10.06.2002

KASCHMIRRinger auf hohem Felsen

Zwei Szenarien hat Indien für einen Angriff auf Pakistan entwickelt: die eher vorsichtige „Operation Salami“ und die „Operation PoK Chop“, eine Attacke mit konventionellen Waffen. Sie erhöht aber das Risiko, dass General Musharraf im Notfall die atomare Keule schwingt.
Vor seinem Stand am Connaught Circus im Herzen Neu-Delhis hat der Zeitungsverkäufer Manoj Jain, 20, eine beunruhigende Presseschau aufge-fächert: Tageszeitungen mit kriegslüsternen Schlagzeilen liegen auf dem Bürgersteig aus und Magazine, deren flammende Titelbilder ein nukleares Armageddon heraufbeschwören.
"Natürlich ist mir klar, dass Atombomben ganze Städte ausradieren können", sagt Jain und blickt besorgt nach oben. Dunkle Wolken ballen sich am Himmel, Vorboten des Monsuns. "Trotzdem sollte unsere Regierung Pakistan angreifen. Wenn nicht jetzt, wann bitte dann?"
Jain reibt einen dicken Regentropfen von einem Heft, das mit Explosionen und Feuersbrünsten illustriert ist. Und sein 18jähriger Freund Nasib ergänzt: "Hineinmarschieren und Pakistan verbrennen, das ist der einzige Weg."
So reden viele Inder dieser Tage. Doch nur den wenigsten ist die Tragweite dessen klar, was sie da lauthals fordern.
Vier Jahrzehnte nach der Kuba-Krise stehen wieder zwei Staaten an der Schwelle zum Atomkrieg. Ihre Triebfedern sind nationalistisches Prestigedenken, ewiger Bruderzwist, wechselseitiger Hass der Eliten, religiöse Ressentiments und Gebietsansprüche in Kaschmir. Letztlich geht es um die Dominanz in der ganzen südasiatischen Region.
Die Inder fühlen sich unablässig durch muslimische Separatisten provoziert, die im indischen Kaschmir operieren, bis vor kurzem mit Rückendeckung aus Islamabad. Sie verlangen, dass die Regierung Pervez Musharraf dieser Infiltration einen Riegel vorschiebt, und sie erwarten außerdem die Auflösung der etwa 70 Trainingscamps im von Pakistan besetzten Teil Kaschmirs (PoK), ein entschlossenes Vorgehen gegen 3000 angeblich einmarschbereite "Terroristen" sowie die Auslieferung von 20 mutmaßlichen Gewalttätern.
Indien kann diesem Katalog maximalen Nachdruck verleihen. Die drittstärkste Armee der Welt ist der pakistanischen in allen Belangen weit überlegen - nur nicht im entscheidenden nuklearen Bereich. Musharraf hat deshalb zwar versprochen, dass keine Islamisten-Kommandos mehr auf indisches Territorium eindringen werden, aber er droht für den Notfall auch unverhohlen mit dem atomaren Erstschlag.
Seit der Teilung Britisch-Indiens 1947 sind Pakistan und Indien "ineinander verkeilt wie zwei alte Ringer, die auf einem hohen Felsen miteinander kämpfen und dem Abgrund immer näher kommen", schreibt der in Bombay geborene Autor Salman Rushdie in der "New York Times". Daheim rätselt seine Kollegin Arundhati Roy, warum Männer geduldet werden, "die Nuklearwaffen verwenden, um die ganze Menschheit zu erpressen".
Die Frage ist vor allem, wer sie noch bremsen kann.
Anfang voriger Woche versuchten es der Russe Wladimir Putin und der Chinese Jiang Zemin auf einer Asien-Konferenz in Almaty (Kasachstan). Indiens Premier Atal Behari Vajpayee weigerte sich, mit Musharraf zu reden, regte aber gemeinsame Patrouillen entlang der Waffenstillstandslinie durch Kaschmirs Bergwelt an - nach einer friedlichen Übereinkunft zu Indiens Bedingungen.
