10.06.2002

Schaden an der Seele

Welchen magischen Reiz bietet Politik, dass so viele in die Arena drängen? Politiker inszenieren sich wie Popstars, befriedigen ihre Eitelkeit, suchen Selbstbestätigung. Dabei kennen sie auch die Preise, die sie dafür bezahlen müssen: persönliche Deformation und Wirklichkeitsverlust. Die Droge Macht ist eine Sucht, die sie nicht loslässt.Von Jürgen Leinemann
1. STRAHLENDER MITTELPUNKT?
Trifft ein Politiker einen anderen. "Ich habe dich gestern im Bus gesehen", sagt der eine. "Ja und?", fragt der andere, "wie war ich?"
Guido Westerwelle war entzückend am Donnerstag vergangener Woche - locker, hart und klar, ein Sieger. Nur dass sein Auftritt vor der Bundespressekonferenz in Berlin so gar nicht passen wollte zum halbherzigen Ende einer trüben Kontroverse um Antisemitismus und rechte Rattenfängerei, in die FDP-Vize Jürgen Möllemann seine Partei und die deutsche Öffentlichkeit verstrickt hatte.
Na und? "Das Ergebnis zählt, ich habe meine Arbeit getan." Westerwelle strahlte, wie es der Bus-Witz suggeriert, der schon in Bonn kursierte, mit austauschbarer Besetzung. Was sind schon Inhalte? Der politische Star ist das Ereignis. Sein Ego muss leuchten.
Ging es denn um den antisemitischen Landtagsabgeordneten Jamal Karsli aus Düsseldorf, der den Liberalen im Landtag zugelaufen war? Um den Streit zwischen Möllemann und dem Talkmaster Michel Friedman, dem Möllemann vorwarf, als Jude den Antisemitismus selbst zu erzeugen? Ging es um Tabubrüche bei der Kritik an Israels Politik?
Für Guido Westerwelle gehört das alles zu einer "Debatte, die gewesen ist". Jetzt geht es wieder um ihn und den Erfolg bei der künftigen Wahl.
"Ich finde, die Person ist auch Programm", hat er einmal gesagt. "Da strahlt man ein bestimmtes Lebensgefühl aus, nämlich das Lebensgefühl einer fröhlichen, lebensbejahenden Einsteigerpartei."
So produziert sich der politische Medienstar. Jeder Auftritt ist ein Kick.
Der Blick der anderen ist die Rückmeldung auf die eigene Bedeutung. Positive Bestätigung und Beifall, Aufmerksamkeit und Zustimmung lösen im Gehirn Impulse aus, die Wohlgefühl vermitteln. Angestoßen durch Stimulation von außen - oder durch Gefühle und innere Bilder -, produziert das Hirn körpereigene Substanzen, die ein rauschähnliches Erleben auslösen, sozusagen Sucht ohne Drogen.
Die Gier, sichtbar zu sein, treibt Westerwelle in den "Big Brother"-Container, Kanzler Gerhard Schröder nebst Staatsgast Wladimir Putin oder Nobelpreisträger Günter Grass in "Boulevard Bio" und Rudolf Scharping mit badender Lebensgespielin für die "Bunte" in den Luxus-Pool von Mallorca.
Und sie verführt Möllemann dazu, immer noch einmal nachzulegen, wenn sich ihm ein Mikrofon entgegenstreckt.
Guido Westerwelle möchte geliebt werden. Wenn schon nicht von allen, dann doch möglichst von vielen. Das, versteht sich, konnte nicht gut gelingen, wenn sich vor der Zentrale der FDP in Berlin Hunderte Demonstranten versammelten, die Schilder hochhielten mit gelben Judensternen, mit Inschriften wie "Blau + Gelb = Braun?". Deshalb war es gewiss nicht gelogen, als der FDP-Chef tags darauf beteuerte, die Proteste hätten ihn "betroffen gemacht". Es kränkte Westerwelle, dass die Prominenten bei der Christiansen-Runde ihn beim Smalltalk vor und nach der Sendung schnitten und dass Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, nicht mit ihm bei Ruprecht Eser im ZDF zusammensitzen wollte.
Es müssen deprimierende Tage für den rheinischen Erfolgsmenschen gewesen sein, als er erkennen musste, dass es eine moralische Kategorie sein kann, eine "anständige Figur" abzugeben, nicht nur eine ästhetische.
Nun aber war er fast wieder so "obercool" und "voll fett", wie er sich im "Big Brother"-Container erlebt hatte. "Die Droge 18 Prozent", wie ein Parteifreund das Projekt nennt, stimulierte ihn, die Fragen der Journalisten, auch unerfreuliche, lockten seine Stresshormone hervor. Er dopte sich mit neuem Selbstbewusstsein. Wie er zu sagen pflegt: "Wer auf dem Kirchturm sitzt, den umkreisen die Raben."
Ist es verwunderlich, dass Politiker seit Jahren schon zu den Schlusslichtern jeder Berufsprestige-Skala gehören? Nur Gewerkschaftsführer und Buchhändler rangierten 2001 noch hinter ihnen.
"Ich weiß, dass Sie glauben, Politiker seien dick, dumm, faul und gefräßig und verdienten zu viel Geld", begrüßt die CDU-Abgeordnete Erika Steinbach ihre Besucher in Berlin. Nur wenn sie Glück hat, nicken nicht alle. Aus Höflichkeit, nicht aus Überzeugung.
Aber das reicht ihnen offenbar immer noch nicht. Zurzeit jedenfalls tritt die politische Klasse auf, als wollte sie alle Stammtisch-Parolen bestätigen, die Politik als schmutziges Geschäft verunglimpfen, das den Charakter verdirbt.
Talkshow-Gezeter, gezinkte Arbeitslosenstatistiken, Empörungstheater im Bundesrat, "Dankeschön"-Spenden, schwarze Kassen, Ferienflüge, Filz, staatlich subventionierte Pleiten und jetzt auch noch die Antisemitismus-Debatte - mit einer Serie aus Firlefanz und Skandalen arbeitet die Politik zielstrebig weiter an ihrem Niedergang.
In Magdeburg stürzte die Wahlbeteiligung auf 56,5 Prozent. Jeder dritte Wahlberechtigte will im September weder für Gerhard Schröder noch für Edmund Stoiber stimmen.
Nicht, dass die Politiker mit sich zufrieden wären. Sie trauen sich selber nicht. "An der Macht bin ich mir ununterbrochen verdächtig", zitiert die sozialdemokratische Familienministerin Christine Bergmann zustimmend den Prager Präsidenten Václav Havel. Und Beneidenswertes fällt den meisten zu ihrem Beruf auf Anhieb nicht ein.
Respekt? "Staubsaugervertreter werden auch nicht verächtlicher behandelt", findet Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung.
Macht? "Sie wissen ja gar nicht, wie machtlos ein Bundeskanzler ist", lässt Gerhard Schröder eine Gruppe junger Intellektueller wissen. Nach dem Amoklauf von Erfurt bekannte er hilflos: "Und da sitzt du hier und möchtest was tun und kannst nichts machen."
Einkommen? "Wer ökonomisch denkt, ist völlig beknackt, wenn er in den Bundestag geht", findet der ehemalige Juso-Chef Wolfgang Roth, der aus dem Bundestag als Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank nach Luxemburg wechselte.
Erfolge? Keine Bilanzen, Dividenden, Kursgewinne. Lord Ralf Dahrendorf, liberaler Politiker und Mitglied des britischen Oberhauses: "Ich kenne keinen erfolgreichen Unternehmer, der in die Politik gewechselt ist und es dort zu ähnlichen Erfolgen gebracht hat."
Es muss einer wohl so neu im politischen Geschäft sein wie Christoph Stölzl, zugleich so phantasievoll, sprachmächtig und romantisch wie dieser Berliner Polit-Novize, der gerade vom Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums über eine kurzfristige Tätigkeit als Kultursenator zum CDU-Landesvorsitzenden mutierte, um im viel geschmähten Politikerleben noch poetische Höhenflüge zu vermuten.
Stölzl deutet mit pathetischem Schwung auf einen in allen Regenbogenfarben schillernden Ballon des TV-Senders Sat.1, der seit Monaten verlockend und leicht über den wuchtigen Gebäuden der Staatsmacht im Berliner Regierungsviertel schwebt: Ist der Heißluftballon nicht ein wunderbares Symbol für die bedrohlich labile und abgehobene dekorative Existenz des Politikers? Angeheizt durch das Feuer der Medien bläht sie sich auf und steigt empor. Angesengt durch zu intensive Befeuerung gerät sie in Absturzgefahr.
Was für eine Metapher, welch eine Symbolik. Stölzl ist auch durch den Einwand nicht zu bremsen, dass der Berliner Ballon mit Helium gefüllt ist. Er beharrt auf seinem Bild: So wie der Ballon die Blicke auf sich zieht und im Betrachter die Faszination für Aufstieg und Fall weckt, so eigne sich in der Politik ein Einzelner die Sympathie aller an. "Und die müssen es dann aushalten, dass er zum strahlenden Mittelpunkt wird."
Voraussetzung für solche Höhenflüge freilich ist ein Klima der Sympathie, das der Politiker selbst zu erzeugen verstehen muss. Stölzl: "Begeistert geliebt zu werden ist kein bloßes Accessoire des Politikers, kein Schaustellertrick, den besonnene Menschen eben beherrschen müssen, weil sie sonst ihren edlen Zielen nicht nachgehen könnten, sondern die Urgebärde demokratischer Politik."
Nur will diese Urgebärde derzeit nicht so recht gelingen, schon gar nicht mit Begeisterung. Geliebt? Im Gegenteil. Weshalb es irgendwie auch stimmig schien, dass der Ballon dieser Tage plötzlich abschlaffte. Er hatte einen Riss. Schrumpelig, grau und bar jeder Faszination lag die Hülle am Boden. Die Luft war raus.
2. "WIR BRINGEN UNS DOCH NICHT UM"
Sie hat über Einsamkeit, Versagensängste und Medienterror geklagt, wie alle, die halbwegs ehrlich von ihrem Berufsalltag reden. Sie ist hart geworden, misstrauisch und ungeduldig. Und im Januar 2001 trat die Grüne Andrea Fischer, 42, als Berliner Gesundheitsministerin zurück, um dem Rausschmiss durch die eigenen Parteifreunde zuvorzukommen.
Versteinert guckte sie bei ihrer letzten Pressekonferenz in die Kameras. Ein sicheres Angebot, wieder in den Bundestag einzuziehen, lehnte sie ab: "Jetzt ist es vorbei."
Doch heute, während noch immer kaum verkraftete Demütigungen ihr Gesicht verschatten, sagt sie plötzlich: "Politik ist ein wunderbarer Beruf."
Wunderbar? Was soll denn so toll sein an einem Beruf, der einsam, unfroh und dick macht? Wo ist "das Schöne", das auch der CDU-Abgeordnete Friedbert Pflüger entdeckt? Was macht für den SPD-Veteran Erhard Eppler den Politikerberuf zum "Abgründigsten" und "Spannendsten", worauf Menschen sich einlassen können?
Ist das Faszinosum zu erklären, das die Kohls, Biedenkopfs, Diepgens und Scharpings selbst dann nicht loslässt, wenn sie ihre Familien, ihren Ruf und sich selbst zu zerstören drohen?
Irgendeinen magischen Reiz muss Politik wohl bieten. Denn es sind ja nicht nur Gerhard Schröder, Edmund Stoiber und Guido Westerwelle, die im laufenden Wahljahr als Bewerber um das Kanzleramt ihre Köpfe und Kehlköpfe und unsere Nerven strapazieren. Etwa 2500 Kandidaten kämpfen überdies um die 598 Plätze im Bundestag. Und auch wenn Bundeskanzler Schröder befürchtet, dass - als Folge von Medien-Aufdringlichkeiten - bald kein junger Mensch mehr Politiker werden wolle, drängen auf der Ebene der Parteien noch immer genügend Nachwuchsleute in die erste Reihe.
Ein einheitlicher Typus ist das nicht, sieht man einmal von einer robusten Grundausstattung an Eitelkeit, Ehrgeiz und Geltungsdrang ab. Leidenschaft und Augenmaß? Inhalte? Irgendeine utopische Idee, wie es zugehen sollte zwischen den Menschen, hat - wie vage auch immer - wohl jeder, der politische Ämter anstrebt. Sei es nun als umfassendes Sinn- und Wertesystem, sei es ganz speziell für bestimmte Gebiete.
Aber ob es die Politik ist, die über die entscheidenden Schalthebel zur Veränderung der Welt verfügt, das bezweifeln selbst die Akteure in der ersten Reihe. "Das Endziel sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Verantwortung werden wir nicht erreichen", wusste Schröder schon vor zehn Jahren. Das hat ihn nicht daran gehindert, die Kanzlerschaft anzustreben.
Und Heide Simonis, die heutige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, sagte im selben Jahr 1992, damals noch Finanzministerin: "Wenn es mir ausschließlich darum gegangen wäre, etwas zu ändern, wäre ich vermutlich bei der Gewerkschaft oder in der Kirche gelandet. Offensichtlich habe ich mir in der Politik auch eine gewisse Außenwirkung versprochen, die Möglichkeit, andere zu beeinflussen. Und das befriedigt auch die persönliche Eitelkeit."
Sieger, oder wenigstens "Gewinnenwoller", wie der Sohn der SPD-Präsidin Renate Schmidt seine Mutter charakterisiert, nehmen die Qualen und Strapazen des politischen Lebens auf sich, um Aufmerksamkeit und Bestätigung einzuheimsen.
Was der Gewinn ist? "Ich bin immer im Zentrum der Aufmerksamkeit", sagt Wolfgang Thierse. Auch Wolfgang Schäuble findet es "natürlich wichtig, öffentliche Beachtung zu erfahren".
"Dass ich so geworden bin, wie ich bin. Und dass ich das habe tun können, was ich wollte - das war Gewinn genug", hatte Gerhard Schröder, gerade zum Bundeskanzler gewählt, Herlinde Koelbl geantwortet, der er für ihren protokollarischen und fotografischen Langzeitreport "Spuren der Macht" Rede und Modell stand.
Vier Jahre später haben sich tiefe Kerben in sein Gesicht gegraben, Müdigkeit, Zweifel und Ohnmacht trüben ihm bisweilen den Blick. Und doch: Dass er seinen Job liebt, noch immer und "trotz alledem", wie er täglich in seinem ersten Berliner Amtssitz im Treppenhaus lesen konnte, daran lässt Gerhard Schröder keinen Zweifel. Komplizenhaft zwinkert er Bestätigung auf entsprechende Fragen: Ist doch klar, oder?
Schröder unterscheidet sich damit nicht von den meisten seiner Kollegen, die Politik als Beruf betreiben. Nach einer Weile sind sie eben doch ziemlich austauschbar geworden, mögen die Damen und Herren Politiker auch aus den unterschiedlichsten Gründen und mit den abweichendsten Zielen ihr Gewerbe begonnen haben. Joschka Fischer hat es ausgesprochen: "Die Verwandlung des Amtes durch den Menschen dauert etwas länger als die Verwandlung des Menschen durch das Amt."
Die Profession Politik entwickelt einen Sog, schafft Abhängigkeit, verändert den Blick auf die Realität. Dabei sind die Verführungen zur Deformation zahlreicher und wirksamer als die Bildungschancen. Eppler: "Die wachsende Übermacht der Medien über die Politik, des Verkaufens über das Erarbeiten, des Scheinens über das Sein, der Inszenierung über die Aktion machen Deformation immer wahrscheinlicher, Reifung immer erstaunlicher."
Ist Politik eine Sucht?
Schon Max Weber hatte 1919 in seiner berühmten Rede über "Politik als Beruf" davor gewarnt, dass das Machtstreben des Politikers "Gegenstand rein persönlicher Selbstberauschung" werden könnte. Heute hantieren die Akteure selbst locker mit Sucht-Begriffen, um die Gefahren der beruflichen Verformung zu beschreiben. Und Gerd Langguth, einst RCDS-Vorsitzender, CDU-Vorstandsmitglied und Bundestagsabgeordneter, jetzt Professor für Politische Wissenschaft in Bonn, spricht gar von "Politaholics", um die Persönlichkeitsveränderungen zu charakterisieren, die die "Droge Macht" auslöst.
Sucht. Droge. Entzug. Die meisten Politiker benutzen die Begriffe aus der Junkie-Szene mit bemerkenswerter Beiläufigkeit. "Ich bin süchtig nach Selbstbestätigung", bekennt beispielsweise die stellvertretende SPD-Vorsitzende Renate Schmidt. Und Peter Gauweiler, Ex-CSU-Landesminister, sagt: "Man muss sich von der Berufspolitik entwöhnen. Genauso wie man sich von Alkohol oder Nikotin entwöhnen muss."
Sie tun so, als wären die Suchtvergleiche blasse Metaphern, harmlose Umschreibungen für eine etwas peinliche Besessenheit. Sucht light sozusagen. Johannes Rau findet gar ein ganz besonders possierliches Bild: "Politik ist wie Nüsse knabbern. Hat man eine probiert, kann man nicht mehr aufhören."
Wie aber, wenn Politiker wirklich süchtig wären? Wie, wenn der Machtrausch tatsächlich eine Krankheit wäre, zumindest eine tief greifende soziale Deformation? Wäre das nicht ein Schlüssel zum Verständnis der selbstzerstörerischen Borniertheit, mit der sich viele an den Beruf klammern, der angeblich so wenig Gewinn abwirft - ideellen wie materiellen? Und hätte dann nicht auch der auffällige Realitätsverlust vieler Politiker eine Erklärung?
Das Wort "Sucht" kommt von "siech", englisch "sick", was krank heißt, und kennzeichnet einen Mangel, ein Defizit. Die Wirklichkeit wird als unerfüllt oder bedrohlich erlebt. Die Drogen, ganz gleich ob es chemische Mittel sind oder stimulierende Tätigkeiten, dienen dazu, dieses Defizit zu füllen.
Im engeren Sinn wären das Substanzen - wie Alkohol, Nikotin oder Medikamente -, die Funktionen des Organismus beeinflussen und Stimmungen verändern: Hast du Kummer mit die Deinen, trink dich einen. Die Einschätzung, dass der Deutsche Bundestag bisweilen einer "Alkoholiker-Versammlung" gleiche, stammt vom Abgeordneten Joschka Fischer.
