24.12.1952

WLASSOWKapital verspielt

Der General Eisenhower, der im Oktober im Wahlkampffieber gesagt hatte, er könne das Problem Korea "schnell und ehrenhaft" lösen, mußte auf einer Pressekonferenz im öden Seoul vor seinem Rückflug in die Staaten bekennen: "Wir verfügen weder über ein Allheilmittel noch über Kunstgriffe, um Probleme lösen zu können."
Das wichtigste Problem dieses Krieges, das einem Friedenschluß entgegensteht:
* Sollen Soldaten eines kommunistisch beherrschten Staates, die sich außerhalb des Moskauer Machtbereichs vom Kommunismus losgesagt haben, zwangsweise wieder in ihre rote Heimat zurückbefördert werden?
Wie Dwight D. Eisenhower dieses Problem bei anderer Gelegenheit schon einmal gelöst hat, ist in einem Buch zu lesen, das in einer Auflage von 5000 Exemplaren aufgelegt ist und dessen letzte Exemplare die Buchhändler in diesen Tagen aus den Regalen nehmen.
Es ist Jürgen Thorwalds "Wen sie verderben wollen - Bericht des großen
Verrats"*), des Verrats nämlich, den während des zweiten Weltkriegs nicht nur die Deutschen unter Adolf Hitler, sondern auch die amerikanischen Truppen unter dem General Dwight D. Eisenhower an jener fast vollen Million Sowjetbürger übten, die mit der Waffe in der Hand gegen die bolschewistischen Herren ihrer Heimat und, wie die Verhältnisse nun einmal waren, damit automatisch für Adolf Hitler kämpften.
Die Amerikaner unter Dwight D. Eisenhower taten damals, was sie vorher nie getan hatten und heute in Korea unter keinen Umständen mehr tun wollen: Sie lieferten die antikommunistischen Soldaten ihren kommunistischen Landsleuten ans Messer. So krepierten diese antikommunistischen Russen, Ukrainer, Kosaken, Tataren, Turkmenen und Aserbeidschaner als Opfer der Zwangslage, daß man von 1941 bis 1945 nur dann gegen Stalin sein konnte, wenn man sich mit Adolf Hitlers Deutschland verbündete.
Der Autor des Berichts über diesen "großen Verrat" nennt sich Jürgen Thorwald und ist 36 Jahre alt. Er hat sich in der Nachkriegszeit mit Büchern über die jüngste Vergangenheit**) auf jenem brachliegenden
Gebiet angesiedelt, das zwischen dem weiten, bunten Feld der Literatur und den Gegenden der nüchtern-trockenen Historien-Darstellung liegt: Er schreibt, wenn man will, historische Romane, nur daß seine Romanhelden überwiegend heute noch leben und jeder Leser die Zeitepoche miterlebt hat, die in diesen Romanen dargestellt wird.
Thorwald entwickelte eine einigermaßen neue Art des Quellenstudiums, "das den gewöhnlichen Voraussetzungen historischer Arbeiten nicht entspricht, wie sie in weniger chaotischen Zeiten üblich und möglich ist". - "Es handelte sich um das Studium am lebenden Objekt, also um die Befragung von Menschen, die als Soldaten, als Beamte oder als Parteifunktionäre Einfluß auf die damaligen Geschehnisse oder Einblick in ihren Ablauf hatten." Denn die dokumentarischen Quellen sind zum größten Teil vernichtet oder in den Händen der Besatzungsmächte.
Eins von Thorwalds Nachkriegsbüchern, das auf diese Art zustande gekommen ist, heißt "Die ungeklärten Fälle". Es ist eine Darstellung der Umstände des Todes von Udet, Todt, Mölders, Dietl und anderer Prominenter des Dritten Reiches.
Einer dieser "ungeklärten Fälle" in Thorwalds Buch war der Fall des Andrej Andrejewitsch Wlassow, des Oberbefehlshabers der 20. sowjetischen Armee in der Winterschlacht vor Moskau und späteren Generals der antikommunistischen "Russischen Befreiungsarmee" und Vorsitzenden des "Komitees zur Befreiung der Völker Rußlands". Das Kapitel Wlassow in den "ungeklärten Fallen" fußte auf recht unvollkommenen Quellenangaben. Aber es gab den Anstoß, in ein unbekanntes Gebiet zu leuchten; es wurde mit der Bitte an die Leser ergänzt, Vervollständigungen und neue Quellen zu geben.
