10.06.2002

ITALIENHimmlischer Superstar

Er war der umstrittenste Wunderpriester der jüngeren Kirchengeschichte: Jetzt wird Padre Pio heilig gesprochen.
Schon sein Leben war ein Mirakel. Er habe weniger als ein kleines Kind gegessen, heißt es, und kaum geschlafen. Regelmäßig schüttelten ihn Fieberanfälle, die Normalsterbliche umgebracht hätten. Er aber verströmte nur leichten Blumenduft.
Die geheimsten Gedanken der Menschen habe er lesen, Kranke und Sieche durch Handauflegen oder ein paar Worte heilen können. Die Zukunft war ihm ein offenes Buch: Dass er Papst würde, sagte er dem Karol Wojtyla voraus - und auch das Attentat auf ihn.
Als der süditalienische Schäfersohn Francesco Forgione und spätere Kapuzinermönch Padre Pio 1968 mit 81 Jahren starb, war er für Millionen Katholiken in aller Welt längst ein Heiliger - obwohl der Vatikan nach Kräften dagegenhielt. Den Kardinälen in Rom war der Mann, der unerklärliche Wundmale an Händen und Füßen trug - genau wie Christus nach der Kreuzigung - lange suspekt. In den zwanziger Jahren hatte er sogar Messeverbot, durfte nicht einmal die Briefe seiner Anhänger beantworten. "Hysteriker" nannte ihn der Amtsklerus und dachte eigentlich "Scharlatan".
Aber sein Ruf als Wundermann war stärker. Amerikanische Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg in Italien kämpften, trugen seinen Ruhm über den Atlantik. Heute bitten "Padre-Pio-Betgruppen" von Australien bis Russland um Hilfe bei der Kinderzeugung oder der Heilung Todkranker. 40 000 Internet-Seiten künden von seinen Werken.
In Italien, vor allem im Süden, gibt es kaum ein Taxi oder einen Bus, weder Frisör noch Bar ohne Pater Pio. Sein Konterfei hängt im Haus des Mafiapaten wie auch des Filmsternchens. Jedes Jahr pilgern sieben Millionen zu seiner einstigen Wirkungsstätte San Giovanni Rotondo - mehr als zu jedem anderen Wallfahrtsort der römisch-katholischen Welt. Auch Papst Johannes Paul II. betete am Grab des mystischen Mönchs.
Kommenden Sonntag wird er ihn vor einer halben Million Menschen auf dem Petersplatz in Rom offiziell für heilig erklären. Das ultimative Glaubensspektakel des Jahres - per TV live rund um den Globus übertragen - bedeutet auch einen historischen Rekord: In der jüngeren Kirchengeschichte wurde niemand so schnell heilig gesprochen. Längst hat Padre Pio die klassischen katholischen Leistungsträger - selbst die Heiligen Antonius und Franziskus - in den Sympathiewerten überflügelt.
An verbrieften Wundern, deren es braucht, um in die himmlischen Sphären aufzusteigen, ist bei dem Kapuziner Pio kein Mangel. Eine ungezählte Katholikenschar schwört, von ihm über Nacht geheilt worden zu sein. Manches wurde von Ärzten in kirchlichem Auftrag untersucht und als "medizinisch unerklärlich" testiert.
Als wissenschaftliches Fundament der Heiligsprechung diente schließlich die wundersame Genesung des siebenjährigen Matteo Pio Colella. Der war am Abend des 20. Januar 2000 in das einst von Padre Pio gegründete Krankenhaus von San Giovan-
ni Rotondo eingeliefert worden, in dem sein Vater als Arzt arbeitete. Eine tückische Meningitis blockierte seine Organe, die Ärzte gaben dem Kind keine Chance mehr. Eltern und Verwandte verlegten sich aufs Beten. Und plötzlich besserte sich sein Zustand.
Ein alter Mann mit langem weißem Bart, in braunem Gewand, habe ihn besucht, erzählte der kleine Matteo, als er aus dem Koma erwachte. Der Mann habe gesagt: "Hab keine Angst, bald wirst du geheilt sein." Da war allen klar: Padre Pio hatte die Hand im Spiel.
Filme, Bücher, Videos künden von diesem und anderen Wundern, der künftige Heilige ist auch ökonomisch längst ein Gigant. Etwa eine Million Euro bringen die Pio-Pilger täglich in den Wallfahrtsort San Giovanni Rotondo - für Essen, Unterkunft und Pio-Andenken. Auch die Spenden fließen so reichlich, dass die Kapuziner dort oft nicht recht wussten, wohin damit, und Millionen verspekulierten.
Übers Internet hat sich das Pio-Business weltweit verbreitet. Im "Discount Catholic Store" gibt es alles nur Denkbare - von der Flasche für heiliges Wasser (2,80 Dollar) über Pio-Plastikstatuen (78,95 Dollar) bis zu goldenen Pio-Anhängern (180 Dollar). Pio-Filme im Fernsehen haben in Italien Einschaltquoten wie Top-Fußballspiele - und entsprechende Werbeeinnahmen.
Klar, dass der Pio-Boom auch schwarze Schafe anlockt. So ging das jüngste Wunder eher unrühmlich aus.
Im sizilianischen Messina, am Abend des 5. März, begann die Padre-Pio-Statue auf dem Platz der Madonna di Pompei plötzlich zu weinen - blutige Tränen. Binnen Minuten drängten sich 2000 Gläubige an die Skulptur, Taschentücher in den Händen, um ein paar Blutstropfen erhaschen und als Reliquie mitnehmen zu können. In den Tagen darauf eilten Menschen aus ganz Italien herbei. Erfolgsstorys machten die Runde: von einer Rollstuhlfahrerin etwa, die nach acht Jahren Lähmung - Pio sei Dank - wieder auf den Beinen stand.
Dann enthüllte die Mutter eines drogensüchtigen Frechlings: Ihr Sohn habe sich einen Spaß erlaubt und der Statue sein Blut appliziert.
Eigentlich, sagte die Rollstuhlfahrerin nun, habe sie ja auch gar nicht stehen können, sondern nur ein kribbeliges Gefühl verspürt. HANS-JÜRGEN SCHLAMP
* Bei dessen Seligsprechung am 2. Mai 1999 in Rom.
Von Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 24/2002
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