27.05.2002

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEKein Arztroman

Warum sich eine Schweizer Politikerin an den Männern rächte
Wenig hält für alle Ewigkeit. Am wenigsten vielleicht die Begeisterung zwischen Frau und Mann.
Also entzündete sich Christina Maria Kurmann, als ihre Ehe franste, außerehelich. Der Algerier hatte schöne Augen, einen wohlklingenden Namen, er hieß Mustafa, und wenn er neben ihr lag, war vieles besser, Herbst 1998.
Als die Leidenschaft in ihr Leben trat, war Christina Maria Kurmann 35 Jahre alt, ihr Gatte war Arzt, sie lebte in der Gewöhnlichkeit von CH-8134 Adliswil, 16 000 Einwohner, Vorort von Zürich.
Dort redete sie in der Christlichdemokratischen Volkspartei mit, der CVP, der Partei der Mitte, der Familie, der wahren Werte. Sie redete oft und einfühlsam, Christina Maria Kurmann, Psychologiestudentin und Lehrerin, wurde in den Gemeinderat gewählt.
Dann machte Mustafa Schluss.
Christina Maria Kurmann sann offenbar auf Rache. Sie hinterbrachte Mustafa, er habe sie schwanger gemacht, und die Frucht ihrer kurzen Passion habe sie in der Westschweiz teuer entfernt. An den Kosten, die dabei erwachsen seien, 5000 Franken, habe Mustafa sich gefälligst zu beteiligen.
Um die Abtreibung zu beweisen, setzte sie sich vor den Computer, schrieb, an sich selbst adressiert, datierend vom 28. Januar 1999, zwei Rechnungen des Hôpital du District du Lac, Chemin du village 24, 3280 Meyriez, setzte mehrere Leistungspositionen ein, auch sectio caesarea, Kaiserschnitt. Mustafa, im Medizinischen noch weniger bewandert als seine Erpresserin, überwies am 3. März 1999 1000 Franken.
Eine Woche später schrieb sie dem Mann, die 1000 Franken habe sie dankend erhalten, allerdings bitte sie darum, ihr auch die restlichen 4000 zu schicken. Mustafa ließ sich Zeit. Sie drohte mit Selbstmord. In ihrer privaten schriftlichen Bilanz trug sie unter den Einnahmeposten die 1000 Franken ein und das Wort Schwangerschaftsgeld.
Doch jetzt, Schicksal, entdeckte der Gatte die gefälschten Rechnungen und die Briefe. Christina Maria Kurmann erklärte ihm, die 1000 Franken jenes Mustafa seien das Honorar für Deutschunterricht, den sie dem Fremden einst erteilte. Der Gatte rief die Polizei. Wollte die Scheidung.
Am 5. April 2001 erhob der Bezirksanwalt Anklage, nannte Christina Maria Kurmann aus Adliswil eine Urkundenfälscherin und Betrügerin.
Christina Maria Kurmann ließ sich nichts anmerken, Tage später, als Vertreterin der Christlichdemokratinnen des Kantons Zürich, schaffte sie die Aufnahme in den Vorstand der CVP-Frauen Schweiz. Man klatschte, wünschte Glück.
Wieder einen Monat später, die Karriere ist angeschoben, wurde Christina Maria Kurmann zweite Vizepräsidentin des Stadtparlaments von Adliswil. Hätte das Leben nun keinen Haken mehr geschlagen, würde sie in zwei Jahren die Kammer präsidieren, höchste Adliswilerin sein.
Am 5. Juli 2001 war der Prozess vor dem Bezirksgericht. Nur wenige Journalisten saßen in den Bänken. Um den Schaden zu dämmen, den sie gestiftet hatte, hatte Christina Maria Kurmann die 1000 Franken an Mustafa zurückgeschickt und den Treulosen gebeten zu behaupten, er habe ihr einst nicht eine Abtreibung bezahlt, nur ein Darlehen geleistet. Mustafa tat den Gefallen. Der Richter glaubte ihm nicht, bestrafte die Frau mit 45 Tagen Gefängnis, zur Probe erlassen während dreier Jahre. Eine Bagatelle, fand die Zürcher Presse und schwieg.
Doch Christina Maria Kurmann, statt sich dieses Schweigens zu erfreuen, berief beim Obergericht.
Haupt und Haar sorgsam verschleiert, als wohne sie ihrer eigenen Bestattung bei, kauerte sie Anfang April 2002 vor der zweiten Instanz, heißt nun, von ihrem Mann geschieden, nicht mehr Kurmann, sondern Sintzel. Sie sprach leise und gab vor, eine Bekannte habe sie zur Tat angestiftet, auch habe sie damals drei Monate lang nicht mehr menstruiert, tatsächlich befürchtet, schwanger zu sein. Das Gericht ließ sich erweichen, reduzierte die Strafe um ein Drittel.
Doch im Saal, Schicksal, saßen zwei Reporter des Zürcher "Tages-Anzeigers" und erinnerten sich an das Urteil der Vorinstanz, an den rätselhaften Satz des Bezirksrichters, die Angeklagte habe, "als Mitglied der psychologischen Gruppe um Jasna Steuder", das Ziel verfolgt, von möglichst vielen Leuten möglichst viel Geld zu erhalten.
Die Reporter recherchierten. Und fanden heraus, dass Christina Maria Sintzel, nunmehr 39-jährig, seit Jahren Teil einer heimlichen Damenrunde war, die von einer ehemaligen Psychiatrieschwester namens Jasna Steuder ermuntert und gelehrt wurde, ihre Welt monetär auszupressen: die eigenen Eltern, den Ehemann, am besten Arzt und reich, den Hauptgeliebten, den Zweitgeliebten. Mit Tricks, Lügen, Fälschungen, Scheinschwangerschaften.
Der Wahlspruch des Psychokränzchens, schrieben die Journalisten, ließe sich so zusammenfassen: "Was bleibt dir von der Liebe? Nichts. Was bleibt, sind Geld und Kleider."
Christina Maria Sintzel war eine gute Schülerin. Die CVP fiel aus ihren Wolken, Frau Sintzel aus den Ämtern. ERWIN KOCH
Von Erwin Koch

DER SPIEGEL 22/2002
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