17.12.1952

ANSAGE / Titelgeschichte KulturHeiß vom Plattenteller

(s. Titel)
Auch in der Silvester-Nacht wird der erste Schallplatten-Jockey des deutschen Rundfunks auf seinem imaginären "Pferdchen" durch den Äther traben. Inmitten einer schrägbewegten Starparade von Heinz Rühmann bis Just Scheu will Christopher Howland den NWDR-Hörern die vier populärsten Schallplatten aus seiner Montagssendung "Rhythmus der Welt" mit auf den Weg ins neue Jahr geben.
Die vier Spitzenreiter heißen "Trumpet Blues", "Blacksmith Blues", "Blue Tango" und "Botch-a-me" und sind von Howlands begeisterten deutschen Hörern bisher am häufigsten verlangt worden.
Unter Pferdegetrappel hatte sich der 24jährige Funkkollege vom BFN am 1. September vorgestellt: "Ich bin ein Schallplatten-Jockey. Jede Woche um diese Zeit melde ich mich mit den neuesten deutschen, amerikanischen und englischen Schallplatten. Ich habe heute eine ganze
Menge auf Lager. Also sind Sie bereit? Ja? Gut!" Englischer als mit seinem Akzent konnte die deutsche Sprache überhaupt nicht klingen.
Seither spielt Howland an jedem Montag in 45 Minuten etwa vierzehn Schallplatten vorwiegend amerikanischer Provenienz ab. Neu für deutsche Ohren ist dabei vor allem die Form der Ansage. Ein paar hemdsärmelig zwanglose Bemerkungen, wie: "Man könnte fast annehmen, daß diese Platte bei einer wilden Feier aufgenommen wurde. Wer weiß!"; oder: "Der Text? Zerbrechen Sie sich lieber nicht den Kopf: ich kann ihn auch nicht verstehen" - und die Platte läuft.
In jedem Monat singen rund 1400 Hörer dem im NWDR radebrechenden Engländer brieflich begeistert Lob. Die Briefanreden schwanken zwischen "Sehr geehrter Herr Platten-Jockey" und "Dear Chris".
Dabei war Produzent Christian Törsleff, 33, NWDR-Spezialist für Unterhaltungssendungen mit Publikums-Appeal ("Schlagerparade", "Dein klingendes Autogramm", "Der Jazzclub" u. a.) auf einen Sturm humorloser Entrüstung gefaßt gewesen. Inzwischen wurde Howland jedoch so populär, daß Werner Kroll ihn in der Silvestersendung "Bis fünf Minuten vor zwölf" parodieren will. Produzent Törsleff staunt immer noch: "Sogar hier im Funkhaus hört alles mit."
Der Einfall mit dem akustischen "Pferdchen", das vor jeder Sendung brav zum Mikrophon trabt, stammt von Howland. "Schallplatten-Jockey" hingegen ist Törsleffs wortgetreue Übersetzung von "Disk-Jockey", der Fachbezeichnung für den allgegenwärtigen Musikbediensteten des amerikanischen Rundfunks.
Mit einem Stapel Schallplatten und seinem Mutterwitz, meist jedoch ohne Manuskript, rückt der Disk-Jockey drüben in die Lücken zwischen den großen "Shows" aus New York oder Hollywood. Er stellt neue Musiknummern vor, erläutert Stile und Arrangements, beantwortet Anfragen, richtet Grüße aus, erfüllt Hörerwünsche, erzählt Anekdoten, interviewt Besucher, verliest zwischendurch die obligaten Werbetexte und legt bei alledem eine Platte nach der anderen auf. Alles möglichst ungezwungen, aus dem Stegreif und in freundnachbarlichem Plauderton: "Hallo, hier bin ich - das musikalische Menu für heute nachmittag ist angerichtet."
Da er selbst keine Musik produziert, sondern nur die handelsüblichen Plattenaufnahmen in immer neuer Zusammenstellung serviert, hängt es sehr von seinem Eigengewicht als "Show-Personality" ab, ob er
bis in alle Ewigkeit Lückenbüßer in der Provinz bleibt oder ob er eines Tages an einem Großstadtsender zu nationalem Jockey-Ruhm mit entsprechend hoher Bezahlung emporsteigt. In Sonderfällen wird er so populär wie ein mittlerer Filmstar.
Dazu bedarf es freilich eines außergewöhnlichen Formats, denn inzwischen liefern sich Hunderte von Plattenreitern ein scharfes Rennen. Viele Funkhäuser kommen mit einem Disk-Jockey, im Branchenjargon auch "Dee-Jay" genannt, schon gar nicht mehr aus.
