22.04.2002

FERNSEHWAHLKAMPFStrenges Zeremoniell

Premiere im deutschen Fernsehen: In dieser Woche verhandeln die Abgesandten des Kanzlers und seines Herausforderers über die geplanten TV-Duelle vor der Bundestagswahl. Es geht um die Inszenierung des Zweikampfs - als höfliches Gespräch oder wilde Schießerei.
Was hat Politik mit Größe zu tun? Viel, sagen die Wahlkampfberater des Kanzlers und des Kandidaten, sehr viel. Doch politische Größe lässt sich in verschiedenen Einheiten messen: in Arbeitslosenzahlen etwa oder wirtschaftlichem Wachstum. Für die Berliner Wahlkampfmanager aber gilt nur eine Maßeinheit: Zentimeter.
Weil dem kleinen Unterschied zwischen Gerhard Schröder (174 Zentimeter) und Edmund Stoiber (186 Zentimeter) so große Bedeutung zukommt, gibt es jetzt Krach zwischen beiden Lagern. Es geht um zwei TV-Duelle, zu denen die Bewerber ums Kanzleramt vor den Wahlen zusammenkommen wollen.
Stoiber will stehen, Schröder sitzen.
"75 Minuten im Stehen diskutieren", sagt SPD-Bundesgeschäftsführer Matthias Machnig, "ist vielleicht doch ein bisschen lang." So leicht jedoch lassen sich die Unionsleute ihren Zwölf-Zentimeter-Vorsprung nicht nehmen. "Wenn der Kanzler ein Problem mit dem Stehen hat", lästert CDU-General Laurenz Meyer, "stellen wir ihm gern ein Fußbänkchen zur Verfügung." Dann, kontern die Sozialdemokraten, würden sie Stoiber gern ein "Spracherkennungsprogramm" bereitstellen.
Die scheinbar nebensächliche Frage wird an diesem Donnerstag zum großen Thema. Dann treffen im Berliner Luxushotel "Four Seasons" Delegationen von SPD und Union mit Deutschlands wichtigsten TV-Chefs zusammen. Der Mediengipfel am Gendarmenmarkt hat eine überschaubare Tagesordnung: Es geht allein um Termine und Dramaturgie der beiden Fernsehduelle, die einmal zusammengeschaltet bei ARD und ZDF, das andere Mal zeitgleich bei RTL und Sat.1 laufen sollen.
Eine Premiere, nicht nur für die beteiligten Sender: Noch nie vor einer Bundestagswahl sind die beiden jeweiligen Spitzenkandidaten vor Kameras gegeneinander angetreten. Unwürdig fand es Helmut Schmidt, sich zum Zweikampf mit seinem Herausforderer herabzulassen. Seine Vorgänger wie Nachfolger haben das genauso gesehen.
Ganz anders in diesem Jahr: Weil alle Beteiligten - Medienkanzler, Medienmanager und Medienförderer Stoiber - fasziniert vom Vorbild Amerika ihren Vorteil im groß inszenierten Showdown suchen, wird das womöglich wahlentscheidende TV-Event zur Chefsache. Schröder will als gut gelaunter Fernsehkanzler seine Partei aus dem Umfrageloch plaudern. Und Stoiber möchte seinen Wahlslogan ("Kantig. Echt. Erfolgreich") bis zum Herbst auch telegen gut drauf haben.
Wenn beide gewinnen sollen, steht ein Verlierer schon fest - die Fernsehsender. Aus Angst, das Quoten-Event könnte am Ende noch platzen, sind die sonst machtvollen TV-Chefs offenbar bereit, nahezu jede Vorgabe der Politik zu akzeptieren. Selbst auf Reklamepausen wollen die werbefinanzierten Privatkanäle verzichten - auch das ein Novum. "Die Duelle werden dem Wahlkampf eine Würze geben, die ihm sonst fehlt", sagt RTL-Informationsdirektor Hans Mahr.
So ganz sicher ist die Würze nicht. Nachrangige Protokollfragen gewinnen eine Bedeutung wie einst im Verhältnis zwischen Bonn und Ost-Berlin. Heißt die verbindliche Anrede nun "Herr Bundeskanzler", oder reicht auch schlicht "Herr Schröder"? Wer darf als Erster antworten? Wann zoomt die Kamera auf die Ehegattinnen?
