10.06.2002

Statt Frühstück Tom und Jerry

Kurz vor acht Uhr morgens, gleich schlägt der Gong zur ersten Stunde, jetzt kommt wieder das Drücken. Drei, vier Kinder sind es jedes Mal, die zu ihrer Lehrerin Luise D. rennen, kaum dass sie im Türspalt erscheint, die in den Arm genommen werden wollen, "guten Morgen" sagen und kurz den Kopf ankuscheln.
Frau D. mag das eigentlich nicht, das Drücken, es ist ihr unangenehm, obwohl sie die Kinder ja schätzt, die sie gerade durch die dritte Grundschulklasse in einer Landschule nahe Augsburg führt. "Ich bin doch nicht ihre Mama", sagt sie, und an manchen Tagen muss sie sich überwinden dazu.
Aber die Kleinen gieren nach Nähe, nach Wärme, nach Aufmerksamkeit. Zu Hause, glaubt Pädagogin D., werden die wohl von niemandem richtig gedrückt, es sei halt keine Zeit, morgens schon gar nicht. Und dann gab es diesen tristen Wintertag, als Luise D. schon eher zur Schule musste, kurz nach sieben. Da lagen etwa 30 Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse im großen Windfang vor den Klassenzimmern, schliefen auf ihren Jacken und Taschen, das Butterbrot angebissen in der Hand.
Mütter und Väter, die zur Arbeit in die Stadt müssen, hatten ihre Kinder schon abgeliefert. Der Hausmeister, selbst Vater von Teenagern, sperrt also jetzt das große Tor immer früher auf, obwohl das verboten ist. Aber draußen in der Kälte können sie doch auch nicht bleiben, bis die Schule anfängt. "Seit ich das gesehen habe, nehme ich sie öfter in den Arm", sagt Lehrerin D., "die tun mir richtig Leid."
Der Schultag in Deutschland beginnt nur für wenige Kinder so, wie er beginnen sollte. Mütter, die ihre Sprösslinge nach einem gesunden Frühstück vor die Tür bringen, das Pausenbrot verstauen, die Jacke noch mal zuknöpfen und einen Kuss aufdrücken, scheinen wie ein Relikt aus alten Zeiten, wie das Tischgebet oder das Sonntagskleid, das sich nur wenige bewahrt haben.
Statt Frühstück gibt es immer öfter Zeichentrick im Fernsehen, Tom und Jerry, Glücksbärchis, Calimero flimmern über den Bildschirm, kaum dass die Schüler nach zu kurzer Nacht die Augen aufkriegen. Das hilft gegen das Alleinsein, wenn der Tag anbricht. Die Mutter schläft noch oder ist schon zur Arbeit, der Papa wohnt anderswo. Den Kopf voll mit flitzenden, kreischenden Figuren, mit megabunten Bildern und coolem Sound, erreichen die Kids das Schulhaus.
Die Lehrer sehen es ihnen an. "Das sind die Schüler, die in der ersten Stunde schon aussehen, als gehörten sie eigentlich ins Bett", berichtet der Amtschef des bayerischen Kultusministeriums, Josef Erhard. Viele sind in der Grundschule schon überfordert mit dem einfachsten Stoff. Nicht, weil sie dümmer sind als die Kinder in Finnland oder Korea oder dümmer, als ihre Eltern es waren. Sie schaffen das Lernen nicht, das Sitzen, die Konzentration. "Das Leben der Kinder ist aus den Fugen", sagt Pädagogin D.
Lehrer, Rektoren und Kultusbeamte quer durch die Republik erzählen die gleichen Geschichten von Schülern, die alles haben, tolle Klamotten, neue Computer, üppiges Taschengeld, alles - außer Ruhe, Zeit und Zuwendung. Sie reden nicht von Brennpunktschulen in Kreuzberg, auch nicht von Mädchen und Jungen, die zu Hause wegen schlechter Noten verprügelt werden oder aus total zerrütteten Familien kommen. Sie reden von der Normalität. Für sie steht fest: Einen bedeutenden Teil der Schuld am schlechten Abschneiden deutscher Schüler beim Pisa-Test tragen die Eltern.
