10.06.2002

WAFFENEXPORTECodename Falcon

Bei einem Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan käme auch deutsche Spitzentechnik zum Einsatz - illegal. Staatsanwälte ermitteln gegen zwei Firmen.
Der 11. April 1999 war ein besonderer Tag für das Selbstbewusstsein des indischen Volkes und seines Premierministers Atal Behavi Vajpayee. An jenem Tag jagte eine 20 Meter lange Rakete vom Typ "Agni II" in den Himmel, die einen Atomsprengkopf transportieren kann - 2500 Kilometer weit.
Knapp vier Monate nach dem Agni-Start bat Vajpayee stolz zu einer Preisverleihung ganz besonderer Art: Mit blumigen Worten und einem Preis, einer Art Oscar der Rüstungstechnik, ehrte er vier Fachkräfte, die für Indiens bislang ehrgeizigstes Rüstungsprojekt mit die Verantwortung tragen.
Für den Jubel des Regierungschefs interessiert sich die deutsche Justiz. Denn in dem Waffensystem "Agni II", das bei einem möglichen Atomkrieg mit Pakistan zum Einsatz käme, steckt Technik made in Germany, illegal. Zwei Staatsanwaltschaften ermitteln.
Was die Justiz beschäftigt, könnte für die Bundesrepublik blamabel werden - weil sich Behörden bei den Exportgenehmigungen offenbar austricksen ließen. Auch die Amerikaner dürften sauer sein: Immer wieder hatte die CIA vor Lieferungen nach Indien gewarnt.
Zu Vajpayees Preisträgern gehörten Vijaysingh Ghorparde, Projektleiter des indischen "Research and Development Establishment", und P. K. Mehta, einer seiner Topleute. Beide sollen, so die Ermittler in Dortmund und Würzburg, über Jahre wichtige Bauteile für die Raketentechnik in Deutschland gekauft haben - Hydraulikzylinder etwa, die in mobile Abschussrampen eingebaut wurden.
Zwei Firmen sind involviert: die Montanhydraulik GmbH im nordrhein-westfälischen Holzwickede und die Hunger KG in Lohr am Main (SPIEGEL 32/2001). Walter Hunger gilt weltweit als exzellenter Techniker. Nachdem beispielsweise spröde gewordene Dichtungen 1986 zur Explosion des amerikanischen Space Shuttle "Challenger" geführt hatten, wurde der Deutsche mit der Konstruktion neuer Bauteile beauftragt.
Seine Tüchtigkeit muss sich bis nach Indien herumgesprochen haben. Noch im Mai des vergangenen Jahres tauchte Mehta bei der Hunger KG in Lohr auf. Es war nicht seine erste Deutschlandreise. Inzwischen steht für die Ermittler fest, dass die deutschen Zulieferungen für die Inder so wichtig waren, dass Mehta und seine Experten immer wieder anreisten.
So besuchten bereits im Mai 1997 Mehta und ein Kollege die Montanhydraulik in Holzwickede. Den Termin hatte die indische Botschaft in Bonn eingefädelt. Eine Woche lang mietete sich die Rüstungsdelegation in einem Hotel im nahe gelegenen Unna ein.
Noch ist bei den Staatsanwaltschaften in Würzburg und Dortmund nicht die Entscheidung gefallen, ob gegen die Verantwortlichen aus beiden Firmen Anklage erhoben wird. Spezialisten des Zollkriminalamts werten noch immer Tausende Seiten aus Firmenakten und Abhörprotokollen aus.
Inzwischen gilt aber als sicher, dass weit mehr Teile für das indische Waffenprogramm verkauft wurden als zunächst angenommen. Allein 32 speziell konstruierte Hydraulikzylinder soll die Hunger KG zwischen 1997 und 1999 geliefert haben. Als Empfänger einer Lieferung im Jahr 1997 firmierte Vajpayees Ordensträger - "Mr. Ghorparde". Nach Überzeugung der Fahnder dienen Hungers Hydraulikzylinder dazu, die Atomraketen aufzurichten.
Bei der Montanhydraulik seien, so der Verdacht der Staatsanwaltschaft, nach ersten Lieferungen 1997 allein sechs Folgeaufträge bis zum Jahr 2000 eingegangen. Der Schriftverkehr lief sowohl unter dem Projektkürzel "Ghorparde" als auch unter dem Codenamen "Falcon". Ob tatsächlich geliefert worden sei, stehe allerdings noch nicht fest.
Hunger und Montanhydraulik bestreiten, mit wissentlich falschen Angaben - ein solcher Nachweis wäre für eine Anklage notwendig - Exportgenehmigungen erschlichen zu haben. Die Hydraulikzylinder seien für Brückenlegepanzer bestimmt gewesen, die "Vorwürfe der Staatsanwaltschaften" könnten "rückhaltlos widerlegt werden" (Montanhydraulik) oder seien "evident unzutreffend" (Hunger).
Aber die Fahnder haben Zweifel an den Dementis. So erklärten Bundeswehr-Experten, Zylinder von Montanhydraulik seien für Brückenlegepanzer völlig ungeeignet. Zudem hatte die Hunger KG in einem anderen Fall kein Hehl daraus gemacht, worum es eigentlich ging. In einem Exportantrag an das Bundesausfuhramt stand in der Rubrik Verwendungszweck zunächst "Startrampe". Die Beamten hakten nach, daraufhin korrigierte sich die Firma: Nein, es gehe nur um Teile für Brückenlegepanzer, da sei leider das Wort "Launcher" falsch übersetzt worden.
Die Exportkontrolleure gaben sich zufrieden. Dabei hätte ein Blick ins Wörterbuch gereicht: "Launcher" heißt Abschussvorrichtung. GEORG BÖNISCH, GEORG MASCOLO
Von Georg Bönisch und Georg Mascolo

DER SPIEGEL 24/2002
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