20.08.1952

HEMINGWAYDer alte Mann und das Meer

Seit die Post im vergangenen Januar eine eingeschriebene Sendung aus San Francisco Paula auf Kuba in das altväterliche Haus an der Fünften Avenue trug, steht in den Verlagsräumen von Charles Scribner's Sons jedermann vor dem Rätsel: Wie kam der neue Hemingway zustande?
"Irgend etwas muß sich in ihm ereignet haben", sagt John Hall Wheelock, in New Yorks literarischen Kreisen gutangeschriebener Scribner-Lektor vom Autor. "Aber wir wissen nicht was. Wir wissen nur eines: Wir haben einen ganz neuen, ganz anderen Hemingway, wie ihn niemand kennt oder erwartet hätte."
Bevor das Manuskript eintraf, hatten weder Verlagschef Charles Scribner III noch seine Lektoren auch nur die mindeste Ahnung davon, daß Hemingway überhaupt an einem neuen Buche schrieb.
Wheelock: "Von der Verlagsleitung bis zum Fahrstuhl-Boy hat inzwischen jeder hier im Hause das Buch gelesen - und jeder ist aufrichtig hingerissen. 'The Old Man and the Sea' ('Der alte Mann und das Meer') wird fraglos die literarische Sensation des kommenden Winters werden."
Seit er das Paket an Scribners aufgab, hat Hemingway sich in New York noch nicht wieder blicken lassen. Umgeben von seinen Katzen, Hunden und Tauben hockt er auf seiner Farm Finca Vigia, 15 Kilometer außerhalb von Havanna, und scheut Journalisten und Publicity.
Er sah auch seinen Verleger nicht mehr wieder. Aus einer Konferenz über das neue Hemingway-Buch heraus mußte Charles Scribner eines Februartages ins Krankenhaus fahren. Eine Stunde später erlag er seinem Herzleiden.
Ihm und dem 1947 verstorbenen Scribner-Lektor Maxwell E. Perkins, der seine Bücher viele Jahre lang betreut hatte, widmete Hemingway nachträglich "The Old Man and the Sea". In schlichtem, hellblauen Einband, mit knapp 140 Seiten kürzer als der landläufige Roman und länger als eine Short-Story, wird es am 8. September vor die Öffentlichkeit treten.
Der alte Mann des Titels ist ein verarmter Fischer am Golf von Mexiko, der immer noch hinausfährt aufs Meer, obwohl er für sein Gewerbe eigentlich schon längst zu alt und schwach geworden ist. 84 Tage lang war er von morgens bis abends draußen, ohne daß ihm ein einziger Fisch an den Köder ging. Mit den abnehmenden Körperkräften hat ihn offenbar auch das Glück verlassen, und im Dorf spricht man mit kaum verhehltem Mitleid über ihn und hält ihn mit verstohlen zugesteckten Gaben am Leben.
Am 85. Tage ereignet sich endlich das, worauf er so lange schmerzlich gewartet: ein Fisch beißt an, ein großer, starker, edler Fisch, der sich nicht ohne langen Kampf geschlagen gibt. Mit dem spitzen Angelhaken in der Schnauze zieht er das Boot weit ins Meer hinaus.
Die Sonne versinkt hinter dem Horizont und steigt nach langer Nacht wieder empor. Einsam in der Meeresweite, im schwankenden Boot, hält der alte Mann die Angelschnur, die seine Hände blutig reißt, und immer noch verrät der Fisch kein Zeichen der Erschöpfung.
Der alte Mann ist überglücklich. Er liebt den Fisch und spricht ihm vom Boot aus ermunternd zu, weil er ein so tapferer, dem besten Fischersmann ebenbürtiger Kämpe ist.
Aber zugleich weiß er im Grunde, daß dieser Kampf auf Leben und Tod geht. Auch wenn sein Wasservorrat aufgebraucht ist und seine Arme schwach werden, wird er die Leine nicht aus den Händen lassen.
Er schuldet es sich selbst, diesen stärksten Gegner seines Lebens zu bewältigen. Es ist eine Sache nicht nur seines Stolzes, sondern seiner seelischen Existenz.
Als die Sonne zum drittenmal seit Beginn des Ringens aufgeht, ist der Fisch endlich am Ende seiner Kräfte. Er taucht immer wieder verzweifelt aus dem Wasser, zerrt wütend an der Schnur und zieht dann immer kleinere und müdere Kreise.
Der alte Man sieht zum erstenmal, daß er einen Giganten bezwungen hat, der zweimal so groß ist wie sein Boot. Er vertäut den geschlagenen Gegner längsseits der Bordwand und setzt erschöpft das Segel zur Heimfahrt.
Aber sein Kampf ist noch nicht zu Ende. Angelockt von der leichten Beute schießen Haie heran und graben ihre Zähne tief in das Fleisch des Fisches, von dessen Erlös der alte Mann den Winter über leben könnte. Der Fischer erwacht aus seiner Erschöpfung und schlägt die Haie verzweifelt zurück, bis er Harpune, Bordmesser und jede Waffe eingebüßt hat.
Dann weiß er, daß sein Kampf gegen die Übermacht verloren ist. Als das Boot um Mitternacht in den Hafen einläuft, hängt an seiner Bordwand das sauber abgenagte, weiß leuchtende Gerippe des Riesenfisches.
Der alte Mann geht müde in seine Hütte und versinkt in tiefen Schlaf. Aber es ist kein Zweifel daran, daß er am nächsten Tage wieder aufs Meer hinausfahren wird. -
Scribners Lektor Wheelock sagt dazu: "Das Buch behandelt auf ebenso eigenartige wie ergreifende symbolische Weise unsere menschliche Existenz. Hemingway schrieb es mit all seinem schriftstellerischen Können. Es hat kein Wort zu viel und keines zu wenig. Aber darüber hinaus ist etwas an dem Buch, das wir uns nicht erklären können. Something has happened to him."
Der Verlag nannte das Buch in seiner Ankündigung schlicht "einen neuen Klassiker - einfach, bezwingend und großartig" und setzte 15 000 Dollar in das Budget für die Werbekampagne ein. Aber auch ohnedies wird sich die literarische Welt am 8. September erstaunt die Augen reiben, wenn sie einen Hemingway kennenlernt, der auch kein Gran mehr "hartgesotten" ist.
Es sieht fast so aus, als ob der alte Mann auf Kuba, der von jedem seiner Bücher wie von einem Boxkampf spricht ("Ich gewann den Titel in den zwanziger Jahren und verteidigte ihn in den dreißigern und vierzigern, und es macht mir nichts aus, ihn auch mit fünfzig noch einmal zu verteidigen"), nach dem Punktverlust mit "Über den Fluß und in den Wald" eine neue Runde gewonnen hat.

DER SPIEGEL 34/1952
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