10.06.2002

Schlag ins Wasser?

Deutsche Muslime distanzieren sich von Jürgen Möllemann.
Die Taktik sah plausibel aus: 800 000 wahlberechtigte Muslime gebe es in Deutschland, glaubte FDP-Zampano Jürgen W. Möllemann.
Wer Israel scharf attackiert und sich mit Deutschlands Juden anlegt, könnte, so das Kalkül, bei den Muslimen punkten, die zudem vom syrischstämmigen NRW-Abgeordneten Jamal Karsli vielleicht gar für die Liberalen zu begeistern wären.
Doch jetzt musste Möllemann nicht nur im Streit mit FDP-Chef Guido Westerwelle klein beigeben - auch seine Wahlkampftaktik dürfte ein Schlag ins Wasser sein: Nicht 800 000 angeblich wahlberechtigte Muslime gebe es, so das Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland, sondern nur halb so viele.
Und ausgerechnet die mit weitem Abstand größte Gruppe unter den eingebürgerten Muslimen, die aus der Türkei stammenden Deutschen, dürfte der Ruf des Polit-Muezzins Möllemann kaum erreichen. Denn Israel und die Türkei haben ein gutes Verhältnis zueinander: Immer wieder empören sich arabische Staaten über gemeinsame Militär-Manöver der beiden Nationen.
Auch mit den deutschen Juden, sagt der Direktor des Zentrums für Türkeistudien an der Universität Essen, Faruk S¸en, gebe es eine tiefe Verbundenheit. "Viele Türken haben nicht vergessen, dass sich Ignatz Bubis nach den Anschlägen von Mölln und Solingen sofort an ihre Seite stellte", so der Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir.
Folgerichtig forderte vergangenen Mittwoch der Türkische Bund Berlin-Brandenburg seine Mitglieder sogar auf, gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde vor der Berliner FDP-Zentrale gegen das Spielen mit dem Antisemitismus zu demonstrieren. Der Vizevorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, bekundete denn auch, er halte es für "eine Beleidigung anzunehmen, Muslime seien mit antisemitischen Tönen zu locken".
Kräftige Zustimmung erfuhr Möllemann zwar bei radikalen Muslimen aus dem arabischen Raum. Doch viele von denen haben keinen deutschen Pass, sind nicht wahlberechtigt.
Richtig ist aber, dass sich auch die gemäßigten Muslime so recht von keiner Partei vertreten fühlen: "Es findet kaum Dialog statt", klagt das deutsch-türkische Vorstandsmitglied der FDP, Mehmet Daimagüler. Egal ob es um Islamunterricht ging, um das Schächten von Tieren oder das Tragen von Kopftüchern in Schulen: Stets urteilten erst Gerichte, bevor Politiker solche Fragen debattieren wollten.
Schon im nordrheinwestfälischen Landtagswahlkampf im Jahr 2000 zielte die FDP mit "Ethno-Terminen" (Strategen-Jargon) auf die Muslime; im Berliner Ortsteil Kreuzberg plakatiert die Partei bisweilen gar auf Türkisch. "Die Idee" findet Daimagüler "richtig - nur Karsli war die falsche Person".
DOMINIK CZIESCHE,
BARBARA SCHMID
Von Dominik Cziesche und Barbara Schmid

DER SPIEGEL 24/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Schlag ins Wasser?

  • Polizei erwischt Raser: Ein Wheelie zum Dienstbeginn
  • Paris: "Fliegende" Wassertaxis auf der Seine
  • Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Süße Versuchung: Bär macht Kleinholz aus Bienenstock