27.05.2002

„Ende der Kuschelpädagogik“

Die Kinder in der Grundschule der Zukunft sitzen im Halbkreis und auf dem Fußboden vor der Tafel. Die Tür steht offen, Musik dringt herein. Wem es langweilig wird, der kann nach nebenan gehen. Oder an einem der beiden Computer spielen und E-Mails an die Partnerschulen in England, Frankreich, Italien, Schweden, Finnland und Ungarn schicken.
In der Grundschule der Zukunft schleppt die Lehrerin Silke Pohling einen riesigen Teddy herbei. "Hello, I am Mr. Teddy Bear. What is your name?", fragt sie. Denn in der Klasse 1 c der Grundschule der Zukunft wird Englisch gesprochen.
In der Europaschule Jacob und Wilhelm Grimm in der Erfurter Blumenstraße testen sie die Grundschule der Zukunft bereits. Das Konzept ist im Wesentlichen eine Kombination aus spielerischem, ziemlich freiem Lernen und sehr frühem Leistungsdenken: Es gibt keine Schulglocke und wenige Regeln - aber es gibt Englisch ab Klasse 1 und Französisch, Italienisch und Russisch ab Klasse 3.
Die Grundschule der Zukunft? Erst seit der Pisa-Studie scheinen die Bildungspolitiker der Republik die Bedeutung der Frühförderung zu begreifen. Niemand, das können sie inzwischen alle herunterleiern, lernt schließlich so schnell und so leicht wie Sechs- bis Zehnjährige. Andersherum heißt das: Die Schwächen, die Deutschlands 15-Jährige bei der weltweiten Untersuchung offenbart haben, wurden in deren ersten Schuljahren zementiert.
Sachsens Wissenschaftsminister Matthias Rößler fordert das "Ende der Kuschelpädagogik", die Schule müsse Leistungsbereitschaft einfordern und das Elternhaus durchgreifen. Der Sozialdemokrat Gerd Harms, ehemaliger Kultusminister in Sachsen-Anhalt, verlangt, es müssten mehr Mathe und mehr Deutsch an der Grundschule unterrichtet werden.
Thüringens Wissenschaftsministerin Dagmar Schipanski (CDU) sagt: "Wir müssen uns mehr auf das Gute in der deutschen Schulbildung besinnen." In der DDR seien naturwissenschaftliche und mathematische Kompetenzen besser vermittelt worden.
Von der DDR lernen heißt also siegen lernen? Schipanskis Kabinettskollege, Thüringens Kultusminister Michael Krapp (CDU), kontert: "Keine Ostalgie an den Schulen"; das damalige Bildungssystem sei viel zu stark ideologisch geprägt gewesen.
Klar ist nur: Die bundesdeutsche Grundschule ist dringend reformbedürftig.
Das immerhin sagen alle. Bisher, das fand die Wissenschaftlerin Karin Richter vom Institut für Grundschulpädagogik und Kindheitsforschung der Universität Erfurt heraus, unterrichten die meisten Lehrer munter am Bedürfnis der Kinder vorbei. Die befragten Erfurter Grundschüler, so ein Ergebnis ihrer Forschungsarbeit, lernen am liebsten mit Abenteuergeschichten - und sie treffen auf Lehrerinnen, die im gesamten Schuljahr nicht ein Buch behandeln. Richters Diagnose: "Eine Unterforderung der Kinder durch anspruchslose Texte beziehungsweise einseitige Unterrichtsmethoden, die die Lesemotivation negativ beeinflussen."
Vor einigen Jahren schon, das sagen die Kultusbeamten im Freistaat Bayern, sei ihnen klar geworden, dass "alles am Lesen liegt" (Ministerialdirektor Josef Erhard). Deshalb wurde der Grundschullehrplan entrümpelt. Nun hätten die Schulen mehr Freiheiten, seien die Inhalte nur noch grob vorgegeben. Die Lehrer sollten mehr ausprobieren und experimentieren. "Trial and error" nennt Erhard das.
Das klingt alles logisch und gut. Orientierungstests, Sprachlernklassen für Ausländer, mehr Lehrkräfte für Deutsch, Sprachunterricht für die zugewanderten Eltern.
Doch obwohl es auf die ersten Jahre ankommt, stellen die Kultusminister viel mehr Geld für Gymnasien als für Grundschulen bereit. Landesweit werden laut Statistischem Bundesamt pro Jahr 3500 Euro für jeden Grundschüler ausgegeben, für jeden Gymnasiasten dagegen 5100 Euro.