Im weiteren Sinn verstehen Suchtexperten als Drogen auch "personale oder apersonale Mittel" - also etwa Arbeit, Beifall, Erfolg -, mit denen Verhaltens-, Gefühls- oder körperliche Veränderungen hervorgerufen werden können, um sich der Realität zu entziehen. "Wichtigkeitsdrogen" nennt Wolfgang Thierse solche Stimulanzien, die wirksamsten sind Fernsehauftritte.
Wenn das laut gängiger Suchtdefinition "unabweisbare Verlangen" nach einem bestimmten Gefühls-, Erlebnis- und Bewusstseinszustand die Herrschaft über einen Menschen erlangt hat, ist es ihm egal, wie und womit er diesen Zustand erlangt - mit Rauschmitteln oder durch betäubende oder stimulierende Tätigkeiten. Es sind nicht die Drogen, die abhängig machen, sondern es ist ihre Wirkung. "Sucht", schreibt der Offenbacher Psychologe Werner Gross, "ist eine Möglichkeit, dem Leben davonzulaufen, eine innere Leere auszufüllen."
Die breite Auslegung des Suchtbegriffs empfinden die meisten Politiker als denunzierend. Sind sie denn alle Junkies? Was soll ein Begriff wie zerstörerisch? "Wir bringen uns doch nicht um", sagt Wolfgang Schäuble.
Jeder Politiker ist - wie jeder Workaholic, jeder Computerfreak oder jeder fröhliche Zecher - selbst dafür verantwortlich zu erkennen, wann süchtige Entgleisungen sein Leben zu beherrschen beginnen. Die zunehmende Fülle der öffentlichen Äußerungen zu diesem Thema deuten darauf hin, dass sich viele Polit-Profis der psychischen Unfallgefahr an ihrem Arbeitsplatz bewusst zu werden beginnen.
Welche Verhaltensweisen - exzessiv betrieben - dann wirklich den Namen "Sucht" verdienen, ist weniger eine Frage der wissenschaftlichen Definition als ein Grundproblem der Mediengesellschaft.
Denn die Parallelen drängen sich auf. Wenn der Nutzen des Drogenkonsums Entlastung von Ohnmachtsgefühlen, Kränkungen und Selbstwertzweifeln ist - wo ist der Unterschied? Wahrgenommen und anerkannt zu werden ist das Hauptziel jedes Süchtigen. Es ist auch das Bestreben jedes Politikers in der Medienwelt.
3. POLITIK IST NICHTS NETTES
Schon als Primaner nannte er als Berufsziel "Bundeskanzler". Später sagte er im Fernsehen: "Vielleicht werde ich mal Präsident der Vereinigten Staaten von Europa."
Tatsächlich galt Uwe Barschel, Doktor der Juristerei und der Politologie, in der CDU als einer der kommenden Leute. Er gehörte - 1944 geboren - jener Aufsteiger-Generation an, die heute regiert - in Berlin, in München, in Kiel. Doch er wollte schneller sein: Mit 16 Jahren trat er in die Junge Union ein, als 25-jähriger Student schon war er stellvertretender Landesvorsitzender.
Schlag auf Schlag ging es weiter: In den Kieler Landtag zog er mit 27 Jahren ein, mit 29 führte er die CDU-Fraktion, mit 34 war er Finanzminister, und im Oktober 1982, Barschel war 38 Jahre alt, wurde er Ministerpräsident von Schleswig-Holstein.
Fünf Jahre später war Uwe Barschel tot. Und Bischof Ulrich Wilckens, der Vorsitzende der Nordelbischen Kirche, sah im plötzlichen Ende des Ministerpräsidenten ein politisches, ja, ein gesamtgesellschaftliches Symptom. In seiner Trauerrede sagte er: "Solange es schlicht als Katastrophe gilt, wenn die einen die anderen in der Macht ablösen und die Macht zu verlieren als eine Schande gilt, so lange werden alle durch Jahrhunderte bekannten Gefahren der Machtsucht vielfache und vielfältige Chancen bekommen, unserem Gemeinwesen, gerade dem demokratisch verfassten, in seiner Wurzel zu schaden. Und es steht sehr zu befürchten, dass hier der eigentliche Herd der Krankheit von uns allen liegt, die Uwe Barschel so jählings hingestreckt, aber auch viele andere befallen hat."
Jählings?
Gewiss, dass der Politiker unter mysteriösen Umständen tot in der Badewanne eines Hotels in Genf gefunden wurde, kam als ein Schock. Aber war es denn so, dass man das Unheil nicht hätte heraufziehen sehen können? Waren Barschels verzweifelte Anstrengungen, sich an die Macht zu klammern und sein Glück zu zwingen, tatsächlich so ungewöhnlich?
Damals sorgten in der linken Bonner Polit-Kneipe "Provinz", wo die Regierenden von heute ihre Karrierepläne schmiedeten, die Nachrichten aus Kiel für Bedrückung. Wie geht es Engholm? Björn ist fertig, der will in die Förde. Am Ende wurden die Selbstzweifel in Bier ertränkt.
Heute schwelgt Vizekanzler und Außenminister Fischer von den Grünen in Bergsteiger-Bildern, um die extremen Belastungen zu beschreiben, die Politiker auf der letzten Etappe ihres Weges zum Gipfel aushalten müssen. Mit fast kindlicher Bewunderung, die vor sich selbst keineswegs Halt macht, beschreibt er strahlend die Strapazen auf dem Marsch zum Gipfel - Regierung, Kanzlerschaft, das sind für Fischer die Achttausender der Politik.
Er hat es geschafft, sich selbst sieht er auf dem Mount Everest: "Da ist die Luft dünn und der Wind eisig."
Bis auf 7000 Meter brächten es viele Talente, höhnt Fischer mit genüsslichem Schaudern. Auf den letzten Metern aber sieht er viele festgefrorene Politikerleichen in der Wand hängen. Eine heißt für ihn gewiss Andrea Fischer. Er hielt sie immer für eine "Heulsuse".
Unabhängig von Intelligenz, politischer Phantasie und menschlicher Reife ist es vor allem eine Frage der Härte, ob einer bis an die Spitze durchhält. Teil einer systematischen Lebensplanung ist "Politik als Beruf" nur in Ausnahmefällen.
Bloß knapp ein Sechstel der westdeutschen Abgeordneten bringt sich, nach den Erkundungen des schleswigholsteinischen CDU-MdB Wolfgang Börnsen, gezielt als Kandidat für den Bundestag ins Gespräch. In Ostdeutschland ist es nur jeder Zehnte.
Politik ist learning by doing. Das, findet Andrea Fischer heute, ist das größte Handicap in diesem Beruf: Man wird nur durch Schaden klug. Dass sie viel kämpfen musste und viel einstecken, findet sie in Ordnung. "Politik", sagt sie, sei "niemals irgendwie Ringelpiez mit Anfassen, also irgendwas Nettes. Wer kuscheln will, sollte was anderes machen".
Um sich gegen Verletzungen zu wappnen, lernen Spitzenpolitiker, sich emotional zu reduzieren. Vielleicht ist das die Voraussetzung dafür, überhaupt ins politische Hochgebirge aufzusteigen. Sie spalten ganze Bereiche ihrer Persönlichkeit ab, verweigern das Nachdenken über Fehler und Niederlagen, wehren Selbstzweifel ab, suchen Schuldige anderswo und klammern sich so an eine durchsetzungsfähige Siegerversion von sich selbst. Diese emotionale Verarmung nehmen die meisten gar nicht wahr.
Sie wissen nicht viel über sich und damit auch nicht über andere. Das macht sie handlungsfähig. "Mangel an Menschenkenntnis ist eine der wichtigsten Führungsvoraussetzungen in der Politik", hat Holger Börner, lebenslanger Berufspolitiker und Ex-Ministerpräsident von Hessen, einmal gesagt. Das war keineswegs als Witz gemeint.
Selbstzweifel, schon auf früher Karrierestufe hinderlich, bedeuten auf oberster Ebene einen Anschlag auf die eigene politische Existenz. "Wenn man am Morgen aufwachen und über seine eigenen charakterlichen Defizite nachdenken würde, käme man nicht mehr zur Arbeit", hat Gerhard Schröder bekannt, als er noch öffentlich über sich reflektierte.
Noch drastischer gab Karlheinz Blessing, einstiger Gewerkschaftsfunktionär und ehemaliger Bundesgeschäftsführer der SPD in Bonn, Herlinde Koelbl seine Erfahrungen zu Protokoll: "Mit der normalen Verwundbarkeit des Menschen könnten Sie in solchen Jobs nicht überleben. Und Sie müssen auch normale menschliche Rücksichtnahmen verdrängen, müssen eine Brutalität an den Tag legen im Abstoßen und Bekämpfen von anderen. Politiker halten das alles nur aus, indem sie menschliche Regungen sich selbst und anderen gegenüber weitgehendst ausblenden."
Gehärtet im Konkurrenzkampf mehr mit den Kollegen der eigenen Partei als gegen die Widersacher bei den anderen und fixiert auf den persönlichen Erfolg, haben Politiker zumeist ein rein instrumentelles Verhältnis zu ihren Mitmenschen. Höhnisch hat Helmut Kohl vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss berichtet, wie sich "wichtige Leute aus der deutschen Gesellschaft absentieren", sobald "man nicht mehr oben ist", Leute, die sich zuvor in sein Dienstzimmer drängten, "um auf meinem Schoß zu sitzen, aber nicht aus Gründen, die sonst beim Schoß wichtig sind". Kohl abwinkend: "Das gehört zur Macht."