Im Januar 1951 lernte Thorwald zufällig einige deutsche Akteure jener Zeit kennen. Thorwald sah, daß alles, was er bisher zum Thema Wlassow gesammelt hatte, nur ein lächerlicher kleiner Teil von dem war, was man haben mußte, um das aus dem Stoff zu machen, was jetzt daraus geworden ist. Denn Wlassow war nur eine Figur unter vielen prominenten Sowjetbürgern, die auf Hitler setzten.
Das Buch erhebt - mit der Einschränkung, daß einzelne Irrtümer bei der Materialsammlung vorgekommen sein mögen - den Anspruch, dokumentarisch zu sein. Es zählt die Konzeptionen auf, mit denen die Deutschen ihre Rußlandpolitik treiben wollten:
* Die offizielle Konzeption des Adolf Hitler und seiner Trabanten vom slawischen Untermenschen: "Der Osten muß für Deutschland dasselbe sein, was das britische Weltreich für England ist... stehen uns die unermeßlichen Wirtschaftskräfte des Ostens zur Verfügung... Die Beseitigung des bolschewistischen
Untermenschentums ist eine Aufgabe" (Adolf Hitler) - "...werden mit Machorka, Wodka und der Nagaika regiert" (Gauleiter Koch).
* Die Theorien des Ostministers Rosenberg von der "nationalen Dekomposition des russischen Raumes": "... eine mit Deutschland eng verbundene, aber in gewissem Sinne doch selbständige Ukraine aufrichten... alle diejenigen Teile loslösen und unter Ausnutzung ihrer Selbständigkeitsbestrebungen zu eigenen Gebilden machen, die nicht russisch sind" (Rosenberg).
* Die Konzeption einiger Militär-Praktiker im Generalstab des Heeres und der Wehrmachtspropaganda: "Wenn wir die Katastrophe verhindern wollen, dann müssen wir mit allen Mitteln eines anstreben: die levée en masse der Russen mit unserer ehrlichen Hilfe ... Wer noch glaubt, daß wir in diesem Land militärisch siegen könnten, ohne einen politischen Kurs wirklicher Befreiung (vom Bolschewismus) zu gehen, ist ein kompletter Narr. Man müsse einen russischen de Gaulle finden und ihn an die Spitze einer freien Gegenregierung und einer Befreiungsarmee stellen." (Oberst i. G. Graf Stauffenberg, der spätere 20.-Juli-Attentäter.)
Was Thorwald beschreibt, ist der Kampf von Leuten wie Stauffenberg, diese russische Befreiungsarmee mit "List, Mut zur Verantwortung und vollendeten Tatsachen" gegen die Hitlersche Untermenschen-Theorie durchzusetzen.
Die Tatsachen halfen. Überall hatte sich die Fronttruppe schon landeseigene Hilfswillige, "Hiwis", angegliedert, von denen das OKW offiziell nichts wissen durfte. Unter der Begründung, mit ihnen Aufforderungen für sowjetische Überläufer verfassen zu wollen, holte sich der Propagandastab des OKW gefangene kollaborationswillige sowjetische Generale und Politkommissare zusammen.
Der gefangengenommene sowjetische Armeekommissar Miletij Alexandrowitsch Sykow zum Beispiel verfaßte am 5. Mai 1942 einen "Organisationsplan zur praktischen Mobilisierung des russischen Volkes gegen das Stalin-System". Aber Sykow wurde von der SS umgebracht, weil er Jude war.
Schließlich fand die Propagandaabteilung des OKW ihren "russischen de Gaulle", den "petrinischen Russen" Andrej Wlassow, der Ende Juli 1942 als Armeeoberbefehlshaber im Wolchowkessel gefangengenommen wurde und mit den Deutschen seine Heimat befreien wollte. Aber Rosenberg lehnt ab: "Wlassow darf nur Propagandafigur für Russen sein. Seine Flugblätter dürfen jenseits der Front abgeworfen werden." Schließlich hieß es: "Der Führer verbietet kategorisch jeden weiteren Einsatz von Wlassow."
Erst als die deutschen Fronten zusammenbrachen, fanden Wlassows deutsche Betreuer auf einmal Gehör mit ihren Plänen von der russischen Befreiungsarmee. Ausgerechnet die SS nahm sich jetzt der "Untermenschen" an. Himmler und Goebbels empfingen den russischen General auf einmal als ihresgleichen, und am 14. November 1944 gründete Wlassow auf "slawischem Boden", auf der Prager Burg, das "Komitee zur Befreiung der Völker Rußlands".
