27.08.1952

LITERATUR / PARODIEPerversion des Glaubens

Johannes R. Becher, der Präsident des sowjetzonalen "Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands", und der alte Arnold Zweig, Präsident der sowjetzonalen "Deutschen Akademie der Künste", empfingen kürzlich ein unerwartetes Buchpräsent: mit artigen Grüßen ließ ihnen ihr ehemaliger Kamerad aus den Tagen der intellektuellen Volksfront, der Schriftsteller Robert Neumann ("Parodien-Neumann"), vom Münchener Verlag Kurt Desch je ein Exemplar seines neuesten Buches "Die Puppen von Poshansk"*) übersenden.
Nach der Lektüre müßten die beiden die letzte Hoffnung aufgeben, den ehemaligen Gesinnungsgenossen je wieder in die östlich-ideologische Heimat zurückführen zu können. Denn Robert Neumann, vom Vater und der Familie her ein mit der äußersten Linken sympathisierender Sozialist, hat sich in östlichen Augen eines Kapitalverbrechens schuldig gemacht: er hat sich mit jenen zehn Millionen Vergessenen beschäftigt, die im größten Sklaventerritorium der Weltgeschichte zwischen Eismeer, Ochotskischem Meer und der Taiga dahinvegetieren und absterben.
Viel schlimmer als die eifernde Haßliebe, mit der Arthur Koestler ("Sonnenfinsternis"), der verlorene Sohn und Muster-Renegat, dem verlorenen Glauben nachschmäht und nachtrauert, muß auf kommunistische Gemüter der kalte, unbeteiligte Spott wirken, mit dem Robert Neumann seinen Bericht von dem Kasperle-Theater der Good-Will-Reise eines abgehalfterten amerikanischen Präsidentschaftskandidaten mit dem schönen Tarnnamen Walter Mayflower Watkins (Neumann: "Es hat jemand gegeben, der so ähnlich hieß") in die Welt der Zwangsarbeitslager und Goldbergwerke ablaufen läßt.
Der Bruchteil sagt schon einiges über den Inhalt. Ist die Situation - der Demokrat aus Amerika reist durch eine KZ-Welt, ohne sie auch nur wahrzunehmen, verschläft eine Gespensterrevolution, verliebt sich in eine stalinistische Dolmetscherin, deren Vater aus der lebenslänglichen Verbannung als Trotzkist hervorgeholt wird, um "faschistische Greuelmärchen" über angebliche Massenliquidierungen in der UdSSR zu widerlegen. Ist schon die Situation satirisch überspitzt, so sind es die Figuren - eben Puppen, Marionetten - erst recht.
Einige Kritiker haben vermerkt, daß Neumanns tragikomisches Puppentheater eine Tragikomödie des Parodisten Neumann ist. So attackiert Wolfgang Bächler in der "Literatur": "Er parodiert sich selbst zu Tode. Er parodiert die Reden, Gespräche und Gedanken sowjetischer Wirtschafts-, Kultur- und Polizeifunktionäre, der Flinten- und Eheweiber, der amerikanischen Finanzhyänen, seines Reklamechefs und seines schwulen Söhnchens, das aus Selbst- und Vaterhaß und Snobismus für den Kommunismus schwärmt, und eines Nazihenkers, der sich in der Kriegsgefangenschaft den Sowjets als Spitzel angebiedert hat. Und, einmal im Schwung und Schwange des Parodierens, parodiert der Autor auch die Opfer der
NKWD in den sibirischen Lagern auf wenig geschmackvolle Weise gleich mit ...".
Der Angriff trifft nur halb. Abgesehen davon, daß nicht die Parodie, sondern das Parodierte, nämlich der NKWD-Staat, "geschmacklos" ist, wenn dieser Ausdruck überhaupt in diesem Zusammenhang gebraucht werden kann, geht es Neumann auch gar nicht um den NKWD-Staat. Es geht ihm um die Perversion der bona fides, um die Perversion des Glaubens und der Gläubigen.
In den Puppen von Poshansk, in jeder einzelnen Puppe, spiegelt sich die Perversion eines Regimes wider. Das Grauen ist längst zum Normalzustand geworden. Die Puppen, ob Sträflinge oder Wächter oder Funktionäre, empfinden es nicht mehr. Der einzige Sinn dieses Buches, so definiert Neumann selber, sei: "to see what makes the other fellow tick."
Und selbst dem sprachbegabten Neumann, der sich seit fünfzehn Jahren aufs Englischschreiben umgestellt hat (Neumann: "Ein Idiom, das Nicht-Engländer für Englisch halten") und dessen Bücher ins Deutsche übersetzt werden müssen, fällt die Übersetzung dieses Satzes schwer. "Zu sehen, was den anderen treibt", kommt der Definition vielleicht am nächsten.
Er selbst braucht zum Antrieb eine idée fixe. "Gegenwärtig ist es die bona fides. In zwei Jahren wird sie mich vielleicht nicht mehr interessieren." Mit seinen 55 Jahren hat er schon eine ganze Reihe von fixen Ideen verbraucht.
Neumann, Sohn eines Wiener Bankdirektors und Mitbegründers der sozialdemokratischen Partei Österreichs, hat für amerikanische Leser über seine Jugend erzählt:
"Im Alter von sechzehn Jahren unterbrach ich meine Schullaufbahn und wurde
ein Schwimmer. Dann wurde ich wieder ''seriös'' und lernte alles: Medizin, Chemie, deutsche Literatur. Darauf machte ich wieder Schluß und wurde Schwimmlehrer.
