06.05.2002

SCHULEKampf mit harten Bandagen

Nach dem Amoklauf in Erfurt diskutieren viele Lehrer mit ihren Klassen über Gewalt. Oft entladen sich soziale Probleme in Gestalt von Randale auf dem Pausenhof. Streitschlichter- Programme, Anti-Aggressionstraining und Sport erweisen sich als wirksame Mittel, um Frieden zu stiften.
Es ist an der Schillerschule im Mannheimer Stadtteil Neckarau für einen Lehrer kein Nachteil, 1,90 Meter groß und ein eher schwerer Mann zu sein. Größe signalisiert Überlegenheit. Bei manchem Pausen-Rempler fragt sich Carlo Schäfer trotzdem, ob es ein Zufall war.
Als in Erfurt gegen elf Uhr die ersten Schüsse fielen, diskutierte in Schäfers Hauptschule gerade ein Polizist mit den Schülern der achten Klasse über Gewalt. Währenddessen versuchte Schäfer selbst mal wieder vergebens, beim Jugendamt den für den Schüler T. zuständigen Mann ans Telefon zu bekommen. T. hatte in Schäfers Klasse, einer siebten, innerhalb einer Woche ein Mädchen brutal getreten, einem anderen ein Messer an die Gurgel gehalten und eine Kollegin beleidigt.
In Schäfers Siebter sitzen 32 Kinder aus 11 Nationen. Nicht einmal alle Deutschen sprechen sonderlich gut Deutsch, etliche sind Schulversager in zweiter Generation. Gerade nehmen die drei schwierigsten versuchsweise an einem schulexternen Anti-Aggressionstraining teil. H., ein 16-jähriger Türke, der schon mal einem Mitschüler mit einem Schlag den Kiefer brach, war nicht dabei. Der Schüler T. auch nicht.
Trotz der Probleme ist Schäfer nicht unzufrieden. Die Kollegen halten zusammen und setzen sich für die Schüler ein. Ein derb-freundlicher Grundton zieht sich durch Schäfers Stunden. Er hat die Schüler gern, und sie scheinen ihn auch zu mögen.
Beunruhigend findet er aber diese Jungs, "die einen nicht angucken, die unerreichbar bleiben, die gegenüber dem normalen Instrumentarium von Zorn bis Zuwendung unempfindlich sind". Die in vielem den Beschreibungen gleichen, die er über Robert Steinhäuser gelesen hat. Davon gibt es an der Schillerschule einige. "Bei uns könnte das auch passieren", haben am Montag danach die Kollegen im Lehrerzimmer gesagt.
Der Besitz oder gar der Gebrauch von Schusswaffen ist zwar in Schulen nach wie vor ein Tabu. Messer werden aber ganz gern mal vorgezeigt; zwei Stück sammelte Lehrer Schäfer in der Woche vor Erfurt ein. Und Extremtaten wie die des Schülers, der 1999 seine Lehrerin in Meißen erstach, die der Flensburger Berufsschülerin, die eine Klassenkameradin mit einem Klappmesser niederstach oder die der Erfurter Schülerin, die ihre Schule in Brand setzte und nun wegen 446fachen versuchten Mordes vor Gericht steht, suggerieren den Anstieg von brutaler Gewalt an Schulen.
Statistisch fallen diese Taten jedoch nicht ins Gewicht. Waffen werden in Schulen weitaus seltener benutzt, als manche Medienberichte glauben machen. Berlin, zum Beispiel, zählt etwa 470 000 Schüler. Und doch wurden dort im vorigen Schuljahr nur 30 Vorfälle gemeldet, in denen eine Waffe oder ein "waffenartiger Gegenstand" zum Einsatz kam - oft ohne jemanden zu verletzen.
Studien und Untersuchungen belegen übereinstimmend, so das "Magazin für die Polizei", dass von einer generellen Zunahme der Gewalt an Schulen nicht gesprochen werden könne. Insbesondere körperliche Gewalt gegen Lehrer sei "eher selten". Das muss allerdings nicht bedeuten, dass das Aggressionspotenzial in Teilen der Schülerschaft sich nicht verändert hätte. Zumindest ist der Aufwand, den manche Bildungsstätten heute treiben müssen, um Randale im Rahmen zu halten, deutlich gewachsen.