Er sagte: "Um das Vaterland zu retten, sind wir ein ehrliches Bündnis mit Deutschland eingegangen... Wir wissen, daß die Hilfe, die uns das deutsche Volk gewährt, heute die einzige reale Möglichkeit ist, einen bewaffneten Kampf gegen den Bolschewismus zu organisieren... Der Wille der Völker Rußlands zu weiteren Anstrengungen und zur Fortsetzung des Kampfes hat im Manifest des Komitees für die Befreiung der Völker Rußlands, das wir heute vor der ganzen Welt veröffentlichen, Ausdruck gefunden."
Noch im Winter 1944/45 wurden auf den Truppenübungsplätzen Münsingen und
Heuberg die beiden ersten geschlossen russischen Divisionen aus "Hiwis" zusammengestellt. Sogar einige Wlassow-Flieger gab es auf einmal.
Aber da war es schon zu spät. Die beiden Divisionen gerieten in Böhmen in den deutschen Zusammenbruch und zwischen die amerikanischen und sowjetischen Armeen. Die Generale der "Russischen Befreiungsarmee" machten verzweifelte Versuche, wenigstens die Substanz ihrer Verbände zu retten. So existierte ein Plan, "nach Serbien zu marschieren", ein anderer, in der Tschechoslowakei den Aufstand der nationalen Tschechen gegen die deutsche Besatzung zu unterstützen, die tschechischen Kommunisten in Schach und die Sowjettruppen so lange fernzuhalten, bis die Amerikaner das Land besetzt hätten. So kam es dazu, daß sich in Prag noch Wlassow-Truppen mit Deutschen herumschossen.
Die Westalliierten haben alle diese Leute an die Sowjetunion ausgeliefert. Was von den Soldaten der "Russischen Befreiungsarmee" vor der Auslieferung nicht Selbstmord beging oder bei der Übergabe von den Sowjets sofort erschossen wurde, wanderte in die sibirische Verbannung. Die Generalität wurde im August 1946 in Moskau aufgehängt.
Thorwald zeigt, daß seine Sympathie bei denen liegt, die einer russischen Befreiungsarmee das Wort redeten. Und die meinten, daß Deutschlands Endsieg hätte kommen müssen, wenn diese Befreiungsarmee nicht erst so spät aufgestellt worden wäre.
Der Steingrüben-Verlag schreibt auf dem Umschlag von Thorwalds Buch: "Von 1914 bis 1945 fiel Deutschland die weltgeschichtliche Chance zu, den sowjetischen Machtkomplex jenseits aller unzulänglichen militärischen Anstrengungen durch das Bündnis mit jenen sowjetischen Millionen zu Fall zu bringen, die bereit waren, die nicht geliebte Macht ihres Staatssystems abzuschütteln und dafür ein anderes, freieres, nicht durch eine Ideologie geknechtetes Rußland zu schaffen... Aber die beherrschenden Mächte Deutschlands begriffen nicht den weltgeschichtlichen Ruf."
Der Steingrüben-Verlag übersieht: Hätte Hitler den "weltgeschichtlichen Ruf" begriffen und ein "freies Rußland" schaffen wollen, dann hätte er sein Kriegsziel, nämlich Kolonien im Osten zu erobern, aufgeben müssen. So ist das weltgeschichtliche Unterfutter, das der Verlag dem Thorwaldschen Bericht geben will, ein Widerspruch in sich, der sich auf die Formel bringen läßt: "Hitler hätte die Russen schon zu seinen Arbeitssklaven machen können, wenn er ihnen nur die Freiheit gebracht hätte."
Das ändert nichts an der Tragik jener Million Russen, die nicht rechtzeitig genug begriffen, daß man, bei aller sonstigen britisch-amerikanischen Vorliebe für den Antibolschewismus, von 1941 bis 1945 nicht antibolschewistisch sein durfte. Der Wlassow-General Malyschkin, der als Stabschef einer Sowjetarmee bei der Tuchatschewskij-Krise verhaftet worden und erst 1941 aus dem Gefängnis an die sowjetische Front gebracht worden war, wo er in deutsche Gefangenschaft geriet, traf nach dem deutschen Zusammenbruch mit dem amerikanischen
General Patch zusammen, um zu verhindern, daß seine Truppen an die Sowjets ausgeliefert würden. Der Amerikaner wunderte sich, daß Malyschkin, der doch vorgebe, nationaler Russe zu sein, deutsche Generalsuniform trage. Darauf Malyschkin:
"Deutschland hat vorgegeben, gegen den Bolschewismus zu kämpfen und Stalin zu beseitigen, der uns nur Unglück gebracht hat. Wir haben daran geglaubt. Wir sind betrogen worden. Aber wessen Uniform hätten wir sonst anziehen sollen, wer hätte uns Waffen gegeben, um endlich nach so vielen Jahrzehnten wenigstens die Hoffnung zu bekommen, kämpfen zu können? Vielleicht wären uns andere Uniformen lieber gewesen. Aber niemand hat sie uns gegeben."