Die Düsseldorfer Bildungsministerin Gabriele Behler (SPD) hat so ihre Ideen, wie sie Bildung und Erziehung in Kindergärten und Grundschulen verbessern will: Eltern sollen ihre Kinder ab 2003 früher als bisher zur Grundschule anmelden, nämlich im Herbst vor dem Einschulungsjahr. Von diesem Termin an sollen künftige Erstklässler in Nordrhein-Westfalen dann gezielt gefördert werden - mit Sprachkursen für ausländische Kinder etwa.
Außerdem will Behler Kinder auch früher einschulen als bisher. Der Hintergrund: Bislang gibt es bei knapp 200 000 Schulanfängern pro Jahr in NRW jährlich rund 14 000 so genannte Rückstellungen. Bundesweit sind die Abc-Schützen im Schnitt eher sieben Jahre alt - zu alt nach Meinung von Experten.
Und natürlich: Die Ganztagsbetreuung muss her, vor allem in den Brennpunkten. Pisa habe gezeigt, dass in keinem vergleichbaren Land der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildung so eng sei wie in Deutschland, so Behler. Viele Experten fordern ein flexibleres Vorgehen: zwei Stichtage, einen im Sommer und einen Anfang Februar.
Das hätte den ziemlich praktischen Nebeneffekt, dass gute Schüler mal ein halbes Jahr überspringen könnten, und Sitzenbleiber - ohne die es in Deutschland offenbar nicht geht - würden auch nur ein halbes Jahr verlieren. Andere machen so etwas längst. In England gibt es sogar drei Stichtage: im August, Dezember und März.
Was dem allerdings entgegensteht: Viele Eltern wollen den Tag der Einschulung möglichst lange hinauszögern. Sie treibt die Frage um, wann ihre Sprösslinge die Zäsur am besten verkraften können. Und noch immer glauben viele, über körperliche Entwicklungen die Schulfähigkeit feststellen zu können: Wer mit Messer und Gabel essen und mit der linken Hand über den Kopf ans rechte Ohr langen kann, ist demnach reif für die Penne.
Bildungsexperten haben natürlich längst andere Kriterien entwickelt. Eingangstests prüfen nun geistige, motorische und soziale Kompetenz: Nimmt das Kind Kontakt zu anderen auf, kann es sich konzentrieren, wirkt es emotional stabil? Und: Kann es allein zur Toilette gehen?
Wichtig ist das alles, weil die deutsche Grundschule den Kindern eine Menge abverlangt: Schüler und Schülerinnen aus verschiedenen Kulturen, mit unterschiedlichen Muttersprachen, reiche und arme, zurückgebliebene und weit entwickelte werden da zusammengeworfen. Es geht rau zu, zu rau für viele Sechsjährige. Dass Reformen unumgänglich sind, haben die Bildungspolitiker aller Bundesländer erkannt. Was wird bereits getan, was versäumt - was müsste getan werden? Eine Reise durch Deutschlands Grundschulen gibt Antworten.
Dortmund: Zu früh gibt es nicht
Dieter Ant, Leiter der Landgrafen-Grundschule in Dortmund, will die Kinder dann erreichen, wenn sie am leichtesten lernen. Darum nimmt Ant gern und häufig schon Fünfjährige auf - mindestens 16 werden es im kommenden Schuljahr sein.
Im Kindergarten, so argumentiert der Schulleiter, lägen Talente brach: "Sie können ein Lebens- und Bildungsjahr gewinnen und dabei mit Spaß und Begeisterung lernen." Rechtlich ist der extrafrühe Schuleintritt kein Problem, wenn der Amtsarzt dem Kind Schulfähigkeit bescheinigt. Und Sinn macht er angeblich immer. "Wir haben noch nie ein Kind zurückstufen müssen", sagt Ant.
Julius Höltershinken kam im vergangenen Sommer mit fünf Jahren in die Klasse 1 a der Landgrafen-Grundschule. Mit sechs wird er ins zweite Schuljahr versetzt werden, als einer der Klassenbesten. "Schreiben und Zeichnen machen besonders viel Spaß", sagt der Junge. "Julius ist der Kreativste der ganzen Klasse", sagt seine Lehrerin Regina Lantiat.
