10.06.2002

AFGHANISTANDie Tränen von Khost

Während in Kabul die Große Ratsversammlung „Loya Jirga“ beginnt, droht im Osten der nächste Bürgerkrieg. Schwer bewaffnete Regierungstruppen stehen der Armee eines Kriegsfürsten gegenüber, der sich in seinen kriminellen Geschäften gestört sieht.
Der Abendhimmel über Khost färbt sich violett, so schwer drücken die Gewitterwolken auf die Stadt. Die Männer auf dem Hof des Gouverneurs laufen mit gesenktem Kopf zum Abendgebet, als säße ihnen ein Alb auf den Schultern. Das Thermometer zeigt im Schatten der Festungsmauern noch immer 37 Grad.
Deshalb beten die Muslime heute für Regen. Manche bitten auch um einen Krieg. Denn in Khost hält man ein reinigendes Gewitter für genauso unumgänglich wie ein kleines Gefecht, mit dem sich die Dinge gewöhnlich klären. Blutwäsche heißt das hier.
Ganz Afghanistan fiebert der Loya Jirga entgegen, der Großen Ratsversammlung, auf der endlich Frieden gemacht werden soll in diesem von Tod und von Hunger heimgesuchten Land. Überall in den Provinzen wurden Delegierte gewählt, die seit Montag dieser Woche in Kabul eine neue Regierung bestimmen sollen. Die Hauptstadt hat sich mächtig herausgeputzt, überall wehen Fahnen, werkeln Zimmerleute, wachen Polizisten.
Doch in Khost bleibt alles beim Alten. Von hier droht die größte Gefahr. Die mehrere hundert Quadratkilometer große Gegend von der Bergstadt Gardez über den Sete-Kandau-Pass bis in die Tiefebene nahe Pakistan kommt nicht zur Ruhe.
Der hier besonders stark verehrte ehemalige König ist zwar ins Land zurückgekehrt. Ausländische Soldaten jagen versprengte Taliban und bauen Schulen und Krankenhäuser auf. Aber der Osten Afghanistans, wo die Bärte der Männer noch immer lang und Frauen selbst in ihren blauen Burkas kaum auf der Straße zu sehen sind, weil die Männer sie ins Haus verbannen, steht schon wieder am Rande eines Bürgerkriegs. Er könnte auch Kabul erfassen.
Kaum hat Gouverneur Hakim Taneiwal seine Pflichten gegenüber Allah erfüllt, jagen zwei Pick-ups auf seinen Hof. Zwei Dutzend Kämpfer springen von der Ladefläche; einer ist verletzt, die Heckscheibe eines Fahrzeugs zersprungen. "Die Leute von Padscha Khan haben das Kind des Arztes entführt", ruft ein Commander aufgeregt und fuchtelt mit seiner Pistole herum. "Wir sind diesen Räubern gefolgt, aber sie konnten uns entkommen."
Padscha Khan, der Kriegsfürst von Khost, ist der böse Geist der östlichen Provinzen. Er kommt und geht so schnell wie die Sandwindhosen, die sich in dieser vor Hitze berstenden Ebene nahe der pakistanischen Grenze bis zu 100 Meter hoch auftürmen. Sie zaubern Schlangen in die Landschaft, die unter weißen Kranichwolken tanzen.
Gouverneur Taneiwal, ein kleiner Mann mit wachen Augen, hält Khan für "eine Schlange, einen Lügner, einen Mörder". Sein Kollege Taj Mohammed Wardak, der Gouverneur aus dem drei Stunden entfernten Gardez, sagt sogar: "Dieser Mann ist aus dem Tiergarten entlaufen. Man sollte ihn erschießen wie einen wilden Wüstenhund. Er macht nichts als Ärger."
Der bullige Padscha Khan hat sein Hauptquartier nur ein paar hundert Meter vom Amtssitz Taneiwals entfernt aufgeschlagen. Er könne nicht lesen und schreiben, behaupten seine Gegner. Aber er beansprucht die Macht, seit er von der Regierung in Kabul als Gouverneur abgesetzt wurde, weil er zu selbstherrlich regierte und nur in die eigene Tasche wirtschaftete. So belagern und belauern sich die Truppen Khans und Taneiwals in dieser wegen ihrer Hitze gefürchteten, ockerfarbenen Stadt. Männer mit Sonnenbrillen aus Spiegelglas beäugen sich ständig, den Finger immer am Abzug der entsicherten Waffe.
