29.10.1952

Warum schlagen Sie?

Noch einmal rüsten sich die Propaganda-Teams östlich und westlich des Brandenburger Tors in Berlin, um politisches Kapital aus dem Namen eines Mannes zu schlagen, der ziemlich genau vor einem Jahr gestorben ist. Am 3. November soll vor dem Westberliner Schwurgericht die Verhandlung sein, die den Tod dieses Mannes klären könnte.
Es ist der Oberwagenwerkmeister Ernst Kamieth, dessen Leben bis zum 7. November 1951 in den ruhigen Geleisen einer Eisenbahnerlaufbahn dahingerollt war. Er war 55, führte seit 29 Jahren eine kinderlose bürgerliche Ehe mit Frau Martha und hatte es mit diesem einwandfreien Lebenswandel bis zum Dienststellenleiter auf dem Potsdamer Güterbahnhof in Westberlin gebracht*).
Der Vorsteher des Westberliner Polizeireviers 103, Polizeiinspektor Hermann Zunker, 56, hatte an jenem 7. November mit Westberliner Bereitschaftspolizisten den Auftrag, den sogenannten "Kulturraum" des Bahnbetriebswagenwerks nach kommunistischen Traktätchen und Plakaten zu durchsuchen. Denn der 7. November war der 34. Jahrestag der bolschewistischen Oktoberrevolution.
Als Inspektor Zunker mit seinen Leuten eben dabei war, den "Kulturraum" von bedrucktem Papier zu säubern, kam Kamieth dazu.
Zunker: "Was wollen Sie denn hier?"
Darauf Kamieth mit der Würde eines im Dienst ergrauten und für seine Dienststelle verantwortlichen Beamten: "Erlauben Sie, ich bin hier der Dienststellenleiter."
Diesen Konflikt der Kompetenzen löste Zunker mit einem Schlag seiner offenen Hand gegen das linke Ohr des neugierigen Eisenbahners. Nach dieser Klarstellung der Machtverhältnisse auf seiner Dienststelle entfernte sich Kamieth, leicht verstört greinend: "Warum schlagen Sie mich denn bloß?"
Vier Stunden später brach Ernst Kamieth bei der befohlenen Betriebsfeierstunde zum Jahrestag der bolschewistischen Oktoberrevolution bewußtlos zusammen. Nach einer längeren Irrfahrt im Krankenauto starb er.
Innerhalb von 24 Stunden hatten die Kommunisten den toten Ernst Kamieth zu etwas gemacht, was er bei Lebzeiten nie und nimmer gewesen war: zu einem volksdemokratischen Friedenskämpfer und Volkshelden. Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" brandmarkte den Polizeiinspektor Zunker fünfspaltig als Mörder des Friedenskämpfers Kamieth.
Das war das Startzeichen zur großen ost-westlichen Propagandaschlacht.
Die amerikanische "Neue Zeitung": "Die Westberliner Polizei hatte dazu schon am Donnerstag erklärt, am Jahrestag der Oktoberrevolution sei kein Polizeibeamter auf dem Potsdamer Güterbahnhof gewesen."
Die Industriegewerkschaft Eisenbahn des kommunistischen FDGB rief auf, "gegen den ständig zunehmenden Terror der Stummpolizei die Aktionseinheit der Eisenbahner zu festigen".
Der Landesverband Westberlin der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands: "Bei einer Feierstunde zum Jahrestag der bolschewistischen Oktoberrevolution ist es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der SED angehörenden Eisenbahnern und Kamieth gekommen ... Nach erregten Debatten ist Kamieth zusammengebrochen. Im Krankenhaus hat man einen Gehirnschlag festgestellt, an
dem er verstarb. Kamieth ist bereits seit längerer Zeit wegen zu hohen Blutdrucks in ärztlicher Behandlung."
