26.11.1952

WASSERSTOFFBOMBEWir nannten sie Lulu

In einer Entfernung von etwa 45 Kilometern lagen die Schiffe der amerikanischen Einsatzgruppe 132 kreisförmig um eine kleine Südsee-Insel in dem Atombomben-Versuchsgebiet von Eniwetok. Am Morgen des 1. November versammelten sich Offiziere und Mannschaften und die Wissenschaftler der amerikanischen Atomenergie-Kommission an Deck, setzten dunkle Schutzbrillen auf, drehten der Insel den Rücken und bedeckten das Gesicht mit den Armen.
Wenige Augenblicke später, es war genau 7.15 Uhr, empfanden sie die überirdische Helle und den glühenden Luftstoß einer Atomexplosion. Den Männern bot sich ein Anblick, wie ihn selbst die erfahrenen Atomwissenschaftler noch nicht erlebt hatten: Die mit Palmen und Buschwerk bestandene Insel, einen Kilometer lang und fünf Kilometer breit, war pulverisiert, aufgelöst, verschwunden. Wo sie einmal gelegen hatte, schossen Flammen sieben Kilometer in die Höhe, baute sich ein gewaltiger Stamm aus Erd- und Wassermassen auf. Darüber türmten sich, "wie gigantische Eistüten", drei Explosionswolken, die sich von Flammenrot über Grau in ein helles Orange färbten. Drei Minuten später grellte der Lärm der Atomexplosion den Beobachtern in den Ohren.
Aber erst zwei Wochen später, als das Wahlfieber in den Vereinigten Staaten abgeebbt war, sickerten die ersten Berichte über diesen geheimgehaltenen Versuch an die amerikanische Öffentlichkeit: Augenzeugen der Explosion konnten ihr Erlebnis nicht bei sich behalten und schickten an ihre Verwandten und die Lokalredaktionen ihrer Heimatzeitungen wichtigtuerische Schilderungen ihrer Beobachtungen.
Sie enthüllten peinliche Details, zum Beispiel: wie man "die Bombe" ("wir nannten sie Lulu") in San Franzisko an Bord eines Kriegsschiffes gebracht und in einem besonderen Laderaum verstaut hatte, dessen Tür dann zugeschweißt wurde. Sie erzählten Einzelheiten des Versuches, und ein beeindruckter Augenzeuge fertigte für seine Lokalzeitung sogar eine Skizze von der Explosionswolke.
Als die Zeitungen den Faden aufnahmen und Spekulationen über die "Explosion der ersten Wasserstoffbombe" spannen, sah sich die Atomenergie-Kommission (AEC) gezwungen, am Sonntag vergangener Woche eine amtliche Verlautbarung herauszugeben. Die dritte Versuchsreihe zur Entwicklung von Atomwaffen, hieß es darin, sei auf dem Eniwetok-Atoll im Stillen Ozean beendet worden. Innerhalb dieser Versuchsreihe seien auch erfolgreiche "Experimente zur Forschung über thermonukleare Waffen" gemacht worden.
Was die AEC wissenschaftlich verklausuliert zugab, war nichts anderes als: die Explosion eines Wasserstoff-Sprengkörpers. Die amerikanische Presse, an die vorsichtigen Formulierungen der AEC gewöhnt, sprach jedenfalls folgerichtig von dem Anbruch des Wasserstoff-Zeitalters und registrierte voller Stolz, daß die Vereinigten Staaten nur ganze 34 Monate benötigt hatten, um die Wasserstoffbombe (Kosten: schätzungsweise 20 Millionen Dollar) zu entwickeln.
Als Präsident Harry Truman am 31. Januar 1950 verkündete, er habe die AEC angewiesen, die "Entwicklungsarbeit an der sogenannten Wasserstoffbombe oder Superbombe fortzusetzen", war zumindest das Wort "fortzusetzen" falsch gewählt. Denn seit dem 16. Juli 1945, als morgens 4.30 Uhr die erste Atombombe in der Wüste von New Mexico zerplatzte, hatten sich die amerikanischen Atomwissenschaftler auf die Herstellung von Atombomben des Typs "Nagasaki" und "Hiroshima" konzentriert. Für die Entwicklung einer Wasserstoffbombe war bis zu jenem 31. Januar kaum ein Handschlag getan worden.
Deswegen müssen nun die amerikanischen Atomforscher die Explosion von Eniwetok zugleich als Startschuß zu einem Wasserstoffbomben-Wettrennen zwischen den USA und der Sowjet-Union betrachten. Die Sowjets, die ihre erste Atombombe im September 1949 hochgehen ließen, arbeiten mindestens seit Herbst 1949 konzentriert an der Herstellung von Wasserstoffbomben.
Dabei ist das theoretische Konstruktionsprinzip der Wasserstoffbombe allen Physikern der Welt bekannt. Der physikalische Prozeß, der sich bei der Explosion einer Wasserstoffbombe abspielt, ist der gleiche, der ständig im Innern der Sonne und der Fixsterne abläuft: In einer verwickelten Kette von Reaktion "verschmelzen" Wasserstoff-Atomkerne zu Helium-Atomkernen und geben dabei eine ungeheure Menge Energie frei.