Es grenzt an ein Wunder, dass Khost noch nicht in Schutt und Asche liegt. Die Männer, die hier leben, haben viel Zeit für den kleinen Krieg. Ab und zu gibt es ein Scharmützel, weil irgendjemand eine Handgranate nach einem Auto geworfen oder einfach mal mit einem schweren MG von einem sandsackbewehrten Häuserdach ein paar Salven abgefeuert hat. Nach solchen Gefechten trägt man die Toten von den knochentrockenen Straßen und begräbt sie am Rande der Stadt unter bunten Wimpeln und Flaggen. Selbst die Friedhöfe sehen in Khost aus wie Heerlager.
Taneiwal und Khan beanspruchen beide die Macht in Khost und der umliegenden Provinz. Wer sie faktisch hat, zeigen die Gewehrläufe von Padscha Khans Männern, die Reisenden auf dem Weg von Gardez nach Khost entgegengehalten werden. Hier lagern Khans Krieger, verwegen dreinblickende Kerle mit langen Bärten, Turbanen und um die Brust geschnallten Patronengürteln. Der Warlord hat auf der staubigen Schotterpiste, die vor allem von Lastern und Bussen benutzt wird, drei Checkpoints einrichten lassen. Seine Männer kassieren ab. Wer nicht zahlt, darf nicht passieren.
Doch es bleibt nicht bei den in Afghanistan üblichen Straßenzollgeschäften. Khan zündelt, wo er nur kann. Ende Mai geriet eine amerikanische Patrouille bei Gardez in einen Hinterhalt, mehrere GIs wurden verletzt, zwei Soldaten starben. Vor einem Monat wurden mehrere Dutzend Menschen bei einem Granatenangriff in Gardez getötet, darunter viele Kinder.
"Das war Khan", behauptet Gouverneur Wardak. Er und Taneiwal vermuten den Kriegsfürsten hinter einer ganzen Serie von Anschlägen in den östlichen Provinzen. Doch die Regierung in Kabul lässt Padscha Khan bisher noch gewähren. In der Kabuler Regierung gilt der Kriegsfürst zudem als Mann der Amerikaner. Im vergangenen Dezember wurde Khan auf Drängen der pakistanischen US-Botschaft von seinem Exilsitz in Peschawar zur Afghanistan-Konferenz am Bonner Petersberg geflogen, obwohl besonnene afghanische Politiker wie der Wiederaufbauminister Amin Farhang vor dem unberechenbaren Charakter des Kriegsfürsten gewarnt hatten. "Inzwischen ist er auch den Amerikanern lästig geworden", weiß Farhang.
Eine offene Feldschlacht mit Khan wird Karzai erst nach der Loya Jirga wagen. Denn ein Bürgerkrieg im Osten seines Landes wäre zur Zeit "ein völlig falsches Signal", das die Delegierten auf der Ratsversammlung nur unnötig polarisieren würde, warnt ein Berater Karzais.
"So stark ist Khan gar nicht", glaubt Taneiwal, "der hat höchstens noch 500 Mann." Das Satellitentelefon klingelt, sein Kollege Wardak aus Gardez ist wieder mal am Apparat. Er schlägt immer dasselbe vor: "Los, wir machen Khan fertig. Du erledigst seine Leute in Khost, ich schnapp sie mir in Gardez."
Doch Taneiwal will nicht kämpfen. Seine Männer haben früher genauso verwegen ausgesehen wie die von Khan. Nun zwingt er die wilden Gestalten in Uniformen, lässt sie auf dem Hof strammstehen: "Bald haben wir eine gute Armee. Dann werden wir sehen, wer hier für Ordnung sorgt."
Taneiwal spricht fließend Deutsch. Das hat er vor 35 Jahren während des Studiums, unter anderem in Frankfurt, gelernt. "Ich kannte Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit - genau genommen bin ich ein 68er." Er muss lachen. Und fügt in bester SDS-Diktion hinzu: "Auch in Khost muss die offene Gesellschaft Wirklichkeit werden." Wegen solcher Sprüche schimpft Khan ihn einen "Mann der Russen".
Der lange Marsch durch die Institutionen hat Taneiwal in die gefährlichste Ecke Afghanistans geführt. Zuletzt lebte er mit seiner Frau in Australien. Übergangspremier Hamid Karzai bat ihn im März, nach Khost zu kommen.