Das gilt vor allem für Stationen mit 24-Stunden-Betrieb, bei denen ein oder zwei Musikbediener die Nachtwache von 23 Uhr bis zum frühen Morgen übernehmen. Großstadtsender, die nicht an eines der großen Rundfunknetze angeschlossen sind, bestreiten oft sogar ihr gesamtes Programm mit Plattenshows und -plauderern.
So wissen Autofahrer in Süd-Kalifornien: Auf Welle 570 - Tag und Nacht Musik. In Fünfstundenschichten lösen sich die fünf Jockeys der Hollywoodstation KCLA "around the clock" an Mikrophon und Plattenteller ab. Jede Stunde um "voll" haben sie fünf Minuten Atempause. In handlicher "Digest"-Form werden "every hour on the hour" (jede Stunde auf die volle Stunde) die neuesten Nachrichten gereicht.
Abends zieht Disk-Jockey Alex Cooper mit seinem Tontechniker regelmäßig ins Schaufenster einer großen Musikalienhandlung am Sunset Boulevard und macht sein Programm vor den Augen einer neugierigen Menschentraube ambulant. Oft kommen gute Freunde von Film, Funk und Musik auf einen Sprung herein und mimen für eine Plattenlänge bei Alex mit.
Derweilen hockt Alex' farbiger Namensvetter Ralph Cooper von der New-Yorker Radiostation WOV bis drei Uhr früh in einem schalldichten Glaskasten im Palm Café an Harlems 125. Straße. Repertoire: Platten und Interviews mit Broadway-Berühmtheiten. Die Platten führt er meist nur mit einem lakonischen "Let's wail" (Laßt uns losjammern) ein. Weil er selber
wenig redet, ist er bei den Radiohörern sehr beliebt.
Im allgemeinen bevorzugen die Disk-Jockeys populäre Film-, Revue- und Tanzmusik, "immergrüne" Jazznummern und Be-bop. Im Westen der Vereinigten Staaten spielen sie außerdem viele Hillbilly-Songs. in New York und im Süden würzen sie ihr Programm statt dessen mit einer Prise lateinamerikanischer Rhythmen. Mit gutem Erfolg richtet Norman Ross in seiner "400-Hour"-Sendung über die Rundfunkstation WMAQ in Chicago nach gleichem Rezept auch die Klassiker an.
Als die New-Yorker Fernsehstation WOR-TV kürzlich als erste mit dem sogenannten "Insomniac's Video" (Fernsehen für Schlaflose) begann, zog der Schallplattenreiter auch in den Fernsehfunk ein. Jede Nacht sitzt Dee-Jay Fred Robbins von 0 bis 5 Uhr morgens vor der Kamera und macht Musik. Da ein Plattenspieler, ein Mikrophon und ein müder Mann optisch nicht viel hergeben, vertreibt er sich und seinen Zuschauern mit "Rate mal, wer das ist"-Bildern die Zeit, in der die Platte läuft.
Der deutsche Rundfunkhörer kannte bisher höchstens gestellte Dialoge zwischen zwei Musikstücken oder "verbindliche Worte" streng nach Manuskript, möglichst anonym und unpersönlich gehalten.
Im Funkhaus des Schriftsteller-Intendanten Ernst Schnabel freilich hatte Christian Törsleff schon öfters neidvoll die zwanglosen Jokey-Sendungen von AFN und BFN abgehört und die Landschaft nach einem deutschen Gegenstück abgesucht. Aber nicht erst Schnabels Experiment mit dem "Abenddiener" hatte schlagend bewiesen: Show-Leute mit Stegreif-Talent sind im deutschen Rundfunk rar. Und einen Conferencier mit einem Reportoire von eingefahrenen Pointen und Schmonzetten wollte er lieber doch nicht vors Mikrophon setzen.
Das Mitarbeits-Angebot von Christopher Howland, der seit fünf Jahren - zuerst in Uniform, später in Zivil - Ansager und Disk-Jockey bei BFN ("Family Favourites". "Breakfast Club" u. a.) ist, kam Törsleff darum gerade recht. Vor lauter Freude darüber vergaß er sogar, sich näher nach Howlands Deutschkenntnissen zu erkundigen.
Wie sich bald herausstellte, spricht Howland nur wenige Brocken Deutsch. Im Gegensatz zum richtigen Jockey-Stil muß er sich daher jedesmal ein Manuskript schreiben und darin krampfhaft so tun, als käme jeder Satz aus dem Stegreif. Was durch das Manuskript verlorengeht, macht Howland nach Kräften dadurch wett, daß er jede Sendung nach kurzer Anspracheprobe original "fährt" und die Rhythmen, ohne sie auch auf Band zu spielen, heiß vom Plattenteller in den Äther schickt.