Damit unterscheidet sich die Wasserstoffbombe prinzipiell von den mit Uran oder Plutonium gefüllten Atombomben von Nagasaki und Hiroshima. Der Unterschied:
● In der Atombombe (A-Bombe) werden schwerste Atomkerne gespalten;
● in der Wasserstoffbombe (H-Bombe) werden leichteste Atomkerne vereinigt.
In beiden Fällen wird Energie frei, die sogenannte Atom-Energie *).
Obwohl also das Prinzip der H-Bombe allgemein bekannt war, standen die Atomforscher vor einem kniffligen technischen Problem. In der Sonne nämlich, in der eine Temperatur von 20 Millionen Grad Celsius herrscht, dauert die "Verschmelzung" der Wasserstoffkerne zu Heliumkernen mehrere Millionen Jahre und führt unter unvorstellbaren Drücken über unrichtige Zwischenstufen hinweg.
Um den energieerzeugenden Kernverschmelzungs-Prozeß der Sonne in der Wasserstoffbombe zu wiederholen, brauchen die H-Bomben-Techniker eine Atombombe des "alten Typs" als Zünder. Diese Atombombe wird um den schweren und überschweren Wasserstoff der H-Bombe "gewickelt" und erzeugt bei ihrer Explosion für die Dauer einer millionstel Sekunde die gleiche Hitze und die gleichen Drücke wie auf der Sonne. Nur in dieser millionstel Sekunde "verschmelzen" die Wasserstoffkerne zu Heliumkernen und geben (Explosions-)Energie frei.
Mit der Detonation der ersten H-Bombe eröffnen sich gleichzeitig düstere Aspekte für eine Zukunft, die nach der Meinung ernsthafter Wissenschaftler durchaus das Ende der Menschheit bringen könnte. In einem Artikel in der "Saturday Evening Post" addiert Stewart Alsop, der als Kenner der Wasserstoffbomben-Probleme gilt, die "bekannten Tatsachen":
"Bei der Explosion einer Wasserstoffbombe werden ungeheure Mengen von Neutronen frei. Diese Neutronen treffen auf die Stickstoff-Atome in der Luft und verwandeln sie in ein Gas, das eine radioaktive Substanz namens Carbon 14 enthält. Dieses Gas würde die Atmosphäre 'imprägnieren': es wäre in der Luft, die wir atmen, dem Wasser, das wir trinken, und den Nahrungsmitteln, die wir essen."
"Dieses radioaktive Carbon 14 bombardiert beim Eintritt in den Körper die winzigen Zellen, durch die auf so geheimnisvolle Weise das Leben von einer Generation auf die andere übertragen wird. Eine hinreichende Menge von Carbon 14 im Körper könnte eine weltweite Unfruchtbarkeit herbeiführen oder, noch schlimmer, Generationen mit abnormalem Wachstum, also 'Untermenschen', schaffen."
"So könnten alle höheren Lebensformen auf der Erde ausgerottet werden. Der Planet bliebe den strahlungs-unempfindlicheren Insekten und den niederen Lebensformen überlassen."
Natürlich, schwächt Autor Alsop diese Aufzählung ab, würde die Explosion von einigen wenigen Wasserstoffbomben keine solche Wirkung haben. "Aber die Radioaktivität von Carbon 14 hält Tausende von Jahren an. Wenn die Wasserstoffbomben eines einzigen Krieges die Atmosphäre noch nicht mit genügend Carbon 14 anreichern, um eine universale Unfruchtbarkeit hervorzurufen, so könnte schon die H-Bomben-Quote des darauf folgenden Krieges den Untergang der Menschheit besiegeln."
Dazu seien nicht mehr als "ein paar hundert" Wasserstoffbomben nötig.
*) Die Explosionsstärke einer Atombombe ist durch die "kritische Masse" begrenzt, d. h. die Uran- oder Plutoniumfüllung einer Atombombe darf eine gewisse Menge - man spricht von zehn bis dreißig Kilo - nicht überschreiten, da die Bombe sonst nicht explodiert. Für die Wasserstoffbombe aber gibt es keine Größenbegrenzung. Amerikanische Experten vermuten, daß schon im nächsten Jahr Wasserstoffbomben hergestellt werden können, die die 50fache Explosionskraft der Atombomben von Nagasaki und Hiroshima haben. Sie wären damit hauptsächlich für den Einsatz gegen Großstädte geeignet, aber auch für den Einsatz gegen strategisch wichtige Punktziele (Atombomber-Startplätze, Atombomben-Fabriken usw.), die auch dann noch ausgeknockt würden, wenn die Bombe ihr Ziel um 15 km "verfehlen" würde.

DER SPIEGEL 48/1952
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/1952
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

WASSERSTOFFBOMBE:
Wir nannten sie Lulu

  • Stimmen zur Strache-Affäre: "Sowas war keine b'soffene G'schicht"
  • Zum Tod von Niki Lauda: Rennfahrer, Unternehmer und Legende
  • Widerstand in Ungarn: Anna Donáths Kampf gegen Orbán
  • Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter...