15.04.2002

PLEITENCobra, übernehmen Sie?

Das Geschacher ums Kirch-Imperium gerät zum bizarren Wirtschaftskrimi: Im Handstreich kaperten zwei Medienlaien die Macht in dem Konzern und schicken sich an, die deutsche TV-Landschaft im Alleingang umzukrempeln. Bei Banken und Investoren wächst das Misstrauen.
Wahrscheinlich ist es nicht verkehrt, dem Weltuntergang mit einem gewissen Stil Paroli zu bieten: Der Insolvenzexperte Wolfgang van Betteray, 55, und sein Partner Hans-Joachim Ziems, 48, saugen jedenfalls Wirtschaftswunder-fröhlich an dicken Zigarren, die nicht so recht zur Ausverkaufshysterie drum herum passen wollen.
Mag draußen die Medienwelt mit großem Getöse donnern, die Lederfauteuils hier drinnen quietschen taktvoll leise. An Ziems'' Sakko funkeln Goldknöpfe. An van Betterays Revers glitzert akkurat die Anstecknadel des "Lions Club". Bleiche Wolken schweren Rauchs wabern bald durch den Konferenzraum im zweiten Stock der Ismaninger Kirch-Zentrale hinter jener Sicherheitsschleuse, die bislang nur für Giganten wie Leo Kirch persönlich passierbar war.
Der Nichtraucher, Konzerngründer und sinistre Medienpate ist weg. Endgültig. Wenige Tage zuvor hatte er sich via Rundbrief bei seinen Mitarbeitern verabschiedet und seinen Schreibtisch geräumt.
Nun ist Donnerstag. Die Kirch-Welt taumelt von einer Katastrophe zur nächsten Hiobsbotschaft. Doch hier, im Allerheiligsten, wurde der alte bayerische Strickjacken-Katholizismus des Firmenpatriarchen im Handstreich durch kölschen Klüngel ersetzt: Die beiden rheinischen Frohnaturen philosophieren als neue Geschäftsführer optimistisch über das Leben nach dem Tod - also die Insolvenz des Imperiums in Eigenverwaltung, die sich ausgerechnet dieses Duo vorgenommen hat.
Zwei Stunden reden sie. Über Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi, das Insolvenzrecht, die Banken und sich selbst. Mal mit einem Hauch professioneller Eitelkeit, wenn etwa van Betteray ungefragt die Verdienstmedaille erwähnt, die ihm die Stadt Bremerhaven einst überreichte als Dank für seine Hilfe bei der Vulkan-Pleite. Mal mit einem Anflug von Nervosität, wenn die Vergangenheit des Unternehmensberaters Ziems zur Sprache kommt.
1984 startete der Betriebswirt eine Kette von Elektro-Fachmärkten unter dem Namen Komet. Als die Konkurrenz wuchs, gründete er Anfang der neunziger Jahre mit dem Kölner Einzelhandelsriesen Rewe die gemeinsame ProMarkt-Tochter. Ende 1995 schied Ziems im Krach aus.
Rewe-Chef Hans Reischl wirft Ziems nun ein Sieben-Millionen-Mark-Loch in den damals gemeinsamen Bilanzen vor. Da Rewe auch mit 5,71 Prozent an KirchMedia beteiligt ist, gab Reischl seinen Ärger zu Protokoll, als es um die Besetzung der Geschäftsführung ging. Ziems selbst spricht von einer "tiefen, gegenseitigen Feindschaft", hat sich aber "nichts vorzuwerfen". Das ähnele "durchaus einer Inquisition hinter meinem Rücken". Nicht die einzige.
Am 21. März musste Ziems vor dem Kölner Landgericht aussagen, um den Verbleib von 250 000 Mark zu klären. Die Witwe eines früheren Ziems-Partners klagt, sie habe das Geld Ende 1995 zum Ausgleich einer alten Forderung in bar an einen Mittelsmann gezahlt, der es an Ziems übergeben sollte. Der aber bestreitet, es je erhalten zu haben.
Zudem werden der neuen Kirch-Größe enge Kontakte zu den rheinländischen Spekulanten Clemens Vedder und Klaus-Peter Schneidewind nachgesagt. Er kennt sie aus der gemeinsamen Tätigkeit in diversen Aufsichtsräten, unter anderem beim Duisburger Immobilien- und Entsorgungskonzern Nordag.
Ziems hatte auch mit dem Unternehmen Cobra zu tun, in dem Vedder und Schneidewind einst ihre Commerzbank-Anteile bündelten, um gegen den Willen des Vorstands Einfluss zu gewinnen: "Ich bin seit langer Zeit Commerzbank-Aktionär", gibt er zu, "und räumte der Cobra vorübergehend eine Ankaufsoption auf mein Aktien-Paket ein." Er sei jedoch ausgestiegen, als die Sache zu sehr hochkochte.
