10.06.2002

--- S.75 BILDUNGSSERIE TEIL 5 REPORTAGEMoos unter nackten Füßen

Was viele Familien nicht leisten können, das will das Düsseldorfer „Kinderspielhaus“ kompensieren: Lernen, Spielen, Welterfahrung. Für manche Eltern ist das Angebot eine willkommene Ergänzung für die Erziehung zu Hause - für andere deren kompletter Ersatz. Von Barbara Supp
Sie sind nicht nur niedlich. Sie planen, sie konferieren, sie organisieren. In einem Büro mit Tagungstisch sitzen vier Kinder und ein Erwachsener, sie diskutieren über Gartengestaltung. Ein Teich, finden sie, ist etwas Schönes. Aber was ist, wenn da ein Baby reinfällt?
Es ist Montagnachmittag, es tagt die Planungsgruppe im "Kinderspielhaus" Düsseldorf-Flingern. Sie redet über den Urwaldgarten, der für den Hinterhof vorgesehen ist, und bedenkt dabei, dass vormittags immer Eltern mit Krabbelkindern auf dem Gelände sind, wie schützt man diese Krabbler? "Ein Zaun", sagt Jessica, 11. "Weil, die Eltern, die quatschen doch immer miteinander. Die gucken doch nicht dauernd zu den Kindern hin."
Was sie da treiben, heißt "Partizipation". Bei Erwachsenen heißt das jedenfalls so, und die zwei Jessicas und Janine und der Junge Bugra sind es gewohnt, dass jetzt immer mal fremde Erwachsene vorbeischauen, um zu sehen, was sie da tun. Um diese Einrichtung zu studieren, dieses offene Haus des Jugendamts für Kinder von 6 bis 13 Jahren, das sind nahezu 2600 Quadratmeter Spielfläche, zugänglich jeden Tag von 12 bis 18 Uhr.
Neuerdings gibt es immer mehr Besuch. Neuerdings registrieren immer mehr Pädagogen und Politiker und Berichterstatter, dass hier seit gut 20 Jahren schon existiert, was anderswo jetzt erst eingeklagt und vermisst wird: ein Ort für Kinder, an dem sie lernen, spielen und Abenteuer erleben können. Einer, der ihnen das bietet, was zu Hause fehlt.
Flingern, das ist eines jener Viertel, wo die Mieten billig und die Wohnungen klein sind. Wo ein paar Mittelschichtler leben, vor allem aber türkische Familien, Kinderreiche und Alleinerziehende mit wenig Geld. "Überlastete Eltern", sagt die Sozialpädagogin Cordula Stark vom Kinderspielhaus. "Sie haben schon so viel damit zu tun, das tägliche Leben zu organisieren - die Wohnung, die Kleidung, das Essen."
Sie sind beschäftigt, und für das, was die moderne Pädagogik unter Elternschaft versteht, haben sie keine Zeit. Oder sie sind müde. Oder sie wissen gar nichts von dem, was diese moderne Pädagogik will.
Sie kommen nicht auf die Idee, dass es für ein Kind wichtig sein könnte, einmal Moos unter den nackten Füßen zu spüren. Zu lernen, wie das Fernsehen mit Bildern trickst. Bücher zu finden, in denen man nachschauen kann, ob das, was man gerade gesehen hat, eine Amsel oder eine Meise war - all das ist neu für die Kinder, wenn sie es mit Cordula Stark erleben, und die sagt: "Anfangs hat es mich noch schockiert. Jetzt wundere ich mich schon nicht mehr, wenn ein Kind sagt: Mit dir bin ich zum zweiten Mal im Leben im Wald. Das erste Mal war beim Schulausflug."
Neuerdings, seit Pisa zumal, werden Erlebnisse wie das Moos unter den Füßen als Teil der Bildung betrachtet, als Welterfahrung, ohne die ein Kind nur schwer den Anschluss finden wird an die moderne Zeit. Er begrüße das, sagt Joachim Wagner, Leiter des Kinderspielhauses. Er begrüße es auch, dass sich der Blick von Forschern und Praktikern zunehmend auf solche Mängel richtet, aber was er nicht begrüßt, ist, wenn man von "Elternversagen" oder "Erziehungskatastrophen" spricht. Er mag "den Vorwurf nicht, der aus solchen Wörtern spricht". Sein Ansatz heißt anders: "Kompensation."
Manchmal sind es Mütter, besorgt und vollzeitbeschäftigt, die ihr Kind ins Spielhaus bringen, damit es nachmittags keinen Unfug anstellt. Manchmal tauchen Väter auf, so wie jener neulich, der sich wütend beklagte: Nun sei sein Sohn schon einen Monat lang in der Spielhaus-Schulaufgabenhilfe, und er habe immer noch im Rechnen eine Fünf.
Manchmal sind es Jungen wie Bugra, die dort erscheinen, Bugra von der Planungsgruppe, ein kleiner dunkler Typ, neunjährig, der an einem Nachmittag einfach so vorbeikam. Er hatte nichts zu tun, und zu Hause war sowieso niemand, er war so am Rumschlendern und sah dieses Haus mit den bunten Punkten außen dran. Es gefiel ihm, "Hallo", hat er gesagt, "kann ich mitmachen?" Jetzt findet man ihn bei der Schulaufgabenhilfe, wo er Vorsilben übt. "Vorführen, vorlügen", schreibt er in sein Heft und sucht Wörter für die Spalte daneben: "Verlieben. Verlassen." Er kommt jetzt jeden Tag.