Ende der Woche berieten die EU-Außenminister und zehn asiatische Kollegen in Madrid das Thema, während George W. Bush telefonisch auf Vajpayee und Musharraf einpredigte und sein Vizeaußenminister Richard Armitage zu direkten Gesprächen abflog. Ihm folgt Verteidigungsminister Donald Rumsfeld.
Können wenigstens die USA die Streithähne an einen Tisch bringen? Hat die Supermacht ein effektives Drohmittel oder einen Köder?
Vermittlung jedenfalls tut Not. Indien hat nämlich zwei detaillierte Angriffsszenarien entwickelt, die vor Eintreffen des Monsuns in Kaschmir umgesetzt werden müssten, weil sonst wochenlang kaum noch etwas ginge. Vor Ende Juni also. Und diese Aufmarschpläne lässt sich Neu-Delhi etwas kosten.
Bisher schlugen die Kriegsvorbereitungen mit etwa 800 Millionen Dollar zu Buche. Jeder Tag verschlingt weitere zwei Millionen. Auf acht kaschmirische Bürger kommt mittlerweile ein Soldat. Die Benzin- und Dieselvorräte reichen landesweit für 71 Tage, heißt es, Kerosin sei für weitere drei Monate vorrätig.
Es bedürfe nur noch eines einzigen Funkens, "eines weiteren Aufsehen erregenden Terrorschlags oder eines schwer wiegenden Grenzzwischenfalls", fürchtet der US-Geheimdienstler Vizeadmiral Thomas R. Wilson. Dann bräche womöglich der erste Atomkrieg der Geschichte aus.
Tausende islamistische Freischärler beiderseits der Waffenstillstandslinie brennen nur darauf, ihr Ringen um Kaschmir durch ein neues Selbstmordattentat in einen blutigen Endkampf zu verwandeln. Gelänge es etwa der versprengten Qaida-Truppe, mit einem blutigen Anschlag die verfeindeten Nationen aufeinander zu hetzen, hätte sie davon nur Vorteile.
Ein Atomkrieg, dem nach US-Berechnungen zwölf Millionen oder mehr Menschen zum Opfer fallen könnten, würde das Ende bedeuten für den Subkontinent, wie die Welt ihn heute kennt. Er brächte aber auch das jähe Aus für die Jagd auf Osama Bin Laden und seine Gefolgsleute. Sie fänden in einem verwüsteten Pakistan genau jene Bedingungen, unter denen sie erneut Machtpositionen erobern könnten, vielleicht sogar Atomwaffen.
Gleichwohl ist Indiens Premierminister Vajpayee "mit der Geduld am Ende". Eine Strafaktion scheint überfällig, nur wie sie aussieht, ist offenbar noch nicht entschieden.
Die beiden Optionen, die der Generalstab hauptsächlich erwägt, lauten: Angriff auf die wichtigsten grenznahen Ausbildungslager der Mudschahidin plus Besetzung eines 300 Quadratkilometer großen Geländes - das wäre die "Operation Salami". Oder ein kraftvoller Schlag mit Luftangriffen und Raketen gegen Militärbasen tief im pakistanischen Kaschmir - die "Operation PoK Chop" könnte das Gebiet "in Stücke hacken".
Plan eins läuft Gefahr, dass die paki- stanischen Einheiten auf einen solchen Angriff vorbereitet wären und die Attacke also ins Leere ginge. Sie wöge dann nicht viel schwerer als die notorischen Artillerieduelle der Kontrahenten.
Plan zwei ist mit einem größeren Eskalationsrisiko verbunden. Experten rechnen damit, dass Pakistan sich an den unwegsamen Hängen Kaschmirs aufs Halten beschränkt und irgendwo entlang der 2900-Kilometer-Grenze antwortet, wo es sich im Vorteil fühlt.