Der amerikanische Stadtkommandant von Berlin, General Lemuel Mathewson: "Die Westberliner Polizei hat Stunden vor dem Tod Kamieths auf dem Bahnhof nach illegalem Propagandamaterial gesucht. Kamieth ist von den Polizeibeamten zur Seite gestoßen worden, als er das Kommando in einem Raum einzusperren versucht hat. Die amerikanischen Behörden haben erfahren, daß Kamieth noch stundenlang danach seine Arbeit fortgesetzt und vier Stunden später an einer Versammlung im Potsdamer Bahnhof teilgenommen hat, die nicht von Westberliner Polizei gestört worden ist. Während dieser Zusammenkunft ist der Dienststellenleiter erkrankt und in ein Krankenhaus gebracht worden, wo er gestorben ist."
Über den ursächlichen Zusammenhang zwischen Zunkers Schlag und Kamieths Tod hatte inzwischen der Prof. Dr. Anders von der Ostberliner Charité etwas verklausuliert begutachtet:
"Die Auslösung einer Hirnblutung bei Schlagaderverkalkung und Hochdruck durch einen erheblichen Schlag gegen den Kopf ist durchaus als möglich anzusehen. Die Annahme eines Zusammenhanges zwischen Schlag und folgender Blutung ist nur dann gerechtfertigt, wenn die ersten Erscheinungen einer Schädigung des Gehirns sofort auftreten, jedenfalls nicht später als zwei Stunden. Die Zeugenaussagen erweisen eindeutig, daß die ersten Erscheinungen sofort auftraten. Es bestehen daher keine Bedenken, den Schlag und die mit dem Auftritt verbundene Erregung als ursächlich für die Hirnblutung und damit für den Tod anzusehen."
Ernst Kamieth sollte auf dem Westberliner St.-Matthäi-Friedhof begraben werden. Das Westberliner Polizeipräsidium gestattete ein Trauergefolge von zwanzig Personen, das keine Transparente mit
sich führen dürfe, und die Kranzschleifen dürften keine politische Tendenz haben. Aber als dann der Tag der Beerdigung da war, standen auf der Ostseite der Sektorengrenze dreißigtausend Leute, die den "ermordeten Friedenskämpfer Ernst Kamieth" zu Grabe tragen wollten.
Die Westberliner Polizei sperrte zwar die Sektorengrenze ab. Da trugen die Kommunisten den Sarg auf Ostsektorengebiet in eine U-Bahn und rollten mit ihm und großem Trauergefolge unter der Polizeikette hindurch in den Westen.
Nachdem Ernst Kamieth mit einem Aufwand, den er sich niemals hätte träumen lassen, unter die Erde gebracht worden war, dämmerte es bei den maßgeblichen westlichen Stellen, daß mit der bisherigen Taktik dem Osten der Propagandawind wohl nicht aus den Pressesegeln genommen werden könne.
So wurde noch am Abend des Tages, an dem Ernst Kamieth begraben worden war, unter dem Strahlenbündel von Westberliner Polizeilampen die Leiche exhumiert und dem Westberliner Medizinalrat Dr. Weimann zur Nachsektion übergeben.
Der Dr. Weimann konnte indessen so gut wie gar nichts mehr feststellen, weil das zur Untersuchung nötige Gehirn Ernst Kamieths nicht mitbegraben war, sondern bereits in Ostberliner Spiritus schwamm. So wurde die Leiche wieder unter die Erde gebracht.
Aber es war kein Tag vergangen, da wurde die ewige Ruhe des Eisenbahners schon wieder gestört. Diesmal wollten sich die beunruhigten Angehörigen davon überzeugen, ob der Tote auch wirklich wieder in das Grab gelegt worden war. Er war da.
Bis zum Ende des Monats November verging kein Tag, an dem nicht die Ostpresse
eine energische Bestrafung des Polizeiinspektors Zunker verlangte und daran die üblichen Propagandaphrasen knüpfte. Im volkseigenen Kleiderwerk "Fortschritt III" wurde eine "Jugendbrigade Ernst Kamieth" gegründet, und die Eisenbahner vom ostsektoralen Bahnhof Schöneweide verpflichteten sich, "als Antwort auf die Ermordung Kamieths unseren Transportplan vorfristig zu erfüllen".