Im glücklichsten Fall bleiben dem politischen Star ein paar private Freundschaften. Die Zweckbündnisse der Politik zerbrechen bei veränderter Lage. Die Erfahrungen des Aufstiegs machen sie misstrauischer. Sie kennen sich aus mit der Angst vor eigenen Fehltritten und der Heimtücke anderer. Das macht sie "beinhart" (Schröder) und zynisch.
"Jeder, der Erfolg hat - und das heißt auch, sich durchsetzen -, wird Gegner hinterlassen, Enttäuschungen produzieren, auch Wut. Dann heißt es, er geht über Leichen", rechtfertigt sich Joschka Fischer.
Wer dazu noch der Verführung erliegt, die das Wort "Macht" suggeriert, wird hart bestraft.
Irmgard Schwaetzer hat es erfahren, die frühere FDP-Generalsekretärin und Bauministerin, die sich über ihren Aufstieg ein bisschen zu unverhohlen gefreut hatte. "Macht", bekannte sie Herlinde Koelbl, "Macht ist ja mehr, als nur bestimmte Inhalte durchsetzen zu können. Die öffentliche Aufmerksamkeit schmeichelt dem Ego. Und es gibt auch ein Gefühl der Superiorität, das mit Macht verbunden ist: das Gefühl, ein bisschen mehr zu sein als die anderen."
Den Preis für ihren Ego-Trip gab sie später bekannt: harte Jahre. Verlust der ersten Ehe. Einsamkeit. "Sozusagen die innere Wüste, wo man nicht weiß, was jetzt eigentlich wird."
Irmgard Schwaetzer hat ihre Leidenszeit überlebt. Uwe Barschel ging an ihr zu Grunde. Bis heute weigern sich die Barschel-Familie und viele politische Profis zu akzeptieren, dass der ehrgeizige junge Ministerpräsident freiwillig aus dem Leben geschieden sein könnte. Denn dann wäre "der Fall Barschel" tatsächlich eine Extremvariante der professionell üblichen Deformation durch Machtsucht. Das Volk, wie seine gewählten Vertreter, hätte sich fragen müssen, ob nicht grundsätzlich etwas schief läuft in der politischen Klasse.
Dass Barschel mit kriminellen Mitteln versucht hatte, seinen SPD-Konkurrenten Björn Engholm zu diffamieren, um ihn im Wahlkampf zu besiegen, hatte der SPIEGEL unmittelbar vor dem Wahltag im September 1987 aufgedeckt. Barschel leugnete mit "Ehrenwort" in einer bundesweit übertragenen Fernsehpressekonferenz.
Wenig später fand man seine Leiche.
"Vielleicht", glaubt Erhard Eppler, "ist Politik an der Grenze dessen angesiedelt, was Menschen leisten können, ohne, um es biblisch zu sagen, Schaden zu nehmen an ihrer Seele."
Uwe Barschel war dafür ein perfektes Beispiel, zumal er seine geltungssüchtige Betriebsamkeit offenbar noch zusätzlich mit großen Mengen Medikamenten anheizte, um sich unter dem Druck wechselnder psychischer und physischer Schwierigkeiten einsatzfähig zu erhalten. Von mehreren Ärzten hatte sich Barschel seit 1986 extrem hohe Dosen eines "Angstlöser"-Psychopharmakons verschreiben lassen, das Abhängigkeit erzeugen kann.
Die Wirkung war im Wahlkampf unübersehbar. Im schummrigen Licht eines Festzeltes in Alt Bennebek konnten 400 Unionsfreunde, die ihren heldenhaften Uwe feiern wollten, den Ministerpräsidenten kaum erkennen, wie er da einsam, feierlich und mit vor Schwäche fast vibrierender Spannkraft langsam die Hand zum Gruß hob.
Weil aber alle sehen sollten, dass Uwe Barschel drei Monate nach dem Flugzeug-Unglück von Lübeck, bei dem drei Menschen starben und nur er - mit schweren Rückenverletzungen - überlebte, trotz allem "wieder voll da" war, kletterte der Gestürzte zum Schrecken seiner Freunde auch noch wacklig auf einen Stuhl.
Für meine Karriere mache ich alles, hieß das, für Beifall riskiere ich mein Leben - im wahrsten Sinne des Wortes. Es konnte ihm nichts mehr wert sein, als der Erfolg versiegte.
4. DER ALLMÄHLICHE ABSCHIED VON DER WIRKLICHKEIT
Was Erfolg ist in der Politik, das hat der Sozialdemokrat Karl Weinhofer, 60, eigentlich nur bei seinem Freund Gerhard erkennen können. Der kam im Sommer 1998 für einige Tage in Weinhofers Heimatstadt Eichstätt und schickte sich an, Kanzler zu werden. Stürmische Umarmung auf dem Marktplatz. Hatte ihm "Charly" nicht 1980, als sie beide als Neulinge in den Bundestag einzogen, vorausgesagt, es werde den Niedersachsen einmal holzgeschnitzt als Marionette geben? Nun hing Schröder schon als Nussknacker in den Läden.
Weinhofer selbst war in der Politik nichts Spektakuläres gelungen. Genau genommen hatte er in den sieben Jahren, in denen er ab 1980 im Bundestag saß, nicht einmal herausgefunden, was eigentlich die Leistung eines MdB ist.
Seine Anwesenheit im Plenum? Die Zahl seiner Anfragen? Eine minimale Textänderung in einem Gesetzentwurf? Lobende Erwähnung in der Lokalpresse?
Einmal ist Karl Weinhofer im Fernsehen erschienen. Das war in den Augen seiner Familie, vieler seiner Freunde und heimischen Genossen sein größter Auftritt in Bonn. Danach gab es keinen Zweifel mehr, dass er einer von denen da oben geworden war. Man redete über ihn.
Ihn ärgerte das. Denn er war nicht auf dem Bildschirm erschienen, weil er etwas gefragt worden wäre oder etwas zu sagen gehabt hätte. Weinhofer kam groß ins Bild, als er beim Aufruf zur namentlichen Abstimmung in alphabetischer Reihenfolge unmittelbar auf Herbert Wehner folgte, den die Kamera festhielt.
Dieses Ergebnis hat der Ex-Abgeordnete im Sinn, wenn er heute sagt, er sei froh, dass er nicht mehr dabei ist.
Missen möchte er die Zeit in Bonn nicht, auch wenn "die Familie dabei draufgegangen ist". Er ist geschieden, den Kindern entfremdet. Doch das Ganze noch einmal? "Jetzt nicht mehr."
Weinhofer muss sich nur das Schicksal seines einstigen Gegenkandidaten Horst Seehofer von der CSU vor Augen führen, um abgeschreckt zu werden. Der Ex-Gesundheitsminister hatte trotz Warnung seiner Ärzte und klarer Gefahreneinsicht eine Grippe verschleppt und sich mit einer Herzmuskelentzündung an den Rand des Grabes gearbeitet. Nun will er wieder in den Wahlkampf einsteigen, "allerdings nicht mehr mit 150 Prozent, sondern nur noch mit 100".
Weinhofer, der den erfolgreichen Seehofer stets beneidet hatte, gibt sich jetzt erleichtert: "Der Stress ist doch noch viel größer geworden. Die Rolle der Medien noch bedeutender. Nein, von dieser Sucht bin ich jetzt geheilt."
Sucht? Mit der Vorstellung, "eine Möglichkeit zum Gestalten" vorzufinden, war er nach Bonn gekommen. Tausend Tage später waren ihm seine Gestaltungsflausen vergangen. "Du wirst konditioniert", erklärte er, "wirst Teil eines Mechanismus, in dem du verloren gehst, wenn du dich nicht auf deine Individualität besinnst." Aber die muss einer erst mal haben.
Mit Schrecken hatte Weinhofer gesehen, wie er Fett ansetzte, neun Kilo außen, zentnerschweren Seelenspeck innen. Immer träger funktionierte er, während er sich immer gehetzter fühlte.
Von Hupton (Auszählung), Klingelzeichen (einfache Abstimmung), Gong (der Präsident) und Glockengeläut (Morgenfeier), durch Lautsprecher und Telefon, von roten Lichtsignalen und weißen, durch Drucksachen auf gelbem, grünem oder rosa Papier ist er sicher geleitet worden. Wann's Freitag war, hat er ohnehin gewusst. Das war, wenn er den Frust über Bonn und das Heimweh nach Bayern nicht einen Tag länger zu ertragen schien.
Dort hetzte er dann durch den Wahlkreis. Pro Jahr fuhr er zwischen 26 000 und 28 000 Kilometer. Er informierte, belehrte, manipulierte. "Die Zufuhr von Eitelkeit", sagt er, "ist nicht zu unterschätzen."