Exakte Zahlen zur Schulgewalt sind schwer zu bekommen: Nicht überall wird Terror durch Schüler systematisch erfasst, und Schulleiter wollen nicht, dass Gewalt an ihrer Schule bekannt wird. In Berlin, wo Schulen seit 1996 Gewaltfälle melden müssen, wurden im vorvergangenen Jahr 252 Taten registriert - 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Anstieg allerdings ist wohl eher eine Folge vermehrter Meldungen durch Lehrer nach der Meißen-Attacke.
In einer hessischen Befragung gestanden sechs Prozent aller Schüler ein, mehrfach jemanden zusammengeschlagen zu haben. Unter den Hauptschülern hatte sogar fast jeder Vierte schon einmal bei einer Schlägerei mitgemacht.
"Schlagen, Würgen, Treten, Randalieren, Erpressen, Beschimpfen, Demütigen und Schikanieren finden täglich statt", stellt die Münsteraner Lehrerin Gabriela Kreter in ihrem Ratgeber "Jetzt reicht''s. Schüler brauchen Erziehung" fest. Der Leidensdruck der Lehrer sei hoch. Während vor 20 Jahren in jeder Klasse vielleicht ein oder zwei Verhaltensgestörte oder Klassenkasper Randale machten, sind es heute eher dreimal so viele. Einzelbetreuung von aggressiven Störern gehört in immer mehr Schulen zum Standard. Das "Maß an Hilflosigkeit, mit dem sich professionelle Pädagogen der Angriffslust der Kinder aussetzen", so Kreter, sei "erschreckend".
Das elektronische Mitteilungsblatt www. referendar.de stimmt Berufsanfänger ein: "Lehrende und Pubertierende kämpfen mit harten Bandagen, wobei die Schüler klar im Vorteil liegen. Sie bieten in ihrer Geschlossenheit wenig Angriffsfläche." Schwache Lehrer werden schon mal im Unterricht mit Bananenschalen und halb vollen Coladosen beworfen oder mit Sprechchören aus der Klasse gejagt.
Eine Ahnung vom Leid der gedemütigten Schüler vermittelt ein Kummerkasten auf der Internet-Seite des Magazins "Basta - Nein zur Gewalt" (www.basta-net.de):
Ich bin 17 und auf dem Gymnasium. Ich bin so ein guter Schüler. Jetzt verprügeln sie mich immer. Ich glaube, ich hau bald ab. (Thorsten)
Ich wurde in der Schule immer nur gemobbt, bis ich krankenhausreif geschlagen wurde. Dann bin ich auf sie losgegangen mit einem Messer und habe sie fast getroffen. Jetzt hab ich eine Anzeige. (Stefan)
Alle schlagen mich und machen mich fertig. Was soll ich tun? Könnt ihr mir helfen?????? Bitteeeeeeeee! (Malte)
Jeder siebte Schüler einer weiterführenden Schule, schätzt die Münchener Mobbing-Expertin Mechthild Schäfer, werde regelmäßig von anderen schikaniert. Im vergangenen Sommer erhängte sich ein 13-Jähriger aus einem kleinen Dorf bei Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. Den Grund hatte er für die Hinterbliebenen auf einen Zettel gekritzelt: "Das hier wird mein letztes Geschriebenes sein, weil ich mich erhängen werde. Mein Leben ist scheiße. Kaum Freunde, schlechte Noten. Hauptsächlich aber, weil mich die großen rechtsradikalen Arschlöcher in meiner Schule andauernd verprügeln."
Systematische Brutalität gehe, so der Bielefelder Soziologe Klaus Hurrelmann, häufig von einer kleinen Gruppe gewaltbereiter Schüler aus. Bei den notorischen Schlägern, so der neueste Jugendbericht der Bundesregierung, handele es sich "um sehr unterschiedliche Einzelfälle mit differenten sozialen und biografischen Hintergründen".