Am 30. November 1951 wurde Zunker von der Westberliner Oberstaatsanwaltschaft verhaftet. Aber der zuständige Richter hielt diese Verhaftung noch am gleichen Tage für eine Fehlentscheidung. Es bestand nach seiner Ansicht kein Fluchtverdacht und keine Verdunkelungsgefahr. So nahm Zunker bereits am nächsten Morgen wieder seinen Platz hinter dem Reviervorsteherschreibtisch ein.
Aber nur bis zum 5. Dezember 1951, als auf Antrag der Generalstaatsanwaltschaft richterliche Untersuchungen aufgenommen, Zunker beurlaubt, anschließend vom Dienst suspendiert und endlich am 10. Januar 1952 wieder ins Untersuchungsgefängnis gesteckt wurde.
Am 21. März 1952 abends aber wurde der Polizeiinspektor Hermann Zunker wieder aus der Haft entlassen. Der Kommandeur der Westberliner Schutzpolizei, Oberst a. D. Erich Duensing, kommentierte dazu im Tagesbefehlstil:
"Die gegen den Inspektor der Schutzpolizei Zunker verhängte Haft wurde am 21. März 1952 aufgehoben. Es kann mit besonderer Genugtuung verzeichnet werden, daß Vertreter der Parteien sich um die Freilassung bemühten .... Wir alle wollen dankbar zur Kenntnis nehmen, daß die im Kampf um die Erhaltung der Demokratie in vorderster Reihe stehenden Angehörigen der Schutzpolizei stets Verständnis und Wohlwollen nicht nur beim Parlament, sondern auch bei der Justiz finden werden. Dies wollen wir bei allen zukünftigen Einsätzen nicht vergessen."
Die Anklageschrift beschuldigt Zunker nun, nachdem ein Jahr seit der Tat vergangen
ist und die propagandistischen Wellen abgeebbt sind, "im Kampf um die Erhaltung der Demokratie" am 7. November 1951 durch Mißhandlungen im Amt den Tod des Eisenbahners Kamieth verursacht zu haben; sie wirft ihm weiter vor, sich an anderen Personen der Aussageerpressung im Amt, zweier weiterer Körperverletzungen im Amt und mehrerer Beleidigungen im Dienst schuldig gemacht zu haben.
Während des fünftägigen Prozesses wird es vorwiegend um die Kernfrage gehen: Ist Kamieth durch den Schlag Zunkers direkt getötet worden, oder war Kamieths Gesundheitszustand bereits vorher so angeknackst, daß der Schlag nur indirekt mit dem Tod in Zusammenhang gebracht werden kann?
Der Osten stützt sich nach wie vor auf jenen Charité-Befund des Prof. Dr. Anders (40 000 sezierte Leichen), von dem Westgutachter Dr. Weimann (25 000 sezierte Leichen) sagt: "Es ist absurd, an der Glaubwürdigkeit des Professors Anders den leisesten Zweifel zu hegen."
Weimann weiß allerdings wahrscheinlich nicht, was Prof. Anders in jenen Novembertagen 1951 seinem damaligen Chef, Dr. Friedrich Hall - inzwischen als politischer Flüchtling in Westdeutschland - in einer vertraulich-dienstlichen Unterhaltung gebeichtet hat:
Auf die gewissenhaft bohrenden Fragen seines Chefs gab Anders die Möglichkeit zu, daß der Schlag Zunkers nicht die direkte Todesursache gewesen sein mußte; es könnte wahrscheinlicher sein, "daß der Schlag Kamieth in einen Erregungszustand brachte, der die wichtigen Gefäße auf Grund der Blutdruckerhöhung zur Ruptur gebracht" hätte.
Ost-Charité-Professor Anders wird sich jedoch hüten müssen, diese Ansicht vor einem Westberliner Gericht zu vertreten, wenn er weiter im Osten tätig sein will. Denn dort gilt Zunker aus politischen Gründen so amtlich als Totschläger, wie er es im Westen bisher, ebenfalls aus politischen Gründen, nicht gelten darf.
*) vgl. Fußnote Seite 10.

DER SPIEGEL 44/1952
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