Aichach: Der normale Wahnsinn
Klasse 3 b, Grundschule Aichach-Mitte, 22 Mädchen und Buben aus fünf Nationen, eine bayerische Durchschnitts-Grundschulklasse in einer konservativ geprägten Kleinstadt: Wo man sonntags in die Kirche geht und die meisten Kinder zu Hause noch Vater und Mutter haben. Wo die Kriminalitätsrate niedrig ist. Wo nur einzelne Kinder Probleme machen. Das Lineal soll durchgenommen werden in der ersten Stunde. Was sind Meter, Zentimeter, Millimeter? Wie lang ist euer Bleistift? Wer kann das Lineal an die Tafel zeichnen? Diese drei Dinge kriegt Lehrerin Angelika Zimmermann noch hin, in 15 Minuten, doch dann geht nichts mehr. Die Kinder kramen in den Schultaschen, laufen durchs Zimmer, einer muss aufs Klo, einer braucht Farbstifte, und die anderen kichern. Über allem die ständigen Ermahnungen der Lehrerin: Sei still, setz dich hin, zeichne das fertig.
Es ist eine ganz normale Mathematikstunde in einer ganz normalen Grundschule irgendwo in Deutschland.
Lehrerin Zimmermann, seit 15 Jahren im Job, hat noch nicht resigniert. Dass es immer schwerer wird, den Schülern einen bestimmten Stoff beizubringen, merkt sie jeden Morgen. "Die Kinder können sich nicht länger als ein paar Minuten konzentrieren, und einen Text auf Anhieb zu erfassen ist für die meisten unmöglich", sagt sie.
Zweite Stunde: Deutsch. Das Thema: die Zuordnung von Hauptwörtern und Eigenschaftswörtern. "Schnecke - langsam", "Sonne - hell". Keiner der Schüler liest auch nur die Aufgabe durch, die oben auf den Arbeitsblättern steht. Die Kinder rennen stattdessen mit dem Zettel zur Tafel und rufen: "Frau Zimmermann, was muss ich da tun?" Und der Lehrerin geht es nur noch darum, den Vormittag irgendwie in geordneten Bahnen abzuwickeln.
Jedes Mal, wenn sie Gruppen bildet oder Stuhlkreise, bricht das Chaos aus. Selbst wenn sie durch die Reihen geht und jedem kleine Tipps gibt, geht hinter ihr in Sekunden die Keilerei los. Und es wird gestritten: "Scheißtürke, Scheißdeutscher."
Und jetzt soll Frau Zimmermann mit dieser Klasse einen "Orientierungstest" machen. So will es das bayerische Kultusministerium, das ist eine Schockreaktion auf das schlechte Abschneiden bei internationalen Leistungsvergleichen. In Deutsch und Mathematik soll - ohne Notengebung - geprüft werden, wo die Kinder stehen, bevor es im nächsten Jahr um den Wechsel aufs Gymnasium oder zur Hauptschule geht.
Die Lehrerin der 3 b lacht nur über solche Anordnungen. Höchstens einer ihrer Schüler könne aufs Gymnasium, ein hochgewachsener blasser Junge aus Osteuropa. Für die anderen gibt es nur ein Ziel: Ende der vierten Klasse lesen und schreiben zu können und die Grundrechenarten. Das wäre schon ein Erfolg.
In Aichach sind sie - trotz allem - noch gut dran. Im hessischen Hanau etwa gibt es eine Grundschule, an der die Pädagogen es mit Kindern aus 26 Nationen zu tun haben - ein Kampf gegen Windmühlen (siehe Seite 70).
Haimhausen: Teure heile Welt
Uwe Schweneke, Deputy Director der Bavarian International School (BIS), muss viel telefonieren in diesen Tagen. Bis zu 15 verzweifelte Eltern pro Tag bitten ihn, ihr Kind aufzunehmen. Deutsche Eltern sind das, die im Münchner Norden wohnen und
nach dem Pisa-Schock bereit sind, Geld für eine Privatschule auszugeben.
Rund 10 000 Euro im Jahr beträgt die Grundgebühr für die Schule im alten Schloss Haimhausen, 15 Kilometer vor München, hinzu kommen noch Fahrtkosten und Mittagessen. Angeblich würden 18 Prozent aller Eltern ihr Kind gern auf eine Privatschule schicken. Die Kapazitäten reichen aber nur für 6 Prozent.
600 Schüler aus 41 Nationen lernen in Haimhausen, vier Jahre alt ist der Jüngste. In Haimhausen gibt es keine Noten. Deshalb gibt es keinen Stress, auch nicht in der dritten und vierten Grundschulklasse, die hier "Middle School" heißt. Die Klassen sind klein, in keinem Unterrichtsraum steht ein Pult. Aber auf jedem Flur stehen Dutzende von Computern.
