10.06.2002

BILDUNGSSERIE TEIL 5 GANZTAGSSCHULE„Hier ist immer was los“

In fast allen Industriestaaten, auch in den Siegerländern der Pisa-Studie, gibt es Ganztagsschulen - aber nur wenige in Deutschland. Vor allem in sozialen Brennpunkten ist dieser Schultyp erfolgreich. Jetzt haben auch die Politiker den Unterricht am Nachmittag entdeckt, doch es fehlt an Geld.
In die Schule kommt Alexander gern früh, meist um acht Uhr, obwohl der Unterricht erst um Viertel vor neun beginnt: "Da treff ich dann meine Freunde und mach die Hausaufgaben", sagt der Zwölfjährige gut gelaunt.
Annamarie, 15, bleibt am Nachmittag oft freiwillig länger. Entweder steht eine der Arbeitsgemeinschaften - Sport, Theater, Computer, Werken - auf dem Programm. "Oder ich arbeite allein an einem Projekt", erzählt sie selbstbewusst. Zuletzt hat sie Hüte entworfen, die sie auf einer Modenschau ihrer Klasse präsentierte.
Auch der ein Jahr ältere Tobias verbringt meist mehr Zeit als nötig an der Penne: "Hier ist immer was los, nur das Mensa-Essen - igitt!"
Die Offene Schule Kassel-Waldau ist eine Ganztagsschule - und, wider Erwarten, die Schüler lieben sie.
Nicht nur in Kassel, in der ganzen Republik ist das Modell Ganztagsschule derzeit en vogue. Politiker aller Couleur haben die Schule mit den langen Öffnungszeiten als wählernahes Thema entdeckt. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) hält sie für "längst überfällig", die Mainzer Kultusministerin Doris Ahnen, ebenfalls Sozialdemokratin, für "sinnvoll und notwendig". In Rheinland-Pfalz sollen bis zum Jahr 2006 insgesamt 300 neue Ganztagsschulen entstehen - das wäre jede fünfte allgemein bildende Schule des Landes. Auch Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen wollen ihr Angebot ausbauen.
Kanzler Gerhard Schröder hat versprochen, vier Milliarden Euro bereitzustellen für den Aufbau von Ganztagsschulen - eine Zusage, die er auf dem Wahlparteitag der SPD am vorvergangenen Sonntag in Berlin ausdrücklich bekräftigte: "Die große Aufgabe der kommenden vier Jahre heißt massive Investitionen in Ganztagsbetreuung."
Selbst für die Unionsparteien hat der Unterricht am Nachmittag seinen Schrecken verloren. Einst sahen die Christdemokraten mit der Ganztagsschule den Niedergang der Familie herannahen. Außerdem waren viele dieser Schulen gleichzeitig auch Gesamtschulen und damit für die Lordsiegelbewahrer des dreigliedrigen Schulsystems pädagogisches Teufelszeug.
Heute will die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan (CDU) 50 Bildungsstätten für den Nachmittagsbetrieb aufrüsten, vor allem Hauptschulen in großen Städten, die "ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag unter erschwerten Bedingungen erfüllen müssen". Nach den "Bildungspolitischen Leitsätzen" der Christdemokraten vom November 2000 sollen Ganztagsschulen überall "schrittweise und bedarfsgerecht ausgeweitet" werden. Selbst die CSU zieht mit: Die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier will je zehn Hauptschulen und Gymnasien für den Ganztagsbetrieb herrichten.
In seltener Eintracht stellen die politisch Verantwortlichen die Vorzüge dieses Schultyps heraus: Die Kids bekommen bessere Bildungschancen und die Mütter mehr Zeit für den Job - mehr Betreuung gleich weniger Schlüsselkinder lautet die Formel.
Bessere Angebote für Kinder und Eltern, so das parteiübergreifende Kalkül, das kann Wählerstimmen bringen.
Weltweit steht Deutschland mit seiner Halbtagsschule schon lange weitgehend allein. Ob Frankreich, Großbritannien oder die USA, in den meisten Industriestaaten büffeln und werkeln die Schüler bis in den Nachmittag. Natürlich auch in den Siegernationen der internationalen Schulstudie Pisa. Finnland, Kanada, Neuseeland oder Südkorea - in keinem dieser Länder werden Kinder und Jugendliche um die Mittagszeit einfach vor die Schultür gesetzt.
In Deutschland dagegen sind gerade einmal 1650 der insgesamt 30 700 allgemein bildenden Schulen Ganztagseinrichtungen, nur rund sechs Prozent der Schüler besuchen eine Lehranstalt mit Nachmittagsprogramm. Dabei ist die Nachfrage groß: Nach einer Studie des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) wollen fast 50 Prozent der Bundesbürger mehr Ganztagsangebote.
Kaum überraschend: Die Zahl der allein erziehenden Mütter wächst seit Jahrzehnten, ebenso die der Familien, in denen beide Ehepartner berufstätig sind. Für Hunderttausende Kinder und Jugendliche sind die Trash-Talkshows im Nachmittagsfernsehen pädagogischer Ersatz. Videospiele und der Computer prägen das Weltbild des Nachwuchses. Insbesondere Kinder aus sozial schwachen Familien, die es in der Schule ohnehin besonders schwer haben, werden mit Hilfe des Bildschirms ruhig gestellt. Die Ganztagsschule kann diese Probleme zwar nicht lösen, aber sie kann helfen, sie zu entschärfen, darin sind sich die meisten Experten einig.