Nicht nur Khan bereitet ihm Sorgen. Seit die Pakistaner ihre Soldaten von der nahen Grenze abziehen, um sie in Kaschmir in Stellung zu bringen, registrieren die Spione der Regierung "stärkere Reisetätigkeiten" der Taliban- und Qaida-Kämpfer, die sich in die Stammesgebiete Pakistans zurückgezogen hatten.
Die Grenze ist wieder durchlässig - ausgerechnet während der Loya Jirga, die als Hauptangriffsziel der Terroristen gilt. "Die Provinzen Paktia und Khost bleiben der Schwerpunkt der Qaida-Aktivitäten", heißt es in einem geheimen Lagebericht der Internationalen Schutztruppe. Taneiwal und viele Regierungsmitglieder in Kabul fürchten, Khan könnte mit den Terroristen gemeinsame Sache machen.
Über der Provinz liegt eine gereizte Stimmung. Auch die Amerikaner sind nervös. Im Mai haben sie eine Hochzeitsfeier aus der Luft beschossen, weil am Boden Freudenschüsse abgegeben wurden. "Es wurde niemand verletzt", sagt Taneiwal. Andere Bewohner behaupten indes, es hätte Tote gegeben. Nun lässt der Gouverneur täglich über sein Radio Warnungen verbreiten: "Schießt nicht einfach in die Luft, auch wenn ihr heiratet oder ein Kind geboren wird."
Sein Kollege aus Gardez lehnt solche Maßnahmen ab: "Ich kann auch dem Müller nicht verbieten, Getreide zu mahlen."
Padscha Khans Hauptquartier ist eine mit hohen Mauern und Sandsäcken gesicherte Festung. An der Einfahrt verrostet eine alte Flak, auf dem Dach steht ein schweres MG. Der Empfang ist freundlich. "Wollen Sie Tee?"
Der alte Löwe ist nicht zu Hause. Er trifft sich mit Stammesältesten in einem Dorf bei Gardez. Der Warlord ist nur fernmündlich zu erreichen und benutzt, aus Sicherheitsgründen, mehrere Satellitentelefone.
"Hallo, hier spricht Padscha Khan", schnarrt es heiser aus der Ohrmuschel. Seine Stimme klingt angestrengt. "Hier bei mir ist die Sicherheit gewährleistet, nicht so wie bei euch in Europa!"
Attentate? Angriffe auf die Amerikaner? "Damit habe ich nichts zu tun. Das zeigt nur, das diese Gouverneure in Gardez und Khost nicht in der Lage sind, Ordnung zu halten. Das Volk will mich." Zur US-Armee, behauptet Khan, habe er "gute Kontakte", er möchte "den Amerikanern helfen". Und natürlich will er auch zur Loya Jirga nach Kabul. "Das Volk hat mich per Akklamation gewählt."
Dann bricht die Verbindung ab, die Märchenstunde ist zu Ende. Zum Abschied ruft der Stellvertreter des Kriegsfürsten, Kamal Khan: "Wir sind die Soldaten des Königs. Es lebe Zahir Schah."
Der Ex-Monarch freilich verflucht diesen Khan und würde ihn am liebsten hinter Gittern sehen, weil der Desperado marodierende Banden in königlichem Namen auf Beutezug schickt. Doch der König in Kabul ist acht Autostunden weit weg, eine afghanische Ewigkeit.
Er wird fast erdrückt von der Last, das Land zu einen. Kurz vor der Loya Jirga, der er den Weg weisen soll, wirft ihn eine böse Hautallergie nieder. Seit Wochen schüttelt er täglich Hunderte Hände, eine Infektionsquelle erster Güte. Er darf aber keine Plastikhandschuhe tragen wie die deutschen Wachsoldaten vor dem Stützpunkt der Isaf; das wäre unwürdig. Deutsche Ärzte mühen sich nun, den 87-Jährigen wieder aufzurichten. Ohne ihn kann die Ratsversammlung nicht beginnen in jenem riesigen, 1500 Menschen fassenden Zelt, das die Bundesregierung spendiert und die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit errichtet hat. Fast alles haben die Deutschen hier organisiert, Betten, Gebetsteppiche, sogar ein paar hundert Spucknäpfe für die Freunde des Kautabaks.
Im Westen Kabuls entstand mit deutscher Gründlichkeit die Kulisse für einen historischen Moment. Der König muss Afghanistan freisprechen von der bösen Vergangenheit. Und er will Hamid Karzai den Rücken stärken, damit der schwache Interimspremier, den viele schon spöttisch den "Bürgermeister von Kabul" nennen, nun zu einem echten Staatschef werden kann. Von diesem gebeutelten Greis, der sich im deutschen Militärcamp regelmäßig Sauerstoff verpassen lässt, erwartet man ein Wunder.