Wenn die Leistungen nachlassen, sprechen die Pädagogen mit den Eltern und erteilen Einzelunterricht, bis der Schüler wieder im Klassensoll ist. Von Unmengen Büchern oder kopierten Arbeitsblättern halten die Lehrer hier wenig. Die Kinder, heißt es, müssten wissen, wofür sie etwas lernen. Sie erarbeiten sich den Stoff durch Fragen. "Das Kind", sagt Schweneke, "ist ein Mitglied der Gesellschaft, also ein Teil unseres Teams."
Stendal: Groß hilft Klein
Es gibt eine Menge Orte, die schöner sind als dieser hier. Denn dieser hier ist eine Welt aus graubraunem Waschbeton und halb leeren Plattenbauten, aus gepflasterten Plätzen und ein paar schwächelnden, festgebundenen Bäumen.
Dennoch sagt Grundschullehrerin Rosemarie Grunow: "Wir leben hier einen Traum." Was sie meint, spielt sich etwa in der "Lerngruppe D1" morgens um halb elf ab.
Die Erstklässler Sara und Oliver legen vorn an einer Buchstabentafel Wörter mit "uf" in der Mitte: "rufen", "Stufe", "Huf"; am Gruppentisch ziehen Titus und Jan gerade gemeinsam 7 von 14 ab; Zweitklässler Jakub liest ein Buch über Kaninchen. Und Kevin, 10, verbessert gerade flüsternd seinen Nachbarn Max, 9: "674 minus 381? Guck mal, dat hier stimmt och nich." Und Max murmelt: "Scheiße, Scheiße." Still ist es hier, obwohl die Kinder hin und her gehen. Alle tragen Hausschuhe. Die Türen sind offen.
Die Astrid-Lindgren-Schule in Stendal-Süd hat das Dorfschulprinzip wiederbelebt: Die Schüler lernen von der ersten bis zur vierten Klasse in einem Raum. Aufgaben sind individuell abgestuft. Wer schneller lernt, muss mehr und schwierigere Aufgaben bewältigen.
40 Kinder lernen so in zwei Gruppen; die anderen 110 Astrid-Lindgren-Schüler machen das klassische Programm mit Frontalunterricht und Gruppenarbeiten, denn die Eltern können entscheiden, welchen Weg ihr Kind gehen soll.
Selbstbewusste und selbständige Kinder will Rosemarie Grunow heranziehen, Kinder, die vor allem lernen, wie sie sich etwas selbst erarbeiten können und die deshalb mehr Spaß am Lernen haben. Längst interessieren sich das Kultusministerium und Pädagogikprofessoren von Kiel bis Halle für Grunows Reformprojekt in der Provinz von Sachsen-Anhalt.
Seit dem Rückgang der Schülerzahlen Mitte der neunziger Jahre gibt es in fast allen Bundesländern Grundschulen mit jahrgangsübergreifendem Unterricht. Doch nur wenige haben daraus so wie die Stendaler eine komplett neue Unterrichtsform entwickelt. Die haben nun einen Raum für Entspannungsübungen und Kuschelecken in allen Zimmern, das ist für Grunow gerade die Voraussetzung dafür, dass die Kinder gern etwas leisten. Und Leistung fordert die Lehrerin ein: Die Kinder schreiben Tests und Klassenarbeiten und bekommen Noten wie die anderen.
Offenbar lernen die Kinder hier noch etwas Wichtigeres: Wenn Sechs- bis Zehnjährige zusammen sind, haben die Kleinen Vorbilder und die Großen Verantwortung. Außerdem ist die Klasse ohne Grenzen die Antwort auf neue Probleme. "Früher waren die Kinder einigermaßen auf dem gleichen Niveau", sagt Lehrerin Renate Lier, "heute kriegen wir Kinder, die sind zwar sechs, aber der eine kann noch nicht mal einen Bleistift halten und der andere schon lesen und schreiben."
Damit die Schüler überhaupt Lust auf Lernen haben können, muss die Schule viel "reparieren", wie Lier sagt. Es gibt in Deutschland schließlich von Jahr zu Jahr mehr verhaltensauffällige Kinder: In den zahlreichen Studien wird deren Anteil mittlerweile auf 9 bis 25 Prozent geschätzt. Mehr als 20 Prozent der Abc-Schützen haben bei der Einschulung Sprachstörungen, und ebenso viele leiden unter Leistungsstörungen, verursacht durch Bewegungsmangel. Und dann sind noch mehr als eine Million Kinder in Deutschland Sozialhilfeempfänger.