"Als Lehrer in einem Frauen-Schwimmklub lernte ich meine spätere Frau kennen. Um heiraten zu können, schaute ich mich nach einem einträglichen Beruf um und wurde Buchhalter in einer Bank, Devisenhändler, dann Direktor in einem Konzern von Schokoladenfabriken, Leiter einer Lebensmitteleinfuhr - Firma. Verdiente viel Geld, verlor alles wieder bei Spekulationen."
Neumann hat diese wechselreiche Lebensperiode in seinen ersten, kaum kaschiert selbstbiographischen Roman "Die Sintflut" (1929) einfließen lassen.
Danach ging es im Schaukelschwung so weiter. "Begann dann zu schreiben, ohne irgendwelchen Erfolg - kein Verleger, nicht einmal ein kleines Provinzblatt wollte auch nur eine Zeile drucken. Lebte mit Frau und kleinem Sohn in Armut. Matrose auf einem holländischen Tankschiff. Im Orient; viele Abenteuer." Die lieferten ihm genügend schriftstellerischen Stoff.
Immer war ihm die Umwelt Objekt, Gegenstand einer überscharfen Beobachtung und punktuellen Beschreibung. "Jagd auf Menschen und Gespenster" hieß ein Band kurzer Skizzen und Erlebnisberichte von überallher (1928), ein makabres Panoptikum der Neben- und Unterwelt.
Robert Neumann hatte dabei zunächst nicht viel mehr einzusetzen als seine unbürgerliche Beweglichkeit, eine scharfe Schriftsteller-Nase und das für Schreiber seines Schlages offenbar obligate Glück. Er fand seine Stoffe weltfahrenderweise im Nebenbei. "Kam damals auch (in Konstantinopel) auf die erste Spur des Waffenkönigs Zaharoffs.
"Schließlich zurück nach Europa und plötzlich ein großer literarischer Erfolg. Mein erstes Buch, von allen Verlegern abgelehnt, war in meiner Abwesenheit angenommen und gedruckt worden. (Honorar: 500 Mark für 20 000 Exemplare!) Innerhalb von zwei Jahren ein erfolgreicher, wohlhabender Schriftsteller."
Das erste Buch, das sechzehn Verleger verkannt hatten, hieß "Mit fremden Federn". Dort und in einer Fortsetzung, "Unter falscher Flagge", hat Neumann die besten modernen Parodien in deutscher Sprache geschrieben, auf Autoren von Arnheimer (Raoul) bis Zuckmayer (Carl).
Das war die Einleitung zu einem Schriftsteller-Wirken, das kaum mehr als ein einziges beständiges Merkmal trägt: den beständigen Wechsel, man kann auch sagen: die Flucht, die ahasverische Flucht vor jedweder Dauer.
Die aus dem Wechsel geborene Fülle der Formen ist so imposant wie Neumanns Opus-Katalog. Thematisch gesehen stehen neben Spielereien wie den Parodien, semihistorischen Erzählungen und Geschichten von Abenteurern der Finanz oder des Sex mehrere Zeitromane voller Gesellschaftskritik, ein von Latrinengestank umwehtes Märchen aus den Nachkriegstrümmern Mitteleuropas (geschrieben, um das Gewissen des siegreichen Westens zugunsten verkommender, verkommener Kinder aufzurütteln), neuestens ein psychologischer, bisher nur in französischer Übersetzung erschienener Roman einer Ehescheidung, "Auf der Spur von Morell".
Die Scheidungsgeschichte wird in vier Teilen von vier Personen erzählt - für Neumann ein neues Experiment im Bereiche der Form, in dem er Abwechslung liebt wie auf anderen Gebieten. Der chronologischen Schilderung von Ereignissen und der komplizierten Rückblendetechnik ist er müde geworden.

Auch stilistisch wechselt er ständig. Er springt von schmuckloser Erzählung über zu expressionistischer Darstellung, von rhythmischer Prosa zu einer Serie von "Ahs" und "Ohs" - manchmal alles im selben Band.
Natürlich ist Neumanns Schreib-Stil konstruiert und manieriert, aber die Stilmontage fasziniert durch ihre perfekte Gelenkigkeit - Neumanns Schreibe geht ein wie Öl. Er liebt endlos lange Sprachflüsse, Einblendungen, rhythmische Wiederholung. Den Anfangssatz eines Abschnitts gibt er am Ende gern noch einmal wieder. Stenogrammsätze steigern das Tempo.
Wer so viel Verschiedenes gleich gut kann, muß sich vorsehen. Neumann fand einen Ausweg gleich mit seinem Erstling, den "Fremden Federn". Der Vielgewandte ist im Grunde immer Parodist geblieben.
Die Begegnungen bei seiner Jagd auf Menschen und Gespenster nehmen in seiner kalt registrierenden Beschreibung wie von selbst Züge des Abnorm-Originellen an, oder die Konstellation der Gestalten allein wirkt bereits herausfordernd skurril.
In dem Roman "Die Macht" (1932) - dem zweiten Buch "des Kreises ''Sintflut'', handelnd von der Naturgeschichte des Geldes" - bringt er einen nach Europa verschlagenen, von Kultura kaum beleckten original-kaukasischen Fürsten in Verbindung mit wadenstrammen Deutschvölkischen und internationaler Höchstfinanz - eine merkwürdige Mischung, die Neumann indes in wahrscheinlich unnachahmlicher Manier verkocht.