Der Top-Jurist Klaus Hubert Görg, den das neue Führungsduo auch bei Kirch mit ins Boot holte, fungierte zeitweise sogar als Rechtsberater. Van Betteray lässt keinen Zweifel daran, dass er sich seinen Kollegen auch als Premiere-Geschäftsführer vorstellen könnte, wenn nach der KirchMedia das Pay-TV in die Insolvenz schlittert.
Spätestens dann würde das Trio alle wichtigen Schlüsselstellen besetzen. Schon wird deshalb orakelt, die rheinische Cobra-Clique könnte versuchen, sich auch bei Kirch zu bedienen. Cobra, übernehmen Sie?
Ziems zeigt sich zumindest "für alles offen: von Investorengruppen bis zu Medienkonzernen im In- und Ausland". Erst solle nun die Liquidität gesichert, dann müssten die Pretiosen gefunden werden, die bei KirchMedia bleiben dürfen. Am Ende sollen Begräbnis oder Verkauf einzelner Teile stehen, wobei Ziems klar macht: "Das höchste Gebot muss nicht immer das strategisch sinnvollste sein."
Ihr Ton dabei: immer freundlich. Das Vokabular: von jovial bis juristisch. Die Mimik: leichenstarr. Das Selbstvertrauen: schier grenzenlos. Das Motto des Dunst-Kreises: Die neuen Chefs sind wir - auch wenn van Betteray zugibt: "Hier wird man von Tretminen natürlich begleitet, weil es um Medienpolitik und Meinungsmacht geht."
Die Geschäftsführung des Kernstücks KirchMedia - das bedeutet Kontrolle über TV-Sender wie ProSieben und Sat.1, Kabel 1 und DSF wie auch die Nachrichtenagentur ddp, Sport-Übertragungsrechte, Film- und Fernsehproduktionen, ein 25-Prozent-Paket an dem spanischen Sender Telecinco, Filmschätze aus etlichen Jahrzehnten und, und, und ... Dinge, von denen die beiden bislang keinerlei Ahnung hatten.
Umso erstaunlicher ist der rasante Aufstieg des Duos von eher grauen Pleite-Profis zu Herrschern im Herzen von Deutschlands zweitgrößtem Medienkonzern. Monatelang stritten Investoren und Banken, Politiker, Medienwächter und Konkurrenten ergebnislos um die Macht im Hause Kirch. Bis vor wenigen Wochen kannten van Betteray wie Ziems komplizierte Geschäftsfelder wie Output-Deals mit den großen Hollywood-Studios oder Sportrechte allenfalls aus der heimischen Glotze.
Und nun sollen ausgerechnet diese beiden Medienlaien all das einfädeln, kontrollieren, filetieren und neu strukturieren? Von null auf hundert in zwei Monaten?
Am 20. Februar saßen sie zum ersten Mal mit Kirch und dessen Gläubigerbanken zusammen, um sich das Ausmaß der Krise in groben Umrissen skizzieren zu lassen. Commerz- und DZ Bank sollen van Betteray ins Spiel gebracht haben. Der rief seinen alten Bekannten Ziems an. Man kennt und schätzt sich von vielen Insolvenzverfahren. Am 21. nickte Kirch die Bestellung der beiden als Berater ab. Am 22. hatte das Duo offiziell den Auftrag, bei der Sanierung zu helfen.
Daraus wurde dann nichts, weil alles durcheinander schrie und die Insolvenz irgendwann nicht mehr abzuwenden war. Stattdessen brachten sich die beiden Berater selbst als künftige Geschäftsführer ins Spiel und schwups: Am Montag vergangener Woche saßen sie zu ihrer ersten gemeinsamen Pressekonferenz vor der Weltpresse - frisch bestellt als Regenten eines Medienkonzerns, der unglaublich groß, unglaublich verschuldet und unglaublich unübersichtlich ist.
"Wahnsinnig komplex" sei der Laden, stöhnt selbst Ziems. Man müsse sich das mal vorstellen: "250 Gesellschaften, die alle miteinander verschachtelt sind." So kompliziert ist das alles, dass die neuen Herren Mühe hatten, im
Gestrüpp aus geheimen Nebenverträgen und Quersubventionen, Beteiligungen und Berater-Geraune nicht selbst gleich ins Straucheln zu geraten.
Am Montag verkündete van Betteray fröhlich, das eigenständige Pay-TV werde mit zum Konkursrichter gehen. Premiere-Chef Georg Kofler wurde ein fertiger Insolvenzantrag vorgelegt, laut dem seine Geschäftsführung ihre Posten niederlegen sollte. Kofler reagierte mit einem Wutanfall. Bei Premiere gehe es bislang "bedauerlicherweise eher sprunghaft" zu, entschuldigt Ziems.
