10.06.2002

PAKISTANAtomares Alpenglühen

Die Grenze im Punjab wird zur Front: Pakistans Offiziere spotten über den Aufmarsch der indischen Armee und verdrängen die Gefahr eines Atomkriegs auf dem Subkontinent.
Welch prachtvolle Mannsbilder! Um die 35, mit präzis gestutzten Schnurrbärten, maßgeschneiderten Uniformen und bestrickenden Manieren, wirken die beiden Rangers-Offiziere auf den ersten Blick durchaus wie Erwachsene. Dieser Eindruck verfliegt indessen, sobald sie zu reden beginnen.
"Die 4000 Panzer da drüben könnten genauso gut aus Pappe sein", philosophiert Hauptmann Jawad Cheema, delikat an einem Gurkenbrötchen knabbernd, über die geballte indische Streitmacht an Pakistans Grenze. "Entscheidend ist die Motivation. Es kämpfen Männer, nicht Maschinen. Und die armen Inder wissen ja nicht einmal, in wessen Namen sie sterben. Lasst sie nur anrollen mit ihren Panzern. Hier kommen sie nicht lebend heraus."
Mit Seelenruhe den heißen Milchtee schlürfend, den unterwürfige Ordonnanzen servieren, fügt sein Kamerad, Hauptmann Rauf, in wohlgesetztem Englisch hinzu: "Gott gebe uns endlich den Dschihad. Bei der Gnade Allahs - erst im Heiligen Krieg können wir der Welt beweisen, dass wir zu sterben und zu töten wissen."
Vom kilometerlangen Panzerhindernis, das Armee-Bulldozer nahe der Millionenstadt Lahore in der fruchtbaren Erde des Punjab aufgeschüttet haben, wollen die Rangers nicht reden. Fehlanzeige auch, wenn es um die Truppenstärke des Feindes geht, die doppelt so hoch wie ihre eigene ist, oder um die offensichtliche Luftüberlegenheit der Inder. Selbst über Feuerkraft oder Satellitenaufklärung oder panzerbrechende Granaten ist diesen Offizieren kein Standpunkt zu entlocken. Bald wird klar: nicht wegen der Schweigepflicht des Soldaten; militärische Sachfragen langweilen sie vielmehr.
"Als Kämpfer wiegt ein Muslim mindestens drei Hindus auf", erklärt Captain Rauf kategorisch und wischt damit alle Einwände vom Tisch. Übermütig springen die beiden Hauptleute hoch, entschlossen und bester Stimmung - mögen die Mächtigen der Welt mit brennender Sorge die Linie auf der Landkarte verfolgen, auf der die beiden Schönlinge in Uniform an diesem brütend heißen Abend so glaubensstark schwadronieren.
Hier, durch Wagah, verläuft die Grenze zwischen Indien und Pakistan. In dieser Landschaft, im brettflachen Terrain des Punjab, könnte das große Gemetzel beginnen. Der Einmarsch der indischen Panzerverbände hätte eine gigantische Menschen- und Materialschlacht zur Folge, die, als solche schon schrecklich genug, noch Schlimmeres auszulösen vermöchte: den ultimativen Tabubruch aller Weltpolitik seit August 1945, seit Hiroschima und Nagasaki - seitdem die Menschheit begriffen hat, was Atombomben anrichten.
Ein pittoresker Weißbart stimmt heiser eine Art Jodeln an, das die Offiziere von Wagah entzückt. Siebenmal hintereinander tremoliert der Alte "Pakistan Zindabad!" - den vaterländischen Lebehochruf, der durch ständiges Wiederholen offenbar an Sinngehalt gewinnt. Gemessen an den anti-amerikanischen und anti-westlichen Hassorgien, die im Gefolge des New Yorker Terrorangriffs vom 11. September die Straßen von Karatschi und Islamabad, Peschawar und Quetta erbeben ließen, sind die jetzigen Gefühlsausbrüche gutartig - weniger gegen Indien gerichtet als Begeisterung für Pakistan bezeugend.
"The Spirit of Chagai Hills" wird diese Stimmung genannt. Der Geist eines eher unansehnlichen Gebirgszuges, der am Rande der Wüste von Belutschistan anzutreffen ist? Dort, in den Eingeweiden des Chagai-Gebirges, hat Pakistan im Mai 1998 eine Serie von unterirdischen Atomversuchen unternommen, die das geschrumpfte und ständig durch Indien gefährdete "Land der Reinen" - so die Hoffnung - fortan militärisch unangreifbar machen würde.