Die Vorhutgefechte sollen verhindern, was beide Seiten gleichermaßen fürchten: dass aus dem Duell eine wilde Schießerei werden könnte. Und nicht ein gepflegter, vor allem aber risikoarmer Austausch von Floskeln und Programmlyrik.
Ausgerechnet zwei gestandene Boulevardleute, früher auf reißerische Schlagzeilen erpicht, sollen die gepflegte Langeweile organisieren: Bela Anda, einst bei "Bild", jetzt stellvertretender Regierungssprecher, und Stoibers Wahlkampfberater Michael Spreng, Ex-Chef der "Bild am Sonntag", führen die Verhandlungen mit den Fernsehsendern.
Wenn denn von Verhandlungen überhaupt die Rede sein kann. Eher zeugen die Gespräche von einem Rückfall ins staatstragende Fernsehen der sechziger und siebziger Jahre - einer Zeit, in der servile Fernsehjournalisten als Stichwortgeber (etwa bei den "Elefantenrunden" der Parteioberen) lediglich die Redezeiten der Politiker zu verwalten hatten. Kritik: überflüssig; Polemik: verboten.
Nur dass diesmal eigentlich frei konkurrierende Sender mit klarem Profil im Spiel sind - nun allerdings, mit der Aussicht auf gemeinsame Spitzenquoten, in ungewohnter Eintracht: "An uns soll es nicht scheitern", erklärt RTL-Manager Mahr unisono mit seinen Kollegen.
In monatelanger Arbeit haben die TV-Chefs mögliche Formate und Varianten zusammengetragen - für jeden nur denkbaren Wunsch aus der Politik gibt es die passende Vorlage. Mit einer eigens zusammengestellten Crew hat zum Beispiel ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender drei Konzepte herausgearbeitet.
Das spanische Modell: "Zu geschwätzig" lautet Brenders Analyse über Spaniens
erstes TV-Duell aus dem Jahr 1993. Beide
Kandidaten sitzen bequem beieinander und können ungebremst ihre Positionen vortragen. Der Moderator hat kaum mehr zu tun, als unkritisch die Themen aus dem Wahlkampf zu servieren.
Schlimmer noch: Wie in Star-Porträts aus dem Vorabendprogramm war zunächst Amtsinhaber Felipe González in seiner Limousine bei der Fahrt zum Studio zu sehen. Selbst sein vorangegangenes Abendessen mit der Familie (Spaghetti) wurde zum Thema. Wenig erhellend auch der folgende Schlagabtausch, in dem es unter anderem um die Erfahrungen von Oppositionsführer José María Aznar als Steuerinspekteur ging.
Schlecht vorbereitet und mit müden Augen der Amtsinhaber, sein Herausforderer lachend und kichernd wie ein Schuljunge - "das spanische Programm", urteilte die britische Zeitung "Independent", "ist über das Ziel hinausgeschossen".
Das französische Modell: Auch in Paris, wo so genannte débats televisés seit 1974 üblich sind (und wo Ende April vor dem zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen das nächste Duell ansteht), kommt es nach Brenders Befund - "zu staatstragend" - zu keinem Spannungsbogen. Jacques Chirac bereitete sich beim letzten Mal unmittelbar vor der Sendung bei belegten Brötchen mit der Lektüre chinesischer Gedichte auf den Zweikampf vor.
Selbst bei Schminke und Puder haben die Debatten-Regisseure 1995 beiden Teilnehmern dieselbe Marke vorgeschrieben, damit niemand einen Vorteil habe. Entsprechend verlief die Debatte: Mit zuvorkommenden Floskeln ("Ich bin ganz Ihrer Meinung, wenn Sie sagen ...") garnierten Chirac und sein sozialistischer Mitbewerber Lionel Jospin ihre langatmigen Expertisen über die Mehrwertsteuer.