Über dem traumwandlerisch sicheren Verknoten und Verzupfen der Handlungsfäden bleibt ihm Zeit, eine Neumannsche Phantasiegestalt zu überzeichnen, den allmächtigen Direktor der Lloyd-Bank, Verfasser einer "Universal-Philosophie": Über dem Schreibtisch thront ein "altersloses Riesenhaupt", aber: "... Sie können es nicht gut sehen, wenn ich hier sitze: ich bin ein Krüppel, ein sogenannter chondrodystrophischer Zwerg. Nur der Schädel ist halbwegs normal, bis auf gewisse Defekte der Sinnesorgane; aber der Leib und vor allem die Beine sind wie die eines Kindes ... Darum besteht meine Nahrung auch fast nur mehr aus Milchbrei."
Neumanns Bilder sind ebenso überstark anschaulich gemacht, sie wirken dabei manchmal gewaltsam originell. "Ein Sessel stand daneben, in guter Muße, als säße er in sich selber." Personen geraten ihm leichter, gewaltloser. Erotische Begegnungen schildert er mit kalter aber treffender Genauigkeit.
Figuren, die er nicht leiden kann, zeichnet er böse, ja, mit Haß: "... seine Lippen zu voll, keine Denkerlippen, viel eher Esserlippen. Man konnte sich vorstellen, wie dort die Kalorien reinmarschierten wie Juden in die Gaskammer."
Von der Groteske über die Parodie zum Zynismus ist eben nur ein Sprung um die nächste Ecke. In einer so wach gelenkten, punktiert gezielten Schreibe bleibt kein Raum für Imponderabilien: "So gab es denn, Gott sei Dank, nicht viel Zeit für das Zwielicht der Gefühle", heißt es in dem Roman "Tibbs"*).
Wer scharf beobachten und genau beschreiben will, muß Abstand halten. Fast immer bewahrt Neumann beträchtliche Distanz zum Du. In der Hochstaplernovelle" (1930), die nach dem Kriege unter einem neuen Titel erschien**), bereitet er nicht nur dem Leser, sondern offensichtlich auch sich selbst ein buchstäblich diebisches
Vergnügen mit der Schilderung eines Schröpfers von einzigartiger Geschicklichkeit, allerdings auch eigenartigem Geschick. Der Mann wird - ausgerechnet - auf Ceratosa, die "Insel der Circe", verschlagen, wo sich - ausgerechnet - seine Zunft ein Stelldichein gibt: der Held der Hochstaplernovelle gerät bei seiner Arbeit immer an Kollegen, und am Ende bleibt unentschieden, wer wohl am höchsten stapelt.
Distanz bewahrt Neumann aber auch zu sich selbst. Mitten im Fluß der Erzählung, auf Seite 437 des 600-Seiten-Romans "Die Macht", verhält er und reflektiert ungeniert öffentlich, etwas kokett, über sein schriftstellerisches Handwerk.
"Wirtschaft, Horatio! Wir haben nicht so viel Zeit wie jener oberste Zuschauer, Schicksalslenker, der diesbezüglich nun einmal aus dem Vollen schöpft. Dies Buch hat bisher 437 Seiten - wird es mehr als 600 Seiten lang, so kauft es und liest es keiner. Und das wäre schade, denn es ist ein gutes Buch. Darum Wirtschaft! ..."
Der "Macht" war zwei Jahre vorher, 1932, Neumanns erster großer Roman voraufgegangen. "Sintflut" schockierte durch die Grau-in-Schwarz-Malerei der Inflationszeit mit ihren Gaunern und ihren Opfern nicht so sehr Deutschland als vielmehr das Ausland, das Neumann sofort heftig zu übersetzen begann.
In "Die Macht" wollte Neumann genau wissen, wie es hinter den Kulissen der internationalen Finanzwelt und der damals aufstrebenden Nazi-Partei aussah. Er wußte es auch genau, aber er machte sich unbeliebt.
Dieses Es - Genau - Wissen - Wollen hat Robert Neumann seit je viel Ärger eingebracht. 1933 verließ er Deutschland als einer der ersten und rutschte prompt auf den Index. Seine Bücher wurden verbrannt.
"In Zukunft wird Neumann nur noch hebräisch schreiben können", sagte Goebbels öffentlich. Im Familienkreise allerdings, so erfuhr man jetzt aus den posthum veröffentlichten Erinnerungen seiner Frau Magda, pflegte er aus einem unverbrannten Exemplar der "Fremden Federn" vorzulesen. Er nannte es sein Lieblingsbuch.
In Wien, seiner nächsten Station, hielt Neumann es nicht lange aus. Er hatte keine Lust, das Maul zu halten. Im österreichischen PEN-Klub wollten viele Mitglieder gegenüber den Bücher - Verbrennungen im Reich schweigen, um nicht ihren besten Absatzmarkt zu verlieren. Neumann machte Radau, obsiegte zwar, stieß aber auf unerwartet viele Gegner. Das öffnete ihm die Augen. "Ich sah sie kommen."
Er landete in England, lernte Englisch, schrieb als erstes einige Parodien auf T. S. Eliot und andere Geistesgrößen und war gemacht. Dann stöberte er einen unehelichen, nicht anerkannten Sohn des Waffen-Zaren Sir Basil Zaharoff auf, spürte dem Alten mit Hilfe des Jungen nach und zerstörte, Steinchen für Steinchen, die schöne Legende, ohne den letzten Geheimnissen des Fuchses auf die Spur zu kommen.