Hauptschullehrer Schäfer kennt solche Hintergründe von Hausbesuchen: "Oft wundert''s mich, dass die dabei noch so normal sind." Neben intakten Elternhäusern gebe es "viele, wo gesoffen wird und wo Schulden drücken. Andere sind autoritär und verdreschen ihre Kinder ganz furchtbar".
Vor einigen Jahren haben drei Mädchen an der Mannheimer Schillerschule eine Schülerin fast umgebracht, indem sie ihren Kopf mehrmals auf den Boden knallten. Schäfer, den seine schulischen Erlebnisse schon zum Schreiben von Kriminalromanen inspirierten, war geschockt von der demonstrativen Gleichgültigkeit der Täterinnen. In einem anderen Fall bekam er eine Morddrohung von einem Schüler. Er nahm sie ernst und zeigte den Bedroher an.
"Man merkt, dass manche Kinder kaum ein Gewissen haben. Die werden nicht erzogen, sondern vegetieren vor Gewaltfilmen rum." Ein Schüler berichtete ihm, wie er beim Betrachten einer Hinrichtung durch den elektrischen Stuhl in einem "Real-Killing-Video" zu Abend gevespert habe.
Etliche Kinder leben allein mit ihren überforderten Müttern. "Unter den vaterlosen Jungs", findet Schäfer, "sind die größten Zeitbomben."
Schüler wie Lehrer eint das Gefühl, ihre Schule halte als Abladeplatz her. Während des Kosovo-Kriegs setzte ihnen die Behörde mal eben drei kleine Bürgerkriegsflüchtlinge hinein, die kein Wort Deutsch verstande n. "Aber die Sprachförderung für ausländische Schüler wird immer weiter zusammengestutzt."
Vor einigen Jahren waren in der Stundentafel wenigstens noch ein paar Stunden vorgesehen, um mit den Kindern in deren Freizeit zu malen, Sport zu machen oder eine Schülerzeitung - freiwillig und ohne Notendruck. Doch die werden nun nach und nach zusammengestrichen.
Als die Lehrer der Schillerschule am Montag nach Erfurt ein Schreiben des Staatlichen Schulamts in ihrem Fach fanden, das dazu aufforderte, mit den Schülern über das Geschehene zu sprechen, machte sich Sarkasmus im Lehrerzimmer breit. "Da gibt''s ein Massaker, und plötzlich heißt es: Redet mit den Schülern."
Auch die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange fordert "mehr Zeit, um mit den Schülern reden zu können und frühe Signale der Fehlentwicklung zu erkennen" - nicht erst seit Erfurt. Doch längst nicht jeder Klassenlehrer ist in der Lage, seelische Deformationen abzufangen, schon gar nicht, wenn er nebenher 30 Kinder unterrichten soll.
Die Armada von Sozialarbeitern und Schulpsychologen, die nach Einschätzung vieler Experten nötig wäre, um solche Probleme anzugehen, will kaum eine Behörde bezahlen.
An der Erich-Maria-Remarque-Schule in Berlin-Hellersdorf sind gleich vier dieser begehrten Kräfte beschäftigt, aus gutem Grund. Kurz nach der Wende erwarb sich die Einrichtung in den Medien den Ruf der "gewalttätigsten Schule Deutschlands". "Mit dem Messer im Ranzen gegen die Wut im Bauch" titelte die "Berliner Zeitung" 1991 und schilderte Furcht erregende Begegnungen mit jungen Skins. Heute hat sich in der Schule im "offenen Ganztagsbetrieb" eine ziemlich gewaltfreie Atmosphäre eingebürgert. In der selbstverwalteten Cafeteria räumen die Schüler brav ihre Teller weg, und die Zeitungen berichten vom "Wunder in Ostberlin".
Einer der Wundertäter heißt Oliver Tempel, Sozialpädagoge aus Kreuzberg. "Wunder ist natürlich Quatsch", sagt Tempel, der einst in Nicaragua e ine Straßenkinderschule betrieb. "Es war eine mehrjährige Kärrnerarbeit, bis wir hier eine friedliche Pause hatten."
