10.06.2002

AUTORENLetzte Schlacht vor dem Nachruhm

Bodo Kirchhoff über sein Verhältnis zu Martin Walser und eine verblüffende Parallel-Aktion
Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff, 53, hat nahezu zeitgleich mit Martin Walser einen Roman verfasst, in dem es um den Tod eines Kritikers geht - das erkennbare Vorbild ist Marcel Reich-Ranicki. Im folgenden Beitrag entwickelt Kirchhoff auf diesem Hintergrund seine sehr spezielle Sicht der Walser-Debatte. -------------------------------------------------------------------
Beginnen wir mit Zahlen: Zwei, drei Leute aus dem Schreibbetrieb, allenfalls vier - darunter keine Frau -, drei bis vier Herren also, jeder weit über 70 oder schon mit Anfang 40 am Ende, reißen sich 100 Prozent der Aufmerksamkeit unter den Nagel - und das nicht erst seit dem Walser-Böller in der "FAZ"; sie waren früher nur nicht so effektiv, daher auch schamhafter. Und hatten meine Bewunderung.
Ich bin Walser zum ersten Mal mit 16 begegnet. Damals gab ich in einem Internat am Bodensee die Schülerzeitung heraus und interviewte den Autor mit einem Freund in Friedrichshafen. Unsere frühen Helden hießen Sartre, Camus und Malcolm X, Trotzki und Joseph Roth, aber Benn fanden wir auch gut; und Martin Walser zählte für mich zur Speerspitze der jungen deutschen Literatur, zu denen, die mir die Augen geöffnet hatten über die Zeit unserer Väter, für mich war er ebenso Antifaschist wie Peter Weiss oder Hochhuth. Mein Freund und ich erreichten das Haus des Autors nach mehreren Flaschen Bier, aber bei klarem Verstand. Walser empfing uns auf einer Art Malerleiter, auf den unteren Sprossen die Fahnen eines Buchs; er hockte dort oben und erklärte die Welt, ein Mann mit betörender Aussprache, an der Grenze zum Sprechgesang, immer irgendwie vortragend, schon damals - dabei viel jünger, als ich es heute bin - ein Staatsschauspieler und Gelehrter der Schriftstellerei, mit Ende 30 schon älter, als ich es je sein werde.
Der Freund und ich waren beeindruckt, heute weiß ich, warum: Das Schicksal meiner Eltern hieß Krieg, unser Schicksal hieß Banalität, und Walser als Person versprach, etwas von der alten, verdrängten Wunde in das Fett der Ludwig-Erhard-Zeit zu stoßen. Aber auch wir zwei Halbwüchsigen waren, instinktiv, auf den wunden Punkt aus: Sartre hatte gerade den Nobelpreis abgelehnt, und wir wollten vom Schriftsteller Walser wissen, ob er sich, in diesem Ernstfall von Moral, ebenso verhielte ...
Das damalige Interview ist verloren gegangen, und jener Ernstfall ist bis heute nicht eingetreten, die Wunde klafft (auch wenn Walser in den vielen Jahren seit dieser Begegnung mit Preisen überschüttet wurde, desgleichen sein Widerpart, aber das scheint nicht zu reichen, noch lange nicht, wie bei Heimkindern, die nie satt werden).
Anfang der Achtziger lernten wir uns dann als Kollegen kennen und später auch privat, an die erste Begegnung konnte er sich dunkel erinnern; irgendwann riss der Kontakt. Aber vor einem halben Jahr, ich schätze im letzten November, haben sich unsere Wege noch einmal auf gespenstische Weise gekreuzt, gespenstisch, weil wir plötzlich nebeneinander gingen, ohne es zu merken.