Zaharoff bot den Verlegern viel Geld, wenn Neumanns Buch nicht erscheine. Zaharoffs Sohn dagegen bot Neumann zehn Prozent der Erbschaft, wenn ihm der Nachweis seiner Legitimation gelinge. Beide Offerten blieben ergebnislos: Das Buch erschien (SPIEGEL 48/1951*), wenn auch mit Verzögerung, der Nachweis wurde nie schlüssig geführt.
Nach einem Abstecher zu den Roten im spanischen Bürgerkrieg wurde Neumann bei Kriegsausbruch von den Engländern auf der Isle of Man interniert. Als Hitler der Insel nach dem Frankreich-Feldzug gefährlich nahe rückte, schrieb Neumann nach vielen erfolglosen Protesten an Churchill "den bissigsten Brief, den ich je geschrieben habe" - was bei Neumann etwas heißen will.
Die Wirkung war erstaunlich: in sieben Tagen hatte er von Churchills Sekretär die Zusicherung, man werde sich um ihn

kümmern. Drei Tage später war er frei. "Bis dahin", gesteht Neumann offen, "hatte ich von der englischen Demokratie keine besondere Meinung, aber seitdem ..."
Die Auseinandersetzung mit dem Exil-Dasein bildete im Kriege seine fixe Idee. In dem Flüchtlingsroman "Tibbs", einer fast dichterisch stimmungsvollen Geschichte vom leisen Tod eines alten Mannes und einer ganzen Zeit - der englische Original-Titel lautet viel treffender "Scene in Passing" - spricht er von den Stationen des "Fadenscheinigwerdens" und von der unruhigen Zeit, "wo es zwischen den Kriegen keinen Frieden gab".
"Eine Mittelklasse, faul im Denken, faul im Besitzen, sich sicher fühlend in faulen Illusionen, ward von dem großen Sturm von ihren Ankerplätzen losgerissen und setzte sich in Bewegung. Erst dachte sie noch, sie bewege sich aus eigener Kraft, und merkte nicht, daß sie ins Treiben gekommen war."
In "Bibiana Santis"*) versucht ein alternder englischer Schriftsteller das Schicksal eines aus Mitteleuropa gekommenen schönen Flüchtlingsmädchens zu erforschen,
das in einer trostlosen Londoner Pension Selbstmord verübt hat. Immer gehört Neumanns Interesse und mehr noch seine Sympathie den Flüchtlingen aller Farbrichtungen, den heimatlosen Ewig-Gehetzten.
"Tibbs" und "Bibiana Santis" waren die beiden ersten Bücher, die Neumann auf englisch schrieb. Er begann sofort mit einer Bravourleistung. Anstatt sich auf schlichte Erzählung zu beschränken, pfropfte er seinem neuen Ausdrucksmittel phantastische deutsche Sprachmusik auf.
Neumann: "Ich hatte in der deutschen Sprache eine frühzeitige Perfektion, eine virtuose Geläufigkeit, eine billige Brillanz erreicht, die nur allzu erfolgreich war, und vor der mir bange wurde, als ich ernsthafter nachzudenken begann. Das konnte so nicht weitergehen, und doch gab es kein Zurück; so suchte ich nach einem spröderen Material, nach neuem Widerstand, nach einer zweiten sprachlichen Virginität - und fand sie, für mich, in einem von mir selbst entwickelten Idiom, das auf englischer Sprachgrundlage deutsche Rhythmen, deutsche Konstruktionen benützt und doch seinem Ursprung so weit entrückt ist, daß es nun ins Deutsche zurückübersetzt werden muß (und nicht von mir selbst)."
Kritiker beklagten das Fehlen von Kommata, aber selbst die, denen dieser Stil
nicht gefiel, räumten ein, daß "gelegentlich eine Seite mit einem bösen, ganz eigenen Schimmer überhaucht ist, der eine Wirkung hervorruft, auf die selbst James Joyce hätte neidisch sein können".
Heute zieht C. P. Snow, Roman-Rezensent der Londoner "Sunday Times" und selbst ein hochgeachteter Autor, Parallelen zwischen Neumann und dem Polen Joseph Conrad, dessen Werke bereits zum klassischen Bestand der englischen Literatur gehören. Neumann, so schreibt Snow, drücke seine Gedanken "mit einer einzigartigen, vielleicht überhöhten Klarheit aus, in einem Englisch, das zugespitzter ist als das der meisten einheimischen Schriftsteller".
Im Gegensatz zu den Exil-Romanen ist das dritte seiner englisch geschriebenen Bücher, "Die Kinder von Wien"*), bisher weder in Deutschland noch in Österreich erschienen, sondern deutsch nur im holländischen Emigranten-Verlag Querido.
Dabei sind die "Kinder von Wien" in 23 Sprachen übersetzt worden und stehen der Auflage-Ziffer nach direkt neben "Zaharoff". Neumann hat sich den Mißerfolg im deutschen Sprachgebiet von Fachleuten im Buchhandel erklären lassen: "Die Deutschen wollen von Trümmern nichts wissen." Aber dieses Buch ist ein besonderes Stück Trümmerliteratur, durch Neumanns parodistische Vorliebe für extreme Situationen, für extreme Typen, fast unerträglich vergällt.
Die Kinder von Wien sind eine bunt zusammengewürfelte Bande von Halbwüchsigen und Kindern, Produkte einer Zeit, die man im neubürgerlich saturierten Bundesdeutschland nur zu rasch zu vergessen bemüht ist. Die Kinder kommen aus Vernichtungslagern, aus HJ-Heimen, aus Bordellen, der Krieg hat sie vertiert. Der 13jährige Yid ist von dem bisher niegekannten Wasserklosett in dem verschütteten Haus so überwältigt, daß er es zur schönsten Stelle Wiens erklärt.