Schon auf dem flachen Land, wo die Wohnungen bezahlbar sind und die Menschen bodenständig, stammen nach Schätzungen von Lehrern rund ein Drittel der Kinder in manchen Klassen aus Patchwork-Familien, getrennt von Vater oder Mutter. In größeren Städten sei es fast die Hälfte. Das bedeutet, in den meisten Fällen leistet die Mutter werktags die Erziehung allein, muss arbeiten, den Haushalt machen, die Kinder vom Training oder von der Klavierstunde abholen. Abends ist sie müde, zu gestresst, um Vokabeln zu diktieren. Den Blick in die Schulhefte hat sie sich bald abgewöhnt. Wenn es Probleme mit dem Lernen gibt, glaubt sie, wird es ihr schon jemand sagen.
Die allein erziehenden Mütter sind trotzdem nicht die Ego-Monster, zu denen manche Jugendpsychologen sie abstempeln. Aber sie seien, meint der Kultusbeamte Erhard, mit der Situation oft überfordert.
Am Wochenende dann ziehen Tochter oder Sohn mit Rollerskates und Gameboy zum Papa, ohne Schulbücher. "Wenn Tom schon mal da ist", sagt der Berliner Kameramann Christian, 39, über seinen elfjährigen Sohn, "dann soll er nicht büffeln, das hat er doch die ganze Woche."
Der moderne Papa ist ein toller Papa, er schimpft nicht, er will Spaß haben mit dem Nachwuchs, ins Kino gehen. Er will vor allem nicht nerven mit Bemerkungen über Noten und den Aufsatz, der noch nicht fertig ist. Natürlich kann Tom seinen Vater fragen, wenn er Mathe nicht kapiert. Aber wann soll er das? Auf dem Weg zwischen Fußballstadion und Pizza-Lokal? Oder gerade dann, wenn Papas Neue am Tisch sitzt?
Das Ergebnis ist, dass einer wie Tom am Wochenende wieder nicht gelernt und wenig geschlafen hat, dass er hofft, sich am Montag in der Schule irgendwie durchzuschummeln. "Wir brauchen wieder Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern", klagen Lehrerverbände und Schulpsychologen. Doch die gewandelte Gesellschaft, in der Frauen nicht mittags zu Hause das Essen warm halten, sondern ihren Job in der Firma machen, lässt sich nicht zurückdrehen.
Es hat sich eine gefährliche Lücke aufgetan für die Kleinen, seit das Mutter-Vater-Kind-Modell zerbrochen ist. Die Familie versagt zusehends, und an ihre Stelle treten Schlüsselkinder, die sich unbeaufsichtigt lieber dem Fernsehprogramm widmen als ihren Hausaufgaben. Sozialpädagogen und Ärzte wie Joachim Bauer, Professor für psychosomatische Medizin an der Universitätsklinik Freiburg, sprechen bereits von einer seelischen Verwahrlosung vieler Kinder.
Schlechte Leistungen in der Schule, Desinteresse und auch gesundheitliche Schäden seien die Folge. Vor allem Hauptschüler, das ist das Ergebnis einer Jugendgesundheitsstudie aus dem Großraum Stuttgart, leiden an chronischem Unwohlsein, an Kopfschmerzen, Übergewicht, Schlafstörungen, diffusen Ängsten. Der Biorhythmus der Kinder gerät durch den unsteten Lebenswandel und die fehlenden Strukturen aus dem Gleichgewicht.
Das Ergebnis: Die Jungen und Mädchen verschließen sich entweder vor der Außenwelt, verdösen die Zeit, betäuben sich mit Dauer-Fernsehen oder stupiden Computerspielen. Sie suchen ihre Nische in der virtuellen Welt. Oder sie werden zum Störenfried - nervös, zappelig und extrem anstrengend.
