10.06.2002

TANZTHEATERPirouetten mit dem Bajonett

Jin Xing war der berühmteste Tänzer Chinas - bis er sich einer Geschlechtsumwandlung unterzog. Nun gastiert der Star erstmals in Berlin.
Elegant greift die zierliche Frau ihrem Partner unter den Arm. Geschickt hebt sie ihn für eine Drehung vom Boden und setzt den durchtrainierten Mann sanft wieder ab.
Das zarte Kraftpaket ist Jin Xing, 34, Chinas bekannteste Tänzerin, die mit Dieter Baumann, 47, von der Gruppe "Rubato" ein eigenwilliges Zwei-Personen-Tanzstück probt: "Person to Person". Die Choreografie hat an diesem Mittwoch im Berliner "Haus der Kulturen der Welt" ihre Uraufführung und will, so die Ankündigung, "verschiedene Körper- und Geschlechterrealitäten" diskutieren.
Die Realitäten in Jin Xings Leben sind da eine ergiebige Proben-Basis. Denn bis vor sieben Jahren war Jin Xing noch ein Mann und wurde als bester Tänzer der Volksrepublik gefeiert.
Jin Xing - "Goldener Stern" - strebte schon früh zur Ballettbühne. Die Institution, die in China eine technisch fundierte und künstlerisch umfassende Ausbildung für den schönen Tanzschein anbot, war ausgerechnet die Armee. Das Militär hielt sich eine eigene Ballettschule. Hier wurden die Eleven für die großen Revolutionsaufführungen gedrillt. Jin Xing wollte sich rekrutieren lassen, die Eltern verboten es ihm. Da machte sie der Sohn durch einen Hungerstreik gefügig, rückte mit neun Jahren zu den Tanz-Soldaten ein und geriet in die eigenartige Welt zwischen Bajonetten und Pirouetten. Er brachte es zum Star-Tänzer im Range eines Colonel. Doch trotz des Erfolgs war da immer dieses latente Gefühl existenziellen Unglücks. Langsam rang sich Jin Xing zu der Erkenntnis durch, transsexuell zu sein: eine Frau im Körper eines Mannes. Jin Xing wollte schließlich die innere Befindlichkeit mit dem äußeren Anschein in Einklang bringen und wagte die Operation.
So ungewöhnlich die Geschlechtsumwandlung des Transsexuellen in China ohnehin schon war, so außerordentlich war die Offenheit, mit der Jin Xing ihre Verwandlung in die Medien trug. Als Frau hat sie sich inzwischen in Schanghai mit einer eigenen, nicht subventionierten Truppe für Modern Dance etabliert. Der Kampf um den Unterhalt der Tänzer zwingt sie allerdings zu allerlei Nebenjobs. Sie sei in der Tat "sehr beschäftigt", untertreibt sie.
Schon deshalb sind die stundenlangen Proben in Berlin für sie "die reine Erholung". JOACHIM KRONSBEIN
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 24/2002
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