10.06.2002

„Missbildungen beim Embryo“

Nitrofen kann schon in geringen Mengen gesundheitliche Schäden hervorrufen. Gefährdet sind vor allem Schwangere.
Die trächtigen Ratten bekamen den Giftstoff ins Futter gemischt oder unter die Haut gespritzt. Zur Welt brachten sie Nachwuchs mit grauenvollen Missbildungen.
Defekte Herzscheidewände, Lungenschäden, Brüche des Zwerchfells und Erweiterungen des Nierenbeckens stellten Forscher fest, als sie in den achtziger Jahren die Wirkung von Nitrofen im Tierversuch testeten - ein Befund, der im aktuellen Nitrofen-Skandal neue Fragen aufwirft: Wie gefährdet sind Schwangere, die verseuchtes Fleisch oder belastete Eier gegessen haben?
Zwar lassen sich die Ergebnisse der Tierversuche nicht direkt auf den Menschen übertragen. Dennoch warnen die Experten vor der fruchtschädigenden Wirkung des Mittels. "Nitrofen kann schon in sehr geringen Konzentrationen Missbildungen beim Embryo hervorrufen", sagt etwa Heinz Nau von der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Zwar liege die Nitrofen-Belastung bei einer Schwangeren, die belastetes Putenfleisch esse, weit unter derjenigen, der Ratten im Tierversuch ausgesetzt waren. Doch der übliche Sicherheitsfaktor sei deutlich unterschritten.
Als "akzeptable Aufnahme" gilt Toxikologen beim Menschen eine Giftmenge, die mindestens um den Faktor 100 unter der im Tierversuch gerade noch schädlichen liegt. Im Fall von Nitrofen reichte bei Ratten schon die regelmäßige Gabe von 0,15 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht, um Missbildungen beim Embryo auszulösen.
Auf eine 60 Kilogramm schwere Frau umgerechnet, wäre demnach unter Berücksichtigung des Sicherheitsfaktors eine tägliche Aufnahme von 0,09 Milligramm Nitrofen gerade noch akzeptabel. Schon ein verseuchtes Mini-Putensteak von 100 Gramm könnte ausreichen, um diesen Wert zu erreichen.
Manche Experten halten im aktuellen Fall sogar einen deutlich höheren Sicherheitsfaktor für angebracht, da ein so bezeichneter "no effect level", also eine harmlose Nitrofen-Konzentration, nie ermittelt wurde.
"Für Nitrofen kann keine gesundheitlich unbedenkliche Dosis festgelegt werden", heißt es aus dem Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz. Die Schädigung des Ungeborenen könne beim Verzehr größerer Mengen hoch belasteter Lebensmittel nicht ausgeschlossen werden.
Die Krebsgefahr dagegen halten Forscher derzeit für relativ gering. Bisher entdeckte Nitrofen-Gehalte in Lebensmitteln lägen für Erwachsene mit normalen Essgewohnheiten um den Faktor 1000 bis 10 000 unter den krebsfördernden Dosen im Tierversuch, sagt der Toxikologe Dieter Schrenk von der Universität Kaiserslautern. So ist auch für die rund 500 Kinder, die in Bremer Kindertagesstätten mehrfach Bio-Geflügelfleisch gegessen hatten, das Risiko nach Expertenmeinung gering.
Dennoch empfehlen Verbraucherschützer, vorläufig auf Ökoeier bestimmter Hersteller zu verzichten. Auch von Ökogeflügel, das etwa tiefgefroren aufbewahrt werde, raten sie so lange ab, bis dessen Unbedenklichkeit geklärt sei. Detaillierte Empfehlungen veröffentlichen die Verbraucherzentralen im Netz (www.vzbv.de).
"Nitrofen hat in der Nahrungskette nichts zu suchen", resümiert Thomas Isenberg vom Bundesverband der Verbraucherzentralen in Berlin: "Jedes Ei und jedes Stück Putenfleisch, das verzehrt worden ist, ist eines zu viel." Dennoch appelliert Isenberg an die Verbraucher, sich nicht pauschal verunsichern zu lassen. Andere Fleischsorten und Ökogemüse könnten weiterhin unbesorgt gegessen werden. PHILIP BETHGE
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 24/2002
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