In der Tat spricht alles dafür, daß viele Wlassow-Russen lieber eine andere als die deutsche Uniform getragen hätten. Schon im Herbst 1943 versuchten russische und Schweizer Mittelsmänner, Kontakte zwischen Wlassow und den Anglo-Amerikanern herzustellen und Abmachungen für später zu treffen. Aber Wlassow zögerte: "Was wir brauchen und wovon alles andere abhängt, das ist die Regierung und das ist die Armee. Und die kann uns heute niemand geben als die Deutschen. Aber sie werden sich erst an uns wenden, wenn sie ihren dummen Hochmut verlieren und um ihr Leben kämpfen. Dann werden sie uns die Regierung und die Armee geben. Und dann können wir vielleicht noch einmal darüber reden..."
Das alles spricht für Wlassow und seinen Sinn für Unabhängigkeit, aber auch gegen alle, die mit den Russen Hitlers Krieg gewinnen wollten.
Wlassow ist nicht der einzige Repräsentant der antibolschewistischen Kräfte des Sowjetraumes gewesen. Daneben gab es die Vertreter der nichtrussischen Völker, die um keinen Preis Wlassows großrussische Lösung wollten ("Lieber Stalin im Gesicht als Wlassow am Hintern") und sich hinter Alfred Rosenberg steckten. Als Wlassow 1944 in Prag sein Komitee zur Befreiung der Völker Rußlands endlich gründen durfte, da saßen als Vertreter der nichtrussischen Völker nur "Schatten von Schatten" im Präsidium. Für einen Mann wie Wlassow war es Landesverrat, das russische Imperium à la Rosenberg "dekomponieren" zu wollen.
Von fast 1000 Seiten hat das Thorwald-Buch auf 600 gekürzt werden müssen, um einen erträglichen Preis zu halten. Dabei sind viele Berichte, die ursprünglich veröffentlicht werden sollten, gestrichen worden, zum Beispiel der Bericht über die Behandlung von 110 000 sowjetischen Kriegsgefangenen durch den Chef des Stabes der deutschen 17. Armee nach der Kesselschlacht von Uman Anfang August 1941, der wichtig zum Verständnis der späteren Zurückhaltung vieler russischer Kriegsgefangener gegenüber Wlassow ist:
"Der Sammelpunkt für die Gefangenen war eine Kriesgrube hart westlich Uman. Schon nach wenigen Stunden ergab sich in dieser Kiesgrube ein ungeheurer Raummangel. Die Gefangenen konnten nicht lagern, sondern standen dicht zusammengedrängt. Dazu herrschte größte Hitze. Ganz schlimm wurde, nachdem die Gefangenen die mitgebrachten spärlichen Vorräte verzehrt hatten, die Versorgungslage. Der Durst war quälend. Als Bewachung für diese brodelnde Menschenmasse standen nur die Begleitmannschaften zur Verfügung, die die Gefangenen zum Sammelpunkt übergeführt hatten, die aber in der Mehrzahl zu ihrer weiter vorstoßenden Truppe entlassen werden mußten. Die Verhältnisse wurden untragbar.
"In mehreren Anrufen wurde der Chef des Stabes der 17. Armee, der damalige Oberst i. G. Vinzenz Müller vom Generalkommando, in dessen rückwärtigem Bereich die Gefangenensammelstelle lag, auf die Unhaltbarkeit der Zustände in der Kiesgrube aufmerksam gemacht. Müller reagierte nur hinsichtlich des Hinweises auf die mangelnde Bewachung der Gefangenen und ordnete an, daß ein paar 8,8-Flakgeschütze am Rande der Kiesgrube in Stellung gebracht wurden, um etwaige Ausbruchsversuche im direkten Schuß zum Stehen zu bringen.
"Der Hinweis auf die immer fürchterlicher werdenden Versorgungszustände in der Kiesgrube ließen Müller völlig ungerührt. Er kündigte lediglich an, daß sein Q 2 sich die Verhältnisse dort ansehen werde.