Die Wiener sozialdemokratische "Arbeiterzeitung" fauchte daraufhin zurück: "Wir haben den Karlsplatz, wir haben den Franziskanerplatz, aber Herr Neumann findet, daß der feinste Platz in Wien ein Abort ist."
Neumann spickt die 159 Seiten des kurzen Buches bewußt mit obszönen Absurditäten aller Art. Ein um so größeres Kraftstück ist es, daß er im Verlaufe der Darstellung langsam über dieses Häufchen Elend, Zerfall und Unmenschlichkeit eine Märchenstimmung breitet.
Ein amerikanischer Neger-Geistlicher spielt die gute Fee, will die Kinder retten, kauft ihnen Essen, stiehlt für sie Unterzeug, aber am Ende dieses traurigen Märchens stehen dann doch Tod und Verzweiflung. Das eine Kind, man weiß nicht einmal welches, stirbt. Yid spielt Zuhälter zu einem der Mädchen. Die übrigen verkrümeln sich.
Der Neger-Priester, der die Kinder in die Schweiz schmuggeln wollte, wird verhaftet: wegen vermutlichen Umgangs mit einer Prostituierten, Verletzung der Fraternisierungsverbote und einem halben Dutzend anderer Vergehen gegen die Militärgesetze.
Um den Skandal zu vertuschen, wird der Reverend Smith von einem höheren Militärgeistlichen abgeholt. Eine Unterhaltung zwischen dem schwarzen und dem weißen Geistlichen spinnt sich an, und dahinein packt Robert Neumann seinen ganzen Haß auf jene Form der amerikanischen Bigotterie, die schon im Namen des weißen Chaplains, Rev. Truelove, zu deutsch: "Wahre Liebe", ironisiert wird.

Truelove stellt vier US-Grundsätze aus den Jahren 45 bis 48 auf:
* "Nazismus ist ein Verbrechen"
* "Das Verbrechen zahlt sich niemals aus" (crime never pays)
* "Die Verbrecher daher gut ernähren heißt, sie für das Verbrechen bezahlen"
* "Unser heiliger Glaube, the American Way of Life, wie er beispielsweise in der Atlantik-Charta ..."
Aber da bekommt der Neger-Priester einen bitteren Lachkrampf. Er verhöhnt diese Re-Educationsphilosophie mit Bibel und 1000 Kalorien für die Sünder: "Geh zur Kirche, liebe den demokratischen ''way of life'' und überlasse alles andere dem lieben Gott und der alliierten Militärregierung."
Schließlich bricht in dem Verhafteten jenes revolutionäre, humanitäre Pathos durch, das Neumann aus künstlerischer Scheu und aus Angst vor Phrasen und falschen Gefühlen, wenn immer möglich, überspielt, ironisiert und parodiert, das aber ganz tief in ihm steckt. Da läßt er den Rev. Smith von dem großen Kinderaufstand philosophieren, läßt ihn eine
Hymne anstimmen: "Sie sind zu verlaust und zu verwanzt, mein Gott, sie sind zu verfroren und zu verseucht, mein Gott, zu kaputt, um irgend etwas zu bereuen." Den Rest besorgt die MP.
Hier, in den "Kindern von Wien", kommt der Leser den eigentlichen Kraftquellen Neumanns am nächsten: einem illusionslosen, sozialistischen Menschheitsglauben. Dieser Glaube ist allerdings atheistisch, und er ist im Grunde skeptisch-nihilistisch, weil sich Neumann selber keine Erfüllung verspricht*).
Die anti-amerikanische Haltung, wie sie sich in dem Trümmer-Roman dokumentiert, ist kein Beweis für politische Kurzsicht, für engstirnige Einseitigkeit. Selbst in den "Kindern von Wien", diesem gewiß anti-amerikanischsten seiner Bücher, bekommen die Russen ihr Teil ab.
Sie nehmen den Kindern am Schluß, als ihr schwarzer Engel von seinen Landsleuten
verhaftet worden ist, noch ihr Wasserklosett fort. Als deutsches Eigentum im Zuge des Potsdamer Abkommens und zum Ruhme des sozialistischen Vaterlandes.
Neumann vergleicht: "Die Amerikaner kamen sicherlich schlechter weg. Sie waren aber zu klug, um etwas zu sagen. Die Russen dagegen beschwerten sich über das Buch und verhinderten sein Erscheinen in Österreich. Dafür kam es in Ungarn heraus. Natürlich ohne die Russen-Szenen."
Das erzählt Neumann immer dann, wenn er gefragt wird, wo er denn eigentlich stehe. Er stimmt mit Curzio Malaparte überein, der alle Ost-West-Debatten für seinen Teil mit der simplen Feststellung abschneidet: "Der Schriftsteller braucht die Freiheit, wie der Fisch das Wasser. Ohne sie geht er ein."
Der politischen Heimatlosigkeit Robert Neumanns entspricht die wirkliche, das territoriale Entwurzeltsein. Neumann ist dauernd unterwegs, zwischen Bombay und München, zwischen Hollywood (sofern er noch ein Visum bekommt) und Kent, ewig unruhig, immer wie auf der Flucht. Hinter seiner Erscheinung mit den sehr klugen, immer müden Augen in dem Gesicht und einem Lächeln, das die tiefe Resignation mühsam verbirgt, taucht für Augenblicke oft die große tragische Gestalt des ewig heimatlosen Juden auf. -
Neumann: "Ich habe Wien für den Titel meines Trümmerromans gewählt, weil es sich 1946, als das Buch erschien, besser ''verkaufte''. Der Westen hat nun einmal eine sentimentale Zuneigung für die Österreicher.