Außerdem wurde bekannt, dass der gefallene Börsenstar Thomas Haffa eine alte Option besitzt, nach der Kirch ihm seine letzten EM.TV-Anteile abkaufen müsste - für 90 Millionen Euro. Das sei "natürlich ein Riesenschlag ins Kontor" gewesen, klagt van Betteray. Inzwischen gebe es aber "klare Aussagen" von Kirch und dessen Kompagnon, Dieter Hahn, dass in den Safes des Konzerns "keine weiteren Überraschungen" mehr zu erwarten seien.
Am Dienstag wurde bekannt, dass das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen insgesamt acht Sonderprüfungen gegen Kirchs Gläubigerbanken angeordnet hat. Am Donnerstag taten die Fußball-Bundesliga-Vereine angestrengt so, als sei ihre Zukunft gesichert, obwohl außer der nächsten 100-Millionen-Euro-Rate für die TV-Rechte am 15. Mai gar nichts sicher ist (siehe Seite 105). "Es ist noch offen", sagt van Betteray, "ob die Konditionen, die sich da entwickelt haben, marktwirtschaftlich in der Zukunft noch sinnvoll sind." Am Freitag wurde in München wieder mit Murdoch-Vertretern verhandelt.
Dass der Insolvenzantrag der KirchMedia die Lage übersichtlicher gemacht hätte, kann nicht behauptet werden.
Im übelsten Fall könnten sämtliche Teile des Konzerns nun peu à peu getrennt in die Insolvenz schlittern - mit separat agierenden Verwaltern, neuen Geschäftsführern, Gläubigerversammlungen, -ausschüssen und frischer Hysterie auf allen Ebenen.
Dennoch gibt Ziems mit dem Brustton des Überzeugungstäters die Losung aus: "In sechs Wochen soll unser Strukturkonzept weitgehend stehen."
Die Nächte in ihrem Ismaninger Hotel sind jedenfalls kurz. Die Vorstandsbüros haben sie bereits erobert. Zurzeit rückt in ihrem Auftrag ein großer Stab des Münchner Unternehmensberaters Roland Berger an, um das Imperium zu durchleuchten. Das haben die Konkurrenten von McKinsey kürzlich erst gemacht, macht aber ja nix.
Das neue Führungsteam will ohnehin auf das Fachwissen des alten zurückgreifen, etwa das des Filmrechte-Profis Fred Kogel. Er würde sich "hart am Rande des Irrsinns" bewegen, sagt van Betteray, wenn er Kogels Know-how nicht nutzte.
So bleibt die alte Riege beratend am Rand, während die neue noch versucht, ihren Stand zu festigen. Aber die Zweifel an der Kompetenz wachsen - im Kreis der Gläubigerbanken, des Kirch-Managements, der Investoren und Kollegen aus der Konkurs-Branche. "Van Betteray und Ziems sind keine Konzernstrategen", kritisiert ein Insolvenzverwalter, der die beiden seit vielen Jahren kennt. "Und sie haben keinerlei Ahnung vom Mediengeschäft."
Van Betteray lobte anlässlich der gemeinsamen Inthronisation Ziems'' "Strategiestärke", die auch darauf basiere, "dass er selber als Unternehmer tätig ist". Doch dessen eigenen Angaben zufolge ist zurzeit nur noch eine einzige Gesellschaft aktiv, eine Firma aus Bergheim bei Köln mit dem frivolen Namen Havaria.
Nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform betreibt die Klitsche den "Ankauf und Verkauf von Sonderposten", ist also eine Art Resterampe für Plunder aller Art. Nicht unbedingt die Liga, in der Kirch spielt.
Zwar gilt zumindest van Betterays Ruf als makellos. Zwar hat seine Düsseldorfer Kanzlei mittlerweile über 600 Insolvenzen, Vergleiche und Konkurse durchgezogen. Zwar sieht sich der studierte Betriebswirt gern als Menschenfreund, der einst sogar den Tante-Emma-Laden seiner Eltern vor dem Exitus rettete. Aber reicht das alles, um ein Riesenschiff wie die Kirch-"Titanic" wieder zu heben?
Ein Sieger des gewaltigen Pokerspiels steht immerhin schon fest: der amtlich eingesetzte Insolvenzverwalter Michael Jaffé. Das Honorar des jungen Münchner Anwalts wird sich an der Milliarden-Masse von KirchMedia orientieren und gleicht einem Lottogewinn. Wie immer das Spiel ausgehen mag - Jaffé könnte sich nach dem Kirch-Auftrag, um den sich weit größere Kanzleien rissen, getrost zur Ruhe setzen: Allein in einer ersten Tranche, die in den nächsten Wochen fällig wird, stehen ihm über fünf Millionen Euro zu.
DINAH DECKSTEIN, THOMAS TUMA
* Mit Ehefrau Wendy und Tochter im März in New York.
Von Dinah Deckstein und Thomas Tuma

DER SPIEGEL 16/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 16/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PLEITEN:
Cobra, übernehmen Sie?