Beide hatten wir gerade einen umfangreichen Roman herausgebracht, er nach Rollentausch (Walser als Frau), ich nach fast acht Jahren biografischer Arbeit, und der Literaturbetrieb saß uns im Nacken. Für ihn ging die Sache, finanziell jedenfalls, nicht so ganz schlecht aus, mir wurde so viel Lob hinter vorgehaltener Hand zuteil wie nie zuvor, aber auch Lob von ganz oben, hochoffiziell, verknüpft mit dem üblichen Scherz auf Kosten des Ganzen ("grandioser Erzähler, missratenes Buch": erster Lacher nach 30 Minuten Ulla-Hahn-Qual); und in jedem von uns, Walser wie mir, lief wohl ein inneres Fass über: jetzt, endlich, das Buch schreiben, das sich den Betrieb vorknöpft, statt ihn zu erdulden. Und ihm wie mir erschien es offenbar als Conditio sine qua non, dass darin die einzige und einsame Symbolfigur des Betriebs, sein unumschränkter Pate, mit Gewalt aus dem Leben scheidet - Ende der Parallele.
Walser wählte den Scheinmord, die Gedankentat, ihm ging es um den ewigen Kritiker höchstpersönlich, aber auch um den ewigen Walserschen Verleger, den Suhrkamp-Monarchen Siegfried Unseld, letztlich also um den langjährigen, ungeliebten Ehepartner; ich entschied mich bei meiner Geschichte - die ich von Anfang an "Schundroman" nannte, Pulp Fiction auf gut Deutsch - für den Zufall: Der Kritiker, bei mir ein Louis Freytag, wird gleich zu Beginn aus Versehen getötet (und steht auch nicht wieder auf); der Täter, kein Schöngeist, aber hellwach, möchte nur Verwirrung stiften, um einer gesuchten Frau zur Flucht zu verhelfen, er handelt aus Liebe: Sein Ellbogen trifft, im Gedränge einer Flughafenhalle, die Nase eines älteren Herrn, der gerade sein eigenes Bild in der Zeitung betrachtet - bedauerlicherweise etwas zu fest.
Warum gerade dieses Herrn? Nun, es gab zu ihm keine probate Alternative; die Nase von Karasek etwa? Oder die von Baumgart, von Joachim Kaiser? Nein. Es kam nur die einzigartige, alles überragende Nase in Frage, und ihr Träger hat deren Symbolwert selbst zu verantworten; dieser Wert stellt - und jetzt wird's gefährlich, ich weiß - sein Judentum für mich in den Schatten; nur der Reiter wird vom Sockel gestürzt, die Inschrift bleibt. Mich hat einzig und allein interessiert, was dieser Sturz nach sich zieht; denn natürlich glaubt niemand an einen Zufall, und so wird auch bald ein älterer Autor mit Tatmotiv verdächtigt, von dem noch dazu ein Manuskript unter indiskreten Vertrauenspersonen zirkuliert, "Tod eines Kritikers ...".
Im letzten Herbst begann ich, wie gesagt, mit dem Schreiben, und etwa um die Jahreswende bekam ich Wind von Walsers Projekt (und er, nach den Gesetzen der Spionage, vermutlich von meinem). Na und, dachte ich und schrieb weiter; endlich machte die Arbeit mal Spaß. Der Schreibfluss reißt alles Kleinliche mit sich, darum schreiben wir ja: um größer zu sein, als wir sind. Nein, ich hatte keine Angst d avor, mir mit Martin Walser das Opfer zu teilen, denn erstens ist mein Roman eine Liebesgeschichte, und zweitens kenne ich Walsers Schwäche fürs Zündeln - habe seine wahre Stärke, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wie das Licht die Bodensee-Mücken, allerdings unterschätzt. Und so darf ich jetzt, der Gerechtigkeit halber, auch Folgendes sagen: Mein Täter ist ein frisch verliebter Auftragskiller, der zwar den falschen Mann erwischt, dafür aber die richtige Frau findet; leider wird sie umgebracht, und so jagt er das wahre Schwein bis zum Schluss, einen Kerl, der sich, dialektisch versiert, als Prominenter tarnt, umgeben von Prominentenschleckern und anderen Parasiten des Ruhms: Sie alle lehrt mein Held das Fürchten. Mehr sage ich nicht.
