10.06.2002

KONZERNE„Der größte Feind ist die Zeit“

Die Manager des maroden TV-Riesen KirchMedia drücken aufs Tempo: Am Mittwoch soll das Insolvenzverfahren offiziell eröffnet werden. Commerzbank, WAZ-Gruppe und Columbia wollen gemeinsam als Bieter auftreten. Doch was ist Kirchs begehrter Filmstock wirklich wert?
Bis zu diesem Dienstag konzentrieren sich die Zukunftsträume internationaler Medienmanager in einem kleinen Briefkasten in der Londoner Innenstadt. Dort, schräg gegenüber der Bahnstation Liverpool Street, hat das Bankhaus UBS Warburg seinen Sitz. Und an die Adresse der Investmentbank müssen sich bis Dienstag all diejenigen wenden, die auf dem deutschen Medienmarkt ein ganz besonderes Erbe antreten wollen - das des Medienpleitiers Leo Kirch.
So steht es in einem höchst vertraulichen Papier ("Strictly Private and Confidential"), das seit gut einer Woche in den Führungsetagen von rund 60 Banken, Kanzleien und Medienkonzernen kursiert und mit dem das Bankhaus im Auftrag der neuen Kirch-Manager möglichen Investoren den Einstieg in Kirchs ehemalige Kernfirma schmackhaft machen will.
In ihrem "Expression of Interest", so das Papier, müssen Bewerber ihre Strategien und Konzepte offenbaren - und natürlich einen "Überblick über die Ressourcen" mitliefern, die sie in eine noch zu gründende Auffanggesellschaft mit dem Arbeitstitel "NewCo" investieren wollen.
Dass die Empfänger des 44-seitigen Prospekts, darunter Konzerne wie AOL Time Warner, nur wenige Tage Zeit haben, um den acht Punkte umfassenden Anforderungskatalog zu beantworten, hat seinen Grund: Den Kirch-Geschäftsführern Hans-Joachim Ziems und Wolfgang van Betteray drohen die Felle davonzuschwimmen.
Jeder Tag, der ohne eine Lösung für das bislang nur vorläufig insolvente Unternehmen vergeht, schmälert die Chancen einer Wiederauferstehung des Medienhauses, dessen wesentliche Bestandteile (Film- und Sportrechtehandel sowie die Mehrheit an der ProSiebenSat.1 Media AG) auch künftig zusammengehalten werden sollen.
Das jedenfalls ist der Kern eines gerade fertig gestellten zweiten Papiers, mit dem sich die Medienlaien Ziems und van Betteray von der Unternehmensberatung Roland Berger auf 106 Seiten über das "Grobkonzept" einer tragfähigen künftigen KirchMedia aufklären lassen.
Auch die Berater schlagen eine Auffanggesellschaft vor, die "KirchMedia-Gruppe 2.0" hei-ßen soll, als wäre der neue Unterhaltungskonzern eine verbesserte Software-Version. Neben den Bereichen Film, Sport und der Sendergruppe ProSiebenSat.1 soll darin auch das Deutsche Sportfernsehen enthalten sein - allerdings nur, wenn die umkämpften Bundesliga-Rechte im Unternehmen bleiben.
Außen vor blieben in dem neu konfektionierten Unternehmen weite Teile der bisherigen Produktionssparte und der Bereich "technischer Dienstleistungen". Zudem sieht das Gutachten einen weiteren, einschneidenden Personalabbau vor. Auf diese Weise sei das Unternehmen schnell profitabel zu machen, resümieren die Berger-Berater: Schon bis zum Jahr 2003 sei mit "Ergebnisverbesserungen in den fortgeführten Bereichen von rund 50 Millionen Euro" zu rechnen. Ab 2003 gehen sie gar von einem Umsatzwachstum von rund 20 Prozent pro Jahr aus.
Die Berger-Truppe drängt zur Eile: Voraussetzung sei, dass die KirchMedia 2.0 "schnellstmöglich" etabliert werde.
Mit Hochdruck hat der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffé deshalb seine Bewertung des Unternehmens abgeschlossen und damit die Voraussetzung geschaffen für den nächsten Schritt im Dauerdrama Kirch: Die Einleitung des offiziellen Insolvenzverfahrens - mit dem Insider bereits für diesen Mittwoch rechnen.
"Der größte Feind des Insolvenzverfahrens ist die Zeit", erklärt Kirch-Manager Ziems die plötzliche Hast. "Der Druck wächst von Tag zu Tag." Schon seit einem halben Jahr herrsche bei dem Medien-Handelshaus ein gewisser Stillstand - mit immer fataleren Folgen. Rechtenachschub, Lizenzverkäufe, Produktionsaufträge - alles stockt.
Nur eines geht ungebremst weiter: die Flucht frustrierter Mitarbeiter, die das Unternehmen wegen der unsicheren Perspektiven verlassen. Eine Zwischenfinanzierung von 100 Millionen Euro reicht laut Ziems nur noch "etwa bis Ende Juli. Wir brauchen dringend eine schnelle Lösung, um für unsere Partner, Investoren und Mitarbeiter wieder interessant und geschäftsfähig zu sein". Wenn nicht bald etwas passiere, sei "das Unternehmen leer, dann sind seine inneren Werte zerstört, das darf nicht sein".
Unabhängig vom Versand der UBS-Prospekte haben Ziems und van Betteray deshalb längst versucht, aussichtsreiche Bewerber auszuloten. Offenbar mit Erfolg.