Die entwickelte Welt hat nach den Knallern vor allem den Freudentaumel der pakistanischen Massen zur Kenntnis genommen und als makabres Spektakel abgetan. Das Staatsfernsehen der Islamischen Republik Pakistan aber zeigte den 145 Millionen Einwohnern mit Vorliebe ein anderes Bild, eine ganz bestimmte Einstellung:
Im gleißenden Licht der Nachmittagssonne scheint einer der Chagai-Berge geradezu magisch zu leuchten und mehrmals einen mächtigen Hopser zu machen. War das die sichtbare Erschütterung durch einen unterirdischen Atomversuch - oder haben Fernsehtechniker nachgeholfen mit einem künstlichen, suggestiven Ruck?
Die Bildsequenz des strahlenden und bockenden Berges jedenfalls hat sich eingeprägt, ja in die Seele der Patrioten eingebrannt. Sie wird seit vier Jahren auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit immer wieder vorgeführt. Prominente hängen das Bergfoto gern über ihrem Schreibtisch auf, und sogar ein kostspieliges Denkmal ist dem Ereignis gewidmet:
An der Autobahneinfahrt der Hauptstadt Islamabad erhebt sich auf einem mächtigen, mit Marmorplatten verkleideten Sockel eine maßstabgerechte Nachbildung der Chagai Hills. Die etwas einfältig wirkende Skulptur ist 25 Meter lang, 12 Meter breit, 10 Meter hoch und aus goldfarbenem Blech gefertigt. Das atomare Alpenglühen von Belutschistan - ergreifend wie ein Wunderwerk der Natur.
Briten und Amerikaner, die der Aufforderung ihrer Außenminister Folge leisten und das Land nun fluchtartig verlassen, können dem verwitterten Menetekel auf dem Weg zum Flughafen zuwinken. Auch Berlin und andere westliche Regierungen haben ihren Bürgern den Exodus aus Indien und Pakistan nahe gelegt: Nicht eigentlich in der Annahme, dass ihnen unmittelbare Lebens- oder Verseuchungsgefahr drohe, sondern vor allem als weithin sichtbares Alarmzeichen - in der Hoffnung, die beiden Atommächte des Subkontinents beizeiten zur Räson zu bringen. "Haltet ein", tönt es von allen Seiten.
Aber erreicht das Schreckens-Szenario des Westens überhaupt die richtigen Adressaten? Wenig Eindruck machte in Pakistan das Pentagon, das noch die frische Narbe vom 11. September aufweist, mit seiner gruseligen Hochrechnung der dräuenden Katastrophe: zwölf Millionen Tote und sieben Millionen Verwundete wären laut US-Verteidigungsministerium die wahrscheinliche Folge eines nuklearen Schlagabtausches, sollten Inder und Pakistaner dabei alle ihre Sprengköpfe verfeuern.
Wie können die 145 Millionen Pakistaner - und Gleiches gilt für die Milliarde Inder - nur so gelassen bleiben im Angesicht gemutmaßter Opferzahlen, die einen doppelten Holocaust in Aussicht stellen?
Der Atomphysiker Pervez Hoodbhoy in Islamabad führt diese Haltung auf "weit verbreitete Ignoranz" sowie auf schlichten, religiös bedingten Fatalismus zurück. Indiens Mittelstand dagegen, so Hoodbhoy, würde sich auf ein rechtzeitiges Einschreiten der letzten Supermacht verlassen: darauf, dass
die Amerikaner notfalls die "islamischen" Bomben der Pakistaner am Boden zerstören. "Aber die USA können nicht alles, sie sind nicht Gott, und sie haben kein vollständiges Bild vom pakistanischen Arsenal", fügt der Professor beinahe bedauernd hinzu.
Selbst ein Veteran der internationalen Politik wie Pakistans ehemaliger Außenminister Agha Shahi mag nicht ausschließen, dass Indien sich zu einer blutigen Strafaktion hinreißen lässt - und damit den atomaren Erstschlag der Pakistaner provoziert. "Indien ist zum strategischen Partner der USA und Russlands aufgestiegen, und es unterhält enge Beziehungen zu Israel", erläutert Agha Shahi. "Darum fühlt Premier Atal Behari Vajpayee sich ermächtigt, mit den Pakistanern umzuspringen wie die Amerikaner mit den Taliban. Wir sind aber keine Taliban."
General Pervez Musharraf, seit seinem Militärputsch vom Oktober 1999 faktisch Alleinherrscher Pakistans, leidet unter einer ebenso demütigenden Einschätzung: Er werde von dem Inder Vajpayee behandelt "wie Jassir Arafat von Ariel Scharon", hat er wissen lassen. Denn wie der kriegerische Premier Israels den Palästinenserführer für jeden Terrorakt im Land haftbar macht, so schiebt Vajpayee, 77, dem Pakistaner die Verantwortung für jede Gewalttat zu, die im indischen Kaschmir begangen wird.
