10.06.2002

Das letzte Aufgebot

Ortstermin: In Berlin präsentiert die SPD die Unterstützergruppe „Senioren für Schröder“.
Die SPD leidet. In den frühen Stunden des Dienstagmorgen war die SMS eingetroffen. Sie kam aus Hamburg und landete bei einer Frau von der SPD-Pressestelle in Berlin. In der SMS stand, dass Heidi Kabel nicht kommt. Die plattdeutsche Mutter der Nation lag mit einer Grippe im Bett.
Der Dienstag war eigentlich tot.
Aber die SPD kämpft auch. Sie zieht das jetzt durch. Es kam der Mittag, die Frau von der Pressestelle war jetzt im Willy-Brandt-Haus, sie trug ihr Handy in der Hand, und sie war guter Dinge. Im Atrium der Parteizentrale standen eine Bronzeskulptur von Willy Brandt, zwei große, rote Kräne einer Fensterputzfirma und acht Holzstühle. Auf einem Stuhl hätte Heidi Kabel sitzen sollen. 17 Journalisten waren gekommen. Die Pressefrau verriet noch nicht, dass Heidi Kabel krank ist.
Zwei Tage vorher, auf dem Parteitag, hatte Gerhard Schröder gesagt: "Der Mut wächst." Ein Satz wie eine Fanfare, es ging um Mobilisierung in schwerer Zeit. Deshalb dieser Termin. In Berlin kam eine neue "Unterstützergruppe" zur Gründung, sie hieß: "Senioren für Schröder". Die SPD hatte prominente Gäste angekündigt, die genaue Mannschaftsaufstellung blieb aber noch im Dunkeln. Heidi Kabel, 87, war jedenfalls als Turbolader dieser Veranstaltung vorgesehen.
Senioren für Schröder. Man könnte jetzt sagen: das letzte Aufgebot der SPD.
Aber das würde der Sache nicht ganz gerecht. Am 22. September dürfen 19,2 Millionen Menschen zur Wahl gehen, die über 60 Jahre alt sind. Es wird in Deutschland bald mehr alte Menschen geben als junge. Im Sinne Willy Brandts ("Über den Tag hinaus") ist "Senioren für Schröder" vielleicht die wichtigste Unterstützergruppe, die der Kanzler kriegen kann. Wichtiger beispielsweise als diese "Jungen Teams", die sich gerade erst auf dem Parteitag vorgestellt hatten. Ihre Mitglieder trugen orangefarbene T-Shirts und hielten Transparente in die Luft. Sie sahen aus wie Angestellte der Müllabfuhr bei einer Demonstration.
Wenn der Bundeskanzler verlangt: "Wir müssen kämpfen, Tag für Tag, und jeder an seinem Platz", dann könnte das, bezogen auf "Senioren für Schröder", bedeuten: Auch durch die Altersheime muss ein Ruck gehen. Man muss im Altersheim nicht immer "Bingo" spielen bei Kaffee und Kuchen, man kann auch mal über Politik reden.
Um kurz vor halb zwei sagte die Frau von der Pressestelle, dass sich die Pläne geändert haben. Das Zusammentreffen mit den prominenten Senioren fand jetzt doch nicht im Foyer statt, wegen der Fensterputzer. Man fuhr hoch in den fünften Stock und wartete vor einer Fahne von Ferdinand Lassalles Allgemeinem Deutschem Arbeiterverein. Man dachte darüber nach, wer außer Heidi Kabel noch alles kommen könnte. Johannes Heesters? Inge Meysel? Mario Adorf? Mutter Beimer? Ein Fotograf fragte: "Wer kommt denn nu allet?"
Dann ging die Fahrstuhltüre auf. Es stiegen neun mehr oder weniger alte Menschen aus. Der Einzige, den man gleich erkannte, war Franz Müntefering, 62. Aber der ist Generalsekretär. Nicht Senior.
Sie stellten sich vor der Fahne auf, Müntefering entrollte ein Blatt Papier und las die Namen der neuen sozialdemokratischen Prominenz ab: Manfred Ragati, Arbeiterwohlfahrt. Otto Graeber, Arbeitsgemeinschaft SPD 60plus. Karl Richter, seit 82 Jahren in der Partei und seit 97 Jahren auf der Welt. Brunhilde Deubel, Trägerverein von ZWAR e.V. Friedrich Schoenfelder, Schauspieler. Peter Vogt, Bundesseniorenvertretung. Erika Drecoll, Arbeitsgemeinschaft 60plus. Und Fred Grenkowitz, Bundesseniorenausschuss Ver.di. Müntefering nannte ihn aber nicht "Fred", sondern "Fritz".
Heidi Kabel sei leider krank geworden.
"Wat soll ick hier?", fragte ein Fotograf.
Es gab dann kurze Wortbeiträge von den Unterstützern, und am Ende fragte Müntefering, ob es noch wichtige Fragen gibt.
Es gab eine Frage an Fred Grenkowitz: "Sie heißen Fritz?"
"Fred", sagte Grenkowitz, "Fred Grenkowitz. Gustav, Richard, Emil, Nordpol ..."
"Und Schoenfelder - darf ich bitten mit oe", sagte Friedrich Schoenfelder.
Es war absehbar, dass die Last des Tages an Friedrich Schoenfelder kleben bleiben würde. Der Reservespieler der SPD ist kleiner als Kabel, aber größer als Grenkowitz. Der Kulturbetrieb kennt ihn als "den Grandseigneur des Boulevards", zuletzt wirkte er - 85-jährig - im "Schuh des Manitu" mit.
Er trug einen hellen Sommeranzug und erzählte, dass ihn die SPD gefragt habe, ob er für Schröder antreten wolle. Jetzt sei er eben hier. Er kannte Schröder nur aus dem Fernsehen. Aber Schröder sei "ein ausgezeichneter Bundeskanzler". Und Stoiber "irgendwie reaktionär".
Warum? Schoenfelder sagte, er könne das jetzt nicht großartig inhaltlich begründen, "weil ich in den Parteiprogrammen nicht so firm bin". Aber mit dem Herrn Müntefering habe es vorhin eine kleine Diskussion gegeben, auch zu den Inhalten. "Und ich muss sagen: Ich war sehr angetan." Er würde sich jetzt auch in die Fußgängerzone stellen, wenn die SPD das verlangt, sagte er. Er wisse aber noch nicht, was die SPD wirklich von ihm wolle.
Um zwei Uhr gab es keine Fragen mehr. Außerdem machten die Fensterputzer Lärm. Friedrich Schoenfelder wollte wissen: "War das gut?"
"Das war sehr gut", sagte Müntefering.
Dann gingen sie zum Aufzug. In der sechsten Etage gab es noch eine Tasse Kaffee, aufs Haus. MATTHIAS GEYER
Von Matthias Geyer

DER SPIEGEL 24/2002
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