Dagegen scheint es in Deutschlands Kinderzimmern jetzt ein Zaubermittel zu geben: Ritalin. Das Medikament, ein Psychopharmakon, verspricht Heilung, wenn Kinder die so genannte Aufmerksamkeits- Defizit-Störung mit Hyperaktivität (ADHS-Syndrom) zeigen. Um das Krankheitsbild wirklich festzustellen, bedarf es gründlicher Untersuchung, nicht nur durch Kinderärzte, sondern auch durch dafür geschulte Psychiater.
Die Praxis aber sieht anders aus. Bis zu einem Fünftel der Grundschüler nimmt heute Ritalin, verschrieben bisweilen von Röntgenärzten, Zahnärzten, Gynäkologen. "Die Kinder dämmern völlig weg", sagt die Pädagogin Luise D. Für gestresste Eltern, so scheint es, ist das vermeintliche ADHS eine bequeme Erklärung. Das Kind ist unruhig, stört den Unterricht, will nicht einschlafen, will sich nichts merken und schon gar nicht folgen. Der schnelle Griff zum ärztlich verordneten Ruhigsteller löst das Problem, schließlich kennt jeder Eltern in der Nachbarschaft, die das Zaubermittel ebenfalls anwenden.
Mediziner Bauer nennt die in Deutschland dank lascher Gesetze häufig unangebrachte Ritalin-Verordnung "ein Verbrechen an unseren Kindern". Zumal inzwischen der Verdacht bestehe, hoch dosierte und dauerhafte Ritalin-Einnahme könne zu einem hochgradigen Risiko für eine spätere Parkinson-Erkrankung führen. "Das sind nicht irgendwelche pflanzlichen Düftchen, das sind Hämmer", sagt Bauer.
Dass das Beruhigungsmittel trotzdem so rasch zur Hand ist, unterstreicht die Hilflosigkeit und Überforderung der Mütter und Väter. Der Nachwuchs entgleitet ihnen zusehends, die Reize der multimedialen Welt übertönen schon längst das Gespräch beim familiären Abendbrot. Es gibt Statistiken und Messungen darüber, wie viel Zeit Eltern und Kinder in welchem Alter miteinander verbringen, wie viele Minuten sie sich unterhalten (siehe Grafik Seite 61). Doch Zahlenspiele ändern nichts an der Misere, dass in der Familie, sind die Kleinen erst einmal der Grundschule entwachsen, jeder seiner Wege geht.
Also mehr Drill? Oder mehr Strenge und Respekt, wie Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf unlängst forderte? Also abends früher ins Bett, weniger Fernsehen und Computer, weniger Konsum, mehr Regeln? Viel Beifall gab es im Volk für die Erklärung der ehemals allein erziehenden Mutter Köpf. Auch Deutschlands prominentester Quizmaster, Günther Jauch, setzt bei der Erziehung seiner Kinder auf "eine freie Entwicklung, die aber von einer gewissen Strenge geprägt ist" (SPIEGEL 20/2002). Doch wer seine Kinder in geregelte Bahnen lenken will, muss für sie da sein.
Erziehung braucht Geduld und Zeit. Die haben deutsche Eltern offenbar kaum noch. Die Leiterin der Elisabethen-Schule in Frankfurt, Gabriele Lichtenheld, erlebt, dass sich die Schüler ihr Leben seit einigen Jahren selbst strukturieren müssen. "Sie sind viel zu viel allein", sagt Lichtenheld, "und sie bringen ihre Probleme mit in die Schule." Lothar Weiss, seit 25 Jahren Lehrer für Sozialkunde an der Gerhart-Hauptmann-Schule in Frankfurt, hat "Elternarbeit fast schon abgeschrieben". Es kümmern sich, sagt Weiss, heute gerade mal zehn Prozent der Erziehungsberechtigten um die Schule.
Der Ruf nach aushäusiger Betreuung, nach Horten, Ganztagsschulen, günstigen Mittagstischen dagegen wird immer lauter. Für die politischen Parteien ist die Frage nach ausreichender Kinderbetreuung und Pauk-Angeboten am Nachmittag plötzlich zum Wahlkampfthema geworden, zur wichtigsten Säule ihrer Familienpolitik.