Dabei hatte der General nach dem 11. September eine halsbrecherische Kehrtwende vollzogen, die ihn noch das Leben kosten mag: Gegen die radikal islamistische Grundströmung in den eigenen Streitkräften und im Geheimdienst ISI schloss Musharraf sich US-Präsident George W. Bush
im "Krieg gegen den Terror" an. Er stellte den Amerikanern seine Hilfe beim Feldzug gegen die afghanischen Taliban und gegen die Terroristen Osama Bin Ladens zur Verfügung - "gegen muslimische Brüder, mit denen wir nie Probleme hatten", wie ein Armee-Offizier in Wagah bitter bemerkt.
Doch die Amerikaner erwarteten noch mehr von Musharraf - einen zweiten Frontwechsel, diesmal in Kaschmir und zu Gunsten der Inder. Denn der Hindu-Nationalist Vajpayee hatte sich dem Bush-Krieg gegen den Terror nur verschrieben, um allen Widerstand im mehrheitlich muslimischen Kaschmir als Terrorismus zu brandmarken und zu brechen. Nun sollte Musharraf die dortigen Freischärler fallen lassen, die Ausbildungslager schließen, die Grenze dichtmachen - somit Verrat an der eigenen Sache begehen, denn Indien war nach wie vor nicht bereit, Kaschmir als internationalen Streitfall anzuerkennen.
Einen Terrorangriff gegen das Parlament in Neu-Delhi nahm Vajpayee obendrein zum Anlass, um Indiens Streitkräfte um die Jahreswende invasionsbereit an der Grenze Pakistans zu konzentrieren. "Der einzige Faktor, der die Inder seither vom Einmarsch abgehalten hat, ist Pakistans Befähigung zum nuklearen Erstschlag", glaubt "The Nation" in Islamabad. Wie 1971, als das damalige Ostpakistan durch einen "Befreiungsschlag" Indira Gandhis zum unabhängigen Bangladesch aufstieg, hätte sonst Atal Behari Vajpayee nun als Hegemonialherr des Subkontinents den Pakistanern seinen Willen diktiert.
Kaum ein Tag vergeht, an dem Pervez Musharraf nicht versicherte, keine Umstürzler oder Freiheitskämpfer mehr in den indisch besetzten Teil Kaschmirs vordringen zu lassen. Kaum ein Tag auch, an dem radikale Islamisten ihrem Staatschef nicht öffentlich widersprechen würden. Am Dienstag vergangener Woche ist es eine struppige Gestalt mit weißem Hemd und Guerrillero-Mütze, die sich in Rawalpindi vor ausländischen Reportern produziert.
Syed Salahuddin heißt der Mann, Gründer der Hisb-al-Mudschahidin-Gruppe. Er meldet energisch seinen Anspruch auf grenzüberschreitenden Terrorismus an: "Wir haben jedes Recht, die Waffenstillstandslinie in Kaschmir zu überschreiten", verkündet der Gotteskrieger. "Keine Regierung, nicht einmal diejenige Pakistans, kann uns daran hindern."
Auch Washington weiß, wie schwer es für General Musharraf ist, gegen solche Kräfte vorzugehen. "Kaschmir ist ein derart fundamentaler Bestandteil der pakistanischen Identität, dass ein Abrücken Musharrafs von der traditionellen Haltung die politische Stabilität im Land gefährden könnte", meint Ellen Laipson vom Washingtoner Henry L. Stimson Center.
Ob Präsident Musharraf und die Amerikaner sich überhaupt auf die pakistanischen Truppen verlassen können, unerwünschte Elemente nicht mehr ins Land zu lassen, ist extrem zweifelhaft. Dieselben Dschihadis, die den indischen Militärs in Kaschmir Alpträume bereiten, strömen aus Afghanistan herein und können sich ihre Opfer auch in der Islamischen Republik Pakistan aussuchen.
Staatslimousinen mit waffenstarrender Militär-Eskorte sind auffallend häufig in der Gartenstadt Islamabad unterwegs. Meist sitzt niemand im Fond, heißt es, oder es werden unbedeutende Zeitgenossen in rasendem Tempo spazieren gefahren. Zweck der Übung ist es, potenzielle Attentäter zu verwirren - sie sollen sich kein Bild machen können von den Wegen und Umwegen des Staatschefs.
Pervez Musharraf hat allen Grund, sich von Phantomen verfolgt zu fühlen. Eines davon trägt gewiss die Züge des Mannes, dessen Bild noch da und dort in den Basaren zu entdecken ist: Osama Bin Laden. CARLOS WIDMANN
* Paradierender pakistanischer (l.) und indischer (r.) Grenzsoldat in Wagah. *"India Today"-Werbung an einem Kiosk in Neu-Delhi.
Von Carlos Widmann

DER SPIEGEL 24/2002
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