Das US-Modell: Die "klare Dramaturgie" der Amerikaner überzeugte nicht nur den ZDF-Chefredakteur. In den Zweikämpfen der Bewerber ist alles akribisch geregelt: 90 Sekunden antwortet Kandidat A auf die Frage des Moderators, dann folgt für 60 Sekunden die Reaktion von Kandidat B; zuletzt hat noch einmal für 30 Sekunden Kandidat A das Wort. "Answer, Rebuttal, Response" nennen die Amerikaner diese 90-60-30-Abfolge, nach der zum Beispiel 1996 Bill Clinton und Bob Dole in den Ring gestiegen sind. Je zweiminütige Statements eröffnen und beschließen die 90-Minuten-Sendung. Beiden Teilnehmern ist es verboten, sich zu unterbrechen oder untereinander Fragen zu stellen.
Eine zweite US-Variante sind die Town-Hall-Gespräche: Hier stehen beide Kandidaten schutzlos vor einer Zuschauerarena und antworten auf Fragen, die dem Moderator zuvor schriftlich eingereicht wurden. Sprechen sie länger als vereinbart, geht der Moderator mitten im Satz mit einem "Time is out" dazwischen.
Seit dem ersten Fernsehduell 1960, als ein jugendlicher John F. Kennedy über den kaum von einer Grippe genesenen Richard Nixon obsiegte, gelten die "Debates" als wahlentscheidend. Monatelang bereiten die Teams mit Drehbuchautoren, Regisseuren und Psychologen nahezu jeden Satz, jede Geste, jeden Gesichtsausdruck vor. Selbst die Studiotemperatur (18 Grad) wird vorher genau festgelegt. In mehrtägigen Trainingscamps spielten im Jahr 2000 George W. Bush und Al Gore mit eigens eingeflogenen Sparringspartnern jede denkbare Variante durch.
Und suchen nach dem ausschlaggebenden "One-Liner", mit dem zum Beispiel Ronald Reagan 1984 gegen Walter Mondale gewann. Ob er fit genug für eine zweite Amtszeit sei, wollte der Moderator vom damals schon ältesten Präsidenten der US-Geschichte wissen.
"Ich denke nicht daran", scherzte der alte Hollywood-Schauspieler, "die Unerfahrenheit und Jugend meines Konkurrenten für politische Zwecke auszubeuten." Selbst Mondale musste lachen. "Als ich das Studio verließ, war ich fast sicher, dass damit meine Kampagne gelaufen war", erinnerte sich der unterlegene Demokrat später.
Dass ein deutsches Duell nach US-Vorbild solche Folgen haben könnte, wollen die Berliner Wahlkämpfer offiziell zwar ausschließen. "Höchstens ein halbes Prozent", will Stoiber-Berater Spreng glauben machen, könne der Sieger eines Zweikampfs an Stimmen gewinnen.
Beim Gipfeltreffen an diesem Donnerstag werden beide Seiten dennoch alles tun, um für ihren Kandidaten die günstigsten Bedingungen durchzusetzen. Sitzen oder stehen ist da nur einer der strittigen Punkte.
* Publikum: Geht es nach Schröder, bleiben Gäste draußen. Ohne Zwischenapplaus für Stoiber könnte der fernseherfahrene Kanzler den Bayern leichter vorführen. Die Unionsstrategen hingegen haben nichts gegen Zuschauer vor Ort, bestehen aber darauf, dass Publikumsfragen zuvor schriftlich eingereicht werden.
* Format: Der Kanzler kann sich ein Zwiegespräch mit seinem Herausforderer gut vorstellen. Stoiber hingegen, dem die Schlagfertigkeit des Niedersachsen abgeht, will eine direkte Diskussion vermeiden. Spreng pocht deshalb, zeitlich leicht abgewandelt, auf das strikte amerikanische Zeremoniell: 120, 60 und 30 Sekunden soll die "Answer, Rebuttal, Response"-Abfolge jeweils dauern. Sendezeit insgesamt: 75 Minuten. "Diese strenge, sachliche Form ist angemessen", sagt der Berater.
* Sendeort: Der stellvertretende Regierungssprecher Anda will seinen Chef in ein TV-Studio schicken - "wegen der sachlichen Atmosphäre". Die Gegenseite will lieber den Vorschlägen der Privatsender folgen und in eine prominente Berliner Location ziehen: Das Theater des Westens ist ebenso im Gespräch wie das Atrium der Dresdner-Bank-Filiale am Brandenburger Tor.