"Eine Ganztagsschule ist mehr als eine verlängerte Halbtagsschule", betont denn auch Rolf Otto, stellvertretender Schulleiter in Kassel-Waldau. Die Kinder werden dort nicht einfach verwahrt. Und im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Vorurteil wird auch nicht die Zahl der Unterrichtsstunden erhöht.
Ein Schultag in Kassel hat seinen eigenen Rhythmus: Zwischen 7.30 und 8.45 Uhr kann jeder kommen, wann es ihm - oder seinen Eltern - passt. Da wird mit Freunden über Wichtiges und Unwichtiges gesprochen oder für die nächste Klassenarbeit gelernt. Dann Unterricht, Frühstückspause, Unterricht. Dabei ist das 45-Minuten-Korsett nicht bindend - was mehr Zeit braucht, braucht eben mehr Zeit.
In der Mittagspause kann der Einzelne etwas essen, sich ausruhen oder im Pausensport so richtig Dampf ablassen. Dann noch mal Unterricht und anschließend Zusatzangebote von der Hausaufgabenbetreuung über den Russischkurs bis zur Judogruppe. Auch für selbständiges Lernen, im modernen Pädagogen-Slang "freies Lernen" genannt, bleibt genug Raum. Oder für den Klassenrat. Bis 16.30 Uhr wird an der Schule immer etwas geboten.
Nicht überall verlaufen die Tage so wie in Kassel. Wie der Ganztagsunterricht organisiert wird, bleibt der einzelnen Schule überlassen. In einigen Bildungseinrichtungen ist der Nachmittag obligatorisch, an anderen können sich die Schüler Anfang des Schuljahres für einzelne Kurse entscheiden. An manchen Orten steht an jedem Nachmittag etwas auf dem Programm, an anderen nur an drei oder vier Tagen in der Woche (siehe Grafik).
"Der sozialerzieherische Bereich ist die klassische Stärke der Ganztagsschule", erklärt der Erziehungswissenschaftler Heinz Günter Holtappels von der Universität Dortmund. "Unsere Schule unterrichtet nicht nur, sie erzieht auch", sagt Schulleiter Otto. Denn viele Mädchen und Jungen der Offenen Schule in Kassel-Waldau kommen aus schwierigen Verhältnissen, 17 Prozent stammen aus ausländischen Familien, 25 Prozent sind Aussiedlerkinder. Im Un-terricht kann es da nicht nur um Prozentrechnen und englische Vokabeln gehen.
Jeder Jahrgang bewohnt einen eigenen Bereich mit sechs Klassenzimmern, einem Gemeinschaftsbereich zum Diskutieren, Feiern oder Vorführen und einem Lehrerzimmer. Lehrer und Schüler, alle kennen sich gut. Hier wird versucht, jedem zu helfen, hier muss jeder Verantwortung übernehmen. "Wir haben weniger Disziplinprobleme als vergleichbare Schulen", so einer der Lehrer. Die örtliche Polizei bestätigt, dass es in dem die Schule umgebenden Viertel weniger
Kriminalität gibt als in ähnlichen Gegenden. Auch die Zahl der Schulabbrecher ist an Ganztagsschulen nach verschiedenen Untersuchungen niedriger. Und damit sind wiederum die Eltern zufrieden: 150 Schüler kann die Schule in Waldau jedes Schuljahr aufnehmen, doch mehr als 250 bewerben sich.
Die Erfolge gibt es nicht zum Nulltarif. An Ganztagsschulen werden etwa 30 Prozent mehr Lehrer gebraucht, rechnen Experten, an Grundschulen sogar 40 Prozent. Hinzu kommen Sozialarbeiter, Trainer, technisches Personal. Und teurere Gebäude mit Kantine, mehr Aufenthalts- und mehr Arbeitsräumen sowie höhere Kosten für Arbeitsmaterialien.
Der CDU-Fraktionsvorsitzende im Düsseldorfer Landtag, Jürgen Rüttgers, beziffert die Mehrkosten für ein flächendeckendes Angebot in Nordrhein-Westfalen - in jedem Kreis und jeder Stadt mindestens eine Ganztagsschule - auf etwa 150 Millionen Euro pro Jahr. Gar drei Milliarden Euro jährlich würde es kosten, bundesweit alle Schüler der Klassen fünf bis zehn zu versorgen, schätzt das Institut der deutschen Wirtschaft.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft wie auch der Verband Bildung und Erziehung loben die Ganztagsschule als "zukunftsorientiertes Reformmodell". Die Begeisterung der meisten Lehrkräfte hält sich allerdings in engen Grenzen, insbesondere, wenn Halbtagsschulen auf Ganztagsbetrieb umgestellt werden sollen. Denn das bedeutet mehr Arbeit und weniger Freiheit.
Können Lehrer bisher meist an mehreren Tagen in der Woche ab der Mittagszeit nach Hause gehen und dort über ihre weitere Arbeitszeit selbst bestimmen, gilt an vielen Ganztagsschulen Anwesenheitspflicht. "Lehrer, die Gruppenarbeitsplätze in der Schule haben, das ist im Ausland möglich, warum soll es bei uns nicht möglich sein?", fragt Hans-Günter Rolff, Leiter des IFS in Dortmund. Dann hätten die Pädagogen auch mehr Muße, um miteinander über Verbesserungen des Unterrichts zu reden oder Schüler und Eltern zu beraten.
"Ich verbringe deutlich mehr Zeit an der Schule als früher beim Halbtagsunterricht", erzählt Ursel Rodenhäuser, Lehrerin in Kassel-Waldau. Dafür sei aber der "Schulalltag entzerrt", es gebe deutlich "weniger Schwierigkeiten mit den Schülern". Und ihr Kollege Hajo Schuy schwärmt: "Unsere Schule ist für viele Kinder die Heimat." Die Pädagogen sind sich einig: Eine Ganztagsschule braucht Überzeugungstäter. Nicht nur in Kassel. JOACHIM MOHR
* In Kassel-Waldau.
Von Joachim Mohr

DER SPIEGEL 24/2002
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