er trotz vierzigjähriger Applausgewöhnung meinte: "Nee Kinder, sowat ha'ick selbst in Karlshorst noch nich erlebt!"
Wer nun nach Otto Schmidt Erlenhofs marineblaue Bluse mit rotem Ärmel anziehen soll, wird sich in Baden-Baden entscheiden. Im Nachfolgekampf liegen augenblicklich nach letzten Bahn-Kursen Walter Held und Ossi Langner in totem Rennen an der Spitze.

DER SPIEGEL 34/1952
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/1952
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TURF:
Otto soll's gewesen sein