"In Wien bin ich damals gar nicht gewesen. Aber in vielen anderen Städten, die ich sofort nach Kriegsende aufsuchte, habe ich das Elend, das ich beschrieb, kennengelernt."
Das Buch schlug ungeheuer ein. Sogar die unendlich zarte englische Schriftstellerin Elizabeth Bowen, die in ihren Dutzenden von Werken auch nicht einmal nur einen der Kraftausdrücke verwendet hat, mit denen Neumann seine Seiten spickt, flehte im Gesellschaftsblatt "Tatler" ihre Leser an, die "Kinder von Wien" zu lesen, "nicht des Genusses wegen, obwohl sie glänzend geschrieben sind, sondern damit sie darüber nachdenken".
Im Inflationsroman "Sintflut" erschütterte die Perversion der Erwachsenen. Nach dem zweiten Weltkrieg, in den "Kindern von Wien", mußte Neumann die Perversion der Jungen und Jüngsten schildern. Jetzt, da er sich dieses Thema heruntergeschrieben hat, läßt ihn sein neues Problem, die "bona fides", nicht mehr los.
Seine Theorie: "Mit den wenigen richtigen Schurken in der Welt wird man meist in fünf Minuten fertig. Siehe Mussolini. Nehmen Sie dagegen Hitler - er war in sturster Weise bona fide, gläubig. Er hat einen Kontinent um ein Haar ruiniert. Und heute? Die Amerikaner glauben ebenso stur an ihr amerikanisches Jahrhundert wie die Russen an den sozialistischen Fortschritt. Wenn die Welt kaputtgeht, dann an der bona fides."
Dank dieser, auch in "Die Puppen von Poshansk" ausgewalzten Meinung ist Robert Neumann heute auch im amerikanischen Lager nicht beliebt. Vergebens wird die "Stimme Amerikas" nach wirkungsvollen Anti-Sowjet-Propaganda-Zitaten in Neumanns Buch suchen - nur das 30. Kapitel, das mit den drei Worten "ein paar Tatsachen" beginnt, enthält auswertbare Facts. Trotzdem ist Neumanns Bericht nicht frei erfunden.
Vierzehn eingeklammerte Buchzeilen geben einen Hinweis auf die Quelle: "Eine junge Schweizerin mit Namen Elinor Lipper kam 1937 als Kommunistin nach Moskau. Im Jahre 1938 wurde sie ohne Gerichtsverfahren

in ihr erstes Lager nach Magadan geschickt. Sie verbrachte die folgenden elf Jahre in einundzwanzig verschiedenen Lagern, Durchgangslagern und Gefängnissen. Im Frühjahr 1941 war sie im Gefängnislazarett in Magadan, als die Überlebenden der Vyshnevetski-Expedition nach Gaudy Bight eingeliefert wurden: zweihundert freie Bürger von achthundert. Von den sechstausendeinhundert Gefangenen waren noch einhundertundfünfzig übrig. Einige verließen das Lazarett mit amputierten Gliedern. Die meisten starben an Sepsis."
Robert Neumann lernte die Schweizerin mit dem Decknamen Lipper 1948 kennen. Mit derselben wissenschaftlichen Gründlichkeit, mit der er Tag für Tag, Dokument für Dokument in Basil Zaharoffs Leben überprüft und verglichen hatte, fragte er jetzt die Sibirien-Heimkehrerin aus, füllte Notizbücher mit Angaben. Robert Neumann kennt heute Ost-Sibirien so gut wie die Grafschaft Kent, wo er sich ein altes Besitztum, das "Pest House", als Refugium erworben hat. (Vor 600 Jahren war es als Isolations-Spital für Pestkranke erbaut worden. Auf diese Vergangenheit seines Besitztums ist Neumann einigermaßen stolz.)
Trotzdem wurde sein Buch kein Bericht des Grauens. Neumann gibt dafür zwei Gründe an. Erstens sei er trotz seines gründlichen Studiums aus erster Hand allen Ich-Erlebnisschreibern gegenüber gehandikapt gewesen. Und zweitens: "Nichts langweilt so leicht wie das Grauen. Vierhundert Seiten davon liest niemand."
Eine dritte, viel näherliegende Erklärung drängt sich auf; der Autor von "Mit fremden Federn" ist ein viel zu intellektueller, zu nervöser, zu neurotischer, zu westlicher Schriftsteller, um vierhundert Seiten östlichsten Grauens durchzustehen. Er würde sich voraussichtlich dabei zu Tode langweilen.
Mit Puppen dagegen, mit Marionettenmenschen, die man parodieren und überzeichnen und zehn Seiten lange Salondialoge im besten Stil des 17. Jahrhunderts sprechen lassen kann - und das alles in ein paar Schuppen tausend Kilometer nördlich von Wladiwostok - ; mit Puppen läßt sich herrlich spielen. Und so überspielt, überzeichnet Robert Neumann die phantastische Geschichte vom Good-Will- und Leih-und-Pacht-Besuch des Walter Mayflower Watkins in den "gefrorenen Wäldern" Sibiriens mit Gesprächs- und Gedankenkapriolen. Kein bolschewistischer Funktionär, der nicht die Redegewandtheit eines Trotzki besäße.