"Daraufhin begab sich der Ia des Generalkommandos, der vor und während der Schlacht von Uman den erkrankten Chef des Stabes vertrat, selbst an Ort und Stelle. Er war erschüttert von den Zuständen, die er vorfand. Durch Befragen einiger Gefangener stellte er fest, woran es am stärksten mangelte. Dann gab er der spärlichen Bewachungsmannschaft den Befehl, der Bevölkerung, die vor allem Wasser und auch Verpflegung aus freien Stücken heranbrachte, den Zutritt zur Kiesgrube nicht mehr zu verwehren.
"Doch vermochte diese sofort getroffene Maßnahme natürlich nicht, die Zustände in der Kiesgrube wesentlich zu verbessern. Soweit dem Berichterstatter, der schon an den nächsten Tagen mit dem Generalkommando weiter nach Osten verlegt wurde, bekannt ist, änderten sich die Zustände in der Kiesgrube auch nicht, solange die 110 000 Gefangenen unter der Jurisdiktion der 17. Armee, das heißt also des verantwortlichen Chefs des Stabes, Oberst i. G. Vinzenz Müller, standen."
Vinzenz Müller ist heute Stellvertreter des Innenministers der Sowjetzone und Chef des Stabes der kasernierten Volkspolizei.
Die Amerikaner gäben heute etwas darum, wenn sie die Weisung befolgt hätten, die der Kommandeur des Kosakenkorps von Pannwitz (der später in Moskau gehenkt wurde) bei der Kapitulation seinen Unterhändlern
mit auf den Weg zu den Westalliierten gab: "Der Kampf gegen den Bolschewismus ist noch nicht zu Ende. Das Kosakenkorps muß so, wie es ist, erhalten bleiben. Auch wenn es nach Afrika oder Australien oder sonstwohin verschwindet. Man wird es noch einmal brauchen." Aber das Kosakenkorps wurde von den Westmächten an Stalin ausgeliefert.
Im Juni 1945 wurde der deutsche General der Kavallerie Köstring, der bei der Aufstellung der russischen Verbände entscheidend mitgewirkt hatte, von einem amerikanischen Obersten vernommen. Darüber Thorwald: "Der Amerikaner hatte während der Invasionsschlacht offen bar Freiwilligenbataillene zum Gegner gehabt. Er meinte, einige hätten sich unglaublich geschlagen und wollte wissen, mit welchen Zwangsmitteln, mit wieviel Maschinengewehren und wieviel Maschinenpistolen Köstring es fertiggebracht habe, diese Leute für Deutschland ins Feuer zu treiben.
"Der General verstand, daß es sinnlos war, dem Amerikaner die Problematik dessen, was in Wirklichkeit geschehen war, klarzumachen. Aber eines mußte er sagen, nachdem das Gespräch eine Weile an der Oberfläche dahingetrieben war. Er sagte...: ''Wir Deutsche haben durch Unverstand, durch Unersättlichkeit, Unfähigkeit und Unkenntnis das größte Kapital verspielt, das es überhaupt im Kampf gegen den Bolschewismus geben konnte und geben kann. Wir haben das Bild europäischer Kultur in der Vorstellung ungezählter Russen in den Dreck gezerrt.
''Aber wir haben trotzdem ein gewisses Kapital hinterlassen, das in Zukunft hätte wuchern können. Sie werden mich jetzt nicht verstehen, wenn ich Ihnen sage, daß Sie in diesen Wochen dieses Kapital zum zweitenmal zerstört haben, nicht nur in materiellem Sinne, sondern auch in der Seele aller derer, die auf Ihre Hilfe und Ihr Verständnis gehofft haben, nachdem sie von Deutschland im Stich gelassen waren. Es kann sehr leicht sein, daß Sie in naher Zukunft einmal nach dem rufen werden, was in diesen Wochen zugrunde geht. Es könnte sein...''
"Der Oberst sah Köstring flüchtig an. ''Vielleicht'', sagte er. Aber das war nur eine Floskel."
*) Jürgen Thorwald: "Wen sie verderben wollen - Bericht des großen Verrats", Steingrüben-Verlag, Stuttgart, 1952, 606 Seiten, 20 DM.
**) Weitere Bücher von Jürgen Thorwald: "Es begann an der Weichsel", 5. Auflage, 372 Seiten, 11,80 DM. "Das Ende an der Elbe", 4. Auflage, 418 Seiten, 14 DM. "Die ungeklärten Fälle", 260 Seiten und 13 Bildtafeln, 10,50 DM.

DER SPIEGEL 52/1952
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