10.06.2002

LITERATURIm Erdreich der Seele

No jokes with names" lautet eine ehrwürdige Anstandsregel. Doch wenn es um den größten schwedischen Filmregisseur geht, kann man schon mal gegen sie verstoßen. Hanns Zischler jedenfalls vergleicht die Leistung von Ingmar Bergman mit jener der gleich lautenden Berufsgruppe: "Aus dem Dunkel der Träume und Nachtmahre, aus dem tiefen Erdreich der Seele fördert er mit staunenswerter Ausdauer die Bilder wie kostbare Erze zutage, scheidet das taube vom wertvollen Gestein und prüft sie im Licht seiner Kinematographie." So wortgewaltig wie treffend formuliert Zischler im Nachwort des von Renate Bleibtreu herausgegebenen Sammelbands "Im Bleistift-Ton", der bisher unveröffentlichte Manuskripte des Schweden präsentiert. Darin scheint Bergman einige Male im eigenen Unterbewusstsein zu schürfen. So erzählt er, wie ein Junge aus dem Kino kommt und im Wohnzimmer die lauten Stimmen seiner Eltern hört. "Ihm wurde flau. Sie sagten entsetzliche Dinge." Der Junge mischt sich ein, verteidigt die Mutter, prügelt sich gar mit dem Vater. Als er am nächsten Tag nach Hause kommt, traut er seinen Sinnen nicht: Die Eltern sitzen beim Essen, als wäre nichts gewesen, "und sie lächelten einander zu wie immer". Dem Jungen lässt dieses Erlebnis keine Ruhe. Bergman ist, als Sohn eines Pastors aus Uppsala, von Kindheit an vertraut mit den Regeln des Lebens und Todes und der Erforschung des Gewissens: "Vater hat Beerdigung, Vater hat Trauung, Taufe, Schlichtung, Vater schreibt an seiner Predigt. Auch mit dem Teufel machte man früh Bekanntschaft." Der kleine Junge bekommt eine Laterna magica und verfällt der Verführungskraft der Bilder. Er wird sich Stummfilme ausdenken und Texte schreiben, Drehbücher wie Prosa. Er wird auch eine Hassfigur des schwedischen Kinos, geschmäht für die Rücksichtslosigkeit seiner Bilder und die Unnachgiebigkeit, mit der er Menschen zeigt, wie er sie sieht. Bis er dort angekommen ist, wo er hingehört: in der Tradition der nordischen Moralisten Strindberg und Ibsen.
Ingmar Bergman: "Im Bleistift-Ton. Ein Werk-Porträt". Herausgegeben von Renate Bleibtreu. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg; 894 Seiten; 24,50 Euro.

DER SPIEGEL 24/2002
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