Er und seine Kollegin Cvetka Bovha, mit Nasenpiercings und turmhoch geflochtenem Hennahaar ebenfalls unverkennbar aus dem linksalternativen Multikulti-Milieu stammend, haben beharrlich an den rechten Überzeugungen der Kinder gekratzt. Sie haben mit ihnen gemeinsam Gruppenregeln erarbeitet, über Demokratie und Menschenwürde geredet, Kommunikations- und Anti-Aggressionstraining gemacht. Bovha ist stolz auf Projektwochen gegen Mobbing und Rassismus. Tempel macht mit den Jungs jede Woche eine Extra-Turnstunde.
Aber der Sozialpädagoge muss auch ran, wenn eine suizidgefährdete Schülerin eine neue Unterkunft braucht oder ein Junge, der wegen Schulangst und Aggressionen nicht mehr zum Unterricht kommt, einen neuen Stundenplan.
Viele der Schüler in Hellersdorf halten sich für wertlos und dumm. Gerade mal jeder vierte bekommt nach dem Schulabschluss einen Lehrvertrag. "Der aufgestaute Frust ist hoch, die Frusttoleranz erschreckend niedrig", sagt Tempel.
Es kam schon vor, dass rechte Schlägertrupps mit Knüppeln vor dem Schultor warteten. Besorgt machten die Kollegen unter ihnen ehemalige Schüler aus.
Ähnlich wie in Hellersdorf suchen Schulen im ganzen Bundesgebiet nach Strategien, um gewaltbereite Schüler zu bändigen. Der niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer lobt, die "Kultur des Hinschauens" nehme zu. Dabei werden die unterschiedlichsten pädagogischen Maßnahmen erprobt.
In Bad Homburg etwa steht in der Friedrich-Ebert-Grundschule schon bei den Erstklässlern täglich Sport auf dem Stundenplan: Aerobic und Hindernislauf, Softball, Yoga und Entspannung mit Meditationsmusik. Seither geht es friedlicher zu auf dem Pausenhof. Bevor das Sportprojekt begann, verhielten sich schon die Kleinen so aggressiv, dass Eltern in den Pausen Aufsicht führen mussten.
Manche Pädagogen lassen Verhaltenstagebücher führen, in denen jeder Schüler mit Smiley-Gesichtern seine Tagesbilanz zieht. Andere richten "Konzentrationsinseln" ein, abgetrennte Bereiche im Klassenzimmer, in denen für Störer Spiele zur Beruhigung ausliegen. In Krisenbüros und Schulcafés finden Schüler ein offenes Ohr und Hilfe.
Mancherorts steht mittlerweile das Fach "Soziales Lernen" auf dem Stundenplan, eine Mischung aus Gesellschaftskunde, Soziotherapie und Selbsterfahrung. Viele Schulen haben sich Streitschlichter-Konzepte von den US-High-Schools abgeschaut, nach denen die Kinder lernen sollen, selbst für ein gemäßigtes Klima auf dem Schulhof zu sorgen.
Wem Atemübungen und Mandala-Malen, Autogenes Training und Phantasiereisen nicht helfen, der wird zum Anti-Aggressionstraining geschickt. Viele Schulen haben für den kurzfristigen Bedarf Trainingsräume eingerichtet, in denen Störer unter Anleitung Dampf ablassen, zur Ruhe kommen und einen schriftlichen Plan mit guten Vorsätzen für die Rückkehr in die Klasse ausarbeiten.
Auch die Polizei wird eingebunden: Für jede der über 40 Schulen in Bottrop etwa gibt es auf Drängen eines "Netzwerks gegen Gewalt" inzwischen einen Ansprechpartner auf der Wache. Bei einer bedrohlichen Situation auf dem Schulhof genüge ein Anruf, so Netzwerk-Initiatorin Dagmar Kaplan, und der Kontaktbeamte erscheine auf der Bildfläche.
Gerade in Einzugsgebieten, in denen überdurchschnittlich viel sozialer Zündstoff liegt, sind Lehrer schnell überfordert. Statt sich einzeln an verhaltensauffälligen Kindern abzuarbeiten, rät Expertin Gabriele Kreter dringend, sollten die Lehrer sich mit Sozialarbeitern und Erziehungsberatern der Jugendämter an einen runden Tisch setzen, sich mit Kirchen-, Moschee- oder Gemeindevertretern zusammentun und Ärzte, Psychologen oder Polizisten zu Rate ziehen.
