10.06.2002

RAUSCHMITTELStoff aus dem Fleisch Gottes

In den Hightech-Zuchtkammern einer niederländischen Firma sprießen Drogenpilze. Dank einer rechtlichen Grauzone ist ihr Verkauf legal, deutsche Drogenexperten warnen vor wahnhaften Horrortrips.
Der Ort, an dem die Träume wachsen, riecht nach Chlor und feuchtem Waldboden. In schwülwarmer Luft wabern Nebelschwaden. So feucht ist es, dass Wasser von der Decke tropft, auf den Betonboden klatscht oder auf das bürstige, schwarze Haar von Ali Küçüksen.
Es ist Montagmorgen, und Küçüksen ist im Stress. Die Lager seiner Kunden sind leer. Andauernd schellt das Telefon.
Trotzdem herrscht an der Brutstätte bunter Träume Ruhe und Gleichmäßigkeit. Nichts und niemand soll das Wachstum stören, weshalb Küçüksen sich auch an diesem Morgen Zeit für einen Kontrollgang nimmt. Sein kritischer Blick fällt auf ein Thermometer, das in einer Plastikkiste voll lockerem Erdboden steckt. "Konstant 34 Grad. Und hohe Luftfeuchtigkeit", sagt Küçüksen. "Ein besseres Klima zum Wachsen gibt es nicht."
In den Aufzuchtkammern, jede groß wie ein Container, baut Küçüksen Pilze an. "Morgen müssen sie geerntet werden", sagt er mit fachmännischem Blick. Denn die ockergelben Köpfe hängen bereits über den Kistenrand.
In Deutschland säße Pilzzüchter Küçüksen längst im Gefängnis: Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, Herstellung illegaler Rauschmittel. Denn die Pilze, die er anbaut, sind nicht Champignons, Shiitake oder Pfifferlinge. Sie gehören zur Art Psilocybe cubensis, die zur Gruppe psychoaktiver Pflanzen zählt. "Wenn ich jetzt einen dieser Pilze essen würde, fliege ich von hier einmal um die Welt", versichert Küçüksen.
Dass er auf freiem Fuß ist, verdankt er dem Umstand, dass seine Pilzfarm auf holländischem Boden steht: in Alphen aan den Rijn, einer Kleinstadt zwischen Amsterdam und Den Haag. Und in den Niederlanden sind Anbau, Verkauf und Verzehr frischer Zauberpilze legal. "Erst wenn sie getrocknet sind, fallen sie unter das Betäubungsmittelgesetz", erklärt Küçüksen schmunzelnd.
Das Geschäft des 37-jährigen Niederländers türkischer Abstammung floriert. Seine Firma Procare macht 650 000 Euro Umsatz, er beschäftigt gemeinsam mit seinem Bruder Murat vier Mitarbeiter und führt brav Steuern und Sozialabgaben ab. "Wir liefern jede Woche rund 60 Kilogramm", verkündet der Pilzbauer stolz. "Und jetzt wird es warm. Da kommen die Deutschen, und die Nachfrage zieht rapide an."
Procare liefert seine Magic Mushrooms an so genannte Smart Shops, wie die Pilz-Geschäfte in Holland heißen. Die erleben derzeit einen regelrechten Ansturm. "Die Zauberpilze verkaufen sich wie von selbst", berichtet Hans van den Hurk, Großhändler und Betreiber von acht Smart Shops mit den vielversprechenden Namen "Conscious Dreams". Der holländische Markt sei zwar weitgehend gesättigt. Aber zum Glück gebe es ja die Horden von Ausländern, die in Amsterdam den Stoff für Wochenendtrips suchen.
In den Sechzigern und Siebzigern hatten psychedelische LSD-Trips Konjunktur; in den Achtzigern lockten dann eher leistungssteigernde Drogen wie Kokain oder auch Heroin; in den Neunzigern, auf dem Höhepunkt der Techno-Ära, dominierte die Durchtanz-Droge Ecstasy. "Seit einigen Jahren beobachten wir wieder einen Trend zu halluzinogenen Stoffen", erzählt Hurk.