Beide Seiten glauben, mit ihren Kernwaffen eine Versicherungspolice in Händen zu halten. Dabei kann es gerade wegen der relativ geringen Zahl von Sprengköpfen zu Panikentscheidungen kommen - um möglichst schnell eine Entscheidung zu erzwingen.
Den nuklearen Einsatz würden beide vermutlich eher per Flugzeug führen, auch wenn Kampfjets, anders als Trägerraketen, nicht schon drei Minuten nach dem Start eine Metropole im Feindesland vernichten können: Delhi etwa (13 Millionen Einwohner), Groß-Bombay (16 Millionen), Lahore (5 Millionen) oder Karatschi (10 Millionen).
Flugzeuge sind zielgenauer, flexibler im Einsatz, sie benötigen keine Abschussrampen und können jederzeit zurückbeordert werden. Vor allem sind die Raketen nicht so weit ausgetestet, als dass die Militärs es riskieren würden, die kostbare Atomfracht bei einem Fehlstart zu verlieren.
Dass amerikanische Eliteeinheiten die pakistanischen Nuklearlager rechtzeitig räumen, gilt hingegen als unwahrscheinlich. Musharraf hat die Sprengköpfe längst auf sechs geheime Lagerstätten verteilen lassen. Und US-Spione haben über diese Orte "keinerlei gesicherte Erkenntnisse".
Vielleicht entdecken ja Satelliten die Montage von Atomwaffen auf Raketen oder unter Flugzeugbäuchen - aber kein Stratege in Washington mag sich darauf verlassen. Als Indien im Mai 1998 fünf Atomtests ausführte, hatten die Spezialisten mit ihrer Milliarden teuren Hightech-Ausrüstung nicht einen Deut der umfangreichen Vorbereitungen aufgefangen.
Ohne große Hemmungen kalkulieren beide Staaten deshalb mit nuklearen Strategien. Bloß der Zivilschutz schert sie wenig.
Während Karawanen von Ausländern die Region verlassen, werden in Bombay erst seit letzter Woche Katastrophenhelfer rekrutiert. Die Behörden erklärten unterirdische Bahnhöfe, Ladenpassagen, Garagen und Lager kurzerhand zu "bestrahlungsfreien Luftschutzkellern". Ein "Kriegsführer" mit Verhaltensregeln ist noch in Arbeit.
Neu-Delhis Gesundheitsminister sicherte den Bürgern der Hauptstadt 2500 zusätzliche Krankenhausbetten, mobile Röntgengeräte und Operationsteams zu. Nur: Selbst nach indischen Schätzungen würden unmittelbar am Ort eines Bombeneinschlags 200 000 Menschen sterben, der Umkreis von zehn Kilometern wäre dem Erdboden gleich, 300 000 Personen wären verletzt oder verstrahlt. Laut Umfrage in neun indischen Städten hoffen dennoch 73 Prozent der Befragten, ihre Regierung möge mit breiter Brust in den Krieg ziehen.
Noch sind es knapp drei Wochen, bis der Monsun Kaschmir erreicht. Noch funktioniert Pakistans Strategie der Abschreckung. Besorgt ist vor allem das Ausland.
So meldeten sich in Japan Zeitzeugen der Bomben auf Hiroschima und Nagasaki 1945 und warnten vor den apokalyptischen Folgen eines nuklearen Krieges. Vergangenen Donnerstag übergaben sie den in Tokio akkreditierten Botschaftern Pakistans und Indiens Mahnbriefe.
"Die Führer der Welt wissen gar nicht, welches Leid Atombomben bringen", erklärte Minoru Yoshikane, 75, einer der Überlebenden. "Die Menschen sahen aus wie Geister." RÜDIGER FALKSOHN,
SIEGESMUND VON ILSEMANN, PADMA RAO
Von Rüdiger Falksohn, Siegesmund von Ilsemann und Padma Rao

DER SPIEGEL 24/2002
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