Viel hat sich nicht geändert in den folgenden 20 Jahren. Auch heute kommen die Neulinge mit Kraft, Optimismus, Idealen und Dynamik in die Hauptstadt. Sie sind aufgestiegen in die Bundesliga der Politik, nun wollen sie etwas bewegen, bewirken, auf die Reise bringen, anstoßen, durchboxen. Doch nur allzu bald wird ihnen klar, dass sie auf ein Terrain gelangt sind, das ihre Vorgänger fest im Griff haben. So fühlte sich der SPD-Bundestags-Novize Carsten Schneider aus Erfurt, als er frisch gewählt 1998 in Bonn eintraf, als beträte er eine eroberte Stadt: "Da war alles festgelegt. Da waren ganz feste Strukturen. Von den Kneipen angefangen bis hin zu den Büros."
Den Nächsten wird es in Berlin nicht anders gehen. Da die politische Sozialisation und die Rekrutierung des Nachwuchses fast ausschließlich über die Parteien laufen, haben die Bundestagsaspiranten schon bei der Kandidatenaufstellung gelernt, wem sie sich zu unterwerfen haben. Sie wissen, dass sie Bündnisse brauchen, Mehrheiten organisieren müssen, dass ihnen Kompromisse und Zugeständnisse abverlangt werden.
Kein Routinier der politischen Klasse hat die Geschichten seiner Einebnung durch Frust, Schikane und Selbstunterwerfung vergessen, die sozusagen die erste Übung zum Eintritt in die Sphäre Politik kennzeichneten. Vor dem Gewissen, dem die Abgeordneten laut Grundgesetz allein unterworfen sind, kommt im richtigen Leben allemal der Fraktionsgeschäftsführer.
Dass man Recht hat, verschafft keine Sympathien in der Fraktion. Dass man seine Meinung in die Medien lanciert, schon gar nicht. Der CDU-Abgeordnete Friedbert Pflüger, vor seiner Wahl ins Parlament Pressesprecher des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, brauchte vier Jahre, bis er begriff, "dass es wichtiger ist, vier gute Freunde in der Fraktion zu haben als einen schönen Artikel in irgendeiner Zeitung".
Immerhin geht es heute nicht mehr so robust zu wie in den siebziger Jahren, als noch alle Sozialdemokraten vor dem legendären Fraktionschef Herbert Wehner zitterten. Manfred Coppik etwa, ein rabiater Linker aus Offenbach, meinte sich damals gegen einen Abstimmungsvorschlag des "Onkels", wie Wehner genannt wurde, unter Berufung auf seinen heimischen Ortsverein wehren zu müssen.
Prompt wurde er zum Chef beordert. Der las Akten und ließ Coppik lange Minuten unbeachtet vor seinem Schreibtisch stehen. Auf einmal aber begann der grimmige Alte leise und stoßweise zu murmeln, ohne aufzublicken. "Manch einer", hörte Coppik ihn vor sich hin grummeln, "in dieser Stadt stirbt ganz langsam." Pause. "Aber manch einer, Genosse Coppik ...", und da richtete er sich plötzlich auf und brüllte: "stirbt ganz schnell." Ende der Audienz.
Weder Fischer noch Schröder, nicht Kohl und nicht einmal Angela Merkel, die mit einem Sonderbonus Ost aufstieg, sind solche Erlebnisse erspart geblieben.
Der erste Schock trifft vor allem Idealisten ins Mark. Alle machen die gleichen Erfahrungen. Sie werden in Berlin nie gelobt und in ihren Wahlkreisen angemacht.
Freundschaften gehen auseinander. "Die Distanz wächst", hat Carsten Schneider festgestellt, "die denken alle: Der hat sich verändert. Wenn man abends in die Disco geht, wo man früher ganz normal behandelt wurde, wird man jetzt plötzlich angemacht oder zu später Stunde beschimpft."
Dabei sind sie im Plenum nur Hinterbänkler. Den begehrten Platz vor den Kameras, den großen Auftritt an der Rampe der politischen Bühne, den mussten sich auch die Spitzenpolitiker von heute auf Dauer hart erarbeiten. Blitzkarrieren ereignen sich nur in historischen Ausnahmesituationen wie der deutschen Vereinigung, und die enden oft auch wieder blitzartig - wie bei Lothar de Maizière oder Günther Krause.
Der fühlt sich heute, da er in Rostock wegen Millionenbetrugs vor Gericht steht, als Opfer des politischen Betriebs. "Es hieß arbeiten, arbeiten", erinnerte er sich in einer jammerigen "Bild"-Serie.
"Sitzungen, Gespräche und Verhandlungen mit Wirtschaftsbossen und Politikern. Alles neu lernen. Vier Stunden Schlaf mussten reichen."
Das Leben sei derweil an ihm vorbeigerauscht, erzählte der gescheiterte Krause später: "Einmal fragte ich meinen Chauffeur, warum es so warm sei. Er sagte: 'Die Sonne scheint, es ist Sommer.'"
So war es damals, sagt Günther Krause. So ist es immer. Die Politik frisst ihre Leute.
Über 90- bis 120-Stunden-Wochen stöhnen alle, die es im Berliner Betrieb geschafft haben oder es noch zu etwas bringen wollen. "Damit brüste ich mich nicht", fügt Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin hinzu, "denn es ist kein gutes Zeichen, wenn man so viel arbeiten muss."
Im Gegensatz zum früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt, der einen Kabinettsneuling mit triumphierendem protestantischem Pflichtgeheul "im Kreise der Workaholics" begrüßte, empfindet Nida-Rümelin diesen Begriff eher als Alarmsignal denn als Kompliment: "Das kann zu einer echten Krankheit werden."
Im Normalfall ist Max Webers "starkes, langsames Bohren von harten Brettern" noch immer die alltägliche Aufgabe des Berufspolitikers. In unzähligen Telefonaten, Gesprächen, E-Mail-Diskussionen, in Sitzungen, Gremien und Anhörungen entscheiden fachliches Know-how, taktisches Gespür und kommunikatives Geschick über den politischen Einfluss der Akteure.
Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass sich dieser Betrieb verselbständigt, vom Mittel zum Zweck wird, um den alles Denken kreist.
Die wenigsten Spitzenpolitiker schaffen es, sich zumindest in den Ferien Muße zu gönnen. Wenn Joschka Fischer in der Toskana "faulenzt", wie er sagt, dann schreibt er Bücher, liest dazu nötige Literatur, läuft bis zu 30 Kilometer am Tag und telefoniert mit dem Amt oder Kollegen in aller Welt: "Im Nebengebäude ist ein Büro des Auswärtigen Amts eingerichtet."
Das kann Spaß sein, wie Fischer behauptet, Gewohnheit, wie der einstige SPD-Chef Hans-Jochen Vogel seine permanenten Aktivitäten verteidigte, es kann aber auch Betäubungsmittel sein gegen den Schmerz des Leerlaufs.
Denn was eigentlich die Macht ist, die sie so hartnäckig angestrebt haben, wissen am Ende die wenigsten konkret zu beschreiben. Entscheiden, gewiss. Aber wo ist die richtige Position dafür?
Im Prinzip, sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Ute Vogt, ist man ständig auf der Suche und stößt immer an Grenzen. Dass so Sucht entsteht, kann sie sich vorstellen. "Du fängst an zu arbeiten, bist irgendwann sogar im Bundestag, hast wunderbare Ideen und kannst Gesetze beschließen. Bis du merkst, du bist doch auf das Ministerium angewiesen, und es ist überhaupt nicht so, dass du selbst als Gesetzgeber alles in der Hand hast. Dann denkst du irgendwann, wenn ich erst einmal im Ministerium säße, hätte ich noch weit mehr Einfluss."
Oder ob sie vielleicht doch besser gleich Kanzlerin werden sollte?
5. ALLES THEATER
Intendant Volker Hesse vom Berliner Maxim Gorki Theater hätte die Handlung nicht schöner inszenieren können: Dekorativ lümmelte sich der Herrscher im Kreise seiner Gefolgsleute auf den Stufen einer theatralischen Treppe, um einer Gruppe von Schauspielern zu lauschen, die ihm in "szenischer Lesung" sein Leben vorspielten.
"Hamlet", dritter Akt, zweite Szene? Auftritt der Komödianten-Truppe am dänischen Königshof? Nein, Gerhard Schröder bei einer Kulturveranstaltung in der Sky-Lobby seines bühnenhaften Kanzleramts. Der Kanzler bewegte sich mit der Sicherheit eines Starschauspielers - jede Geste auf Wirkung berechnet, keine Bewegung übertrieben.
Er lebt von der Macht der Bilder, die Mediengesellschaft von den Bildern der Macht. Ist der SPD-Politiker Schröder deswegen nur eine Phantomexistenz? Wird der Wahlkampf Schröder gegen Stoiber zwangsläufig zum bloßen "Wettbewerb der besten Entertainer", wie der bayerische Ministerpräsident unterstellt, der den amtierenden SPD-Kanzler ablösen will?
Die Berater des CSU-Chefs versuchen ihren Kandidaten als kantige, echte, erfolgreichere Kontrastperson zu dem angeblichen Medienkasper Schröder zu verkaufen. Doch haushohe Stoiber-Plakate an der Fassade der Berliner CDU-Zentrale warben wie für Kino-Uraufführungen.
Kantig? Echt? Erfolgreich? Stoibers Schauspieler-Vorwurf ist naiv. In der Medienwelt mit den allgegenwärtigen Kameras wird der Herausforderer seine Echtheit ebenso überzeugend darstellen müssen, wie Schröders Darstellung echt sein muss.
Und damit hat Stoiber Probleme. Kurze Sätze? Klare Aussagen? Das ist nicht seine Art. Das will gelernt sein.
