10.06.2002

NAHOSTArafat vor der Verbannung?

In Israel wird nach dem jüngsten Terroranschlag auf einen Linienbus, bei dem am vergangenen Mittwoch 17 Israelis starben, eine Verbannung Jassir Arafats aus den Palästinenser-Gebieten nicht mehr ausgeschlossen. Premier Ariel Scharon will US-Präsident George W. Bush diesen Montag in Washington davon überzeugen, dass sein Erzfeind aus dem Weg geschafft werden müsse. Der israelische Geheimdienst feilt inzwischen an Plänen, wie der PLO-Chef ins Exil gebracht werden könnte. Nach einem der Szenarien würde eine Eliteeinheit nachts in Arafats Hauptquartier eindringen, den Palästinenser-Präsidenten zu einem wartenden Hubschrauber schleppen und ausfliegen, etwa in den benachbarten Libanon. "Wir würden ihm dabei kein Haar krümmen", beteuern Sicherheitskreise.
Bisher lehnten die Geheimdienste eine Ausweisung Arafats strikt ab. Die Risiken seien zu groß, warnen sie Scharon. So könnte etwa ein Vergeltungsschlag der Hisbollah drohen, deren Raketen bis Haifa reichen, sowie eine neue Terrorwelle. Ägypten und Jordanien gerieten aus Solidarität mit den Palästinensern unter Druck, ihre Beziehungen zu Israel abzubrechen. "Doch mit jedem Toten wachsen die Argumente für eine Verbannung", heißt es nun. "Innerhalb der nächsten sechs Monate" könne der Punkt erreicht sein, "an dem wir den Nutzen für höher einschätzen als die Risiken". Auch Palästinenser sehen den Sturm auf Arafats Hauptquartier vergangene Woche in Ramallah als "letzte Warnung" Scharons. Der Premier muss jedoch den richtigen Zeitpunkt abwarten, etwa eine Welle internationaler Empörung nach einem weiteren Anschlag.
Einen möglicherweise folgenden Machtkampf bei den Palästinensern halten Geheimdienstexperten jedoch für kontrollierbar. Bush, der Scharon bisher zurückhielt, scheint noch unentschlossen. Der US-Präsident fürchtet den Aufruhr in der arabischen Welt. "Wir sehen bereits amerikanische Botschaften brennen", so ein Diplomat. Aber die Ungeduld des Präsidenten, der Arafat verabscheut, wachse. "Bush kann Scharon immer besser verstehen." Klar ist, dass Arafat wohl kaum mehr freiwillig ins Ausland reisen wird. Ein Sicherheitsberater: "Die Entscheidung steht: Sobald Arafat fährt, wird er den Boden Palästinas nie wieder betreten."

DER SPIEGEL 24/2002
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