Attacken gegen Lehrer zeigen allerdings auch, dass Schüler die Wissensvermittlung selbst als Quelle des Frusts und der Aggression ausgemacht haben. Der Jugendbericht des Familienministeriums weiß Rat: "Gewalt mindernd wirkt vor allem ein schülerorientierter Unterricht und ein auf Integration zielendes Schulklima."
Dieses Kunststück versuchen Lehrer und Schüler seit ein paar Jahren an der Werner-Stephan-Oberschule. Die war mal eine typische Brennpunkt-Hauptschule in Berlin-Tempelhof, und ihre Schülerschaft ist im Prinzip die gleiche geblieben: Vereinzelte Unauffällige sitzen zwischen lernschwachen oder sozial gestörten Schülern; unbegleitet eingereiste Flüchtlingskinder neben Berlinern; Kurden neben Türken; Albaner neben Serben.
Heute gibt es fast in jeder Klasse zusätzlich mindestens zwei behinderte Schüler. Das macht die Schule zur "Integrationsschule". Der Clou: In "Integrationsklassen" dürfen nicht mehr als 16 Schüler sitzen, und in jeder Klasse unterrichten fast durchgehend ein Fachlehrer und ein Sonderpädagoge gemeinsam - paradiesische Verhältnisse im Vergleich zum normalen Schulbetrieb.
Eine Schulstunde dauert hier statt 45 nur 40 Minuten, das haben die Kollegen gemeinsam so entschieden. Die drei Wochenarbeitsstunden, die jeder dadurch gewinnt, steckt er in eine der 30 Arbeitsgemeinschaften oder in die Schülerfirma, die die Zehntklässler weitgehend in Eigenregie betreiben.
"Das Selbstwertgefühl deutscher Schüler liegt im Argen", erklärt Arnz. Auf die Schüler seiner Schule treffe das besonders zu. "Sie haben fast alle eine negative Erfahrung mit Schule gemacht, immer nur Fünfen und Sechsen kassiert. Sie kommen mit der Erfahrung: Ich bin nichts wert."
Arnz und seine Kollegen setzen eine eigenverantwortliche Lernkultur dagegen. Dass überdurchschnittlich viele die angegliederte Werkrealschule schaffen und ein paar sogar jedes Jahr weiter auf die Fachoberschule gehen, macht alle stolz.
Jedes Jahr erarbeiten die Klassensprecher ein Versprechen an die Schulgemeinschaft, das jeder Schüler ablegen muss: "Ich wende keine Gewalt an", heißt es da, "Ich bringe weder Waffen noch Drogen mit und erpresse meine Mitschüler nicht", und "Schüler/innen und Lehrer/innen sollen zusammenhalten". Es scheint zu funktionieren: Als beim letzten Sportfest zwei Schüler mit Down-Syndrom in die Zielgerade einliefen, saßen die anderen auf der Tribüne und klatschten Beifall.
Von 360 Schülern haben sich 50 in Seminaren zu Streitschlichern ausbilden lassen, das Amt ist begehrt. "Das ist cool", sagt Li aus Angola. "Man geht dazwischen, wenn sich welche prügeln wollen." Auch verbale Entgleisungen werden von den Schülern geahndet. Wo die Schüler die Grenze setzen? Li überlegt: "Bei ''Hurensohn, fick deine Mutter!''"
Auch Manuel und Gamze sind Streitschlichter. Ihr letzter Fall spielte sich bei einer Mitschülerin zu Hause ab. Dort hatte ein Junge einem anderen ein Messer an den Hals gehalten. Am Ende war die Polizei gekommen. Um weiteren Ärger in der Schule zu vermeiden, unterzeichneten die beiden nach einem Schlichtungsgespräch unter Manus und Gamzes Augen eine Verpflichtung, sich künftig aus dem Weg zu gehen. "Früher war ich aggressiv und hab schnell zugeschlagen", brummt Manu zufrieden. "Heute muss ich ja selber ein Vorbild sein."
