06.05.2002

MEDIZINDesigner-Food fürs Krippenkind

Wegen sinkenden Absatzes setzen die Hersteller von Säuglingsmilch zunehmend auf teure Spezialprodukte. Deren Nutzen allerdings ist fraglich.
Manche Paare sollen ja vor der Geburt ihres ersten Kindes noch denken, die Ernährung eines Säuglings sei etwas ganz Einfaches: Wenn das Kleine nicht gestillt wird, bekomme es eben die Flasche. Spätestens der Anblick des Supermarktregals belehrt diese Optimisten eines Besseren.
Dort empfängt die jungen Eltern ein beeindruckendes Angebot von unterschiedlichem Muttermilchersatz: Unter mehr als 40 verschiedenen Sorten können sie wählen. Große Anbieter wie Nestlé-Tochter Alete ("Alles Gute für Ihr Kind"), Milupa ("Für Mutter und Kind") oder die Humana Milchunion ("Aus Liebe zum Kind") haben jeweils bis zu sechs verschiedene Produkte im Sortiment.
Premilch (direkt nach der Geburt) und Folgemilch (nach dem Abstillen), Pulver zur Zwiemilchernährung (das Fläschchen nach dem Stillen) und eine ganze Reihe teurer Spezialprodukte, gleichsam Designer-Food fürs Krippenalter: hypoallergene Milch ("HA-Milch"), Kosten pro Monat etwa 55 Euro, bei der die Milcheiweiße zerkleinert sind und die deshalb vor Allergien schützen soll; Milch, der Omega-3-Fettsäuren zur besseren Gehirnentwicklung oder Bifidus-Bakterien zur besseren Verdauung beigesetzt werden; und seit neuestem auch eine spezielle Anti-Bläh-Milch, die den Eltern ruhige Nächte verheißt.
Sinkende Geburtenraten und der Trend zum Stillen zwangen die Hersteller zum Erfindungsreichtum. "Im stagnierenden Markt der Babynahrung", erklärt Hans-Jürgen Klett, Vorsitzender der Geschäftsführung der Nestlé Alete GmbH München, "geben wir mit innovativen Produkten mit Zusatznutzen die Möglichkeit zu neuer Wertschöpfung."
Offenbar geht die Rechnung auf: Trotz fallenden Absatzes konnte der Umsatz für Säuglingsmilchnahrung vergangenes Jahr sogar noch gesteigert werden (siehe Grafik). Denn natürlich wollen die besorgten Eltern immer nur das Beste für ihr Kind und sind dafür bereit, wenn nötig tief in die Tasche zu greifen.
Ob die teuren Spezialnahrungen allerdings tatsächlich immer das Beste sind, ist mehr als fraglich. "Von all diesen Produkten", sagt Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund, "bräuchte man allenfalls einen Bruchteil."
Besonders beliebt sind HA-Produkte, die von besorgten Eltern oft auch dann verfüttert werden, wenn gar kein Allergierisiko erkennbar ist. Dass die bei der Eiweißzerkleinerung frei werdenden Aminosäuren aus dem Fläschchen einen Geruch verströmen, der an eine Mischung aus faulen Eiern und Sperma erinnert - was bei gesunden Erwachsenen unweigerlich einen Würgereiz aufkommen lässt -, kann sie offenbar nicht abschrecken.
Die bislang größte Studie zu HA-Milch, die mit Unterstützung des Gesundheitsministeriums an mehreren deutschen Kinderkliniken mit insgesamt 2252 Kindern durchgeführt wurde, ergab, dass hypoallergene Milch allenfalls solchen Babys nutzt, deren Eltern an Allergien in Form von Heuschnupfen oder Asthma leiden; und auch hier helfen nur wenige der angebotenen Produkte. Bei Kindern, deren Eltern an Neurodermitis erkrankt sind, zeigte sich dagegen keinerlei Effekt.
Selbst wo ein Nutzen messbar ist, gilt dies bislang nur für das erste Lebensjahr. Wie es danach weitergeht, liegt noch weitgehend im Dunkeln. Viele Ärzte befürchten, dass sich der Ausbruch von Allergien durch die teure HA-Milch bestenfalls ein wenig hinauszögern lässt.
Richtig empören kann sich Berthold Koletzko, Oberarzt am Haunerschen Kinderspital der Münchner Uniklinik und Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, über Anti-Bläh-Milch. "Für die Eltern klingt das praktisch", sagt er, "die denken: ,Mit dieser Milch schlafen die Kinder wenigstens während der Fußballweltmeisterschaft durch.' Aber eigentlich dürften diese Produkte gar nicht bei den anderen Pulvern in den normalen Regalen stehen."
Koletzkos Kritik: Die Anti-Bläh-Pulver ("Beba Sensitive" von Nestlé, "Comformil" von Milupa und "Enfamil comfort" von Me ad Johnson) seien mutwillig anders zusammengesetzt als Muttermilch; Enfamil beispielsweise sei zur besseren Verdaulichkeit der Milchzucker - sonst wesentlicher Bestandteil jeder Säuglingsmilch - entzogen.
"Bisher ist noch nie getestet worden, was solche Veränderungen auf die Kinder für Auswirkungen haben", sagt Koletzko. Trotzdem werde leichtfertig die Anwendung "von der ersten Flasche an" empfohlen. Außerdem könnten unbegründete Versprechen die Mütter dazu verleiten, schon bei leichten Befindlichkeitsstörungen ihres Kindes abzustillen. "Auf keinen Fall", sagt er, "darf der Verbraucher durch eine Vermarktung dieser Produkte als normale Babynahrung den Eindruck gewinnen, dass sie den üblichen Sicherheitsstandards entsprechen."
Seit zwei Jahren kämpft Koletzko beim Verbraucherministerium dafür, die Anti-Bläh-Milchpulver für den Verbraucher von den gängigen unterscheidbar zu machen. "Eigentlich", so meint er, "dürften die nur in Apotheken verkauft werden."
VERONIKA HACKENBROCH
Von Veronika Hackenbroch

DER SPIEGEL 19/2002
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