Am vergangenen Freitag präsentierten Roland-Berger-Berater ihre Ergebnisse in der Frankfurter Commerzbank-Zentrale ersten Interessenten. Bei dem Bieter-Konsortium handelt es sich nach SPIEGEL-Informationen neben der Bank selbst um die Essener Verlagsgruppe WAZ sowie das Hollywood-Studio Columbia TriStar. Am Dienstag will der Vorstand der Commerzbank über ein Angebot entscheiden.
Die Konstellation ist nicht ohne Pikanterie: Ziems und van Betteray sind auch auf Empfehlung der Commerzbank zu ihren Top-Posten bei Kirch gekommen; Ziems ist zudem Commerzbank-Aktionär und war einst im Umfeld der dubiosen Investorengruppe Cobra aktiv.
Der Manager will die Zusammensetzung der Bietergruppe nicht kommentieren, bestätigt aber "konkrete Gespräche in einem fortgeschrittenen Stadium" - wenn den Unternehmen bei Lektüre des UBS-Papiers nicht noch die Lust vergeht.
Obwohl sich die Banker bei ihrer "vorläufigen Zusammenfassung" ausdrücklich auf Angaben aus dem Unternehmen selbst verlassen und auch wenn wichtige Kennziffern wie das Jahresergebnis für 2001 gänzlich fehlen - in vielen Bereichen präsentiert das Papier ein eher tristes Bild.
Das gilt besonders für Kirchs sagenumwobenes Filmlager, bei dessen Bewertung die Interessenten nach Eigenauskunft der KirchMedia wohl erhebliche Abstriche machen müssen. Gerade mal 122 der insgesamt rund 9800 in den Unterföhringer Kühlräumen lagernden Spielfilme rangieren demnach in der höchsten Klasse "Mega 1" - darunter verstehen die Banker Filme, die bereits "außerordentlich erfolgreich" gelaufen sind und "maximale Reichweiten im Free-TV" versprechen - wie "The Sixth Sense" mit Bruce Willis oder die "Asterix"-Reihe.
Mehr als zwei Drittel der Kirch-Spielfilme fallen indes in die Kategorien "B", "C" oder drunter und sind damit nur jenseits der Hauptsendezeiten brauchbar. 1913 Werke gelten in der Kategorie "Z-Films" als "derzeit gar nicht lizenzierbar". Auch bei den rund 1450 TV-Movies überwiegt das Mittelmaß, hier sind die Verwertungsaussichten gar bei drei Viertel der Ware "durchschnittlich" bis "fragwürdig".
Für die Zeit nach der Eröffnung der Insolvenz sieht aber auch UBS Warburg erhebliche Chancen. Die Bewerber könnten davon ausgehen, mit den "derzeitigen Verpflichtungen der KirchMedia" nichts mehr zu tun zu haben. Die langfristigen, hoch dotierten Verträge mit den Hollywood-Studios wären sie damit genauso los wie andere Altlasten, etwa die zahllosen ungünstigen Kontrakte mit anderen Unternehmen aus dem Kirch-Imperium.
Kirch-Manager Ziems gibt sich optimistisch, der bald anstehenden Gläubigerversammlung zustimmungsfähige Angebote machen zu können. "Es gibt Chancen, dass das Thema Ende Juli bis Mitte August erledigt ist" - und damit auch sein Job als Interims-Manager.
Für ARD-Chef Fritz Pleitgen, der gerade in Sapporo weilt, kann dieser Tag nicht früh genug kommen. Ende voriger Woche eskalierte zwischen ihm und Ziems noch einmal der Streit um die TV-Rechte an der aktuellen Fußball-Weltmeisterschaft. Bei Eröffnung der Insolvenz, hatte Ziems mehrfach gedroht, könne ARD und ZDF der totale Ballverlust drohen: Ausgerechnet vom Achtelfinale an, wenn es bei der WM so richtig spannend wird, würden die Anstalten keine Bilder aus Japan und Korea mehr bekommen - ein Horrorszenario für Pleitgen und seine Intendantenkollegen.
Es handle sich dabei, rechtfertigte sich Ziems, "nicht um eine Drohung, sondern um eine Feststellung", das Insolvenzrecht lasse ihm keine Wahl. Der Verwalter müsse im Interesse der Gläubiger entscheiden. Und in diesem Fall, so Ziems, sei es rechtlich zwingend, die WM erneut zu verkaufen.
Das sei "fast schon Hehlerei" schimpfte Pleitgen am Freitag früh noch aus Japan und appellierte eindringlich an die deutsche Medienpolitik. Bei einer nachmittäglichen Schaltkonferenz votierten seine Intendanten-Kollegen dann aber für eine Einigung: Danach wird der WM-Vertrag nun doch auf eine Schweizer Kirch-Tochter transferiert und somit insolvenzsicher gemacht.
Pleitgen nutzt derweil seinen Japan-Aufenthalt, um bei Fifa-Chef Joseph ("Sepp") Blatter dafür zu werben, dass ARD und ZDF bei der WM 2006 wieder alle 64 Spiele zeigen können und nicht nur 24 wie beim aktuellen Turnier. Zurück in Deutschland will er sich mit seinen Kollegen für eine Lösung wie in England stark machen.
Dort ist seit 1996 gesetzlich geregelt, dass alle WM-Spiele im frei empfangbaren Fernsehen laufen müssen, in Deutschland gilt die Regelung bislang für maximal zehn WM-Partien. Falls der Vorstoß gelinge, sei die ARD bereit, in die Verträge mit der Fifa einzutreten und auch RTL und Sat.1 an den Spielen "zum Einkaufspreis" zu beteiligen: "Wir müssen alles dafür tun", so Pleitgen, "dass sich die absurden Verhältnisse aus diesem Jahr nicht wiederholen." MARCEL ROSENBACH
Insg. 122 Filme
Von Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 24/2002
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