Edmund Stoiber übt. Mit geradezu überwältigender Leutseligkeit begrüßte er am Freitag vor der Sachsen-Anhalt-Wahl in seiner Münchner Staatskanzlei einen Schüler, der - als Beitrag für einen Jugendwettbewerb - einen Film für den Bayerischen Rundfunk drehte. Der junge Mann - glatt, korrekt und so überwältigend bayerisch wie Lothar Matthäus jr. - zückte das Mikrofon.
Stoiber stellte sich in Positur. Er sah aus wie immer: korrekt, glatt und sehr, sehr deutsch. Hinter sich die weiß-blaue Landesfahne, neben sich einen sprunghaften bayerischen Löwen, vor sich einen Bronzekopf von Franz Josef Strauß. Er war guter Dinge, sehr guter Dinge. Offenbar kannte er schon die Prognosen aus Magdeburg.
"Herr Ministerpräsident, was ist für Sie das Besondere an Bayern?"
Natürlich war das eine Frage, auf die Stoiber kilometerlange Antworten wüsste.
Aber er sollte ja echt sein. Also kantig. Und kurz. Deshalb sagte Stoiber knapp, aber freundlich: "Das Besondere an Bayern ist, dass es gelungen ist, große Traditionen in Kultur und Wirtschaft zu begründen. Also: Laptop und Lederhose."
"Ja", sagte da der junge Mann erfreut, "vielen Dank." Und schaltete das Mikrofon aus.
"Wie, das war's schon?" Nun war Edmund Stoiber wirklich konsterniert. Das wollte er doch noch ausführen. Im Einzelnen. Was typisch ist. Wo also blieben die Zusatzfragen? "Wollen wir's noch mal machen?"
Den Theater-Vorwurf finden die jüngeren Politiker aller Parteien albern. Die Heuchelei war unüberhörbar, als nach dem Geständnis des saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller, dass Kanzlerkandidat Stoiber und die anderen Unionspolitiker im Bundesrat "spontane" Empörung über die umstrittene Abstimmung zum Zuwanderungsgesetz vorher verabredet und geplant hätten, ein zorniges Geschrei anhob.
Das war Theater? Na und? Ex-Kanzler Helmut Schmidt räumte jetzt ein, dass er schon vor mehr als 20 Jahren zielführend geschauspielert hat: "Manchmal müssen Sie Ihre Empörung für das Publikum inszenieren, ob mit oder ohne Fernsehen", erklärte er unlängst seiner Interviewerin Sandra Maischberger. Warum? "Zum Beispiel, um jemanden davon zu überzeugen, dass er gefälligst auch empört sein soll."
Tatsächlich waren Schmidts exakt durchstilisierte Wutausbrüche bei Wahlkampfauftritten - "Ich habe die Schnauze voll bis obenhin", pflegte er loszubrüllen, während er sich mit der Handkante die Gurgel zu zerschneiden drohte - von gleich bleibend authentischer Spontaneität, bis zu fünfmal am Tag.
Wie einst Schmidt hat heute auch Gerhard Schröder nicht die geringsten Skrupel, seine Politik zu inszenieren. Wenn der Theater-Begriff Inszenierung auf der politischen Bühne bedeutet, dass die Darstellung von bestimmten Sachverhalten auf Wirkung berechnet und symbolisch verdichtet ist - was sollte daran falsch sein? "Die Politik braucht Darstellung", sagt er, "man kann Politik nicht nur begreifen als Durchsetzung von Inhalten. Man muss sie auch begreifen als Vermittlung dessen, was man meint."
Ob andere das Show nennen, ist ihm egal. Dass Stoiber so tut, als wäre nur er echt, belustigt ihn. Denn "dass das Handeln authentisch ist", ist auch Schröder wichtig. "Die Darstellung muss was mit der Person zu tun haben, die das macht."
Keine Frage, dass Politik auf diese Weise mehr und mehr auf ihren Vordergrund verkürzt wird - auf ein chaotisches Spektakel, getragen von Haupt- und Staatskerlen, von Skandalen, Machtkämpfen und Affären. Und dass die Helden ein bisschen mächtiger wirken, als sie sind.
Staunend und ein bisschen erschrocken erkannte der PDS-Fraktionschef Gregor Gysi nach zehn Jahren im Parlament der kapitalistischen Bundesrepublik: "Politiker sind oft hilflos, ohnmächtig, überfordert."
Allerdings geständen sich die meisten die Begrenztheit ihrer Wirkungsmöglichkeiten nicht ein, ergänzte der jetzige Berliner Wirtschaftssenator. Im Gegenteil: "Politiker sind an dem trügerischen Bild, das über sie existiert, sogar interessiert."
Dabei hilft ihnen die reale Ausstattung ihres Arbeitsplatzes. Denn die Luftwaffenjets, die gepanzerten Limousinen und die Suiten in Luxushotels, die den Spitzenleuten in ihren demokratischen Ämtern ein kinohaftes Königsleben ermöglichen, sind ja keine Attrappen. Der Luxus ist der Sicherheit geschuldet und der Funktionalität des Amtes, gewiss; verführerisch ist er trotzdem. Alles signalisiert: Wichtig! Very important person!
Kann es verwundern, wenn der eine oder andere sich womöglich unersetzlich findet mit der Zeit? Stets sitzen sie in der ersten Reihe, immer wollen sie das Beste, Applaus ist ihnen sicher. Schnell haben sie rausgefunden, welche Gesten und welche Floskeln beim Publikum ankommen. Und sie werden ihrer eigenen Erfolgstiraden nie überdrüssig. Sie gefallen sich immer aufs Neue, wenn sie sich im Radio noch einmal hören oder in der "Tagesschau" sehen: Guck, da bin ich schon wieder.
Sollten sie es nicht selbst registrieren, hilft die Umgebung. "Hans-Dietrich, du bist im Fernsehen", gellte mütterliches Triumphgeschrei durch die Genscher-Villa im Bonner Vorort Pech, sobald der Außenminister während seiner Amtszeiten über den Bildschirm flimmerte.
Der Blick für die kleinen Schwierigkeiten des Alltags verliert sich, wenn einem jede Tür aufgerissen, jede Fahrkarte besorgt wird. Telefonpartner sind prompt in der Leitung. Alles scheint möglich. In der Umgebung von Macht halten alle Zerrspiegel der Täuschung bereit. Die zeigen einen öffentlichen Helden.
Für die Betroffenen ergibt das eine seltsame Diskrepanz. Auf der einen Seite wird der Spitzenpolitiker zum Prominenten schlechthin. Völlig entindividualisiert, geistert er als eine glorreiche Schablonen-Figur durch die öffentliche Landschaft, die mit einem normalen Lebewesen nicht mehr vergleichbar scheint.
"In der Politik gibst du die Souveränität über dich auf", hatte Gregor Gysi schon geahnt, bevor er in Berlin Senator wurde, "du verfügst nicht mehr über dich: nicht über dein öffentliches Bild, nicht über dein Image, nicht über deine Zeit."
Das ist so geblieben. Aber zusätzlich lernt Gysi jetzt die andere Seite kennen: Als Medienversion des Helden wird er ganz persönlich für alles haftbar gemacht, was in der Welt passiert. Er ist der, um den sich alles dreht, im Positiven wie im Negativen. Wenn die Firma Herlitz in Berlin Pleite macht, dann stehen die Arbeitslosen bei ihm vor der Tür, klagt Gysi heute, nicht bei den Banken.
Alle Handlungen und Charaktere sind auf den politischen Hauptdarsteller ausgerichtet: Er muss - möglichst mit Taten, auf jeden Fall aber mit Worten - den Dingen einen Sinn geben, Orientierung schaffen. Das ist eine Überforderung, die schmeichelt und nervt. Sie putscht die Akteure auf und deformiert sie zugleich.
"Die gesamte Gesellschaft nimmt teil an den Verletzungen", sagt Angela Merkel, "man ist sozusagen auf dem öffentlichen Markt."
6. DIE SUCHT, SICHTBAR ZU SEIN
Dem Mann, der sich aus dem Getümmel von Kameraleuten, Fotografen, Mikrofonhaltern und Mitschreibern hervorkämpfte, war vor Erregung und Bedeutung der Kopf hochrot angeschwollen. "Jetzt ist er bestimmt 2,90 Meter groß", spottete eine ARD-Korrespondentin. Jürgen Möllemann, stellvertretender FDP-Vorsitzender und gerade wegen seiner antisemitischen Wortwahl von den Führungsgremien der Partei gerügt, stürmte auf neu hinzutretende Reporter zu und fragte: "Haben Sie schon die neuesten Umfragen? Wir sind bestimmt gestiegen."
Darsteller waren Politiker immer. Auch schon vor dem Zeitalter der elektronischen Medien haben sie versucht, ihr Publikum zu erreichen, Beifall einzuheimsen und sich als glaubwürdig und überzeugend zu präsentieren. Heute, sagt der Philosoph Norbert Bolz, ersetze der Politiker als Medienstar den charismatischen Führer. Es gilt die Maxime: "Sein ist Wahrgenommenwerden." Die politische Szene stellt dafür die Requisiten und die Kulissen bereit, die in Berlin üppiger ausfallen als einst in Bonn.