Als echter Disk-Jockey bedient er zwei von den vier Plattentellern im Studio V am Hamburger Rothenbaum selbst. Mitunter hält er dabei die schon laufende Platte mit dem Zeigefinger fest, bis er mit seiner Ansage so weit ist. Wenn sie dann nicht gleich auf volle Touren kommt und einige Runden scheußlich jault, entschuldigt er sich hinterher: "War ein bißchen müde am Anfang, was?" Den NWDR-Hörern ist diese glatte Mißachtung der akustischen Perfektion offenbar ein Hochgenuß.
Auf jeden seiner Gags, die manchmal gar keine sind, springen sie begeistert an. Nachdem Howland einmal behauptet hatte: "Diese Melodie ist sehr einprägsam. Ehe Sie sich's versehen, pfeifen Sie sie in der Badewanne", verlangten sie "Meet Mr. Callaghan" so pausenlos, daß er die "Allerweltsbadewannenmelodie"
in der vierten Sendung "in den Abfluß rutschen" ließ.
In der fünften holte er sie - vor der Hörernachfrage kapitulierend - reumütig wieder herauf: "Ich lieh mir eine schicke Badehose und stieg unserer Melodie nach. Vorsichtig ließ ich mich das Rohr hinab, und da hörte ich sie auch schon ganz deutlich. Ich fand sie in einer Rohrbiegung, und hier ist sie - noch ein wenig feucht, aber nicht schlecht." Und hinterher: "Erinnern Sie mich doch bitte, das Ding zum Trocknen zu geben."
Am nächsten Montag hatte die Melodie die ganze Woche auf der Leine gehangen: "Da es aber die meiste Zeit in einer Tour geregnet hat, ist sie immer noch nicht ganz trocken." In der achten Sendung ließ er sie vor lauter Verzweiflung explodieren, aber in der neunten war sie in ungebrochener Rüstigkeit noch immer da.
Mit solch gequälten Scherzen hätte ein deutscher Sprecher zweifellos die Rundfunkgötter versucht. Von dem Engländer Chris Howland nehmen die sonst so reizbaren deutschen Hörer sie wohlig schnurrend hin. Grund: Sie fühlen sich von Howland zum erstenmal persönlich angesprochen. Außerdem finden vor allem Frauen seinen Akzent und seine sprachliche Unbeholfenheit schlechthin entzückend.
Inzwischen basteln Christian Törsleff und Christopher Howland bereits an einer Halbstundensendung, die sie dem NWDR-Fernsehfunk anbieten wollen. Als Tostian Christleff mimt der "Rhythmus der Welt"-Produzent darin den "ausgesprochen dummen Stallburschen" des stolzen Jockeys.
Daß die Popularität des NWDR-Jockeys Howland auch das unbeschadet überstehen wird, ist kaum noch zu bezweifeln. Mit seinem ebenso photogenen wie mimisch begabten Eton-Gesicht will er nicht umsonst später Filmschauspieler werden. Bisher allerdings stand er nur einmal in einer Nebenrolle als englischer Rundfunksprecher vor der Realfilm-Kamera.
Auf jeden Fall sind Sendungen mit Servier-Tendenz wie sein "Rhythmus der Welt" und Einrichtungen wie Schnabels "Abenddiener" ein deutliches Zeichen dafür, daß sich die statische deutsche Rundfunkform unter anglo-amerikanischem Einfluß allmählich aufzulösen beginnt. Dabei wird sie einerseits persönlicher, andererseits schlaksiger.
Allerdings wird wohl kein deutscher Rundfunksender jemals nur mit laufender Musikbedienung aufwarten wie manche amerikanische Station, wenngleich Programme dieser Art verdächtig gut ins Zeitalter der permanenten Geräuschkulisse und des Autoradios passen.
Was der Rundfunk trotz Schallplatten-Jockey an absoluter Musikberieselung schuldig bleibt, holt indessen eine andere amerikanische Importe nach. In großstädtischen Bars und Bierlokalen tauchen neuerdings die ersten Exemplare der in Deutschland nachgebauten amerikanischen "Juke-Box" auf. Inhalt: 50 Schallaufnahmen von populärer Klassik über Capri-Schmalz bis zum Be-Bop.
Wenn die neonbeleuchteten Musik-Automaten auch in der Bundesrepublik erst in jeder Eck-Kneipe stehen, braucht man nurmehr einen Groschen einzuwerfen und auf einen der fünfzig Knöpfe zu drücken - und der Traum von der musikalischen Selbstbedienung, dem allzeit tönenden Wunschkonzert für jedermann, wird technisch perfektionierte, klangreine Wirklichkeit.
Das Nachtprogramm des Rundfunks darf sich währenddessen gern mit der kulturellen Krise unserer Zeit auseinandersetzen. Das Radiogerät kann man nämlich abstellen. Die "Juke-Box" nicht.

DER SPIEGEL 51/1952
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