Neumann läßt eine Gespensterrevolution ausbrechen und zaubert die Skelette der vorstalinistischen Revolutionshelden herbei. Ganz Poshansk, Gefangene und Wärter, schwören dem "faschistisch-imperialistischen Biest Stalin" ab. Ein Funktionär der nicht schnell genug schaltet, wird erstochen. Eine Nacht lang herrscht Anarchie. Am nächsten Morgen ist der Spuk vorbei. Als Mr. Watkins erwacht, hat die Revolution sich in ein Nichts aufgelöst. Man beschließt im Interesse aller, sie zu verschweigen. Poshansk fällt in den Dornröschenschlaf des ewigen Gefängnisses zurück.
Das alles schildert Neumann in einem nervösen Stil mit abgebrochenen Sätzen, blitzschnellen Impressionen und weithergeholten Gedanken. Er erinnert manchmal von fern an den berühmten "inneren Monolog" des James Joyce, aber eben: als Parodie.
Zu dieser Art, das Leben und alles, was es bietet, mit immer etwas bitterer Ironie zu betrachten und zu beschreiben, ist Neumann vielleicht nicht allein aus sich und seiner schriftstellerischen Begabung heraus
gelangt. Das Leben hat Neumann arg geplagt, nicht nur mit Jahren der Armut und Kümmernissen der Emigration, sondern auch mit Familientragödien. Seine erste Ehe wurde geschieden, seine zweite Frau trennte sich von ihm. Sein einziger Sohn Heinz, der bereits viel schriftstellerische Begabung verriet, starb 22jährig in London an einem Nierenleiden. Robert Neumanns Maske, dieses oft heiter erscheinende Antlitz eines Cherubs aus guter alter Stammtischzeit, trügt.
Es verrät auch nicht, wieviel Neumann arbeitet. Er beschäftigt sich schon wieder mit einem neuen Roman und versucht sich auf dem Theater. Vor 20 Jahren schrieb er "Die Karriere", die Geschichte eines Tingel-Tangel-Mädchens, das sich durch die Unter-, Halb- und Große Welt des östlichen Europa von D anzig bis Bukarest schläft. Er dramatisiert das jetzt, erwartet eine Weltpremiere in Deutschland.
Schon früher hat er sich um das Theater bemüht, aber nicht sehr erfolgreich. Als "schlagenden Mißerfolg" beschreibt er heute ein Stück, das er 1930 verfaßte. Es hieß "Die Puppen von Poshansk". Mit dem neuen Roman hat es lediglich den Titel gemein.
Neumann: "Er gefiel mir so, und ich bin ein sparsamer Mensch. Heute kennt das Stück ja doch niemand mehr. Wenn mir in einem Buch eine Szene besonders gelingt, schreibe ich sie manchmal später ruhig wieder ab. Das merkt niemand."
Unter das Kapitel Neumannscher Sparsamkeit fällt auch, daß er Zeitgeschichte und persönliche Erfahrungen oft recht durchsichtig in seine Handlungen verwebt, weil die Wirklichkeit romanhaft genug ist. In "Die Macht" figurieren Zaharoff und - unter dem Namen Vanderzee - der Ölmagnat Deterding. In dem Emigrations-Roman "An den Wassern von Babylon" hat er in die Figur des Finanzmannes Schlessing die Manipulationen Dr. Berliners verwoben, der vor dem Kriege die riesige Versicherungsgesellschaft "Phönix" an den Rand des Abgrunds brachte und dadurch das Land Österreich schwer erschütterte. In den "Puppen von Poshansk" erinnert der famose Walter Mayflower Watkins an zwei durchgefallene US-Präsidentschaftskandidaten, Wendell Willkie und Henry Wallace, missionarische Außenseiter beide.
Der Buch- und Bühnen-Autor Robert Neumann hat sich neuerdings auch auf den Film geworfen. Er kaufte sich in eine von Hollywood unabhängige Gesellschaft in Bombay ein, in die "Film Group Inc.", die er selbst eine "Cooperative der teuersten Leute der Welt" nennt.
Mit dem wachsenden Anti-Links-Druck in Hollywood werden auch die teueren Leute billiger und williger. In der "Film Group Inc." drehte der französische Regisseur Jean Renoir den Farbfilm "Der Fluß", der auf der vorjährigen Biennale in Venedig ausgezeichnet wurde. Mit Neumann als Scripter und der Hamburgerin Ursula Thieß als Star drehte "Film Group"-Produzent Forrest Judd den schon heftig vorgefeierten Film "Monsun".
Von Ursula Thieß behauptet sogar der ewig skeptische, unendlich abgeklärte Robert Neumann: "Sie hat die schönsten Augen seit Hedy Lamarr." Die "Film Group" soll in den nächsten Jahren drei Romane Neumanns verfilmen, zuerst "Karriere", wofür er selbst das Drehbuch schrieb, dann "Die Kinder von Wien" und endlich "Bibiana Santis".
Die Atelieraufnahmen für "Karriere" sollen in Bombay, die Außenaufnahmen nach Möglichkeit in Jugoslawien und Deutschland gedreht werden. Deutschland, meint Neumann scherzend, biete heute genügend Balkan.

Der von Trawerz
Eine Ballade
Nach Börries von Münchhausen
Sitzt mancher reicher zu Rosse
als Baron Horst Trawerz.
Trägt keiner am rechteren Flecke
das deutsche, pochende Herz.