Das Buch sollte im Herbst erscheinen, ganz normal, und nun erscheint es im Juli, bei einem engen Freund, dem Sohn von Unseld/Suhrkamp - und er, Joachim Unseld, das muss hier auch gesagt werden, wäre wohl der Einzige, der den verfahrenen Suhrkamp-Karren aus dem Walser- und sonstigen Götterdämmerungsloch ziehen könnte, nicht als eingeschlichener Anwalt oder graue Stiftungseminenz, nicht als Höfling oder befangene Gattin, sondern als Verleger (der sich kein Schicksal zurechtlegen muss, weil er eins hat: das des Sohns) - denn der alte Vater-Verleger, über den Walser mit seinem Buch im Grunde ja auch triumphieren will, kann diese Herausforderung gar nicht mehr annehmen, darin liegt beider Tragik; Siegfried Unseld kämpft nicht mehr um seinen Verlag, er kämpft eher um sein Leben. Es ist eine Finalrunde, die letzte Schlacht vor dem und um den Nachruhm, und wer den Paten vergangenen Dienstag bei seinem Fernseh-Solo gesehen hat, konnte die Erschütterung greifen; es wimmelt derzeit von Maulhelden, das "Mordopfer" gehört nicht dazu.
Die Medienmühle - Räderwerk dieser letzten Schlacht - ist hoffnungslos angelaufen, man kann nichts mehr machen; ich halte aber fest: Sie wurde ohne Not in Gang gesetzt. Es war ein gewaltiger Fehler und zugleich ein Schachzug, das Manuskript so früh aus der Hand zu geben, es war schäbig, daraus Kapital zu schlagen und natürlich auch klug. Und genau diese Gütergemeinschaft von Falschem oder Billigem mit Geschicktem oder Medienwirksamem verzerrt bei uns die Dinge: Wenn sich ein deutschsprachiges Buch heutzutage verkauft, ist es eher mittelmäßig, allenfalls gut geschrieben, gut gebaut, gut gemeint, siehe "Im Krebsgang"; keine einzige Seite darin reicht an eine einzige Seite in "Katz und Maus" heran (und am Ende wird im Übrigen ein vermeintlicher Jude getötet, mit letzter Correctness, muss man sagen); riskante Bücher, die sich verkaufen, kommen alle aus dem Ausland, hurra.
Aber reden wir weiter von Walser, von dem man auf Dauer nicht reden kann, ohne von Reich-Ranicki zu reden: Die beiden sind der Inbegriff dieser Gütergemeinschaft, die zwangsläufig zum Krach führt. Ihre schlechte Ehe, an der noch Siegfried Unseld beteiligt ist, selbst als Abwesender, und neuerdings auch Frank Schirrmacher (unbegreiflich: wie sich jemand in so einen altersbitteren Dreier hineindrängen möchte), ihre schlechte Ehe ist eine versteckte Ursache der jetzigen Debatte, bei der die "FAZ" einen dicken Punkt gemacht hat, nach dem dicken Punkt des SPIEGEL mit Grass und den Vertriebenen. O ja, man braucht sie, unsere zwei Mast-Autoren, sie machen die Räuberleiter für Debatten und werden, wie's üblich ist unter Ganoven, am Ende mit hochgezogen: auf das Spitzdach der Wichtigkeit. Die Debatte selbst ist für mein Gefühl Theater, das schlechteste seit langem, zutiefst verlogen, zutiefst selbstherrlich, von den allerwenigsten offen vorgetragen (darunter das "Mordopfer", aber auch der Gedankenmörder); und kaum jemand reagiert analytisch, wie etwa Peter Michalzik in der "Frankfurter Rundschau", wenn er herausarbeitet, wie das Publikum, nach dem "FAZ"-Böller, wieder einmal nur eine Dampfwolke des Betriebs zu sehen bekommt, oder Ulrich Gre iner in der "Zeit", wenn er sagt, dass Walsers Buch auch der Roman zu der Debatte ist, die es ausgelöst hat, ebenso Elke Schmitter, die im SPIEGEL mit einiger Gelassenheit klarstellt, innerhalb welcher Tradition sich Walser bewegt.