Und sogar im wertkonservativen Bayern soll es nun mehr Ganztagsschulen geben. "Ohne Ganztagsschulen", sagt Andreas Pochert, Berater am Landesschulamt Berlin, "sind viele Kinder gefährdet." "Fremdbetreuung", konstatierte der Jugendbericht der Bundesregierung schon 1998, sei heute "eine kulturelle Selbstverständlichkeit". Woher die Milliarden kommen sollen, um die Betreuungslücke zu schließen, weiß niemand. Doch das Geld wäre eine der notwendigsten Investitionen in die Zukunft (siehe Seite 68).
Die Schule also soll richten, was in den Familien danebengeht. Wird der Lehrer zum Erzieher, zum Ersatzvater? Die Schule zum einzigen Ort sozialer Geborgenheit? Wird der Pauker zum Therapeuten? Mehr und mehr neigen die von Beruf und Freizeit komplett ausgefüllten Mütter und Väter dazu, Erziehungsaufgaben auf die Schule zu verlagern.
Doch die Lehrer haben dafür kaum die Zeit noch die nötige Ausbildung. Schreckliche Gewaltexzesse von Schülern wie in Erfurt, Freising oder Brannenburg zeigen, dass Pädagogen häufig nicht wissen, wie sie aggressiven oder auffälligen Schülern begegnen sollen.
Wie dem 15-jährigen Schüler, der sich Anfang Mai wegen schlechter Noten in einem südbayerischen Dorf das Leben nahm. Der Junge hatte zuvor mehrmals fast unbekleidet im Freien übernachtet und war mit Unterkühlungen in eine Klinik gebracht worden. Deutliche Signale für seine verzweifelte Situation.
Eingegriffen aber wird häufig erst, wenn es zu spät ist. Dann erschallt der Ruf nach Verantwortlichkeit. Und genauso rasch, wie überforderte Eltern die Schuld am Versagen ihrer Kinder bei den Lehrern suchen, stellt umgekehrt die Gesellschaft die berufstätige Mutter an den Pranger. Ein Irrtum. Denn in Skandinavien oder Frankreich ist es seit Jahrzehnten die Regel, dass Frauen nach der Geburt in den Job zurückkehren. Pisa belegt, dass deswegen die Lernerfolge der Schüler nicht geringer werden.
Der Grund ist nach Analysen des Bundeselternrates in Bonn ein "durchgestyltes Konzept für eine umfassende Persönlichkeitsbildung". Also eine Ganztagsbetreuung, bei der die Kinder nach Unterrichtsschluss nicht nur verwahrt werden. "Eltern und Pädagogen", so Ratsvorsitzende Renate Hendricks, "ziehen an einem Strang."
Ganz anders in der Bundesrepublik. Immer stärker neigen Mütter und Väter dazu, die eigene schlechte Meinung, die sie sich durch ein von Autorität und Notendruck geprägtes Schülerleben von der Schule gebildet haben, an die Kinder weiterzugeben. Wenn die Noten schlechter werden, suchen viele die Schuld bei den Pädagogen, beim nicht mehr kindgemäßen Schulsystem, beim übervollen Lehrplan. Der Freiburger Mediziner Joachim Bauer behandelt die Folgen: resignierte Lehrer mit Burn-out-Syndrom, allesamt Kandidaten für eine frühe Pensionierung.
Was die Pädagogen in deutschen Klassenzimmern zu ertragen haben, nennt Bauer die so genannte Doppelbotschaft. "Die Elternverantwortung wird an den Lehrer delegiert. Wenn der aber Erziehungsengagement zeigt, und das Kind beklagt sich zum ersten Mal, dann fällt man ihm in den Rücken. Deswegen sagen die meisten Lehrer, da halten wir uns doch lieber raus."
Therapeuten, die ausgebrannte Lehrer behandeln, sprechen mittlerweile von einem verheerenden Ausmaß, in dem Kinder bereits eine entwertende und ablehnende Haltung mit in die Schule brächten. "Genauso blind", sagt der Freiburger Bauer, "wie Eltern aus der Generation der Großväter immer auf der Seite der Schule standen, stehen sie jetzt immer auf der Seite des Kindes."