* Termin: "Nicht verhandelbar" nennt Anda die Sendetermine 2. und 20. September. Das letzte Treffen läge damit nur zwei Tage vor dem Urnengang. Für Stoibers Berater ein Alptraum: Die Zeit wäre zu knapp, um dann noch Fehler auszubügeln. Sie wollen ihren Spitzenmann spätestens drei Wochen vor der Wahl ins Duell schicken. Vor allem diese Frage birgt Sprengstoff. Schon überhäufen sich beide Teams mit Vorwürfen, sie ließen das Duell am Termin scheitern.
Voller Staunen, so viel scheint jetzt schon sicher, werden deshalb die TV-Manager an diesem Donnerstag einen internen Schlagabtausch zwischen SPD und Union verfolgen, der womöglich spannender wird als die eigentliche Sendung.
"Schwierig ist die Frage des ''ob''", stöhnt bereits ZDF-Intendant Markus Schächter, "noch schwieriger aber die Frage des ''wie''."
Schon im vergangenen Sommer haben die Öffentlich-Rechtlichen den beiden großen Parteien ein TV-Duell vorgeschlagen. Inzwischen zeigt sich selbst Fritz Pleitgen leicht gereizt: "Es kann ja wohl nicht sein", sagt der ARD-Vorsitzende, "dass die Terminfrage über die Veranstalter hinweg entschieden wird."
Bleibt am Ende noch die Frage nach den Moderatoren offen: Während RTL Peter Kloeppel schon benannt hat und Sat.1 wahrscheinlich Peter Limbourg in den Ring schickt, hat bei ARD und ZDF das Gerangel gerade erst begonnen.
Laufen sich beim Zweiten bereits Maybrit Illner, Petra Gerster und Wolf von Lojewski vor den Parteien warm, halten sich im Ersten Sabine Christiansen, Marion von Haaren und Ulrich Wickert bereit. Selbstverständlich stehen auch Hierarchen wie Fritz Pleitgen oder die Chefredakteure Hartmann von der Tann (ARD), Sigmund Gottlieb (Bayerischer Rundfunk) und Nikolaus Brender (ZDF) zur Verfügung.
Genug Konfliktstoff also für die Wahlkampfteams. Sie haben mit dem Auszählen schon begonnen: "Der Gottlieb macht es nicht", sagt SPD-Stratege Machnig: "Da könnte genauso gut auch Herr Spreng den Moderator geben." FRANK HORNIG,
HORAND KNAUP, RALF NEUKIRCH
Fritz Pleitgen. Der ARD-Vorsitzende gilt als SPD-Freund. Mit seinem "Presseclub" hat sich der "elder statesman" des deutschen TV-Journalismus dennoch den Ruf eines unparteiischen Richters erworben.
Maybrit Illner. "Leichter Linksdrall. Ehemaliges SED-Mitglied", urteilt "Bild" über die ZDF-Moderatorin von "Berlin Mitte", die sich im Januar beim Interview gut mit Schröder verstanden hatte.
Wolf von Lojewski. Galionsfigur des "heute-journal". "Lojo" kann Kompliziertes verständlich ausdrücken. Liebt den Konsens und ist daher, obwohl SPD-Mitglied, auch Stoiber vermittelbar.
Petra Gerster. "heute"-Moderatorin. Ihr Bruder Florian wurde von Schröder gerade zur Bundesanstalt für Arbeit geholt. Die Autorin eines Erziehungsratgebers kennt sich mit Konfliktsituationen aus.
Ulrich Wickert. Der Zwei-Meter-Mann von den "Tagesthemen" kann auf beide Kontrahenten herabschauen. Früher SPD-Mitglied. Als ehemaliger Paris-Korrespondent hat er Erfahrung mit TV-Duellen.
Sabine Christiansen. Die Talk-Lady vom Ersten weckt bei Stoiber böse Erinnerungen ("Frau Merkel"!). Unionsnah. Ihre Sonntagssendung lieben alle Parteien als Ersatzparlament.
* Links: mit Wahlkampfmanagern Matthias Machnig, Franz Müntefering; rechts: mit Wahlkampfberater Michael Spreng.
Von Frank Hornig, Horand Knaup und Ralf Neukirch

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