Ich bin nicht gelassen, ich bin Partei, keine Frage, aber zu denken erlaube ich mir trotzdem. Und ich denke, dass Walser - der mir mit seinem Parallelbuch stark auf die Nerven geht - vom Antisemiten so weit entfernt ist wie sein Gegenpart, trotz dessen Ein-Mann-Systems, vom Stalinisten. Und ich gehe noch weiter in meiner Einschätzung: Im Stalinismus hätte sich Reich-Ranicki für die Texte von Walser eingesetzt, gegen dessen Inhaftierung wäre er aufgestanden, er hätte seine Privilegien geopfert, weil sein wahres und einziges Privileg die Literatur ist; und ein Walser hätte im Dritten Reich den Juden Reich-Ranicki wahrscheinlich im Keller seines Bodensee-Hauses versteckt ... Die beiden sind Ehrenmänner, jeder auf seine Weise, Leute mit Rückgrat (die von keinem den Kotau verlangen); aber die Würde des eitlen Freidenkers und Antimonopolisten Walser, eines irgendwie masochistischen Wahrheitsfanatikers, Schiller viel näher als Goethe, prallt auf die Geschichte und Würde des Juden, viel mehr aber auf den eitlen und irgendwo sadistischen Literaten Reich-Ranicki - zwei alte Herren, die für sich und ihre Fehde eine maßlose Aufmerksamkeit, und das heißt, eine maßlose Bedeutung beanspruchen, ja, die längst ein neues Delikt kreiert haben: den Bedeutungsraub.
Ich ertrage Walser, aber ich bin böse auf ihn (der mich so in Zugzwang bringt); und ich ertrage seinen Widerpart (und verachte nur die, die einen Narren an ihm fressen). Ich sehe beider Unglück - und bekomme allein ihre Wirkung zu spüren: Erst der Skandal, dann das Buch, also diesmal - Variante - das Buch zum Skandal; Leute meines Jahrgangs lernen nie aus.
Das war's; bin ich zu weit gegangen? Natürlich sprach ich mit Nahestehenden. Meine Mutte r, Jahrgang '25, riet mir, das Wort Jude gar nicht erst zu gebrauchen, um Gottes willen: Vermeide es ganz. Michael, der alte Freund von damals, machte mir Dampf; der Verlegerfreund warnte vor jedem Humor; ein mir zugetaner Redakteur erinnerte daran, dass ich mal promoviert hätte, und meine Frau wies mich auf unsere Kinder hin, während ein Arztehepaar, dem ich auf einer langen Autofahrt die Rohfassung vortrug, immer wieder abwechselnd Luft durch die Zahnritzen zog ...
Ich aber bekam zum ersten Mal eine reale Ahnung davon, wie es für das "Mordopfer" gewesen sein könnte, jede kleine Äußerung, jeden winzigen Schritt zu bedenken, ja überhaupt: sich zu verkriechen und höchstens zu flüstern, will man nicht geschnappt werden, oder wie sich die Helfer der vielen Opfer gefühlt haben mochten, wenn sie sich mehr als genau überlegten, wen man in welchem Maße und wie in Schutz nimmt, auf wessen Seite man sich schlägt, verstohlen oder nicht verstohlen.
Und darin liegt für mich die eigentliche Dimension der ganzen Antisemitismus-Debatte: dass sie einen lehrt, wie es ist, das Gewicht der eigenen Worte fürchten zu müssen.
Von Bodo Kirchhoff

DER SPIEGEL 24/2002
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