06.05.2002

INDIENBlutrausch wie im Mittelalter

Fanatische Hindus haben im Bundesstaat Gujarat Pogrome unter Muslimen angezettelt - und die Regierungspartei BJP hat sie offenbar geduldet und gefördert.
Wenn Saira Bano daran denkt, wie ein entfesselter Hindu-Mob Ende Februar wehrlose Muslime lynchte, schaudert es sie derart, dass sie kaum die Sprache findet - so schrecklich, so traumatisch ist die Erinnerung an jene Orgie der Gewalt, die durch den Bundesstaat Gujarat tobte. "Sie schlitzten meiner schwangeren Schwägerin den Bauch auf", sagt die Muslimin Bano. "Sie rissen den Fötus heraus und warfen ihn ins Feuer. Dann verbrannten sie die Frau."
Wie konnte es zu diesem Blutrausch kommen?
Am 27. Februar zuckelt ein Zug von Ayodhya nach Ahmedabad, der Metropole des 51-Millionen-Einwohner-Bundesstaats Gujarat. Die Passagiere: gläubige Hindus auf dem Rückweg von einer religiösen Veranstaltung. Kurz vor der Endstation, am Bahnhof Godhra, geraten sie mit einem muslimischen Teeverkäufer aneinander. Der Streit eskaliert, aufgebrachte Muslime setzen zwei Waggons in Brand. 59 Hindus, überwiegend Frauen und Kinder, kommen ums Leben.
Die Folge ist ein Gemetzel von mittelalterlicher Unbarmherzigkeit - ausgerechnet in der Heimatprovinz des indischen Nationalhelden Mahatma Ghandi, des Vaters der Gewaltlosigkeit. Latenter Hass zwischen den beiden wichtigsten Glaubensgemeinschaften (820 Millionen Hindus, 120 Millionen Muslime) lodert auf. Diesmal gehen Hindus auf Muslime los.
Schlüsselfigur der Unruhen aber ist ein Politiker: Narendra Modi, 52, der Chefminister von Gujarat. Modi gehört zur Führungsriege der hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP, er ist der radikale Antipode des gemäßigten Premierministers Atal Behari Vajpayee, 77. Und in erster Linie dem Scharfmacher Modi wird jetzt die lasche Haltung der Ordnungskräfte angelastet, die das ganze Ausmaß des Desasters erst ermöglichte.
Modis Polizisten und Bürokraten sollen bisherigen Untersuchungen zufolge die Pogrome toleriert, wenn nicht angeheizt haben. Zum Teil feuerten die Uniformierten auf Muslime. Ein interner EU-Bericht sprach vorige Woche sogar von geplanten politischen Aktionen.
An die 120 000 Fanatiker rotteten sich zusammen. Sie bildeten Rollkommandos, mancherorts formierten sich gleich ganze Tausendschaften. In den Städten, berichten Augenzeugen, seien viele besser gestellte Inder, die mit Autos vorfuhren, unter den Plünderern gewesen. In ländlichen Gebieten rumpelte der Mob auf Traktoren in die muslimische Nachbarschaft, meist in den heiligen Farben Orange und Gelb gekleidet und mit Benzinbomben, Holzprügeln oder Schwertern bewaffnet. Die Hindus erschlugen Männer und Jungen, sie vergewaltigten Frauen jeden Alters. Ihre geschändeten Opfer verbrannten sie bei lebendigem Leib.
Mindestens 2000 Menschen starben laut britischen Quellen in Gujarat in den beiden vergangenen Monaten, rund 170 000 flohen. 100 000 retteten sich in eines von sieben Auffanglagern, etwa in das Camp Shah-e-Alam in Ahmedabad, wo derzeit auch Saira Bano lebt - als eine von 10 000 Insassen, die trauernd, wütend, ängstlich in die Zukunft blicken.
Auch Premier Vajpayee, dessen BJP in Neu-Delhi ein vielschichtiges Koalitionsspektrum anführt, schaut nicht mehr allzu forsch nach vorn. In sieben Bundesstaaten verlor die Hindu-Partei seit Anfang vorigen Jahres Wahlen, zuletzt im bevölkerungsreichsten Staat Uttar Pradesh. Damit führt sie nur noch in drei Regionalparlamenten Regie, darunter ausgerechnet in Gujarat, wo sie jetzt in der Kritik steht.
Von dieser Pannenserie profitiert, nach langer Agonie, die oppositionelle Kongress-Partei. Ihre politisch bislang blasse Spitzenkandidatin Sonia Gandhi, 55, gewinnt an Farbe. Zehntausende demonstrierten vergangenen Mittwoch in Ahmedabad für die aus Italien stammende Politikerin, die im offenen Jeep stehend die Huldigungen entgegennahm.
Am selben Tag wurde im indischen Unterhaus in Neu-Delhi über den Antrag abgestimmt, die BJP wegen der Vorfälle in Gujarat zu rügen. Mit 276 gegen 182 Stimmen konnte Vajpayees Bündnis nach hitziger 16-Stunden-Debatte eine Verurteilung verhindern.
Einstweilen stützt der Premier noch seinen Parteikameraden Modi. Die Jagdszenen in Gujarat nennt er rabulistisch eine "nationale Schande", die man aber "hätte vermeiden können, wenn unschuldige Leute in Godhra nicht bei lebendigem Leib verbrannt worden wären".
Modi selbst spielt die Ausschreitungen als "natürliche Reaktion der Hindu-Gesellschaft" herunter und denkt nicht an einen Rücktritt - obwohl fast alle indischen Oppositionspolitiker und auch Koalitionspartner der BJP seine Entlassung fordern.
Menschenrechtler verlangen sogar das Erscheinen Modis vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Auch ausländische Investoren setzen deutliche Signale. Die in Gujarat ansässigen Industrien, die 20 Prozent der indischen Exporterlöse erwirtschaften und 30 Prozent des Börsenkapitals repräsentieren, erlitten in den vergangenen Wochen Geschäftsverluste in Höhe von über zwei Milliarden Dollar.
Kein Zweifel: Vajpayee, das moderate Gesicht der Hindu-Nationalisten, hat durch die Krawalle schweren Schaden genommen. Die extremistischen Exzesse könnten das langsame politische Ende des seit vier Jahren regierenden Premiers bedeuten - es dürfte sich beschleunigen, falls er an Modi festhält. RÜDIGER FALKSOHN,
PADMA RAO
Von Rüdiger Falksohn und Padma Rao

DER SPIEGEL 19/2002
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