Plötzlich residieren die Politiker der Bundesrepublik hinter mächtigen Mauern, schreiten über weit schwingende Treppen, wandeln durch hehre Hallen und speisen in hohen Bankettsälen.
Wenn der grüne Bundestagsabgeordnete Joschka Fischer früher in seine hessischen Wahlveranstaltungen latschte, dann war er einfach da. "Tach, Joschka." Gerhard Schröder ließ noch 1998, als er schon acht Jahre Ministerpräsident von Niedersachsen war, den Dienstwagen weit vor den Kundgebungshallen halten: "Wir fahren nicht vor, wir kommen."
Jetzt wird Außenminister Fischer von vier kraftstrotzenden Sicherheitsbeamten, deren Mäntel kinoreif im Wind wehen, triumphal ins Frankfurter Gerichtsgebäude geleitet, wenn er als Zeuge aussagt. Und Kanzler Schröder pflegt mehrmals täglich aus dem gepanzerten Dienstwagen zu federn, dessen Tür sein Fahrer aufreißt, um die Hand zum Gruß zu recken, wenn nicht gar beide.
Immer zucken Fotoblitze, immer surren Kameras in einem Pulk von Journalisten, die - von den Sicherheitsleuten gedrückt - rückwärts vor den Heroen der Politik dahinstolpern. Das Publikum kriegt weder das Gedrängel mit noch die Regenschirme, die den Kanzler trocken halten, noch die Scheinwerfer, die sein Gesicht in einen rembrandtschen Lichtschimmer tauchen. Abends sieht es auf den heimischen Bildschirmen so aus, als bummelte ein entspannter Staatsmann lächelnd zu seiner Arbeitsstätte, hier eine Autogrammkarte signierend, dort ein paar Hände schüttelnd - Politik macht Spaß.
Aus diesen Bildern erwächst Macht. Der Politiker wird zum Popstar, nicht notwendig zum Idol, aber zum Vertrauten und Nachbarn, dem man ansieht, dass er zugenommen hat, und auch, wann er schwindelt. Die Wähler freunden sich mit ihm an, sehen, wie er schwitzt, wie die Mundwinkel zucken, die Oberlippe zittert, sobald er unter Druck ist. Dann leiden sie mit. Und sie freuen sich bei seinen Erfolgen.
Die Erfolgskette ist simpel: Bilder fügen sich zum Image. Das Image bringt Stimmen. Die Stimmen öffnen die Türen zu Ämtern - fertig ist die Macht. Das gilt für Angela Merkel wie für Manfred Stolpe, für Rezzo Schlauch wie für Edmund Stoiber.
Alle wollen sie bemerkt und gemocht werden, am Ende natürlich gewählt. Das Fernsehen habe die Politik nicht nur deshalb so tief greifend verändert, glaubt Altkanzler Helmut Schmidt, weil es die Politiker zur Oberflächlichkeit verführt: "Es macht sie auch sympathiesüchtig."
Die Versuchung zum Opportunismus, ohnehin immer eine Gefahr für die demokratisch gewählten Vertreter des Volkes, werde übermächtig. Schmidt: "In der Demokratie werden sie nämlich nur gewählt, wenn sie sich ausreichend angenehm machen." Das heißt: Der Politiker sagt, was er glaubt, dass seine Zuhörer es denken. Vor allem sagt er nicht, was sie nicht hören wollen.
In diesem Zusammenspiel zwischen dem Volk und seinen gewählten Vertretern wird die Suchtgefahr am deutlichsten - die Wähler werden zu Co's, wie es in der Therapiesprache heißt, zu Komplizen der von sich selbst und ihren Privilegien Berauschten, die ihnen zum Dank die Welt schönreden.
Es geht um Wirklichkeit. Die krasse Realität ist für niemanden uneingeschränkt erfreulich. Für den Politiker aber, der gewählt wird, um den Bürgern ein möglichst erfreuliches Leben zu gestalten oder wenigstens vorzugaukeln, ist eine verunsichernde Realität besonders bedrohlich. Also versucht er sie zu schönen: Ängste zu leugnen, Störungen abzuwehren und sich selbst zu bestätigen.
Tatsächlich pflegt die Mehrheit ihre Amtsinhaber ausdrücklich zu diesem Zweck zu wählen, glauben die Wirtschaftswissenschaftler Guy Kirsch und Klaus Mackscheidt. Mit ihrer Deutungsmacht sollen sie ihnen die Ängste vertreiben und die Wünsche als realisierbar erscheinen lassen.
Edmund Stoiber hat im SPIEGEL diese Art der Beruhigungspolitik "konservativ" genannt. Stoiber: "Konservativ bedeutet für mich auch, die Wirklichkeit als Wirklichkeit anzuerkennen. Wir müssen bereit sein, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, und müssen aufhören, sie verformen zu wollen."
Das ist geradezu die Verewigung der Reformstaus: Nur nichts ändern; nicht die Wirklichkeit und nicht die Sicht auf sie. Gerhard Schröder würde mit gleichen Argumenten, die er aber sozial nennen würde statt konservativ, den Status quo mittels einer Neuen Mitte garantieren.
Dienstleistungspolitiker sind sie beide. Sie machen aus Tatsachen Ansichtssachen, ersetzen durch symbolische Politik, was an Handlungen unterbleibt. Verändert werden soll weniger die äußere Welt, sagt der Soziologe Claus Offe, "als das Bild, das wir uns von ihr machen, und die Erwartungen, die wir an sie richten". Macht hat, wessen Wirklichkeitsversion von der Mehrheit der Wähler geteilt wird.
Im Idealfall könnten Politiker ihren Wählern natürlich zumuten, das Störende zu akzeptieren, das wäre staatsmännisch. Im schlimmsten Fall lenken sie die Wut ihrer Klientel auf Sündenböcke. Das wäre Demagogie. Im Normalfall aber rühren Politiker nicht an Themen, die den Leuten Einsichten oder Einbußen abverlangen.
Immer häufiger entwickelt sich so eine wechselseitige Manipulation, mit der sich Politiker und Wähler in ihrer Gemütsruhe bestätigen. Der Amtsinhaber erkundet ihre Ängste und Wünsche. Und er macht ihnen klar, dass er sie teilt. Sie spiegeln sich in seinen Auftritten. Das von ärgerlichen und Furcht erregenden Realitätsaspekten bereinigte Bild der Welt wird verfestigt und gegen alle Zweifel und Veränderungen verteidigt.
Der Kommunikationszusammenhang ist eng und sehr labil. Wolfgang Schäuble hat es zu spüren bekommen, als er sich im Machtkampf mit Helmut Kohl vor zwei Jahren um seine Glaubwürdigkeit gebracht sah. Damals, sagt er heute, habe er sich mit Ausstiegsgedanken getragen.
Einmal mehr war Schäuble, den die Kugel eines Attentäters vor zwölf Jahren in den Rollstuhl zwang, ganz auf sich allein zurückgeworfen. Seine Einsamkeit war sichtbarer als bei jedem anderen.
Denn solange er noch regierte, hatte der schmächtige CDU-Chef ein besonders eindrucksvolles Symbolbild der Macht abgegeben, wenn er im Rollstuhl, von Sicherheitsrecken umstellt, in eine Parteikundgebungshalle rollte. Dann zielten die Kameras auf ein langsam durch den Saal wogendes Gewusel, aus dem Blitzlichter zuckten. Mittendrin ein schwarzes Loch, das IHN verbarg - den Star des Abends, Wolfgang Schäuble. Wenn dann der Menschenknubbel auf der Bühne ankam und die Bodyguards zur Seite traten, war das wie die Enthüllung einer Ikone. Der Beifall überschlug sich.
Einen Tag nach der Wahlniederlage 1998 aber stand Schäuble minutenlang unbeachtet und schweigend hinter Theo Waigel im Bierkeller der bayerischen Vertretung in Bonn. Keiner begrüßte ihn. Keiner schien ihn wahrzunehmen. Er war allein gekommen und galt nichts mehr.
Das war ein Vorgeschmack auf die Rolle des Verlierers, die ihn auf dem Parteitag in Erfurt im April 1999 voll einholte. Obwohl gewählter CDU-Parteichef, wurde Schäuble, der "mit möglichst wenig Gedränge und Aufhebens" zum geselligen Abend zu gelangen versuchte, dort von seinem noch immer machtprallen Vorgänger Helmut Kohl rücksichtslos ins Abseits gedrängt.
Auf den "Altbundeskanzler" stürzten sich die Kameraleute und Reporter, er gab jovial-lärmend den Chef. "Für Inszenierungen", resümierte Schäuble in seinem Buch "Mitten im Leben" bitter, "war ich also ungeeignet, und auf Verständnis in der Öffentlichkeit konnte nicht gehofft werden, wenn schon diejenigen, die es wissen mussten, keine Rücksicht nahmen."
Das fand er schon schlimm genug. "Die eigentliche Kränkung" aber sei gewesen, dass ihm ganz normale Leute signalisierten, sie könnten ihm nicht mehr glauben. "Und ohne die Wertschätzung der Menschen kann ich keine Politik machen."
Das hat sich wieder eingerenkt.
Entspannt blinzelt Wolfgang Schäuble in seinem neuen Arbeitszimmer mit Blick auf den Reichstag in die Sonne. Wenn die Union die Wahl gewinnt, ist er wieder im Geschäft; die Aussichten versetzen ihn nicht in helle Aufregung.