"Die Klassenkonferenzen haben rapide abgenommen, seit wir die Trainings haben",
sagt Vertrauenslehrer Reiner Haag. Es gibt außerdem eine Schulstation mit Ruheecke, Matratzen und Aquarium. Vandalismus kommt kaum vor. Die Schüler renovieren ihre Räume in Eigenregie. Die bunten Möbel in der Cafeteria halten schon seit sieben Jahren. Sogar auf dem Klo sorgen die Schüler selbst dafür, dass Graffiti wieder verschwinden. Haag, 48, feiert demnächst sein 25-jähriges Dienstjubiläum. "Für den Lehrer", sagt er, "steht als Lernziel ganz weit oben die Menschlichkeit. Man kann nur Autorität reinbringen, wenn die Beziehungsebene stimmt."
Eine Insel der Seligen ist die Werner-Stephan-Schule natürlich trotzdem nicht. Zweimal schon hat Schulleiter Arnz die Polizei geholt, weil Araber und Russen für den Nachmittag einen Krieg vor der Schule angekündigt hatten.
"Ehe man sich''s versieht, holen die mit dem Handy Verstärkung von außerhalb", sagt Arnz. "Wenn irgendwo in der Welt ein ethnischer Konflikt hochkocht, schwappt das ganz schnell in die Schule hinein."
Wer auf der Werner- Stephan-Schule gegen die Spielregeln des friedlichen Miteinanders verstößt, für den hält die Schule jedenfalls nicht nur den üblichen Katalog an Disziplinarstrafen bis hin zum Schulverweis bereit. Störenfriede müssen stattdessen meist Dienst an der Gemeinschaft leisten, mit dem Hausmeister nachmittags eine Wand weißeln oder im benachbarten Altenheim aushelfen. Die Zusammenarbeit hat sich bewährt.
Letztens hat ein sehr schwieriger Schüler versucht, die Schulstation aufzumischen, erzählt Arnz. Er kündigte an, wiederzukommen und die Lehrer abzuknallen. "Anderswo reagieren Lehrer vielleicht ängstlich oder gucken weg. Aber die Schüler ernst zu nehmen heißt auch, sie in ihrer Gewalt- und Konfliktbereitschaft ernst zu nehmen."
Arnz und die Kolleginnen und Kollegen, die es betraf, haben den trinkenden Vater gemeinsam mit dem Sohn zum Gespräch in die Schule eingeladen. Sie haben sehr ernst mit ihm und dem Jungen geredet und ihm klar gemacht, dass er sich mit seinem Verhalten aus der Schulgemeinschaft katapultiert. "Dann musste er sich entschuldigen", sagt Arnz, "und ich habe darauf bestanden, dass er dabei jedem Einzelnen von uns in die Augen schaut."
Jetzt schiebt er nach der Schule Dienst im Altenheim. "Ich bin überzeugt", sagt Arnz, "dass der nicht mit einer Knarre zurückkommt." BEATE LAKOTTA
Strategien gegen Gewalt an Schulen
MEDIATION
- Schüler tragen Verantwortung als Streitschlichter
- Einrichtung eines Schlichtungszimmers
- Kommunikations- und Anti-Aggressionstraining
- Soziales Lernen im Unterri cht
- Opfer-Täter-Gespräche
FESTE REGELN
- Schüler erarbeiten eigene Klassenregeln und Sanktionen für Regelverstöße (z. B. Dienst für die Gemeinschaft)
- Eltern unterschreiben einen Vertrag, in dem sie die Schulziele und ihre Pflichten (z. B. Teilnahme am Elternabend) anerkennen
HINSCHAUEN
- Auf körperliche oder verbale Gewalt folgt schnell eine Reaktion
- Frühzeitig Elterngespräche
- Schwere Gewalt und Waffenbesitz werden angezeigt
- Verbesserte Aufsicht
RUNDER TISCH
- Lehrerteams für Klassen
- Einsatz von Schulpsychologen und Sozialpädagogen
- Helferkonferenzen bringen Lehrer, Sozialarbeiter, Eltern, Pfarrer/Imam, Jugendhilfe, ggf. Arzt oder Psychiater und Polizei zusammen
* An einer Gesamtschule in Grevenbroich bei Köln.
Von Beate Lakotta

DER SPIEGEL 19/2002
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