Mit teilweise absurden Folgen. Der nordbayerische Grundschullehrer Hans Peter berichtet von Vätern in leitenden Positionen, die ihm am ersten Elternabend etwa erklärten: "Ich darf Ihnen mitteilen, dass mein Kind nicht durchfällt!" Was folgt, sagt Peter, ist die Drohung mit dem CSU-Abgeordneten, den man gut kenne oder mit dem Gang zum Gericht. Der Pädagoge hat in den vergangenen Jahren Eltern erlebt, die gegen Ende des vierten Schuljahres Klassenarbeiten fälschten, damit die Übertrittsnote für das Gymnasium noch erreicht werden konnte.
Der Lehrer an deutschen Schulen wird also nicht zum Mit-Erzieher, sondern zum Gegner. Fast zynisch klingen da die Forderungen nach einem Erziehungspakt, nach einem Team aus Eltern, Lehrern und Psychologen, nach gemeinsamer Verantwortung der ganzen Gesellschaft, nach neuen Werten. Nach Erfurt gab es diese Forderungen nahezu von allen Kultusministern, wie sie umzusetzen sei, bleibt im Ungefähren.
Schon nach dem Pisa-Schock erklärte etwa die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier, die Eltern müssten mehr in die Schule eingebunden werden. Doch am Ende erreicht man meist nur die, die sich ohnehin für das Lernen und Leben ihrer Kleinen interessieren.
Das sind, glaubt Elternratsvorsitzende Hendricks, zumindest nicht wenige: "Pauschale Verunglimpfungen von Eltern sind wenig hilfreich." Die nach dem Attentat von Erfurt zunehmenden Beschimpfungen der Elternschaft trieben Mütter und Väter, die ohnehin bereits arge Probleme mit der Erziehung ihrer Kinder hätten, in die Resignation. "Und gerade die", sagt Hendricks, "brauchen staatliche Hilfe."
Hilfsangebote, gäbe es sie denn in ausreichender Zahl, kommen dennoch bei manchen Familien niemals an. Etwa bei denen, die glauben, das Leben und Lernen ihrer Kinder komplett selbst bestimmen zu können. Etwa bei den Eltern von Elvisa in Berlin. Bis vor wenigen Monaten war Elvisa eine notorische Schulschwänzerin. Jetzt geht die 15-Jährige das erste Mal seit ihrer Einschulung regelmäßig zum Unterricht - ihre Mutter wurde aufgefordert, 2560 Mark Bußgeld zu zahlen, weil sie die Tochter zwang, zu Hause zu bleiben.
Elvisa stammt aus einem kleinen Dorf in Bosnien-Herzegowina, doch schon als kleines Kind war sie mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen. Auch ohne viel in der Schule gewesen zu sein, lernte sie schnell und gut deutsch. Die begabte Muslimin, die kein Kopftuch trägt, geht in die siebte Klasse der Carl-Friedrich-Zelter-Oberschule im Stadtteil Kreuzberg. Zwei Mal ist das Mädchen in ihrer Schullaufbahn bereits sitzen geblieben, obwohl sie von ihren Lehrern als intelligent eingestuft wurde. Doch mehr als anderthalb Jahre war Elvisa gar nicht im Klassenzimmer. Die Mutter brauchte ihre Tochter, um ihr im Haushalt zu helfen. Die Frau aus Herzegowina ist geschieden, hat fünf weitere Kinder und spricht kaum Deutsch. Die Älteste also musste einkaufen und auf die Geschwister aufpassen.
Den Wunsch, zur Schule zu gehen, konnte Elvisas Mutter nicht verstehen, sie selbst hatte nie eine besucht. Ultrakonservative islamische Väter nehmen auch in Deutschland, so klagen Hauptschulrektoren, ihre Töchter nach der achten oder neunten Klasse aus der Schule. Mädchen, die zu klug sind, lassen sich schwer verheiraten, sagt ihre Tradition. CONNY NEUMANN
Von Conny Neumann

DER SPIEGEL 24/2002
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