10.12.1952

UNESCOSymbol vergangener Kultur

Von dem 16stöckigen Zement- und Glas-Kolossalbau, den die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) an der Pariser "Porte Maillot" errichten will, sagte dieser Tage im Gemeindeparlament der französischen Hauptstadt der Stadtrat Massiani ziemlich respektlos: "Es verschandelt unsere Stadt."
Die Pariser selbst bewitzeln das Projekt als "Radiateur electrique" (elektrischen Heizofen), und die departementale Baubehörde verweigerte der kulturellen Weltregierung kurzerhand die Baugenehmigung.
Nun jammerten die UNESCO-Intellektuellen in vertrautem Kreis über so viel Mißverstehen: "Wir fangen an zu befürchten, daß Paris sich damit begnügen will, das Symbol einer vergangenen Kultur zu sein, und daß es den Anspruch aufgegeben hat, das Zentrum der zeitgenössischen Kultur zu bleiben."
Das Scheitern der fortschritt-freudigen Idealisten der UNESCO an der seßhaften Behäbigkeit Pariser Kleinbürger hat beispielhafte Bedeutung. Dasselbe Mißtrauen, das die Pariser den architektonischen Experimenten an der Porte Maillot entgegenbringen, hegt die schwerfällige Masse der Völker angesichts des aus purem Wohlwollen und guten Absichten konstruierten kulturellen Überbaus, den die UNESCO in luftiger philosophischer Höhe "jenseits" der waffenstarrenden Gegensätze von Ost und West errichten will*).
Am Sonnabend vor zwei Wochen nun zog der Generaldirektor der UNESCO, der Mexikaner Jaime Torres Bodet, aus der Diskrepanz von UNESCO-Plan und -Wirklichkeit die Konsequenz. Der größte Teil der Delegierten zur 7. Vollversammlung hatte - nach bereits 14tägigem ziemlich unfruchtbaren Reden - den Knopf des Langwellen-Übersetzungsgerätes auf die Nr. 6 geschaltet. Da hörten sie neben Tanzmusik die Ratschläge für die Hausfrau des Senders Luxemburg. Erst an den betretenen Gesichtern auf den Tribünen bemerkten die Delegierten, daß der auf der Rednertribüne energisch gestikulierende Mexikaner
irgend etwas Bedeutsames sage. Sie kamen beim Umschalten gerade noch zurecht, um die Rücktritts-Erklärung von Torres Bodet mitzuhören.
Anlaß zu diesem dramatischen, fast gleichzeitig mit Trygve Lies Rücktritt als Generalsekretär der UNO stattfindenden Schritt bot die Säumigkeit der 65 Mitgliedstaaten in puncto Beitragszahlungen. Insgesamt weist das Beitrags-Konto der UNESCO zur Zeit ein Minus von 3 316 727 US-Dollar auf. Das sind etwa 15 Prozent des Jahres-Haushalts.
Im Saal des im Stil von Omama mit Erkerchen und Säulen geschmückten ehemaligen Hotel Majestic, dem jetzigen Sitz der UNESCO, nannte Torres Bodet dieser Tage die wahren Gründe seines Rücktritts: "Ich habe aufgehört, an die UNESCO und ihren Nutzen zu glauben."
*) Paragraph 1 der UNESCO-Verfassung: "Der Zweck der Organisation ist, Frieden und Sicherheit zu fördern, indem sie die Zusammenarbeit unter den Völkern durch Erziehung, Wissenschaft und Kultur vorantreibt ..."

DER SPIEGEL 50/1952
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UNESCO:
Symbol vergangener Kultur

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