Für den Drogen-Forschungsbeauftragten der Gemeinde Amsterdam, Ton Nabben, geht deren Erfolg vor allem auf "das Interesse für Esoterik und Spiritualität, das ganze New-Age-Geschehen" zurück. "Da passen Psilos genau rein." Die Smart Shops bieten neben den Psycho-Pilzen auch Vitaminpräparate, Energy-Drinks und natürliche Aufputschmittel feil, vor allem Kräutermischungen und Tees, etwa aus Guarana. Im Vergleich zu der Wirkung von Zauberpilzen verhalten sie sich aber ähnlich wie ein Glas Cidre zu einer Flasche Wodka.
Der Gesetzgeber übt sich, ähnlich wie bei Cannabis, in Pragmatismus: Laut Betäubungsmittelgesetz ist ein natürlicher Stoff erst als Rauschmittel zu bezeichnen, wenn er von Menschenhand behandelt wurde. Und in diesem Sinne hat auch der Oberste Gerichtshof der Niederlande entschieden: Frische Pilze sind legal, getrocknete hingegen illegal.
In der nächsten Woche wird das Gericht auf Bestreben des Smart-Shop-Betreibers Hurk ein weiteres Psilocybe-Urteil verkünden. Der Pilzhändler will damit endgültig Rechtssicherheit für seine Geschäfte erstreiten: Denn noch erklären die niederländischen Finanzbehörden den Naturdrogen-Handel für illegal und lehnen es ab, eine Mehrwertsteuer auf den Verkauf zu erheben.
Das erste Zauberpilz-Urteil Mitte der neunziger Jahre war für die Küçüksen-Brüder der Startschuss für umfangreiche Investitionen in ihren Betrieb. Begonnen hatten sie mit ausrangierten Aquarien. Seit dem Urteil betreiben sie ihre Pilzzucht mit dem gleichen großtechnischen Aufwand wie Champignonfarmen. "Pilze wachsen nur in einem ganz bestimmten Kleinklima", erklärt Murat Küçüksen, dessen streng nach hinten gegelte Haare verraten, dass er den Marketing-Part im Familienunternehmen spielt.
Das Reich seines Bruders hingegen sind die Reinräume, dort, wo die Pilzzucht beginnt. "Hier herrscht Sterilitätsklasse 1000", sagt Ali Küçüksen, "in Operationssälen ist nur die Klasse 100 Vorschrift."
Der Zutritt ist nur im weißen Kittel, mit Haar- und Mundschutz gestattet. Aus den Lamellen ausgewachsener Pilze schabt Ali die Sporen heraus und trägt sie auf die Nährlösung in einer Petrischale auf. "Aus den Sporen bildet sich das Mycel", erklärt er.
Das Mycel ist jene schleimig-schimmlige Masse, die sich auch auf altem Käse findet, wenn er zu lange im Kühlschrank gelegen hat. Erst unter dem Mikroskop lässt sich sein feingliedriges Fadennetz erkennen. Damit es sich richtig ausprägen kann, trägt Küçüksen die hellgelbe Pampe auf Roggen- und Grassamen auf. Danach verfüllt er sie in eine Plastiktüte und lässt sie einige Wochen still vor sich hin gären.
Doch überall in der Luft lauern die Sporen anderer Pilze. "Ein ganz paar davon, und alle Mühe war für die Katz", stöhnt er. Deshalb werden die Roggen- und Graskörner bei hohem Druck und hoher Temperatur sterilisiert, doch selbst das hilft häufig nicht, alle unliebsamen Keime zu zerstören.
Behutsam hebt Ali Küçüksen die Plastiktüten mit den Schimmelkulturen gegen das Licht, wendet sie bedächtig wie ein Champagner-Kelterer seine Flaschen. Er achtet auf Verfärbungen in der klebrigen Masse. "Gelb ist gut, grün ist schlecht", sagt er. Bildet sich ein grüner Schimmelpilzfleck, haben sich offensichtlich die falschen Pilzsporen durch die Sterilitätsschleusen eingeschlichen. Die Tüte wandert in den Müll.
Der schimmlige Inhalt der anderen Beutel landet in einer Plastikkiste, in der eine Mischung aus erhitztem Heu und pasteurisiertem Pferdekot liegt. Auch dieser Schritt muss unter maximaler Reinhaltung erfolgen.
