03.06.2002

„Ich war so angewidert“

„FAZ“-Mitherausgeber Frank Schirrmacher über seine Ablehnung des Walser-Textes
SPIEGEL: Herr Schirrmacher, Sie haben Ihre Entscheidung, den neuen Walser-Roman nicht vorabzudrucken, auf Seite eins der "Frankfurter Allgemeinen" verkündet und im Feuilleton, mit Blick auf die "antisemitischen Klischees", ausführlich begründet. Warum haben Sie nicht stattdessen dem Autor sein Manuskript persönlich zurückgegeben und ihm einfach gesagt: Lieber Mann, diesen Text drucken wir nicht?
Schirrmacher: Das haben wir uns lange überlegt. Aber ich hatte schließlich keine andere Wahl. In diesem Text wurde ja mein Vorgänger als Literaturchef - der auch jetzt noch für uns arbeitet - attackiert, zudem ein Kollege mit einer besonderen, allgemein bekannten Biografie. Es war doch klar, dass ich mich allein schon deshalb vor ihn stellen würde. Nun hat allerdings Walser zu verstehen gegeben, dass er eine Ablehnung dem Einfluss von Marcel Reich-Ranicki zuschreiben würde und dass sein Text dann eben woanders erscheinen müsste. In dieser Situation wäre es nicht zu verantworten gewesen, wenn es später geheißen hätte, die "FAZ" kannte diesen Text und hat nichts unternommen. Ich musste also da etwas öffentlich unternehmen - um Reich-Ranicki zu schützen und einer Legende vorzubeugen.
SPIEGEL: Trifft Sie der Vorwurf, Sie hätten mit Ihrer Vorab-Kritik eines noch nicht veröffentlichten Buchs Anstandsregeln der Presse verletzt?
Schirrmacher: Elementare Anstandsregeln sind durch das Buch verletzt worden, auch durch den naiven Versuch, ausgerechnet die "FAZ" zum Komplizen einer solchen Hinrichtung ihres eigenen Mitarbeiters zu machen. Das Manuskript, das wir bekommen haben, war ja vom Verlag schon autorisiert.
SPIEGEL: Noch einmal: Warum die Skandal-Trompete, die das umstrittene Werk nun richtig bekannt macht?
Schirrmacher: Das wäre doch erst recht passiert, wenn kolportiert worden wäre,
die "FAZ" hätte, nachdem sie viele andere Walser-Romane vorabgedruckt hat, diesen stillschweigend abgelehnt - unter dem Einfluss Reich-Ranickis.
SPIEGEL: Was halten Sie von der Lesart einiger weniger Walser-Verteidiger, der Roman enthalte viel Geschmackloses, sei aber "kein antisemitisches Buch"?
Schirrmacher: Dass ich behauptet habe, wie mir unterstellt wird, es sei schlechthin ein antisemitisches Machwerk, ist falsch. Ich sprach vom Spiel mit dem Repertoire antisemitischer Klischees, etwa was die notorische "Herabsetzungslust" des Kritikers angeht.
SPIEGEL: Zielt die Mord-Phantasie eines Schriftstellers, die Walser beschreibt, nicht vor allem auf die Medien-Übermacht des Kritikers Ehrl-König und weniger auf dessen jüdische Herkunft?
Schirrmacher: Nein, in dem Buch finden sich ja Reflexionen darüber, ob es einen Unterschied macht, einen Juden oder Nichtjuden umzubringen. Walser wusste sehr genau, was er da schreibt: "Sehen Sie sich vor, Herr Ehrl-König. Ab heute Nacht null Uhr wird zurückgeschlagen." Diese Hitler-Variation hat Walser doch freiwillig hineingeschrieben, das zielt natürlich auf den Juden und nicht auf den Kritiker als solchen. So etwas ausgerechnet bei uns zu drucken, hielt ich für unverantwortlich.
SPIEGEL: Erschiene das Werk am besten überhaupt nicht?
Schirrmacher: Ich meine, das Buch soll veröffentlicht werden, wenn es jemand veröffentlichen will - wo auch immer. Allein schon, um zu verhindern, dass daraus ein Mythos wird.
SPIEGEL: Halten Sie es prinzipiell für bedenklich, eine Satire auf Reich-Ranicki zu schreiben?
Schirrmacher: Das hat Eckhard Henscheid doch längst gemacht. Wir alle parodieren den Meister gern mal. Aber Walser hat in sich, vielleicht auch unbewusst, eine solche Menge Hass akkumuliert, über den er die Kontrolle verloren hat, um dann diese Mord-Phantasie über einen Mann, dessen Familie fast vollständig ermordet worden ist, zu entwickeln. Da ist die Grenze, die er nicht hätte überschreiten dürfen.
SPIEGEL: Sie haben dem Friedenspreisträger Walser 1998 in der Frankfurter Paulskirche die Laudatio gehalten und später seine Rede über die "Moralkeule" Auschwitz verteidigt. Jetzt greifen Sie, wie es scheint, selbst zu dieser Keule. Tut Ihnen Ihre Laudatio von damals heute Leid?
Schirrmacher: Überhaupt nicht. Ich habe nichts zurückzunehmen. Die Paulskirchen-Rede von Walser scheint mir auch rückblickend vertretbar. Nur glaube ich heute, dass damals etwas begann, was ich in meinem offenen Brief Walsers "fatalen Weg" nannte. Ich schwinge jetzt auch keine Keule, sondern ich stelle fest, was uns angeht: Bis hierhin und nicht weiter. Ich war so angewidert von diesem Buch, dass ich nach der Lektüre nicht einmal mit dem Autor telefonieren konnte.
SPIEGEL: Endet der "Tod eines Kritikers" mit dem - was die literarische Reputation betrifft - Tod eines Autors?
Schirrmacher: Das glaube ich nicht. Er hat wichtige Bücher geschrieben und eine große Rolle in der Bundesrepublik gespielt. Darüber hinaus: keine Prognose.
SPIEGEL: Wenn Walser den - in dem Roman skizzierten - Essay über die deutsche "Ichwichtigkeit" von Seuse bis Nietzsche jetzt schriebe und Ihnen anböte: Würden Sie den noch drucken?
Schirrmacher: Wenn er gut und kurz genug ist: ja. INTERVIEW: WOLFGANG HÖBEL,
MATHIAS SCHREIBER
Von Wolfgang Höbel und Mathias Schreiber

DER SPIEGEL 23/2002
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