"Mir nach!" sprengt Herzog Wilhelm
voran gegen Mars la Tour.
Sechshundert Husarenschwadronen
brausen auf seiner Spur.
Sechshundert Schwadronen Säbel
mähen die feindlichen Reih''n.
Die Fahne? Man hat sie vergessen!
Sie schwankt seitab und allein.
Die Fahne! Die deutsche Fahne! Der
Franzmann erspäht sie und lacht:
"Allons, wir erobern den Fahne! Dann
ist gewonnen der Slacht!"
Zwölftausend Franzosendragoner
klirren heran wie Erz.
Die deutsche Fahne verloren?! Noch
atmet Baron Trawerz!
"Und kann ich die Fahne nicht retten
- ihr werdet sie nicht entweih''n:
In einem deutschen Magen soll sie
begraben sein!"
Schon löst er die alte Seide, schon
schiebt er sie in den Mund -
Zwölftausend Franzosen schwingen
die Säbel drohend im Rund.
Schon schluckt er die Fahnenbänder
- das letzte schaut noch hervor -
Zwölftausend Wutschreie gellen
ihm in das brechende Ohr.
Nur die Stange noch! Und er knabbert.
Verschlingt die Hälfte mit
Lust -
Zwölftausend Franzosensäbel fahren
in seine Brust.
Saß mancher reicher zu Rosse als
Baron Horst Trawerz.
Trug keiner am rechteren Flecke
das deutsche, pochende Herz.
(Aus: ROBERT NEUMANN "Mit fremden Federn", Verlag Kurt Desch, München, 263 Seiten, 8,80 DM. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.)
[Grafiktext]
"Glauben Sie, daß die meisten Ehen heute in Deutschland
glücklich, gleichgültig oder unglücklich verlaufen
1949 1952
Glücklich 12 % 17 %
Gleichgültig 39 % 42 %
Unglücklich 25 % 19 %
Kein Urteil 24 % 22 %

1952 1952
Glücklich 20 % 15 %
Gleichgültig 40 % 43 %
Unglücklich 16 % 21 %
Kein Urteil 24 % 21 %

"Würden Sie, wenn Sie noch einmal vor die Wahl gestellt würden,
wieder den gleichen Mann (die gleiche Frau) heiraten?"
JA NEIN KEINE
ANTWORT
1949 74 % 17 % 9 % 1949
1952 76 % 11 % 13 % 1952

[GrafiktextEnde]
*) Robert Neumann: "Die Puppen von Poshansk", Roman, Kurt Desch-Verlag, München, 400 Seiten, 14,50 DM.
*) Robert Neumann: "Tibbs", Verlag Waller, Konstanz, 1948.
**) Robert Neumann: "Die Insel der Circe", Kurt Desch Verlag, München, 1952, 212 Seiten, 7,50 DM.
*) Robert Neumann: "Sir Basil Zaharoff", Kurt Desch Verlag, München, 1951, 343 Seiten, 14,80 DM
*) Robert Neumann: "Bibiana Santis" (Der Weg einer Frau), Kurt Desch Verlag, München, 1950, 307 Seiten, 8,50 DM.
*) Robert Neumann: "Children of Vienna", Victor Gollancz, London, 1946; E. P. Dutton & Co., Inc., New York, 1947.
*) In den "Kindern von Wien" ist nicht zufällig jener bekannte Emigrantenwitz verarbeitet: Zwei Juden treffen sich in der Emigration. Der eine zeigt freudestrahlend ein Auswanderungsvisum vor und jubelt: "Ich fahre weit weg!" Der andere: "Weit weg von wo?"

DER SPIEGEL 35/1952
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/1952
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LITERATUR / PARODIE:
Perversion des Glaubens

Video 01:35

Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"

  • Video "Brexit: Die wählen, die Briten" Video 05:26
    Brexit: Die wählen, die Briten
  • Video "Der Fall Rudy Giuliani: Trumps Mann fürs Grobe ist in Bedrängnis" Video 04:55
    Der Fall Rudy Giuliani: Trumps Mann fürs Grobe ist in Bedrängnis
  • Video "Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus" Video 03:54
    Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus
  • Video "Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: Wir dulden keinen Antisemitismus" Video 03:14
    Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: "Wir dulden keinen Antisemitismus"
  • Video "SPD-Parteitag: Ja, aber" Video 03:15
    SPD-Parteitag: Ja, aber
  • Video "SPD-Parteitag: Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden" Video 01:35
    SPD-Parteitag: "Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden"
  • Video "Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als verdammten Lügner" Video 01:06
    Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als "verdammten Lügner"
  • Video "Nancy Pelosi zu Reporter: Legen Sie sich nicht mit mir an" Video 01:24
    Nancy Pelosi zu Reporter: "Legen Sie sich nicht mit mir an"
  • Video "Saskia Esken beim SPD-Parteitag: Raus aus dem Niedriglohnsektor" Video 02:24
    Saskia Esken beim SPD-Parteitag: "Raus aus dem Niedriglohnsektor"
  • Video "Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: Dann muss die schwarze Null eben weg" Video 01:01
    Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: "Dann muss die schwarze Null eben weg"
  • Video "US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher" Video 02:39
    US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher
  • Video "Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren" Video 02:16
    Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren
  • Video "Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten" Video 01:10
    Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten
  • Video "Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische" Video 03:02
    Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Video "Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel" Video 02:44
    Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Video "Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden" Video 00:44
    Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Video "Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar" Video 00:53
    Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar
  • Video "Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten" Video 01:35
    Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"