"Wir sollen Sozialarbeiter sein, Krankengymnasten, Psychotherapeuten, Bildner, und fürs gesunde Frühstück sind wir obendrein zuständig", sagt Grunow. Sie hat viele dieser problembeladenen Kinder in ihren Klassen, so wie alle anderen Lehrer in der Republik auch. All diese Zappelphilippe, die Ritalin schlucken. All die Kinder, die mit Scheinen ankommen, auf denen "Dyslexie" steht, Leseschwäche, oder "Dyskalkulie", Rechenschwäche. Jene, die kaum Deutsch sprechen, die Bettnässer, die Schläger, die Schüchternen.
Im normalen Unterricht sind solche Unterschiede kaum zu bewältigen. "Wenn ich da 20 Aufgaben rechne, langweilen sich die Pfiffigen, das Mittelfeld kommt mit, und die Langsamen schreiben mir zuliebe irgendwelche Zahlen auf", sagt Grunow. Im offenen Unterricht können die einen das doppelte Pensum bewältigen, und die anderen schaffen wenigstens das Nötigste.
An der Grundschule sei "nur noch individualisierender Unterricht möglich", sagt Professor Wulf Wallrabenstein, Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg. Bei Pisa hätten genau jene Länder gut abgeschnitten, bei denen der Unterricht offen sei und die Kinder selbständig arbeiteten: Schweden und Finnland vor allem.
Hamburg: Piccola Europa
Die Grundschule Döhrnstraße in Hamburg-Lokstedt kann sich vor Anmeldungen kaum retten. Was deutsche Eltern anderswo abschreckt, nämlich Kinder, die eine andere Muttersprache haben als Deutsch, ist hier willkommen: In der zweisprachigen Grundschule lernen die Kinder auf Italienisch und auf Deutsch.
In der ersten Klasse ruft Lehrerin Assunta La Penna die "orsacchiotti", die Bärchen, zum Appell. Die siebenjährige Saskia soll nach vorn kommen und die anderen aufrufen. La Penna spricht Italienisch, aber Saskia zögert keine Sekunde. "Raphaela?" ruft sie. "Presente", antwortet Raphaela.
Die Kinder träumen und schwatzen, und Robert packt ein Stück Kuchen aus. "Basta mangiare", ruft La Penna, und Robert packt wieder ein. Die Lehrerin greift zur Handpuppe Fido, einem braunen Plüschhund mit traurigen Hängelidern und einer langen rosa Zunge. "Buona pasqua", schöne Ostern, wünscht Fido jedem Kind, "Buona pasqua, Fido", gibt Raphaela zurück, und zur Belohnung schleckt er sie mit der Zunge ab. Raphaela quietscht vor Vergnügen.
Vor drei Jahren begann die Schule in der Döhrnstraße damit, den deutsch-italienischen Zweig aufzubauen. Mittlerwei-le gibt es in Hamburg vier zweisprachige Grundschulen, doch in ganz Deutschland sind es nicht mehr als rund ein Dutzend.
In der Döhrnstraße werden die Klassen von einem Team aus jeweils einer deutschen und einer italienischen Lehrerin unterrichtet. Beide sprechen nur in ihrer Muttersprache. Die Italiener werden vom italienischen Generalkonsulat bezahlt.
Zwar muss Schulleiter Friedrich Heß überhöhte Erwartungen relativieren: "Die Vorstellung war ja, dass nach der vierten Klasse alle gleich gut Italienisch und Deutsch sprechen können" - das aber schaffen nur die Kinder aus binationalen oder italienischen Familien. Doch immerhin haben die deutschen Kinder "auf Italienisch einen riesigen passiven Wortschatz, und sie können Sätze richtig bauen und haben Routine in der Sprache", so Heß.
Einige der Kinder sprechen sogar zu Hause noch Englisch oder Filipino. Oder auch Serbokroatisch, weil ihr Kindermädchen von dort stammt. Und sie lernen von der dritten Klasse an Englisch wie alle Hamburger Grundschulkinder. "Sie gehen selbstverständlicher mit neuen Wörtern um und lernen sehr schnell", schwärmt Lehrerin Marlis Schröder, die Englisch und Deutsch/Italienisch unterrichtet.
Dass die Kinder dadurch mehr lernen als nur eine zweite Sprache, davon ist Heß überzeugt. "Das bringt die Intelligenz voran", sagt er. Klar, es ist mühsam, es braucht eine Menge Einsatz. Und vor allem Eltern, die bereit sind, ihren Kindern besondere Chancen zu geben. KLAUS BRINKBÄUMER,
CORDULA MEYER, CONNY NEUMANN, ANDREA STUPPE, STEFFEN WINTER
* In einem Kindergarten in Duisburg-Bruckhausen.
Von Klaus Brinkbäumer, Cordula Meyer, Conny Neumann, Andrea Stuppe und Steffen Winter

DER SPIEGEL 22/2002
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