10.06.2002

BURMA„Noch Hunderte sitzen in Gefängnissen“

Burmas Freiheitsheldin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, 56, über ihre Freilassung, den Dialog mit der Militärjunta und ausländische Wirtschaftssanktionen
SPIEGEL: Nach über 19 Monaten Hausarrest kamen Sie im Mai frei. Doch die angekündigten politischen Verhandlungen über die Zukunft des Landes scheinen nicht in Gang zu kommen. Mauern die Generäle schon wieder?
Suu Kyi: Dass wir im Laufe der vergangenen vier Wochen keine formellen Gespräche geführt haben, bedeutet nicht, dass die Gespräche mit der Junta zum Erliegen gekommen sind. Meine Partei ist gegenwärtig sehr aktiv. Doch richtig ist: Je schneller wir Verhandlungen aufnehmen, desto besser. Es gilt sehr viele Probleme zu lösen.
SPIEGEL: Wie schätzen Sie die Menschenrechtssituation ein?
Suu Kyi: Wir sehen eine geringfügige Verbesserung. Es wurden ein paar politische Gefangene entlassen, viele sind aber noch in Haft. Unsere Hauptforderung ist deshalb die Freilassung aller politischen Häftlinge. Das hat oberste Priorität bei den Gesprächen.
SPIEGEL: Wie viele sind noch inhaftiert?
Suu Kyi: Es herrscht gegenwärtig Unklarheit über die genaue Anzahl. Doch wir gehen davon aus, dass noch Hunderte politische Gefangene in den Gefängnissen sitzen.
SPIEGEL: Wie steht es um Ihre persönliche Freiheit? Können Sie wieder reisen und Ihre zerschlagene Partei, die Nationale Liga für Demokratie, aufbauen?
Suu Kyi: Das müssen wir erst herausfinden. Bisher habe ich die Hauptstadt Rangun noch nicht verlassen. Hier konnte ich ungehindert die Büros der NLD aufsuchen. Ob mir auch außerhalb Ranguns Reisefreiheit gewährt wird, werde ich in den nächsten Tagen erfahren.
SPIEGEL: Wirtschaftssanktionen der EU und der USA haben dem Regime schwer zugesetzt, aber auch das Land weit zurückgeworfen. Sollten diese Sanktionen jetzt eingestellt werden?
Suu Kyi: Nein. Zu Fragen des Boykotts ändern wir unsere politische Richtung vorerst nicht. Dazu müssen die Gespräche mit den Generälen erst mal zu einem klaren Ergebnis geführt haben.
SPIEGEL: Sie haben für den Freiheitskampf Ihres Landes persönlich viel gegeben. Seit Jahren konnten Ihre beiden Söhne Sie nicht mehr besuchen. Ihr Mann starb an Krebs, ohne dass Sie ihn noch einmal sehen konnten. Woher nehmen Sie die Kraft?
Suu Kyi: Ich bin eine gläubige Buddhistin. Doch ist es nicht nur die Frage, wie Aung San Suu Kyi damit umgeht. Viele Burmesen sind in einer weitaus schwereren Lage als ich. Aber wir alle stehen zusammen, weil wir für ein gemeinsames Ziel kämpfen: für Freiheit und Demokratie.

DER SPIEGEL 24/2002
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