Es gibt die wachen, sehr lebendigen, wie Bugra, die nur die Gelegenheit brauchen, dann sind sie überall dabei. Und es gibt die anderen, und das werden immer mehr, die schwerfällig sind. Der Pädagoge Detlev Keyzer stellt das an der Kletterwand im Spielhaus-Garten fest: "15 Meter quer zu klettern - früher konnten das viele. Zurzeit habe ich kein einziges Kind hier, das so etwas fertig bringt."
Auch die Sprache, sagt Keyzer, sei ärmer geworden, "bei vielen merkt man, dass zu Hause kaum jemand mit ihnen spricht". Die Selbsteinschätzung fällt ihnen schwer: "Sie kommen mit abstrus überhöhtem Selbstbild, als zukünftige Popstars oder Sporthelden, wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Aber wenn sie gefordert werden, bricht alles zusammen."
Keyzer lehrt sie Segeln und Klettern, nimmt sie auf Ausflüge und Exkursionen mit, "wo sie eine neue Erfahrung machen: Ich kann nicht weglaufen. Ich kann nicht einfach abschalten wie im Fernsehen. Ich hänge in der Wand und kann nicht weiter und muss eine Lösung finden: durchhalten oder um Hilfe bitten. Da ist ein Problem, und ich muss es lösen. Anders geht es nicht".
Die meisten Eltern im Viertel kämen nie auf die Idee, ihre Kinder zum Klettern zu schicken. Die überforderten nicht, aber auch nicht die überfürsorglichen Mittelschichteltern, die es als Lebenszweck betrachten, dem Nachwuchs die Risiken des Lebens zu ersparen. Aber wenn die Fotos von Sohn oder Tochter an der Steilwand da sind, dann sind sie auf einmal stolz. Manchen passiert das zum ersten Mal.
Wenn man Glück hat, dann wirkt die Pädagogik im Spielhaus auf die Familie zurück. Da lernt eine Mutter von ihrer Tochter: "Guck mal, Mami, da fliegt eine Meise." Da sind plötzlich Eltern bereit, am Wochenende gemeinsam mit den Kindern den Garten zu entrümpeln, Sträucher zu schneiden, Holz wegzukarren, "und das Wichtigste dabei", sagt Detlev Keyzer, "das ist ja nicht, dass das Gerümpel jetzt weg ist. Sondern die Erkenntnis, dass man Dinge im Leben ändern kann."
Den Garten, sagt die elfjährige Janine von der Planungsgruppe, "den fanden wir so dreckig, so unordentlich, so blöd". Aber jetzt wird alles anders. Im vergangenen Jahr gab es Kritik an der Hausfassade, also wurde unter den Kindern ein Wettbewerb ausgeschrieben, sie entwarfen Fassadenvorschläge, und eine Kinderjury entschied. Deswegen hat das Haus jetzt bunte Punkte.
Auch Politik ist ihnen schon begegnet, nach dem 11. September. "Man hat uns befragt", sagt Jessica, "zum, äh, Taliban." Einem Fernsehsender erklärten sie flüssig und furchtlos ihre Ansichten zum Terrorismus, inklusive der Kritik an der amerikanischen Reaktion.
Lernen ist hier etwas anderes als in der Schule, etwas Freiwilliges, und es kann geschehen, dass eine Gymnasiastin und ein Sonderschüler gemeinsam Pläne für die Fassadengestaltung entwerfen, und es funktioniert. Das soziale Gefälle wird weniger drastisch erlebt als draußen. Aber dass sie später sortiert werden, dass sie verschiedene Wege gehen im Leben, das wissen die Kinder schon.
Dienstagnachmittag, Jessica und Janine und ein paar andere sitzen beim Töpfern, sie kneten Abschiedsgeschenke für ihre Lieblingslehrerin, bald ist die Zeit an der Grundschule vorbei. "Ich geh in die Realschule", sagt Jessica, sie sagt es stolz, denn sie weiß, dass das etwas Besonderes ist. "Ich geh auf die Hauptschule", kommt die Antwort von ihrer Freundin, und Jessica will sie trösten: "Ist doch okay. Nur Sonderschule ist doof. Oder Behindertenschule. Das ist echt doof, finde ich."
Nicht alles prima, nein, "wir wissen es", sagt Joachim Wagner, "wir werden nicht einfach alle auf die Realschule bringen, und alles wird gut". Was sie können, ist, ihre kostenlose Schulaufgabenhilfe anzubieten und den Kontakt zu Lehrern pflegen, auch das gehört ja zu den Dingen, die viele Eltern nicht fertig bringen. Sie können dafür sorgen, dass die Kinder regelmäßig arbeiten. Sie können dabei helfen, was nicht möglich ist für eine Mutter oder einen Vater, wenn sie selbst kaum Deutsch können oder wenn es an der Bildung fehlt.
Es ist ein Erfolg, wenn der zehnjährige Ersan jetzt ruhig an seinem Arbeitstisch sitzt und einen zehnzeiligen Aufsatz über den Frühling schreibt. Wenn Faruk, 13, voller Stolz gelbe Enten in sein Heft malt, "guck mal, das heißt yellow". Und Spaß macht es, ein Mädchen wie Döne zu sehen. Sie ist neun und schreibt eine Abhandlung über Vitamine, "über den Körper und Gesundheit und so", sie hat es sehr eilig und unterbricht nur kurz ihre Arbeit, um Auskunft zu geben, "das ist sehr wichtig für den Körper. Aber bitte, darf ich jetzt mein Konzept fertig schreiben? Vielen Dank."
Im nächsten Heft: Neue Lehrer braucht das Land Schlechte Noten für die deutsche Pädagogen-Ausbildung: zu viel Fachtheorie, zu wenig Praxis - Experten fordern mehr Leistungskontrolle - Fit durch Computer? - Tipps für die richtige Lernsoftware.
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 24/2002
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