Der Kommandeur der Isaf in Kabul, General Carl Hubertus von Butler, ließ von seinen Offizieren 16 verschiedene Szenarien entwickeln, wie die Versammlung und der König vor Attentaten zu schützen sind. Fast täglich landeten Warnungen auf Butlers schmalem Schreibtisch in der Kasernenzeltstadt am Rande Kabuls. Die letzte Alarmmeldung: Ein Toyota-Kleinbus voller Attentäter sei auf dem Weg in die Hauptstadt. Die mutmaßlichen Killer, sieben Männer und drei Frauen, stammten aus Gardez. Afghanische Regierungsmitglieder vermuten Khan als Auftraggeber.
10 000 Mann, ausländische Soldaten und Afghanen, sind um Kabul herum im Einsatz. Drei Kontrollringe wurden um die Loya Jirga gezogen, und auch auf dem Gelände wird jeder Besucher noch dreimal überprüft. Waffen sind streng verboten. Selbst Interimspremier Karzai kommt ohne Bodyguards.
Aus Gründen der Souveränität sichert das erste Bataillon der afghanischen Armee den inneren Kern der Versammlung ab, eine ethnisch bunt gemischte Truppe, die von britischen Offizieren gedrillt wird. "Mir wäre es lieber, die Deutschen würden das machen", sagt Amin Farhang: Er ist ein ständiger Gast im königlichen Bungalow. Die Angst vor Verrat ist groß in Kabul, und es reicht ein einziger gedungener Mörder, um das bitterarme Land wieder ins Chaos zu stürzen.
Dabei scheinen die Probleme, vor denen Karzais Kabinett steht, schon jetzt kaum lösbar. "Wir haben viel zu wenig Geld", klagt Farhang. Nur die Deutschen und Amerikaner hielten ihre finanziellen Versprechen. Amins Ministerium, früher Sitz der berüchtigten Religionspolizei, ist zwar frisch renoviert, und inzwischen funktioniert sogar das Telefon. Aber die meisten Beamten und Mitarbeiter der Regierung bekommen noch immer kein Gehalt. Wer die Staatskanzlei Hamid Karzais besucht, wird vom Personal zwar freundlich begrüßt. Danach folgt sofort die Frage nach "Bakschisch, ich habe viele Kinder".
Die einzige nennenswerte Einnahmequelle der Regierung sind Zölle, die an den Landesgrenzen erhoben werden. Doch die meisten Gouverneure lassen sich mit der Abgabe der Gelder nach Kabul sehr viel Zeit. Aus manchen Provinzen ist noch kein Afghani geflossen. Und während manche Kriegsfürsten den Mohnanbau wieder ankurbeln und Millionen Dollar damit machen werden, warten Farhang und Karzai darauf, dass wenigstens die internationale Gemeinschaft ihre Zusagen einhält.
"Vielleicht waren wir zu naiv", sagt Farhang und nippt an seinem grünen Tee, "aber wenn das Geld erst in einem Jahr kommt, kann schon alles zu spät sein."
Trotzdem ist er "vorsichtig optimistisch". Immer mehr Frauen trauen sich in Kabul ohne Burkas auf die Straßen. Mord und Totschlag, im Februar noch an der Tagesordnung, sind inzwischen die Ausnahme - nicht zuletzt wegen der Militärpatrouillen.
"In Khost gab es schon immer Ärger", sagt Farhang. Kurz vor Sonnenuntergang fällt dort noch einmal ein warmer Wind in die Stadt und wirbelt die Flaggen durch die Luft, die auf hohen Lanzen über Gräbern wehen. Eine US-Rakete tötete hier am Ortseingang im November etwa 80 Kämpfer der Taliban und Qaida.
Von Ferne hallen Sprechgesänge, wie sie die Taliban gesungen haben, dunkle, kehlige Laute, die den Dschihad preisen. Es war die einzige Musik, die das Taliban-Regime erlaubte. Und es sind die einzigen Töne, die in Khost zu hören sind, seit eine Bombe den Verkaufsstand eines Musikverkäufers auf dem Markt zerfetzte.
Vielleicht waren die Taliban verantwortlich, vielleicht auch Khan für die Tränen in Khost. CLAUS CHRISTIAN MALZAHN
* Mit britischem Ausbilder.
Von Claus Christian Malzahn

DER SPIEGEL 24/2002
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Die Tränen von Khost