Gewiss, für einen im Rollstuhl bedeutet Politik vermutlich mehr als für andere. Auch sei ihm die Leidenschaft dafür geblieben. Dennoch glaubt der CDU-Veteran: "Es wäre nicht so arg schwierig geworden, was anderes zu machen."
7. "DIES IST DAS LETZTE MAL ..."
In den Erinnerungen der Alten klingt es wie Literatur. "Wer von der Politik einmal gegessen hat, der möchte immer mehr und mehr", hatte 1963 Konrad Adenauer einer Gruppe japanischer Besucher anvertraut, als seine eigene Fraktion ihm nicht mehr folgte. Resigniert fügte er hinzu: "Die Politik kann zum Laster werden, wenn man sich ihr zu sehr ergibt."
Otto von Bismarck nannte Politik "eine Leidenschaft", eine zerstörerische freilich, die alle übrigen Teile der Persönlichkeit aufzehrt. Dem Alten vom Sachsenwald spiegelten die Forellen in seinen Fischteichen das politische Leben: "Eine frisst die andere auf, bis nur mehr eine dicke alte Forelle übrig bleibt. Bei mir hat im Laufe der Zeit die Leidenschaft zur Politik alle anderen Leidenschaften aufgefressen."
Zum Verhalten der Politiker heute fehlt der romanhafte Abstand.
Aber nicht nur deshalb gingen den quälenden und kläglichen Schauspielen, die Helmut Kohl, Klaus Landowsky, Eberhard Diepgen und Kurt Biedenkopf der Öffentlichkeit in den vergangenen Monaten zumuteten, jeder Anhauch von Größe und Tragik ab. Als "Kamikaze-Abschiede von der Macht" hat Evelyn Roll in der "Süddeutschen Zeitung" diese Unfähigkeit zum Loslassen charakterisiert. Ihr Urteil: kompletter Realitätsverlust. Peter Gauweiler fand: "Wie sich manche Kollegen an ihre Ämter klammern, das hat etwas Selbstzerstörerisches."
Ans Rednerpult im Dresdner Landtag trat der 72-jährige Ministerpräsident Biedenkopf, den sie "König Kurt" nannten in Sachsen, im April noch mit Haltung. Seine Frau Ingrid hatte versucht, ihm den Rücken zu stärken: "Wenn wir die Tür hinter uns zumachen, können uns alle mal kreuzweise."
Doch mit dem Beginn seiner Abschiedsrede endete die Fassung. Wut und Selbstmitleid übermannten ihn. Die Stimme rutschte dem Scheidenden weg, als er sagte: "Dies ist das letzte Mal ..."
Keine zwei Jahre war es her, da hatte Biedenkopf der Journalistin Roll erklärt, "woher die irrationale Unfähigkeit zum Loslassen komme, mit der Altkanzler Helmut Kohl seine furiose Selbstdemontage durch illegale Parteispenden in Szene setzte".
Der habe nun einmal seit seinem 15. Geburtstag ein Leben geführt, das auf nichts anderes als auf die Eroberung von formalen Machtpositionen ausgerichtet war. Und nun könne er eben nicht mehr existieren ohne Macht. Das sei wie eine Sucht.
Dann hatte Biedenkopf, so Evelyn Roll, von seinem Vater erzählt, dem Ingenieur und Vorstand eines Chemieunternehmens, der fast gestorben wäre, als er mit 67 Jahren in Pension geschickt wurde und nicht wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Der Sohn Kurt habe damals ein für alle Mal kapiert, was das Klammern an Macht und Position bedeutet.
Drei Monate später zeigte Biedenkopf die gleiche Halsstarrigkeit, die er an Kohl kritisiert hatte: "Wie bekommt man den Altbauern dazu, sich endgültig aufs Altenteil zurückzuziehen?" Biedenkopfs Realitätsverweigerungsprogramm hieß: "Meine Sachsen sehen das anders." Und: "An meinem Stuhl sägt niemand."
Den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik zu finden ist - das hatten ostdeutsche Politikneulinge wie Angela Merkel und Wolfgang Thierse schnell gelernt - für die seelische Gesundheit von höchster Bedeutung: "Ich will kein halbtotes Wrack sein, wenn ich aus der Politik aussteige", sagte Merkel schon, bevor sie richtig drin war. Thierse hämmerte sich ein: "Man muss ohne die Wichtigkeitsdrogen auskommen können." Er hat als Bundestagspräsident auf seine Dienstvilla verzichtet und ist auf dem Prenzlauer Berg wohnen geblieben, um sich wenigstens einen Restbestand von Bodenständigkeit zu erhalten, auf den er sich zur Not zurückretten kann.
Alle, die ganz ausscheiden müssen aus dem Spiel um die Macht, brauchen Monate, um mit dem Schock fertig zu werden, wenn sie ihn überhaupt je verwinden. Ob die Ministerpräsidenten Gerhard Glogowski in Niedersachsen oder Max Streibl in Bayern, ob die Bundesminister Reinhard Klimmt, Karl-Heinz Funke oder Andrea Fischer, ob SPD-Parteichef Oskar Lafontaine oder Gewerkschaftsboss Franz Steinkühler - eine existenzielle Kränkung ist der Abschied von der Macht allemal, für viele eine schicksalhafte Niederlage.
"Der Rücktritt war der tiefste Einschnitt in meinem Leben", hat Ex-IG-Metall-Chef Steinkühler im Berliner "Tagesspiegel" bekannt, sechs Jahre nachdem er "plötzlich von 100 auf null abgebremst" wurde, weil ihm unkeusche Geldgeschäfte nachgesagt wurden. Steinkühler: "Ich bin daran beinahe kaputtgegangen."
Man kann es den Machtsüchtigen ansehen, wenn sie in den Entzug geraten. Es ist, als wäre ein Licht in ihnen ausgeschaltet. Resignation, Hilflosigkeit und eine verheerende Lebensunsicherheit raubt den einst Mächtigen ihre Ausstrahlung.
Wie plötzlich das geschehen kann, wurde dem Fernsehvolk am 24. November 1999 drastisch vorgeführt, als der Fraktionsführer der SPD im Bundestag, Peter Struck, die CDU heftig wegen der ungeklärten Parteifinanzierung attackierte. Gravitätisch erhob sich da in der zweiten Reihe des Plenums, mit der ganzen Macht seiner Persönlichkeit und der Wucht seiner historischen Gestalt, Altbundeskanzler Helmut Kohl, um den frechen Redner mittels einer als Zwischenfrage getarnten Rüge zu bremsen.
Mit schneidender, Respekt heischender Stimme sagte er: "Herr Abgeordneter, Sie wissen doch so gut wie ich, dass dies nicht eine Situation ist, um die Fragen, die Sie stellen, zu beantworten, und über die Behauptungen, die Sie aufstellen, zu debattieren."
Es war der Ton mehr als der Inhalt, der große Unruhe bei der SPD auslöste. Widerspruch prasselte von allen Seiten, empörte Zwischenrufer griffen den Ex-Kanzler an. Herrisch donnerte der in den Saal: "Das kann in der Art und Weise, wie hier verleumdet wird, nicht stattfinden. Ob Sie das wollen oder nicht. Sie können hier mit Niederbrüllen gar nichts erreichen."
Einen Augenblick lang breitete sich Schweigen aus im Reichstag. Dann prusteten die Abgeordneten los. SPD, PDS und Grüne lachten aus vollem Halse. Es war, als hätte Kohl seinen eigenen Bann gebrochen.
Da stand er wie ein Kanzlerdenkmal, redete wie eine Sagenfigur aus dem Kyffhäuser und war doch in Wahrheit nur noch ein ertappter Abgeordneter, der sein Fehlverhalten pathetisch zu vertuschen suchte. Er trat auf, als verfügte er noch über die Legitimation des Amtes und den Respekt des Volkes. Doch das Fernsehen enttarnte ihn als Hochstapler.

Politiker gehören zu den Schlusslichtern jeder Berufsprestige-Skala, nur Gewerkschaftsführer und Buchhändler rangieren hinter ihnen.

Die politische Klasse tritt auf, als wollte sie alle Stammtisch-Parolen bestätigen, die Politik als schmutziges Geschäft verunglimpfen, das den Charakter verdirbt.

"Man muss sich von der Berufspolitik entwöhnen. Genauso wie man sich von Alkohol und Nikotin entwöhnen muss."

"Jeder, der Erfolg hat, wird Gegner hinterlassen, Enttäuschungen produzieren, auch Wut. Dann heißt es, er geht über Leichen."

Neulinge kommen mit Idealen und Dynamik in die Hauptstadt. Doch bald wird ihnen klar, dass ihre Vorgänger das Terrain fest im Griff haben.

Was eigentlich die Macht ist, die sie so hartnäckig angestrebt haben, wissen am Ende die wenigsten konkret zu beschreiben.

Politiker gefallen sich immer aufs Neue, wenn sie sich in der "Tagesschau" sehen: Guck, da bin ich schon wieder.

Der Politiker sagt, was er glaubt, dass seine Zuhörer es denken. Vor allem sagt er nicht, was sie nicht hören wollen.

Otto von Bismarck nannte Politik "eine Leidenschaft", eine zerstörerische freilich, die alle übrigen Teile der Persönlichkeit aufzehrt.

Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 24/2002
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