24.09.1952

ENGLANDBürokratische Marmelade

In jedem Ministerium", sagte der konservative Unterhaus-Abgeordnete Christopher Hollis in einem Rundfunk-Vortrag seinen Hörern dieser Tage, "haben die Beamten ihre eigene sehr klare politische Linie. In fast allen Fällen sind sie genügend stark, um jedem Minister, sei er nun Sozialist oder Konservativer, ihren Willen aufzuzwingen. Englische Regierungspolitik ist in Wirklichkeit meist die Politik der Beamten. Hieraus erklärt sich der geringe Unterschied zwischen Attlee und Churchill."
An der Spitze des britischen Ernährungsministeriums stehen zwei Männer der Konservativen Partei: der Premiers-Sohn Lloyd George und der Arzt Dr. Charles Hill. In alten, frohen Oppositionstagen hatten die beiden immer wieder Attacken gegen sozialistische Bürokratie und überflüssige Vorschriften geritten. Jetzt lasen sie in der Zeitung von einem gerichtlichen Urteil, das ihnen eine frappante Illustration zu den Feststellungen des Rundfunk-Kommentators Hollis lieferte. Peinlich für die beiden war, daß jenes Urteil den Zuständigkeitsbereich ihres eigenen Ministeriums betraf.
Der Zeitungsbericht enthielt die tragische Geschichte der weißhaarigen Miss Dorothy Carter, die jetzt den dreihundert Einwohnern des südenglischen Dorfes Iden nicht mehr ihre altbewährte Marmelade verkaufen darf. Will sie nicht wieder vor Gericht kommen, muß sie in Zukunft ihre Konfitüre süßer machen. Aber gerade der pikant bittere Geschmack des Produktes war es, der ihren Kunden zum Frühstück so vorzüglich auf dem Toast schmeckte.
Seit zwanzig Jahren fabrizierte Miss Carter in ihrem Häuschen ihre Orangen-Marmelade. Nach einem von ihrer Urgroßmutter ererbten Rezept. Der Nachfrage der Leute in Iden konnte sie nie voll nachkommen. Londoner, die zufällig in das Örtchen verschlagen wurden und die bittere Marmelade der Miss Carter kosteten, nahmen davon viele Töpfe mit.
Nun ist damit Schluß, dank einer Vorschrift aus Kriegszeiten, wonach Orangenmarmelade wenigstens 68,5 Prozent Zucker enthalten muß. Das sollte in den bitteren Jahren, in denen die Engländer alles kaufen mußten, was auf den halbleeren Regalen der Kolonialwarenläden stand, vor bitterer, verwässerter Marmelade schützen.
Ein Analytiker des Ernährungsministeriums, der gerade nichts Besseres zu tun hatte, als die Marmelade der Miss Carter zu untersuchen, stellte fest, daß sie nur 64,4 Prozent Zucker enthielt. Ihn interessierte nicht, daß sie dafür mehr teure Orangen in ihre Konfitüre hineinkochte als die meisten Fabriken. Auf seinen Vorschriften fußend, erhob das Ministerium Anklage. Miss Carter wurde von ihrem zuständigen Gericht zu einer Geldstrafe von einem Pfund (11,76 DM) und fünf Pfund (58,80 DM) Gerichtskosten verurteilt.
Dieses Urteil fand die britische Öffentlichkeit noch bitterer als Miss Carters gute Orangen - Marmelade, aber entschieden weniger schmackhaft. Dennoch können sich die Briten mit einigen Lichtblicken trösten. Es bestehen nämlich wieder Aussichten auf den guten alten Toast-Aufstrich: Lloyd George arbeitet jetzt, wohl sehr entgegen den Wünschen seiner 25 000 Beamten, an der Liquidierung seines Ministeriums. Nach den gegenwärtigen Plänen soll sie gegen Mitte nächsten Jahres Tatsache werden. Dann wird vielleicht auch Urgroßmutters Rezept wieder zu Ehren kommen.

DER SPIEGEL 39/1952
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