Die Plastikkisten stehen in mehreren Stockwerken auf großen Regalen. Ventilatoren pusten permanent feuchtheiße Luft von der Decke herunter. Das regt die Schimmelkulturen zum Wachstum an: Aus dem schimmligen Flaum recken sich schlanke Pilzstängel empor.
In diesem Fruchtkörper, der von den indianischen Ureinwohnern Mexikos huldvoll "das Fleisch Gottes" genannt wird, bildet sich ein Stoff, der im Magen in die psychoaktive Substanz Psilocin umgewandelt wird.
Die bewusstseinserweiternde Wirkung setzt 10 bis 60 Minuten nach der Einnahme der Pilze ein. Der Trip beginnt oft mit Lachanfällen. Danach entfaltet sich vor den Augen ein buntes Farbenspiel aus grünen oder rosafarbenen Nebelschleiern. Die Halluzinationen werden abgelöst durch eine extrem gesteigerte Wahrnehmung: "Die Augen sehen schärfer, die Ohren hören besser", so Arno Adelaars, dessen Buch "Alles über Psilos" in keinem Smart Shop fehlt. "Charakteristisch für den Psilo-Trip ist dessen wellenförmiger Verlauf. Der Höhepunkt einer Halluzination folgt einem ganz normalen Gefühl."
Ein Trip dauert vier bis sechs Stunden. Die dafür notwendige Dosis von vier bis acht Milligramm reinen Wirkstoffs ist in zehn Gramm frischer Pilze enthalten. Mit einer Packung "Mexikaner", "Hawaiianer" oder "Thai", wie sich die Procare-Produkte für je rund 15 Euro nennen, können sich drei Personen berauschen. Nur Warnhinweise auf der Banderole ("Nur über 18 Jahren konsumieren", "Nicht bei Schwangerschaft") lassen erkennen, dass es sich nicht um bloßes Gemüse handelt.
Doch deutsche Drogenbekämpfer warnen vor dem Versprechen eines Rausches ohne Reue. Der Psilo-Wirkstoff macht zwar nach bisherigen Erkenntnissen nicht körperlich abhängig und richtet auch keine körperlichen Schäden an. Doch ähnlich wie bei LSD können verdrängte traumatische Erlebnisse aus dem Unterbewusstsein wieder hervortreten. Angst und Wahnzustände können die Folgen sein. Je nach Konsument kann die Wirkung vom amüsanten Kopfkino bis zum paranoiden Horrortrip reichen.
Auch die Fachzeitschrift "Kriminalistik" sorgt sich um den Trend zur Ökodroge. "Verkannte Gefahr" lautet der warnende Untertitel eines Aufsatzes über "Biogene Drogen". Die Autoren warnen davor, das vermeintliche Naturprodukt als "sauber, unschädlich und damit ökologisch" zu betrachten. Sorge bereitet den Drogenbekämpfern vor allem die rituelle Verklärung: "Der Konsum beschränkt sich nicht auf die bloße Einnahme der Drogenzubereitung, sondern es erfolgt zunächst eine gewisse Einstimmung mittels Musik bis hin zu einer regelrechten spirituellen Vorbereitung auf das Rauscherlebnis", heißt es in dem Fachblatt.
Bei Procare indes ist für esoterischen Firlefanz kein Platz. Murat Küçüksen arbeitet derzeit an einer neuen Marketing-Strategie. Pilze sind hip, und Procare ist der Händler des Vertrauens, so könnte ihr Slogan lauten. Das neue Firmenlogo, auf das er besonders stolz ist, zeigt ein Pilzsymbol in modischem Minimaldesign: weiße Frucht auf blauem Grund. "Blau steht für Vertrauen", erklärt Murat.
Das Vertrauen in sein Produkt geht so weit, dass er auch seinen beiden Kindern das erste Drogenerlebnis mit Procare-Pilzen empfehlen würde. Wenn sie in das richtige Alter kommen, sollten sie sich an ihn wenden. "Ich würde ihnen mit meinen Pilzen ein Omelett braten", sagt er: "Da weiß ich wenigstens, was drin ist." GERALD TRAUFETTER
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 24/2002
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